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Die Box




22. Februar 2010
Dominik Irtenkauf
für satt.org

Blackjazz der Zukunft: Shining

  »Blackjazz« von Shining
Shining: Blackjazz
Indie Recordings
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Dieses Album flößt zweifelsohne Angst ein. Angst, wenn man diese Art von Musik nicht kennt. Angst auch, weil sich Riffs und Signale wiederholen, in einer Endlosschleife den Eindruck von Krach beim unbedarften Hörer hinterlassen. Doch eine Kraft, eine schwarzglühende, geht von Shining aus Norwegen aus. Saxofonist Jørgen Munkeby führte am Telefon kurz vor dem Wochenende aus, was es mit diesem schweren Brocken, der auf Indie Recordings erschien, auf sich hat. Mysterium oder artistisches Kalkül?

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Euer neuestes Album hinterläßt beim Hörer den Eindruck einer wahnsinnigen Flucht durch einen Wald aus hektischer Instrumentierung. „Blackjazz“ drückt ganz schön auf den Blutdruck oder wie siehst du das?

Jørgen Munkeby: Ich hatte exakt denselben Eindruck, als ich die Rohversionen der Aufnahmen anhörte. Schließlich kam es mir auch beim Abhören des Masters so vor, als ich über die Reihenfolge der Stücke entscheiden musste. Jedes Mal, wenn ich „Blackjazz“ angehört habe, bekam ich einen Adrenalinstoß. Auch mein Herzschlag erhöhte sich. Gerade diesen Aspekt schätze ich in unserer Musik. Sie gibt dir Energie.

Eure Musik ist sicher auch nicht für den „Durchschnittshörer“, sofern es ihn gibt, geeignet. Die Entstehung des neuen Albums hing, wie ich in einem Interview lesen konnte, stark mit der Verarbeitung schlechter Erfahrungen von dir zusammen. Bist du also derjenige in der Band, der den größten Einfluß auf das fertige Resultat nimmt?

Jørgen Munkeby: Der Schlagzeuger und ich sind die einzig verbliebenen Gründungsmitglieder aus dem Jahr 1998. Ich bin der treibende Motor der Band. Ich schreibe die ganzen Stücke, nehme sie auf ein Demo auf oder notiere sie auf Papier. Dann werden sie den anderen Mitgliedern gezeigt und von dem Zeitpunkt an ist jeder in der Band am Songwriting beteiligt. In diesem Interview habe ich wahrscheinlich über meine ganz persönliche Situation der letzten drei Jahre gesprochen.

Mir fielen durchaus einige Unterschiede zwischen eurem Vorgänger „Grindstone“ und dem neuen Album „Blackjazz“ auf. Das vorige Album war verspielter. Mit „Blackjazz“ habt ihr euch mehr auf die repetitiven Strukturen fokussiert.

Jørgen Munkeby: Das kann ich zweifelsohne unterschreiben. Unser neues Album ist viel fokussierter. Die zwei Vorgängeralben waren hingegen um einiges verspielter und wiesen mehr verschiedene Einflüsse auf. Das neue Album sollte mehr in Richtung Metal gehen, vermengt mit ein wenig Jazz. Wie du bereits erkannt hast, findet man viel mehr Aggressivitität auf der neuen Scheibe.

Shining-Promofoto
Foto: Pirate-Smile Promotions

Andererseits seid ihr mit diesem Album nicht bei allen Zeitschriften gut „durchgekommen“. In einigen Soundcheck-Tabellen (wie dem deutschen Legacy-Magazin zum Beispiel) seid ihr auf sehr niedrigen Plätzen eingestiegen. Das Album scheint also die Geschmäcker zu polarisieren?

