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Die Box




6. April 2010
Christina Mohr
für satt.org

Blank Generation Revisited

Punk, Post Punk, New- und No Wave aus New York sind satt.org immer ein paar Zeilen wert, vor allem, wenn wie gerade jetzt gehäuft Produkte erscheinen, die entweder als Re-Issue die siebziger und achtziger Jahre wieder aufleben lassen oder sich – im Falle von James Chance – ein Hauptakteur besagter Szene mit neuem Material zurückmeldet.

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  Blank Generation. A Film Starring Carole Bouquet & Richard Hell. With Andy Warhol
Blank Generation. A Film Starring Carole Bouquet & Richard Hell. With Andy Warhol
Featuring Live Performances by Richard Hell & The Voidoids
(DVD, MVD)
» richardhell.com


Blank Generation

Für Jon Savage ist er "das größte Arschloch, mit dem ich jemals gesprochen habe": Richard Myers aus Kentucky alias Richard Hell. Mitte der siebziger Jahre gründete Hell mit seinem Jugendfreund Tom Verlaine (eigentlich Miller) erst die Neon Boys, dann Television. Nach seinem Ausstieg bei Television wurde er Sänger und Gitarrist der Voidoids, deren Song "(I Belong To The) Blank Generation" auf keiner vertrauenswürdigen Punk-Compilation fehlen darf. The Voidoids waren aber nicht nur für ihre Musik berühmt: Malcolm McLaren nahm Hells zerrupften Look als Vorbild für das Styling der Sex Pistols. Vielleicht ist Jon Savage so wütend auf Richard Hell, weil sein großer Hit "Blank Generation" geklaut ist, und zwar von einer relativ unbekannten Single aus den Sechzigern. Rod McKuen schrieb "I Belong to the Beat Generation", Richard Hell und Tom Verlaine liebten das Stück – eine Steilvorlage für Hells desillusionierte "Blank"-Version, die einer ganzen Szene/Generation den Namen gab. "Blank Generation" wurde 1977 veröffentlicht, 1978 drehte der deutsche Schauspieler und Regisseur Ulli Lommel mit Hell einen Film gleichen Namens, der 1980 in die Kinos kam. Alle Vorzeichen standen auf KULT: Produziert von Lommels Kumpel Andy! Warhol!, Story quasi-dokumentarisch um die CBGB´s-Szene arrangiert, viele Voidoids-Konzertaufnahmen, ein drogenkaputter Star (Hell) und eine schöne französische Schauspielerin (Carole Bouquet), die eine Journalistin gibt, die selbstredend eine Affäre mit dem verwegenen Junkie beginnt. Sieht man den gerade wiederveröffentlichten Film mit heutigen Augen, erscheint er beinah rührend auf Punk getrimmt. Dennoch: trotz des deutlichen Wunschs nach Coolness ein echtes Zeitdokument. (Was Hell heute von dem Film hält, erzählt er in einem Interview mit dem Wall Street Journal.)


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  James Chance And Terminal City: The Fix Is In
James Chance And Terminal City: The Fix Is In
(CD + DVD, Le Son du Maquis)
» maquismusic.com
» myspace


James Chance And Terminal City: The Fix Is In

Contort Yourself!

Geschichte, stark verkürzt: Der 1953 geborene Tenorsaxofonist James Sigfried verließ in den frühen siebziger Jahren Milwaukee und ging nach New York, um Free Jazz zu spielen. In NYC traf er Seelenverwandte wie Lydia Lunch, mit der er die Punk/No Punk/No Wave-Band Teenage Jesus & The Jerks gründete. Er verließ Teenage Jesus rasch, nannte sich James Chance oder James White und widmete sich mit seiner Combo The Contortions der Dekonstruktion von Funk und Disco. Sein wildes Saxofonspiel verschaffte ihm den Beinamen "sax maniac"; Brian Eno wurde auf ihn aufmerksam und brachte vier Stücke der Contortions auf dem Sampler "No New York" unter. Mit den Contortions veröffentlichte White/Chance das Album "Buy", kurz darauf "Off White" mit der Nachfolgeband James White and the Blacks, die hauptsächlich aus ehemaligen Contortions-Mitgliedern bestand. Schon Anfang der achtziger Jahre war die No Wave-Szene Geschichte, ihre ProtagonistInnen waren längst zu neuen musikalischen Ufern aufgebrochen. Auch James Chance zog weiter, er ging nach Paris, wo er noch heute lebt, und pendelte ruhelos zwischen Europa und den USA hin und her. 2001 formierten sich die originalen Contortions für einige Konzerte neu, unter anderem traten sie mehrfach beim Festival "All Tomorrow's Parties" auf. James Chance spielt außerdem in der Chicagoer Band Watchers, und ist auf den Platten befreundeter Bands zu hören, z.B. auf Blondies 1999'er Album "No Exit". In Europa tritt er seit 2006 mit Les Contorsions auf, einer Gruppe französischer Musiker. Schnitt, 2010: James Chance nimmt mit Terminal City (= The Contortions) das Album "The Fix Is In" auf, das beim französischen Label Le Son du Maquis erscheint. Auf dieser Platte verbindet Chance zwei seiner Obsessionen: Jazz und frühen Rhythm'n'Blues, und den Film Noir der vierziger Jahre wie "The Set Up" und "Street With No Name". Musikalisch orientiert sich Chance an Jazzgrößen wie Charles Mingus, Duke Ellington und Thelonious Monk, aber auch am ziemlich durchgedrehten Sänger Johnny Ray (1927 - 1990), der als sehr früher direkter Vorläufer von Rock'n'Roll und Punk gesehen werden kann. Zum ersten Mal arbeitet Chance auf "The Fix Is In" mit für populäre Musik typischen 32- und 12-Takt-Strukturen, er nennt das im Booklet "a liberation from freedom". Nun muss man nicht befürchten, dass James Chance heutzutage weichgespült und altersmilde klingt: die zehn Tracks kann man zwar sehr gut am Sonntagvormittag hören, sanft und harmonisch tönen "Down and Dirty" und "Another Pompadour". Aber der Teufel reitet James Chance zum Glück noch immer, im Titeltrack oder dem Johnny Ray gewidmeten "Devilish Angel" kreischt und irrlichtert das Tenorsaxofon wie zu Chances wildesten No Wave-Zeiten, zudem eiert und leiert sein schiefer Gesang meterweit an etwaiger Jazz-Saturiertheit vorbei. Die Stimmung ist noir, aber auch red, hot and blue: man kann sich Chance sehr gut vorstellen, wie er mit hochgeschlagenem Mantelkragen durchs nächtliche Manhattan läuft und eine Ballade wie "Body and Soul" vor sich hinsummt.

