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Die Box




17. Februar 2010
Thomas Backs, Tobi Kirsch,
Manske und Christina Mohr
für satt.org

Short Cuts-Logo
Februar 2010, zweiter Teil


  Tindersticks: Falling down a mountain
Tindersticks:
Falling down a mountain

4 AD/ Beggars/ Indigo
» tindersticks.co.uk
» myspace

Tindersticks live: 28. Februar: Zakk, Düsseldorf, 1. März: Mousonturm, Frankfurt, 2. März: Postbahnhof, Berlin, 7. März: Uebel & Gefährlich, Hamburg


Tindersticks: Falling down a mountain

Zum Start in das neue Jahrzehnt wird musikalisch dick aufgetragen: Tocotronic bringen Lektionen in „Schall und Wahn“, Konstantin Gropper mag es mit Get Well Soon erneut dramatisch. Da passt es, dass zeitgleich die britischen Tindersticks mit ihrem zweiten Album seit der Rückkehr 2008 in ihre dunkle, melancholische Welt laden. Wer die mit „Falling down a mountain“ betritt, darf sich sehr über dieses mehr als sechs Minuten lange Intro wundern. Mit Jazztrompete und monotonen Rhythmen wird der Hörer mit dem Titelstück auf Betriebstemperatur gebracht. Seltsam spannend. Leicht zugänglich ist das achte Album der Band um Sänger und Songwriter Stuart Staples nicht, aber poppig und bunt war die Welt der Tindersticks noch nie. Mit den beschwingten „Harmony around my table“, „She rode me down“ und „Black Smoke“ sind auf diesem klassisch instrumentierten Album immerhin Momente fröhlichen Tempos zu hören, Flötentöne und Celloklänge sorgen für Abwechslung zu Staples oft trauernder Stimmlage. Mit Earl Harvin (Drums und Gesang) und David Kitt (Gitarre und Gesang) beleben zudem zwei neue Musiker die Tindersticks-Welt, die eben oft die der düsteren Balladen ist. Auch bei „Peanuts“, das Stuart Staples im Duett mit Mary Margaret O` Hara singt. Ziemlich exklusiv, oft macht die Kanadierin so etwas nicht. Live auf der Bühne, da mag Stuart Staples die große Geste. Altersmäßig liegen zwischen ihm und Konstantin Gropper Welten, musikalisch gibt es eine Schnittmenge. Ein Doppelkonzert, das wäre gar nicht so abwegig. (Thomas Backs)


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  Bibi Tanga: Dunya
Bibi Tanga: Dunya
Nat Geo Music


Bibi Tanga: Dunya

"Dunya" ist afrikanisch und bedeutet "Existenz". Bibi Tanga hat mit seinen 40 Jahren schon eine ganze Menge Existenz hinter sich gebracht. Als Sohn eines Diplomaten reiste er durch die Weltgeschichte. Mit zehn war damit Schluss. Man wurde sesshaft in Paris, und die Reise ging dennoch weiter. Nämlich durch die Plattensammlung der Eltern: Fela Kuti, Jimi Hendrix, James Brown, Bembeya Jazz - die Auswahl war reichlich und abwechslungsreich genug, um die Neugier immer aufrecht zu halten. Kein Wunder, dass Bibi Tanga auch heute noch möglichst viele Einflüsse und Ideen in seine Songs einfließen lässt. Schwarze Musiken jeglicher Form waren und bleiben der Ausgangs- und Drehpunkt - R'n'B, Soul, Disco, Reggae, Funk. All diese Musiken verarbeitet Bibi Tanga nun in seinem Future-Funk. Hilfreich ist ihm dabei seine vom tiefen Bass zum Falsett switchende Stimme, sein Understatement und die schiere Spiellust seiner Band The Selenites (der Name stammt aus einer Geschichte von H. G. Wells, darin so die Menschen heißen, die auf der dunklen Seite des Mondes leben). Da werden Geschichten erzählt vom Rande der Gesellschaft, von AIDS, Alkoholismus, Sklaverei gar, Geschichten von den Depravierten, die dennoch ihre Selbstachtung behaupten mittels Klängen. Zu Beginn seiner Karriere spielte Bibi Tanga auch schon mal in der Pariser Métro, um die Wirkung seiner Musik zu testen. Es hat schon damals gut funktioniert, wahrscheinlich, weil er mit der gleichen Verve am Werk war wie jetzt. "Dunya" ist eine ungemein entspannte Fusion aus Funk, Soul, Afrikana und Jazz - entspannt, aber dennoch fordernd. Songs wie "It's The Earth That Moves" sind zudem wunderbar dafür geeignet, mit ihrem Disco-Sound die Tanzflächen zu füllen. In Frankreich sind Bibi Tanga & The Selenites schon auf dem Weg nach oben, jetzt dürfen sich auch andere Landstriche von dieser Musik inspirieren lassen. (Manske / Review erschien zuerst bei titel-magazin.de)


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  Hot Chip: One Life Stand
Hot Chip:
One Life Stand

