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Die Box




2. Februar 2010
Dominik Irtenkauf
für satt.org

Scott Kelly. Foto: Britta Lerch

From Noise to Silence – and back!
Scott Kelly auf Solotour

An einem eiskalten Januartag in Dortmund findet der Tourauftakt des Sängers und Gitarristen Scott Kelly statt. Sonst ist er für brachialen Hardcore mit deutlichem Metal-Einschlag verantwortlich. An diesem Abend in der Pauluskirche schlägt Kelly sanftere Töne auf der Akustikgitarre an, läßt es sich aber nicht nehmen, für einige Stücke die elektrische auszupacken. Besonders schön auch die Interpretation eines John Lee Hooker-Songs. Hier zeigen sich vor dem Altar die wahren Wurzeln eines Kellys.

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Dominik Irtenkauf: Siehst du dein Soloprojekt als eine Auszeit von Neurosis?

Scott Kelly: Sicher ist das ein anderer Zugang zur Musik. Von der geistigen Einstellung ist alles ein wenig ruhiger. Es ist nicht wirklich eine Auszeit, denn du bist immer noch ständig auf Tour. Obwohl ich schon seit einiger Zeit an meinen Soloscheiben arbeite, fühle ich mich dabei immer noch nicht richtig wohl. Eigentlich verlangt mir meine Solotour mehr ab. Bei Neurosis fühle ich mich einfach besser aufgehoben. Ich weiß, was ich dort zu tun habe.

DI: Du meinst das sicher in psychischer Hinsicht? Denn der Sound ist bei Scott Kelly durchaus angenehmer und weniger laut als bei Neurosis.

Scott Kelly: Das stimmt. Es unterscheidet sich ziemlich von meiner Hauptband. Doch das ist eine gute Sache, denn es schadet nie, etwas Anderes auszuprobieren. Für mich als Künstler ist das eine besondere Herausforderung, an Punkte zu gelangen, die mir nicht so genehm sind und dennoch die Sprache zu finden, mit der du diese vormals blinden Flecke in dir zum Ausdruck bringen kannst. Letzten Endes ähneln sich aber meine Soloscheiben und die Sachen, die ich bei Neurosis mache, in der Grundüberzeugung.

Scott Kelly. Foto: Britta Lerch

Fotos: Britta Lerch

DI: Vielleicht habe ich auch den falschen Begriff gewählt: statt Auszeit müsste man eher Inspirationspause sagen. Vielleicht geht es einfach darum, neuen Raum für die eigene Musik zu erschließen?

Scott Kelly: Letzten Endes verweist alles, was ich musikalisch beginne, stets auf Neurosis zurück. Viele dieser anderen Projekte wie Shrinebuilder oder Tribes Of Neurot zum Beispiel entstanden aus dem Neurosis-Umfeld. Die ersten Songs, die ich für mich geschrieben habe, also auch für diese Solotour, klangen wie akustische Neurosis-Songs. Mittlerweile stecke ich mehr in dieser Musik drin und habe verschiedene Wege gefunden, diese Ideen auszudrücken. Doch es stimmt natürlich auch, dass Neurosis viele ruhige Gitarrenparts hatten, bereits seit unserem Debütalbum. Da bin ich zum ersten Mal auf den Geschmack gekommen.

DI: Vorhin hattest du erwähnt, dass du dich bei den Soloauftritten eher unwohl fühlst, weil dein Zuhause bei Neurosis ist. Kommen diese unangenehmen Gefühle vielleicht eher auf, wenn du nicht Teil einer Wall of Sound bist und bloß“ akustisch spielst? Zudem spielst du heute abend in einer Kirche (in der Pauluskirche in Dortmund).

Scott Kelly: Ich fühle mich definitiv in einer lauten Umgebung wohler. Das Unwohlsein als Solo-Scott Kelly sehe ich nicht unbedingt als negativ an. Wenn dich etwas beunruhigt, willst du unbedingt die Gründe hierfür herausfinden. Viele dieser akustischen Stücke bestehen aus sehr metaphorischer Sprache und du kannst dich häufig hinter einer Wall of Sound sehr gut verstecken. Du kannst dich jedoch nirgendwo verstecken, wenn du die Wörter zu einer Akustikgitarre auf einer Bühne singst. Bei einer Wall of Sound kannst du dich viel besser hinter dem Krach verstecken und ich gehe davon aus, dass jeder in Neurosis das zu seinem Vorteil nutzt. Je mehr ich mich mit akustischer Musik beschäftige, desto mehr öffne ich mich und trage meine Seele musikalisch so vor, dass ich kein Versteck mehr aufrecht erhalten kann. Ich habe mich auch dahingehend entwickelt, dass ich mir keine Sorgen darum mache, welche Erwartungshaltung die Zuschauer mit zum Konzert bringen. Ich versuche, den Liedern zu folgen und sie sich selbst schreiben zu lassen. Du musst dich gewissermaßen der Musik ergeben und machen, was dir die Musik befiehlt. Der letzte Song, den ich heute abend spielen werde, stellt etwas völlig Neues für mich dar und es wird sehr schwierig für mich werden, ihn auf der Bühne zu bringen. Und zwar, weil das Stück sehr offen ist. Heute während des Soundchecks hat es mich schon sehr bewegt.

