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Die Box




20. April 2010
Wolfgang Buchholz
für satt.org

Fehlfarben: Glücksmaschinen

Fun, Fun, Fun

Die Fehlfarben in der
Music Hall Worpswede

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Vor dreißig Jahren, so alt wird mancher Rock’n‘Roller erst gar nicht, die Beach Boys sind allerdings noch erheblich älter, ist „Monarchie und Alltag“ von den Fehlfarben erschienen. Heute, im März 2010 sitzen mir, an einem verregneten Samstagnachmittag Backstage in der Music Hall Worpswede, drei Bandmitglieder der Fehlfarben gegenüber. Neben dem Gitarristen Uwe Jahnke, dem Keyboarder und Produzent Kurt „Pyrolator“ Dahlke natürlich und auch Peter Hein, Sänger, Texteschreiber und Identifikationsfigur. Letzterer kommt gerade vom Bundesligagucken im evangelischen Jugendzentrum nebenan „mit vier Vorzeigejugendlichen, wo stumpf Werder Bremen bis zum bitteren Ende gezeigt wird“. Die Fortuna aus Düsseldorf hatte vorher schon einen Punkt erreicht, die zweite Liga spielt nun einmal früher am Samstag.

Rückblende: In den späten 70ern gab es tolle neue Musik aus England und den USA, aber so richtig persönlich identifizieren konnte sich der 15-jährige pubertierende Schüler nicht mit „Anarchy in the UK“, „London Calling“ oder „Holiday in Cambodia“. In Deutschland dominierten Dinosaurier wie die Scorpions oder Lindenberg - aber dann wurde alles anders. „Grauschleier“, „Gottseidank nicht in England“ und insbesondere „Paul ist tot“ beschreiben Stimmung und Gefühle einer Generation auf den Punkt mit einer Musik, die so einfach und doch so genial ist. „Monarchie und Alltag“ verändert die deutsche Musikszene und auch das Musikverständnis des 15-jährigen nachhaltig, war Trendsetter für viele Folge-Schulen und gilt heute unbestritten als Klassiker.

Nun also kann der damals 15-jährige Fehlfarben-Fan die Band als Mittvierziger zum neuen Album „Glücksmaschinen“ interviewen. Die Aufnahmetaste des alten Grundig-Kassettenrekorders, der ein wohlwollendes Kopfnicken einbringt, wird gedrückt und los geht’s.

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Warum kommt die neue Platte so direkt auf den Punkt, klingt so stringent, klar und frisch?

Dahlke: Bei den beiden Platten „Knietief“ und „Handbuch“ wurden Ideen gesammelt, diese eingespielt, weiterentwickelt, aufeinander geschichtet. Der Entstehungsprozess von „Handbuch für die Welt“ zog sich so über eineinhalb Jahre. Dann wurde Moses Schneider hinzugezogen, um der Platte den letzten Feinschliff zu geben. Das war bei „Glücksmaschinen“ ganz anders. Moses Schneider übernahm von Anfang an das Ruder, stellte uns in’s Studio und ließ uns spielen. Es gab keine fertigen Stücke sondern elf „Killerbasslines“. Eine Woche wurde vorher am Bodensee geübt und dann die Stücke direkt ohne Overdubs eingespielt. Ganz untypisch für die Band, die sonst nicht mit fertigen Songs, sondern mit Ideen ins Studio geht, um diese dort weiter zu entwickeln.

Hein: Außerdem hatten wir mal Tageslicht im Aufnahmeraum, das war ausschlaggebend für die Frische der Platte.

Wie kommen bei den Fehlfarben Musik und Texte zusammen?

Dahlke: Peter kommt erst später dazu und überlegt sich die Texte. Die Stücke sind dann soweit fertig, Peter hört sich die Lieder an, ihm fällt was ein oder er sagt „das geht ja nun mal gar nicht“. Elf Lieder wurden in der Aufnahmesession aufgenommen – drei sind noch in der Hinterhand.

Hein: Die Texte entstehen häufig spontan aus der Hüfte. Texte sind nur notwendig wenn auch Platten gemacht werden. In den Jahren, in denen es keine Platten gibt, müssen auch keine Texte gemacht werden. Platten werden eingespielt, wenn man Geld hat, nicht wenn man Texte hat. Die Reihenfolge ist: Geld – Musik - Texte.

Der einzig schwächere Song der Platte ist meiner Meinung nach das Lied „Im Sommer“.

Hein: Das ist auch nix für den älteren Herrn, der was von Musik versteht. Bei den kleinen Mädels und den jüngeren Damen kommt das Stück super an. Es kann auch nicht jedes Stück jedem gefallen.