EMI


Hot Chip: One Life Stand

Weitaus fröhlicher und lebensbejahender als auf „Made in the Dark“ präsentieren sich die heißen Chips auf ihrem aktuellen Werk. Meiner Meinung nach haben sie hiermit einen Zenith ihrer Karriere erreicht, sind sie doch so weit Pop geworden, wie nur irgend möglich. Und damit meine ich selbstredend Pop in all seiner schillernden Ambivalenz. Mit „Thieves in the Night“ fängt das Ganze recht tanzflächenkompatibel an. „Hand me down your love“ ist schon gleich der erste Ohrwurm, den man auch gerne im Ohr hat. Und so geht es weiter. Der Titeltune ist eine Kampfansage für den Traum einer lebenslangen Liebe, der inzwischen im „guten“ Radio rauf- und runter rotiert. „We have Love“ wäre in den Siebzigern eine einfache Disconummer gewesen, hier und heute bei Hot Chip klingt sie natürlich druckvoller und verspielter. Überhaupt Disco. Hot Chip sind für mich die Modernisierung von Disco: Eingängigkeit , Tanzbarkeit, Bekenntnis zu Romantik und alle umarmende Refrains. Kann man auch genau deswegen ablehnen, für mich ist das einfach nur große Kunst. (Tobi Kirsch)


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  Janelle Monáe: Metropolis: The Chase Suite
Janelle Monáe:
Metropolis: The Chase Suite

Warner


Janelle Monáe: Metropolis: The Chase Suite

Sie ist der Coverstar des letzten Missy Magazine und auch in der Spex wurde sie ausführlich gefeaturet: Die 23-jährige R'n'B-Hoffnung Janelle Monáe, geboren in Kansas City, nach kurzem Aufenthalt in New York nun in Atlanta, Georgia ansässig. Nach Atlanta ging sie wegen ihres Idols James Brown, vernetzte sich dort mit der Outkast-Posse, dem Produzententeam Deep Cotton und vor allem mit Sean „Puffy“ Combs, der ihre Songs auf seinem Bad Boy-Label veröffentlichte. Aber: Janelle Monáe ist kein austauschbares singendes Püppchen, das auf die Hilfe männlicher Protegés angewiesen ist. Denn alle Ideen, die in ihr künstlerisches Alter Ego fließen, sind ihre eigenen, angefangen bei den streng schwarz-weißen Outfits, die sie selber „Uniform“ nennt, über ihre wilde Bühnenshow bis natürlich zur Musik. Ihre jetzt auch in Deutschland erhältliche Debüt-EP „Metropolis: The Chase Suite“ ist eine sehr freie Adaption des Fritz Lang-Films; Monaé schlüpft in die Rolle der Androidin Cindy Mayweather und meistert die anspruchsvolle Aufgabe, ein Konzeptalbum ohne Hänger zu gestalten, mit Bravour. Die Songs funktionieren auch ohne Konzeptüberbau: Janelle Monáe mixt Hip-Hop mit Pop („Violet Stars Happy Hunting!!!“), verbindet honigsämigen Motown-Soul mit harscher Kritik an politischen Verhältnissen („Mr. President“) und wagt sich mit der Ballade „Smile“ an eine Komposition Charlie Chaplins aus dem Film „Modern Times“. Und was bei aller Rollenspielerei das Wichtigste ist: Miss Monáe hat eine großartige Soulstimme, wie man sie lange nicht gehört hat. Man darf auf ihr „langes“ Album gespannt sein, das im Lauf des Jahres erscheinen soll. (CM)


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  Sade: Soldier of Love
Sade:
Soldier of Love

Sony


Sade: Soldier of Love

Als im November vergangenen Jahres die Kunde von einem neuen Sade-Album durchsickerte, regte sich bei vielen Fans wohlige Vorfreude: wie würde sie klingen, die erste Platte nach fast zehn Jahren Veröffentlichungspause? Wird die bühnenscheue Engländerin mit nigerianischen Wurzeln an Hits wie „Smooth Operator“ und „Is It A Crime?“ anknüpfen oder etwas Neues wagen? Mit der mittlerweile 51-jährigen Sade kehrt nach Grace Jones und Whitney Houston nun die dritte große schwarze Diva der Achtziger ins Popgeschäft zurück und was soll man sagen? „Soldier of Love“ ist keine Neuerfindung (schon Albumtitel und -cover sind very very eighties), sondern führt die gleiche musikalische Linie weiter, mit der das Debüt „Diamond Life“ den achtziger Jahren Stil und Eleganz verlieh: Reservierte Emotionalität, eingebettet in ein wohltemperiertes Barjazz-Soul-Gewand aus dezenten Bläsern, Streichern und Percussion, darüber Sades heisere Stimme voller Traurigkeit und Sehnsucht. Und so klingen Sade und ihre Band auch heute, stünde im Booklet von „Soldier of Love“ nicht das Produktionsdatum 2010, könnte man nicht sagen, aus welchem Jahr Songs wie „Be That Easy“ und „Bring Me Home“ stammen – die angedeuteten HipHop-Beats im Titeltrack oder Reggaegrooves bei „Babyfather“ sind nur minimale Variationen des bewährten Sade-Sounds, der, wäre er eine Weinsorte, ein gut gelagerter Burgunder wäre. Etwas ganz Edles also, auch wenn der Geschmack nicht mehr wirklich überrascht. (CM)


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