Jørgen Munkeby: Ich vermute mal, du beziehst dich hier auf die Soundcheck-Tabellen zweier führender Metalzeitschriften in Deutschland. Abgesehen davon haben wir zahlreiche sehr positive Rezensionen erhalten, vor allem in den USA, aber auch in Belgien und den Niederlanden. Das Album scheint dennoch zu polarisieren. Einige Leute können mit dem Album gar nichts anfangen und schreiben dann äußerst negative Kritiken. Sie bekommen beinahe einen Wutanfall, wenn sie unser neues Album hören. Das zeigt mir jedenfalls, dass das Album einen Eindruck hinterläßt, wenn auch einen schlechten. Es bestätigt mir zudem, dass diese Menschen nicht die passenden Hörer sind. Wir schreiben Musik für Menschen, die sich auf Neues einstellen möchten. Es gibt auf der einen Seite Hörer, die sich wirklich am Bestehenden sattgehört haben und nach Neuem verlangen. Auf der anderen Seite findet man die Hörer, die in ihrer alten und für sie gewohnten Umgebung verbleiben möchten. Sie wollen ständig die Musik ihrer Jugend hören und nicht loslassen. Sie setzen auf Sicherheit und Altbekanntes in ihrem Leben. Die Alben, die sie heute kaufen, sollten am besten so klingen wie 1993. Wenn sie unser neues Album hören und andere Hörer ihnen sagen, dass dies die Art ist, wie Metal und Jazz als Verbund im nächsten Jahrzehnt klingen werden, werden sie möglicherweise wütend. Vielleicht schlicht aus dem Grund, weil sie fürchten, ihre Musik könnte einfach verschwinden.

Nichtsdestotrotz haltet ihr an euren Verbindungen zur Metalszene fest. Wenn ein gewisser Teil, der natürlich nicht zu groß werden darf, mit eurer Art von Musik nichts anfangen kann, solltet ihr vielleicht die Zelte in der Metalszene abbrechen oder was denkst du?

Jørgen Munkeby: Unsere ersten Jahre sahen ja ziemlich anders aus: wir fingen als akustisches Jazzquartett an. 2005 und 2007 entdeckten uns Szeneinsider, junge Leute, die zum Beispiel das Pitchfork-Magazin in den USA lesen. Mittlerweile finden auch viele Metalfans zu uns. Ich denke, unsere Musik hören recht verschiedene Menschen. Ich denke, dass man inzwischen in der Musikwelt eine neue Haltung vorfindet. Vor allem in den USA, aber auch in Norwegen gibt es sehr viele Leute, die die unterschiedlichsten Musikstile hören. An einem Tag hören sie vielleicht Black Metal, am nächsten sind dann Rihanna und Eminem dran. Sie kleiden sich ganz nach ihrem eigenen Geschmack und halten sich nicht an Szenedogmen. Um Black Metal zu hören, müssen sie sich nicht die Gesichter weiß schminken und schwarze Kleider tragen. Genau dieselbe Haltung bringe ich auch mit. Ich höre mir alle möglichen Gruppen an und richte mich nicht nach Vorschriften. In meiner Generation hören wir einfach Musik und scheren uns nicht um Genrebezeichnungen. Diese Art Publikum passt zu der Art von Musik, die wir selbst machen. In jedem Stil gibt es ein konservatives Lager, das wir mit Shining sicher nicht bedienen werden.

In Deutschland hat Black Metal längst ins „normale“ Hörerohr gefunden. Er macht einen Teil des vielfältigen Musikerlebnisses aus. Jetzt habt ihr zusammen mit Enslaved das „Armageddon Concerto“ auf einem norwegischen Jazzfestival gespielt. Mich würden die Reaktionen des Publikums interessieren.