Scott Kelly. Foto: Britta Lerch

DI: Andererseits hast du ja bereits im Presseinfo darauf hingewiesen, dass deine zweite Solotour eine sehr persönliche Sache werden wird. Da wurde sozusagen die Entwarnung bereits vorausgeschickt.

Scott Kelly: Ich habe darüber nicht nachgedacht, als ich den Text für diese Info geschrieben habe. Ich befinde mich immer noch in einem Prozess der Selbstentwicklung in dem Sinne, dass ich mich öffne, je nachdem, wer ein Interesse daran zeigt. Ich kann nicht genau sagen, warum ich das mache. Ich weiß nur, dass ich mein Leben jahrelang mit Geheimnissen verbracht habe und ich wollte unter diesen Lebensabschnitt einen Schlußstrich ziehen; sowohl im privaten Bereich gegenüber meinen Freunden und meiner Familie als auch bei meiner Musik. Zuhause habe ich damit begonnen, kleine Geschichten aus meinem Leben aufzuzeichnen. Vor über einem Jahr begann ich mit einem Blog. Da geschieht etwas mit mir persönlich. Langsam, aber sicher verändert sich etwas. Vor zehn Jahren hätte ich es mir noch nicht vorstellen können, an einem Punkt anzulangen, wo ich klar und ehrlich das sage, was ich fühle. Ich weiß nicht, warum ich nicht anders kann. Ich mach’s einfach. Dich dabei zu schämen, wenn du es Leuten zeigst, hilft überhaupt nicht.

DI: Hast du diese besonderen Lokalitäten, wie Kirchen, Schlösser oder sogar Höhlen gewählt, um eine intime Atmosphäre zu schaffen? In einer Kirche kann folglich ein Auftritt zur Beichte werden.

Scott Kelly: Ich wußte, dass ich Plätze wie diesen heute abend für meine Solosachen eindeutig bevorzugte, denn in einem Rockclub kannst du das nicht besonders gut präsentieren. Oder stell dir ein Festival vor, auf dem alle Leute den ganzen Tag laute Musik hören. Sie können sich auf die Akustikstücke nicht konzentrieren, sind vielleicht betrunken, zeigen keinen Respekt. Ich schreibe den Leuten sicher nicht vor, was sie zu tun haben, aber was ich ihnen abverlange, ist schlichtweg, zuzuhören. Wenn sie darauf keine Lust haben, dann sollten sie einfach gehen. Ich singe über sehr persönliche Dinge und ich könnte es nicht ertragen, wenn sich Zuhörer darüber lustig machten, meinen Schmerz belächeln. Während meiner letzten Solotournee spielte ich bereits in zwei Kirchen, in dieser hier in Dortmund und in einer anderen in Wien. Das waren sehr gute Auftritte, denn die Leute kommen in die Kirche – auch wenn sie ungläubig sind – und setzen sich still hin. Als wir uns an die Organisation dieser Tour machten, bat ich meinen Bookingagent Marco [Von Avocado Booking.-Anm. DI], ausgefallene Locations zu finden.

DI: Diese Solotournee könnte durchaus einen belebenden Effekt auf deine Hauptband Neurosis haben, oder wie siehst du das? Neurosis sind durch ihren Sound ja doch eher die harten Kerle“?

Scott Kelly: Jeder in Neurosis kann sein eigenes Ding machen und hat einen eigenen Willen. Ich kann mich völlig auf meine Bandkollegen verlassen, da sie mich unterstützen, ein glücklicherer Mensch zu werden. Ich weiß nicht, was man unter diesem Stereotyp der harten Kerle“ verstehen soll. Das hängt von der jeweiligen Betrachtung ab. Vielleicht kann man es besser mit Angst umschreiben. Wir hatten ständig Angst und investierten viel Leidenschaft in die Band. In der Tat sind wir harte Kerle, wenn man bedenkt, was alles in unserer Bandkarriere auf uns zugekommen ist. Wir sind Überlebende all dieser Jahre. 25 Jahre sind wir schon als Band zusammen. Wir haben uns unseren Weg im Großen und Ganzen durch unsere eigene Kraft geebnet – natürlich hatten wir stets gute Freunde, Crewmitglieder und Bands, die uns dabei unterstützt haben. Musikalisch bewegten wir uns ständig in unserer eigenen kleinen Welt. Wir wollten einfach unsere Musik spielen, egal, was die Leute von uns denken mochten. Es war für uns ein regelrechter Kulturschock, als wir das erste Mal nach Europa kamen und bemerkten, dass Leute unser Material wirklich mochten. Ich möchte wirklich nichts gegen amerikanische Journalisten sagen, denn es gibt sicher einige qualifizierte unter ihnen. Doch europäische Journalisten zeigen ein wirkliches Gespür für Musikgeschichte und Genealogie. Sie können Querverbindungen knüpfen. Letzten Endes wurde Neurosis mehr als Kunst denn als eine gewöhnliche Band wahrgenommen.