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Die Box




22. Januar 2010
Christina Mohr
für satt.org

»Meine Musik ist nicht deine Musik«

... schreibt Simon Reynolds im Guardian* über das Problem, die Konsensplatten der Nullerjahre zu identifizieren. Haben Radiohead das wegweisende Album des vergangenen Jahrzehnts gemacht? Oder Daft Punk? Oder The Avalanches, Dizzee Rascal? The Streets, Kanye West? Oder wer? Welche Platten haben das Zeug zum Überdauern? Oder stellt sich diese Frage in Zeiten der jederzeit und überall verfügbaren, in hunderte Einzelgenres aufgesplitterten Ware Musik nicht mehr - und ist die Frage nach Lieblingsplatten mittlerweile obsolet?


* In deutscher Übersetzung im Freitag

Wir von satt.org wollen es trotzdem wissen: was waren die wichtigsten Alben der letzten zehn Jahre für jede/n persönlich? Das Ergebnis seht Ihr hier - in schönen, umfangreichen Listen, aus denen sich doch ein paar Platten/Künstler als konsensfähig respektive großartig heraus­kristalli­sieren, z.B. Arcade Fire, The Notwist, Franz Ferdinand, Antony & The Johnsons, Burial, The Go-Betweens ...


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  Burial: Burial


Magnetic Fields: 69 Lovesongs


Rhythm & Sound: With the Artists

Klaus Walter (byte.fm)

  1. Burial: Burial

  2. Magnetic Fields: 69 Lovesongs

  3. Rhythm & Sound: With the Artists

  4. Diverse: An England Story - From Dancehall To Grime

  5. The Go-Betweens: The Friends Of Rachel Worth

  6. Shackleton & Appleblim: Soundboy Punishment

  7. Diverse: Mary Anne Hobbs - Warrior Dubs

  8. Blumfeld: Old nobody

  9. Coco Rosie: La maison de mon reve

  10. Rufus Wainwright: Poses

  11. The Streets: Original Pirate Material

  12. Britta: Das schöne Leben

  13. M.I.A.: Arular

  14. März: Love streams

  15. Antony & The Johnsons: I am a bird now


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  Sleep Has His House - Current 93


St Arkansas - Pere Ubu


Folklore - 16 Horsepower


Hugo Race + True Spirit - Goldstreet Sessions


The Real New Fall LP


Abattoir Blues / The Lyre Of Orpheus - Nick Cave & The Bad Seeds (2004)


Robert Mießner

Das Kürzel »00er Jahre« sagt für sich schon reichlich. Reden wir besser über Kultur. Im letzten Jahrzehnt stellten in den späten Achtzigern Sozialisierte fest, dass Künstler, die ihnen dabei geholfen hatten, plötzlich 50 wurden. Es wurde gratuliert und gedankt. Und es mussten Nachrufe geschrieben werden. Am 30. Dezember 2009 starb Rowland S. Howard. Auch er war gerade noch 50 geworden und hatte »Pop Crimes«, sein zweites Soloalbum, veröffentlicht. Es ist in Deutschland noch nicht erschienen und steht von daher nicht in diesem doppelten Dutzend, dessen Motto sei: »Wrong is right.« (Thelonious Monk)

  • Sleep Has His House - Current 93 (2000)

  • St Arkansas - Pere Ubu (2002)

  • Folklore - 16 Horsepower (2002)

  • Hugo Race + True Spirit - Goldstreet Sessions (2003)

  • The Real New Fall LP (Formerly Country on the Click) - The Fall (2003)

  • Perpetuum Mobile - Einstürzende Neubauten (2004)

  • Abattoir Blues / The Lyre Of Orpheus - Nick Cave & The Bad Seeds (2004)

  • Smoke In The Shadows - Lydia Lunch (2004)

  • German Fool - Herbst in Peking (2004)

  • The Complete Peel Sessions 1978 - 2004 - The Fall (2005)

  • Dubstep Allstars Vol. 02 - Mixed By DJ Youngsta (2005)

  • Heaven's Journey - Wild Billy Childish & The Chatham Singers (2005)

  • Derdang Derdang - Archie Bronson Outfit (2006)

  • Sound Grammar - Ornette Coleman (2006)

  • Spannung. Leistung. Widerstand: Magnetband-Kultur in der DDR 1979-1990 - VA (2006)

  • Silver Monk Time. A Tribute To The Monks - VA (2006)

  • Moa Anbessa - Getatchew Mekuria & The Ex & Guests (2006)

  • The Rotten Mile - Gallon Drunk (2007)

  • A Drunkard's Masterpiece - Johnny Dowd (2008)

  • Guilty Guilty Guilty - Diamanda Galás (2008)