Jørgen Munkeby: Das Publikum kam aus allen Teilen Norwegens und auch aus dem europäischen Ausland. Enslaved bewegen sich seit geraumer Zeit vom üblichen Metalsound weg und sind mittlerweile auch für andere Kreise als die Oldschool-Metalfraktion von Interesse. Ich denke, dass wir beide dieselben Gruppen ansprechen. Die norwegischen Jazzfans sind alles andere als Scheuklappenträger. Sie hören alle möglichen Arten von Jazz. Jazz bezeichnet in Norwegen eine sehr freie Musikform. Dazu gehören Elemente wie Noise, Improvisationen und ähnliche Merkmale. Das Publikum bei diesem Festival hat sich gar nicht so sehr vom üblichen Zuschauer unserer Konzerte unterschieden. Es waren Leute im Alter von 15 bis 30 Jahren anwesend, selbstverständlich auch einige ältere Zuhörer. Viele junge Musikstudenten, aber natürlich auch über Fünfzigjährige, die mit Gruppen wie King Crimson und Jethro Tull aufgewachsen sind.

Wenn ich eure drei Alben miteinander vergleiche, macht ihr stellenweise auf mich den Eindruck einer intensivierten Version von Gentle Giant. Allein aufgrund der stellenweise absurden Breaks, die sich in eurer Musik zeigen. Da sich eure Alben doch immer unterscheiden, ist es recht schwierig, einzuschätzen, wo ihr mit dem nächsten Album landen werdet.

Jørgen Munkeby: Ich kann wirklich nicht sagen, wo wir mit dem nächsten Album landen werden. Gerade passiert um „Blackjazz“ soviel: wir geben massig Interviews, müssen viele Konzerte spielen, so dass wir uns noch gar keinen Kopf zum vierten Album machen können. Ich habe bereits einige Entwürfe im Kopf, doch haben wir in der Band noch nicht darüber gesprochen, ob wir aggressiver oder poppiger werden wollen. Meistens spielen wir nach der Veröffentlichung eines Albums live und während der vielen Konzerte fallen dir als Musiker Dinge auf, die dich nur noch langweilen und bei anderen Stellen denkst du, ja, das war eine coole Idee. Schließlich kommen wir aufs Gefühl, was wir auf dem nächsten Album machen werden. Wir sprechen in der Band darüber und entscheiden uns dann für einen Weg. In der Zeit vor den Aufnahmen zu „Blackjazz“ hörte ich viel Metal, wie zum Beispiel The Dillinger Escape Plan und andere experimentelle Metalmusik. Ich hörte auch viel älteren Metal, dann Sachen wie King Crimson. Wir hörten auch viel Nine Inch Nails, Marilyn Manson und ähnliches Zeugs. Wir spielten danach einige Konzerte mit Enslaved. Nach dem „Armageddon Concerto“ mit Enslaved wussten wir, dass wir die passende Richtung eingeschlagen hatten. Das „Armageddon Concerto“ mit Enslaved kann als ein Musterbeispiel angesehen werden, was zwischen zwei Alben geschehen kann. Würde dieses Konzert veröffentlicht werden, hätte man quasi den missing link zwischen „Grindstone“ und „Blackjazz“.

So wie sich das anhört, scheinen eure Alben recht organisch zusammenzuwachsen.

Jørgen Munkeby: Sicher wächst das alles recht organisch zusammen, doch als wir an „Blackjazz“ gearbeitet haben, habe ich immer alles zu analysieren versucht. Ich machte mir viele Gedanken darüber, was mit Black Metal zu jener Zeit gerade abläuft. Vieles ähnelt dabei den Vorgängen, die sich beim Jazz vor vierzig beziehungsweise fünfzig Jahren abgespielt haben. Natürlich entstehen die einzelnen Stücke organisch, doch auf der anderen Seite triffst du auch Entscheidungen, wie du etwas angehen möchtest. Letztlich ist es eine Kombination aus organischem Wachstum und bewusster Bastelei.

Würdet ihr eure Musik als Meta-Musik bezeichnen?