Die beiliegende DVD zeigt Liveaufnahmen und Backstage-Impressionen von Chance & The Contorsions beim All Tomorrow's Parties-Festival 2005.

Fußnote: Neben seinem ekstatischen Saxofonstil war James Chance in No Wave-Tagen berühmt-berüchtigt dafür, das Publikum tätlich zu attackieren, wenn es ihm zu lahme Reaktionen zeigte. Das ist heute nicht anders: Sein einziges Deutschlandkonzert im Februar 2010 führte ihn in den Frankfurter Club "Das Bett", wohin sich an besagtem Abend leider nur circa achtzig Interessierte einfanden. Ein Besucher pflanzte sich pseudocool mit dem Rücken zu James Chance auf die Bühne – woraufhin ihn Chance mit einem saftigen Tritt in den Allerwertesten runterkickte.


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  Bustin' Out. New Wave to New Beat: The Post Punk Era 1979 – 1981
Bustin' Out. New Wave to New Beat: The Post Punk Era 1979 – 1981 (CD, Year Zero)
» myspace


Bustin' Out. New Wave to New Beat

Der erste Teil der "New Wave To New Beat"-Reihe, kompiliert von Mike Maguire (Mitglied des Goa -Projekts Juno Reactor) spannt den Bogen weit und zeigt, wie divers der Post Punk-Begriff in sich ist. Für Maguire als alten Techno-Trancer ist Tanzbarkeit natürlich besonders wichtig, weshalb sich auf "Bustin' Out" vorwiegend beat-betonte Tracks befinden: "Too Many Creeps" von der New Yorker Frauenband Bush Tetras ist archaisch, roh und hypnotisch, die ebenfalls zur New Yorker No Wave-Szene zählenden Material bringen mit Gastsängerin Nona Hendryx eine coole Portion Funk zum Punk. Auch zu Lizzy Mercier Descloux' extravaganter Version von Arthur Browns "Fire" und Loose Joints', von Arthur Russell sexy und schmutzig produziertem "Is It All Over My Face" kann man mit etwas Phantasie prima tanzen. Schwieriger wird das schon mit Chris and Coseys "Heartbeat": nach dem (vorläufigen) Ende von Throbbing Gristle erproben die beiden auf diesem Track von 1981, was die neuen elektronischen Musikgeräte so hergeben. Etwas rätselhaft erscheint (mir) die Wahl von Front 242s "Body to Body" – ohne Frage ein EBM-Klassiker, aber Post Punk? Nun gut. "Bustin' Out" verdeutlicht auf alle Fälle die stilistische Bandbreite von Post Punk: Tubeway Armys Prä-Elektropophit "Replicas" von 1979 kontrastiert den bitteren Whimp-Pop von Josef K ("Sorry For Laughing"), die filigranen Dead Can Dance treffen auf No Mores teutonisches "Suicide Commando", die Kraftwerk-beeinflussten Kanadier MOEV und 23 Skidoos tribaler Boogie "The Gospel Comes To New Guinea" erfreuen Connaisseurs, Killing Joke mit "Almost Red": wuchtig und apokalyptisch. Insgesamt eine gute, weil nicht ganz stimmige und deshalb aufwühlende Mischung.


