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15. Februar 2009
Tobi Kirsch
für satt.org

Kammerflimmer Kollektief: Wildling

  Kammerflimmer Kollektief: Wildling
Kammerflimmer Kollektief: Wildling
(Staubgold/Indigo)
» kammerflimmer.com

Wenn ich die Linernotes schon lese, von diesem Ober-Bescheid-Wisser Dietmar Dath, möchte ich die Platte eigentlich schon wieder schlecht finden. Nur geht das bei den wunderbaren Arrangements nicht. Ich kann einfach dieses Vereinnahmende, dieses Vorab-Interpretationen liefernde, mit voller Verve vorgetragene Geseier der alten Popjournaille nicht mehr lesen. Dath und auch wieder die aktuelle Spex zementieren den Glauben an das Wahre in der Popkultur, wird es nur top-down durchgesetzt. Ja, wenn dem denn so wäre. Euch fliehen die Gläubigen davon. Aufrechterhalten werdet ihr von ein paar in den Achtziger- Sozialisierten, als man noch glaubte, der gute Inhalt wird die schlechte Form überdecken. Aber lassen wir das Pamphlet.

In einem Punkt gebe ich Info und Daths Linernotes recht: Kammerflimmer Kollektief muss man laut hören. Das ist mit solcher Musik so. Unmöglich, ein Album der Japaner Mono (als ein Beispiel unter vielen) auch nur annähernd zu erfassen bei leiser Lautstärke. KK erlebt man auch am besten live. Diese Intensität. Großes Timinggefühl. Klar kommt das auch auf „Wildling“ wieder zum Vorschein, aber am schönsten ist es, Du hörst laut in der ersten Reihe ein Konzert und schließt die Augen. Der Film entsteht von ganz allein.

Heike Aumüller, Thomas Weber und Johannes Frisch sind ihr eigener Kosmos. Das reicht zur Beschreibung der Band aus, alles andere muss man selbst entdecken oder auch nicht. Neben dem Denken haben alle Menschen die Kompetenz, die Kultur zu beurteilen, die er/sie/es konsumieren möchte oder das lassen möchte. Da hilft der oberlehrerhafte Ton der Besserwisser nicht weiter. Es bleibt nur, das Gute zu feiern und manchmal auch vom Schlechten abzuraten. Mehr sollte Popkritik nicht sein. Zumindest wenn man, wie ich, vom kompetenten Konsumenten ausgeht. Sicher, auch ich hab' meine missionarischen Momente. Aber ich finde nicht, dass ich das Recht habe, zu meinen, wer diese Band nicht mag, den mag ich auch nicht... hab ich leider alles schon gelesen/gehört/ wie auch immer.

Musik ist nicht Politik und Politik funktioniert nicht wie Musik. Dennoch gibt es parallele Entwicklungen, Zuschreibungen ändern sich, Gesten gegen die Vereinnahmung nehmen zu. Und da bin ich endlich wieder bei „Wildling“, dem neuen Werk vom Kollektiv, das die niederländische Schreibweise gewählt hat. Für mein Empfinden war das auch ein Spiel mit dem Wort „Tiefe“, denn die ist bei diesem außergewöhnlichen Trio immanent enthalten. Leichtfüßig lässt sich diese Musik nicht konsumieren, sie taugt nicht für Fahrstühle, Kaffeebars, Hotellounges und ähnliche Orte des Durchgangs. Dennoch beschreibt das Dreier-Kollektiv selbst Momente der Bewegung, wie ein zentrales Stück „In Transition“ beweist, das in seiner epischen Länge von über dreizehn Minuten gefangen zu nehmen weiß. Durch die Songtitel bekommen die Soundbilder so etwas wie Bedeutung verliehen, doch lässt sie verdammt viel Räume offen. Daher auch mein Rundumschlag gegen die Vereinnahmung durch die Pop-Intelligenzia. Ein inhaltlicher Verweis noch: KK sind nicht mehr ganz so düster wie zu „Jinx“-Zeiten, ich sehe nicht nur hellere und im allgemeinen freundlicher gehaltene Farben auf dem Cover, ich hören Funken sprühen, kleine Freuden im Versinken... Ich kann es nur noch mal betonen, besucht ein Konzert, kauft vorher oder besser nachher diese und die anderen Platten. Der Vorhang zu und alle Fragen offen.