Anzeige:
Die Box




15. Februar 2010
Wolfgang Buchholz
für satt.org

Barfuß tanzen durch Schnee und Regen...
Jochen Distelmeyer live in Münster/Gleis 22, 3.2.2010

  Jochen Distelmeyer: Heavy
Jochen Distelmeyer: Heavy
Columbia/SonyBMG
» jochendistelmeyer.de

Jochen Distelmeyer ist in Münster und das Konzert wird vom Metropolis ins kleinere Gleis 22 verlegt. Wie das? Den Booker freut’s, mich wundert’s. Der Veranstalter hat wohl mit mehr Publikum gerechnet, aber das ist augenscheinlich in die Jahre gekommen. Es reicht aber noch, um das Gleis 22 gut zu füllen. Das erste Blumfeld-Album, die herausragende „Ich-Maschine“, ist bereits achtzehn Jahre her und Jochen Distelmeyer mittlerweile auch schon ein fast Mittvierziger. 2007 löste er Blumfeld und brachte Ende 2009 seine erste Solo-Platte „Heavy“ raus. Rein musikalisch erschließt sich mir dieser Schritt nicht. Inhaltlich zwar wieder weg von den Naturbetrachtungen der letzten Blumfeld-Platte, musikalisch aber zwischen krachenden Gitarren und zuckersüßem Pop – womit die gesamte Bandbreite der Blumfeld’schen Karriere abgebildet ist. Textlich dominieren persönliche Themen neben einigen gesellschaftskritischen Statements wie bei „Wohin mit dem Hass“ oder „Hiob“. Wie dem auch sei, das Album, egal ob als Distelmeyer oder Blumfeld, ist prima und live war Blumfeld immer astrein.

Doch vorher spielt noch Laura Veirs mit ihrer Band, eine allenthalben gut besprochene amerikanische Singer-Songwriterin, die gerade ihr siebtes Album veröffentlicht hat, mir allerdings bis dato nicht geläufig war. Sie liefert einen netten, nicht jedoch herausragenden Gig. Das Problem, dass man auf den sogenannten Top-Act wartet und die Aufmerksamkeit demgemäß für den Support etwas beeinträchtigt ist, spielt bei der Einschätzung gewiss mit. Die Bühnenshow ist auch alles andere als exaltiert, Frau Veirs ist hochschwanger und wechselt munter die Instrumente mit ihren Begleitern, wobei die beiden Herren aussehen wie Theologiestudenten, der eine im zehnten, der andere im zweiten Semester - also eher Priesterseminar als Rock’n’Roll-Highschool. Nett auch der Versuch von Laura Veirs, den Namen von Jochen Distelmeyer korrekt auszusprechen, für den internationalen Markt war der Namenswechsel demnach eher kontraproduktiv. Schließlich spielt Frau Veirs noch ein Fleetwood Mac-Cover: „Never going back again“. Quintessenz des Laura Veirs-Konzerts: Es lohnt bestimmt, sich mit ihren Platten zu beschäftigen und man könnte mal wieder „Rumours“ hören.

Bei geschlossenem Vorhang startet ein Schlagzeug-Beat, der Vorhang öffnet sich und Jochen Distelmeyer und seine Band intonieren, passend zum Wetter, „Schnee“ vom letzten Blumfeld-Album mit integriertem Roy Orbison-Cover: „Only the lonely“. Dunkelblauer Pullover über weißem Hemd ist auch kein überaus gängiges Bühnenoutfit, passt aber hier und jetzt. Es dauert auch nicht lange bis die Pullover fallen und die Gitarren bei einigen der neuen Stücke und dem alten Hit „Ich - wie es wirklich war“ ganz gewaltig krachen. Dann wird’s poppiger und Jochen Distelmeyer spielt sich durch das neue Album und einige Perlen aus dem Blumfeld-Back-Katalog wie „Wir sind frei“, „Weil es Liebe ist“ oder „2 oder 3 Dinge, die ich von dir weiß“. Es wird klar, dass einige der Lieder aus der Distelmeyer’schen Feder das Zeug zu Klassikern haben. Gesanglich ist Herr Distelmeyer im Laufe seiner Musikerlaufbahn ebenfalls außerordentlich gereift, wirklich bemerkenswert. Den Rocker mimt er dann wieder zum Ende des regulären Sets.

Besonders überzeugend die Zugaben: Die A capella-Nummer „Regen“ gewinnt durch eine einfache Gitarrenbegleitung immens an Kick. Dann „Viel zu früh und immer wieder Liebeslieder“ – ohne Worte. In puncto Covers war Jochen Distelmeyer schon immer sehr geschmackssicher. Lange war Prefab Sprout’s „Electric Guitars“ im Blumfeld-Programm, diesmal spielt er eines meiner Lieblingslieder von einer meiner Lieblingskünstlerinnen: „Dancing Barefoot“ von Patti Smith – Gänsehaut.

Dann noch „Pro Familia“ und als letztes „Murmel“. Ob Diana zu Essen gerufen wird, ob Michiko nach Schweden fährt oder Tom seinen Schlüssel vergessen hat, interessiert vielleicht nicht so wirklich. Grandios hingegen der Refrain: „Ich lebe dafür, ich leb davon, am Ende ist es nur ein Song“. In diesem Lied wird die ganze Ambivalenz im Distelmeyer’schen Schaffen deutlich.

Eins noch zum Schluss: Lese keine Setlists im Internet, bevor du auf Konzerte gehst, du könntest enttäuscht werden. Warum hat der in Wien noch das gespielt und bei uns nicht?...Ist aber Humbug, denn es war ein sehr schönes Konzert, Herr Distelmeyer.