Jørgen Munkeby: „Blackjazz“ soll vor allem gute und überzeugende Musik bieten. Man soll sich das Album gerne anhören. Doch sicher weist der Titel als auch das Gesamtkonzept darauf hin, dass „Blackjazz“ als ein Kommentar zur Musikgeschichte verstanden werden kann, als eine Einschätzung der aktuellen Lage im Metal. Es könnte also durchaus als Meta-Musik bezeichnet werden, wie du vorgeschlagen hast. Es handelt sich hierbei letzten Endes um ein Album, doch sollte es darüber hinaus auch als ein Kunstwerk verstanden werden.

Vielleicht ist Meta-Musik ein zu starkes Etikett, gewissermaßen ein Totschlagargument.

Jørgen Munkeby: Unsere Musik ist ein bewusster Kommentar. Wir wollen bewusst unseren Platz in der Musikgeschichte einnehmen, wir geben unsere Meinung zu aktuellen Entwicklungen ab und wir versuchen auch ein neues Verständnis, ein Genre voranzubringen. Ich denke, dass viele Bands Ähnliches versuchen. Ich meine, was passiert momentan im Black Metal? Es begann als ein Netz aus Lifestyle, religiöser Überzeugung, sozialer Herkunft, einem Dresscode und letztlich auch Musik. Nach zehn Jahren wurde die Musik reifer und erwachsen. Nach zehn Jahren ist diese Musik zu einer eigenen Kunstform ausgewachsen und es braucht jetzt nicht mehr unbedingt außermusikalische Accessoires, um ernstgenommen zu werden. Die Musik im Black Metal beginnt sich nun für sich selbst zu interessieren und braucht keinen Corpsepaint und ähnliche Codes mehr. Sie hat sich davon befreit. Ähnliches geschah auch im Jazz: plötzlich fingen Weiße an, diese Art von Musik zu spielen und nach einigen Jahrzehnten wuchs diese Musik zu etwas heran, das an Konservatorien gelehrt wird. Meistens braucht es zehn Jahre für solche Entwicklungen. Diese Evolution geschieht gerade auch im Black Metal. Viele Musiker in diesem Genre möchten provozieren, neue Ideen ausprobieren und gegen das Establishment rebellieren. Viele dieser Bands stecken noch mitten in der Entwicklung, wie zum Beispiel Enslaved und Ulver, die das bereits vor einiger Zeit in Angriff genommen haben. Selbst Satyricon gehen andere Wege, da sie jetzt mehr Rock’n’Roll à la AC/DC in ihre Musik einbringen. Mayhem fallen mir auch noch ein. Das Konzept hinter unserer neuen Scheibe ist es, mit unserem Jazz-Hintergrund in den Black Metal ein wenig Abwechslung zu bringen.

Abgesehen von dieser Meta-Beschäftigung mit Musik legt ihr dennoch Wert auf euer äußeres Erscheinungsbild. Man schaue sich nur mal eure aktuellen Bandfotos an.

Jørgen Munkeby: Die brutalsten und aggressivsten Metalbands in den USA sehen auf ihren Fotos meist wie supernette Highschool-Kerle in rosaroten Shirts aus. Die Musiker sehen jedenfalls nicht wie Metal aus. Das Foto, das du ansprichst, repräsentiert natürlich die üblichen Metalklischees. Es wäre nicht unbedingt nötig gewesen. Diese Masken tragen wir jedoch nicht auf der Bühne. Wir wollten Fotos haben, die die Atmosphäre der Musik widerspiegeln. Wir hätten selbstverständlich auch andere Motive wählen können, doch für das Gesamtpackage – Musik, Titel, Artwork – passte dieses Foto einfach sehr gut.

Das war’s dann für heute. Noch letzte Kommentare?

Jørgen Munkeby: Ja, also, ich finde es sehr gut, dass dieses Interview nicht für ein übliches Metalmagazin geführt wurde. Wir sehen Shining selbst als Teil einer Szene an, die Neues entwickeln möchte. Unsere Musik machen wir für Leute, die vielfältig interessiert sind.