Wurde die Grundstimmung der 80er, die bei manchen der neuen Lieder erkennbar ist, bewusst erzeugt?

Hein: Dass die Platte manchmal nach DAF klingt, liegt daran, dass zwei ehemalige DAF-Mitglieder dabei sind. (Dann wird etwas über Gabi Delgado-Lopez abgelästert.)

Dahlke: Ich mag es einfach Sequenzen einzuspielen, wie vor 30 Jahren, nur heute mit modernen Sounds.

Wie motivieren sich die Fehlfarben zum Musikmachen?

Hein: Komm mal in die Puschen, Junge.

Jahnke: Wir nehmen uns gegenseitig ganz schön ernst, aber nicht wirklich. Wir haben Spaß an der Musik, wir wohnen nicht auf einem Bauernhof oder gar in derselben Stadt und wir verbringen nicht so viel Zeit miteinander, dass wir uns auf den Sack gehen können.

Hein: Wir versagen einfach so vor uns hin.

Gibt es ein „zu alt“ für die Musik der Fehlfarben?

Hein: Muddy Waters, Howlin’ Wolf, die Stones oder Charly Harper, der hüpft noch immer mit grünen Haaren durch die Clubs und Jugendhäuser. Schau dir die an – Motivation ist da nicht notwendig, denen macht es einfach Spaß. Außerdem, was sollen wir denn sonst machen? Der eine hat nichts Vernünftiges gelernt, der zweite hat was Vernünftiges gelernt und hat nichts davon und der dritte lernt gerade mal wieder was Vernünftiges. Mick Jagger muss in der Altersolympiade beim Bodenturnen mitmachen. Campino und Jagger machen halt Bodenturnen. Ich mache das nicht, sondern ich mache den Affen und bin am Ende auch immer am Arsch. Du kannst auch noch als alter Sack am Arsch sein, oder du machst wie Bob Dylan Rumgrummeln im Hintergrund.

Wie alt ist euer Publikum?

Dahlke: Sehr unterschiedlich, in Oberhausen war das Durchschnittsalter vor der Bühne höher als auf der Bühne. Das jüngste Publikum hatten wir in Würzburg, hauptsächlich junge Punks.

Hein: Gestern kam einer, der meint, das ist mein Vatter, die wollten unbedingt „Grauschleier“ hören.

Jahnke: Leute reden gerne über ganz normale Sachen mit uns. Letztens kam einer und meinte, ich baue mir gerade ein Dach für meine Terrasse mit Holzvertäflung. Man muss mit den Leuten über alles reden können. Hein: Ich kann ja nur über Autorennen, Fußball und Musik reden. Die wollten deinen Ratschlag, da die wussten, dass du im Bauhandwerk gelernt hast.

Welche Musik mögt ihr sonst?

Dahlke: Ich höre alles, z.B. Elbow sehr gerne.

Hein: Ich höre nix. Nein, ich höre Musik, die gemacht wurde, als man noch Musik machen konnte, die alle noch nicht kennen. Ich höre Kinks-Alben und Single-B-Seiten. Bei neuem Zeug wie Elbow bin ich eher skeptisch. Dahlke: Die sind auch schon 15 Jahre alt.

Jahnke: Unsere gemeinsame Schnittmenge sind z.B. Wire, Clash und Dylan.

Hein: Bei unserer eigenen Musik sind wir homogen und teamorientiert. Wenn mir der Song nicht gefällt, fällt mir auch kein Text ein. Und wenn ein Lied keinen Text hat, dann ist es kein Lied. Dies ist unsere subtile Art der Zensur, unbewusst liefert man dann Mist ab. Wenn jemand Herzblut mit einer Nummer hat, dann wird die Nummer auch ok werden.

Was ist denn mit Family Five?

Hein: Das ist keiner bereit zu finanzieren. Ich habe kein Interesse das vorzufinanzieren. Kurzfristig einen Gig zu spielen ist kein Problem. Die Jungs können nachts geweckt werden und spielen ein zweistündiges Set. Die Bierdeckel mit den Partituren von 1984 sind noch alle verfügbar. Vielleicht spielen wir in diesem Jahr noch ein, zwei Konzerte. Aber über ungelegte Eier rede ich eh nie.

Was macht der Buchautor Peter Hein?

Hein: Es wird noch was kommen, allerdings was Neues. Ich plane den von Reich-Ranicki schon seit 95 Jahren vergeblich geforderten großen deutschen Nachkriegs-Nachwenderoman.