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Zevolution. ZE Records Re-Edited
(Strut)
» strut-records.com


Bob Blank: The Blank Generation. Blank Tapes NYC 1975 – 1985
(strut)
» theblankgeneration-blanktapes.com


ZE Records Re-Edited | Blank Tapes NYC 1975 – 1985

Das Londoner Label Strut begeistert mit seinen smart kompilierten Samplern und Re-Issues, unter anderem von ZE Records-Aufnahmen. ZE Records wurde 1978 in NYC von Michael Zilkha und Michel Esteban gegründet und war das wichtigste Label für New Wave, No Wave und „Mutant Disco“, die typisch New-Yorkische Mixtur aus Wave und Funk. ZE Records-Stars waren z.B. Cristina, Kid Creole & The Coconuts, Material, Was (Not Was), James White and The Blacks und Aural Exciters. „Zevolution“ versammelt elf ZE-Hits wie Kid Creoles „I´m Corrupt“, Materials „Bustin' Out“ (das oben genanntem Sampler den Namen gab) oder „No Turn On Red“ von David Gamson in remixten, gestretchten und neu-editierten Fassungen. Mixer wie Richard Sen oder Leo Zero legten durchgehend die Bässe tiefer, tuneten die Beats und schredderten die eine oder andere Gesangslinie. Very modern, also passend zu den Originalen, die ihre Knackigkeit so nochmal ganz neu präsentieren.

Einen Sampler mit Bob Blank-Tracks „Blank Generation“ zu nennen, liegt natürlich auf der Hand. Abgesehen von seinem Namen war Blank enorm wichtig für die New Yorker Musikszene der mittleren siebziger- bis mittleren achtziger Jahre. Bob Blank begann seine Laufbahn als Gitarrist, fühlte sich aber eigentlich hinter den Knöpfen und Schaltern eines Studios am wohlsten. 1975 produzierte er eine der ersten Maxisingles ever: Jimmy Sabater´s „To Be With You“. Kurz darauf gründete er sein Studio Blank Tapes, das binnen kurzem zum wichtigsten kreativen Nukleus für die New Yorker Wave-/Disco-Szene wurde: Blank verstand es, die Inputs von so unterschiedlichen KünstlerInnen wie August Darnell a.k.a. Kid Creole, Lydia Lunch, Cristina, Gladys Knight oder Sun Ra in – je nach Schwerpunkt – avantgardistische Dancemusic, wilden Jazzfunk oder basspumpende Disco zu transferieren. Bob Blank ist ein großer Magier im Studio: immer mit einem Quäntchen Humor bei der Sache, Latin-Elemente gehören zu seinen Favoriten, ebenso wie orchestrale Discoarrangements. Heute kreiert Bob Blank musikalische Tapeten für Bibliotheken und Karaoke-Bars: wäre es nicht so komisch, könnte man glatt darüber heulen. Zum Glück – und jetzt kommt Strut wieder ins Spiel – hat sich jemand die Mühe gemacht und die besten Tracks aus dem Hause Blank Tapes zusammengesucht. Auf „The Blank Generation: Blank Tapes NYC 1975 – 1985“ finden sich James Blood Ulmer, Lydia Lunch, Aural Exciters, Milton Hamilton und viele mehr.


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  Bande à Part. New York Underground 60's 70's 80's
Bande à Part. New York Underground 60's 70's 80's
(Gingko Press, Broschur, 208 Seiten, 120 Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografien)
Vorwort von Glenn O'Brien
» gingkopress.com
» augengallery.com


Bande à Part. New York Underground 60's 70's 80's

Keine Szene ohne Bilder: Das Besondere an den Fotos in "Bande à Part" ist, dass sie nicht von Zeitungs- oder Auftragsfotografen gemacht wurden, sondern von Mitgliedern der jeweiligen Szene, von Fans und Freunden der abgelichteten MusikerInnen, MalerInnen, SchriftstellerInnen, glamourösen Transen und und haltlosen Junkies. Anton Perish, Leee Black Childers und Danny Fields müssen nicht erst nah rangehen, sie sind ja mittendrin statt nur dabei. Die so entstandenen Fotos wirken daher selten wie Star-Inszenierungen, eher wie Schnappschüsse wilder Partys, was sie wahrscheinlich auch sind. Viele der Bilder sind bekannt, sind zu Ikonen der Underground-Kunst geworden wie Roberta Bayleys Ramones-Foto, das deren erste LP zierte oder Godlis' unscharfe Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Patti Smith und anderen Nighthawks vor dem CBGB´s. Viele andere aber hat man noch nicht gesehen, Gerard Malangas Porträts von Dennis Hopper, Mick Jagger, Robert Mapplethorpe, Allen Ginsberg werfen einen ganz neuen Blick auf das arty New York der späten Sechziger; Maripols kunstvoll verwaschene Farbfotos zeigen die ganz junge Madonna, den ausgelassenen Fred Schneider oder den der Welt schon fast entrückten Klaus Nomi. Andy Warhol und seine Factory-Stars bestimmen New Yorks Ästhetik in den sechziger und siebziger Jahren, rüder und kaputter wird der Look der Nacht, als in Clubs wie Max's Kansas City und dem CBGB´s Punk die Regentschaft übernimmt.


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