Und dann habe ich noch erfahren,

  • ... dass Peter Hein zwar kein Instrument beherrscht, aber bei Soloabenden Konzertpiano spielt.
  • ... dass Uwe Jahnke bei den Radierern, bei SYPH, bei der Frank Spilker Gruppe und aktuell bei Doc Schoko mitspielt.
  • ... dass sich Peter Hein nicht mehr erinnert, wer der Westerwelle der frühen 80er war, sich aber sicher ist, dass es ihn gab.
  • ... dass die Fehlfarben im Sommer einige Festivals spielen.
  • ...dass beim Stuttgarter 2-1 gegen die Bayern kollektive Zufriedenheit, auch beim Autor, herrscht.
  • ... dass Thomas Schwebel heute als Drehbuchautor arbeitet, keine Zeit mehr für die Fehlfarben hat, aber jederzeit wieder einsteigen kann.
  • ... dass bei der Tour Michael Kemner am Bass von Hans Maahn vertreten wird.
  • ... dass anderer Leut‘s Probleme immer deren Probleme sind und nicht die von Peter Hein.
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Am Ende dann gibt’s noch Autogramme auf ein 79er Mittagspause-Live-Album und eine Family Five Picture-Disk. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit?

Schnitt und vier Stunden weiter: Die Music-Hall Worpswede ist ein gemütlicher Club, an den Wänden geziert mit Plakaten von eher noch klassischeren Künstlern als es die Fehlfarben sind, wie z.B. Spooky Tooth, Mother’s Finest oder Chris Farlowe. Das Publikum ist heute eher Oberhausen statt Würzburg. Die Vorband ist Herpes aus Berlin mit 80er Jahre Punk, schnell, mächtig laut, nicht unoriginell, aber heute nicht mehr unbedingt meine Kragenweite. Mit „Glücksmaschinen“, dem Opener des neuen Albums, eröffnen die Fehlfarben ihr Set, das zweite Konzert der Frühjahrstour. Gekleidet sind die fünf älteren Herren, neben den schon erwähnten noch Frank Fenstermacher, und die junge Dame am Schlagzeug einheitlich mit Beach Boys-Hawaii-Hemd-ähnlichen Jerseys. Auch die Fehlfarben sind mächtig laut und der Mixer muss noch nachjustieren. Dann schon folgen zwei All-Time-Favourites auf der Setlist: „Ernstfall“ und „Gott sei dank nicht in England“. Lieder, die dreißig Jahre auf dem Buckel haben und auch heute noch, vom Ü-50 Peter Hein intoniert, zeitlos berühren: „Wenn die Wirklichkeit dich überholt hat, hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol“. Mein lieber Mann, was war die „Monarchie und Alltag“ für ein Kracher. Dann geht’s weiter mit einigen Songs von den beiden „Vor-Glücksmaschinen-Alben“. Peter Hein ist wie gewohnt fahrig, aber ein durchaus eloquenter Conferencier. Leider versteht man viele der Ansagen wegen der schlechten Akustik kaum. Die Keyboards wabern schon sehr gewaltig. Die etwas sparsamer arrangierten Lieder, wie z.B. „Stadt der 1000 Tränen“ klingen besser - ist aber Geschmacksache. Vom neuen Album spielt die Band fünf Songs, ansonsten einen Querschnitt durch Lieder der beiden ersten und der beiden vorletzten Alben.

Unglaublich gut ist der Schlagzeugsound, Saskia von Klintzing spielt präzise, hart, punktgenau und verpasst der Musik einen gewaltigen Rumms. Das kommt auf den Platten so rüber, aber ganz besonders beim Konzert. Tolle Versionen gibt es von den beiden „33 Tage in Ketten“-Songs „Schlaflos nachts“ und „Die wilde 13“. Beides sind auch Highlights der mit Gastsängern eingespielten 26 ?-Platte, Frank Spilker und Peter Hein waren die Gastsänger. Unberücksichtigt bei der Songauswahl bleibt leider der Drittling „Glut und Asche“, auf dem die Fehlfarben mit Thomas Schwebel als Sänger 1983 Funk und mondänen Pop gespielt haben. Auch hier machten sie, auch ohne Peter Hein, eine gute Figur. Mit „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit“ in „Wir warten“ endet das Konzert. Zum Ende des ersten Zugabenblocks dann „Paul ist tot“, nicht ganz so spröde wie im Original. Mit dem „Handbuch für die Welt“ und www.du-arschloch.de endet der Abend in Worpswede.

Die Fehlfarben sind heute eine Band ohne Allüren und Druck. Sie spielen ihre Musik und haben noch etwas zu sagen. Vor allem haben sie aber großen Spaß bei dem was sie tun.



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