  • Imperial Wax Solvent - The Fall (2008)

  • Party Intellectuals - Marc Ribot's Ceramic Dog (2008)

  • Insult To Injury - Nightingales (2009)

  • No Apologies - FM Einheit & Hans-Joachim Irmler (2009)


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  Torch: Blauer Samt


Bonnie Prince Billy: Master and Everyone


Wolfgang Buechs

  1. Torch: Blauer Samt (2000)

  2. Bonnie Prince Billy: Master and Everyone (2003)

  3. Gnarls Barkley: St. Elsewhere (2006)

  4. Aesop Rock: Labor Days (2001)

  5. O Brother, Where Art Thou - OST (2000)

  6. The Streets: Original Pirate Material (2002)

  7. Cat Power: Jukebox (2008)

  8. Ebony Bones: Bone Of My Bones (2009)

  9. The Black Keys: Oceans and Streams (2008)

  10. André 3000: The Love Below (2003)


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  Candylion - Gruff Rhys


The Good, the Bad & the Queen


The Decline of British Sea Power


Dear Catastrophe Waitress - Belle & Sebastian


Echoes - The Rapture


Free the Bees - The Bees


Kapitulation - Tocotronic


Thomas Backs

  • Candylion - Gruff Rhys (2007)
    Mit den Super Furry Animals hat uns Gruff Rhys auch im vergangenen Jahrzehnt tolle Alben geschenkt. Sein zweites Soloalbum ist für mich ein ganz besonderer Schatz.

  • The Good, the Bad & the Queen - The Good, the Bad & the Queen (2007)
    Ein musikalisches Geschichtsbuch. Damon Albarn, Paul Simonon, Simon Tong und Tony Allen haben einen Geniestreich veröffentlicht. Passend zu den nuller Jahren produziert von Danger Mouse.

  • The Decline of British Sea Power - British Sea Power (2003)
    Neue Gitarrenbands, davon gab es viele. Mit drei Alben und dem Soundtrack für „Man of Aran“ (2009) gehören British Sea Power aus Brighton zu meinen Lieblingen.

  • Dear Catastrophe Waitress - Belle & Sebastian (2003)

  • The Life Pursuit - Belle & Sebastian (2005)

  • Echoes - The Rapture (2003)

  • Free the Bees - The Bees (2004)

  • Kapitulation - Tocotronic (2007)

  • Ego War - Audiobullys (2003)
    Beim Pinkpop in Landgraaf 2004 entdeckt. T. Raumschmiere haben auch im Zelt gespielt. Mein Festivalhighlight des Jahrzehnts.

  • Green Album - Weezer (2001)

  • First Album - Miss Kittin & The Hacker (2001)

  • Playing the Angel - Depeche Mode (2005)
    „Seven lies multiplied by seven multiplied by seven again.“ Jemand namens „Violator of the Regime“ hat ein Musikvideo dazu gebastelt.

  • Two - Miss Kittin & The Hacker (2009)

  • Veni Vidi Vicious - The Hives (2000)

  • White Blood Cells - The White Stripes (2001)

  • Baby I'm bored - Evan Dando (2003)
    Für mich verbunden mit dem schönsten Konzertabend, den ich in den nuller Jahren erleben durfte: Evan Dando im Village, Dublin, November 2003.

  • Deep, Down & Dirty. - Stereo MC's (2001)

  • Kasabian - Kasabian (2004)

  • Since I left you - The Avalanches (2000)

  • Do you like Rock Music? - British Sea Power (2008)
    Eine Frage, die ich öfter mal mit „Yes!“ beantworten kann.

  • Diamonds fall - Phillip Boa and the Voodooclub (2009)

  • The Angst and the Money - Ja, Panik (2009)

  • Evil Heat - Primal Scream (2002)

  • Original Pirate Material - The Streets (2002)

  • Loss - Mull Historical Society (2001)

  • Today is not the day to f#@ck with Gus Black - Gus Black (2008)

  • Get ready - New Order (2001)

  • A certain trigger - Maximo Park (2005)

  • You are the quarry - Morrissey (2004)
    Und wie das mit Listen so ist, lässt sich diese auch von unten nach oben lesen. Mittendrin starten passt auch.


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  Franz Ferdinand


The Libertines, Up the Bracket


Maximo Park, A Certain Trigger


The Strokes, Is This It


Kaiser Chiefs, Employment


Hot Chip, The Warning


CocoRosie, Noah's Arc


The White Stripes, Elephant


New Order, Get Ready


Vorher Nachher Bilder


Britta: Das Schöne Leben


Christina Mohr

Jeweils die Debütalben von:
  • Franz Ferdinand (2004)

  • The Libertines, Up the Bracket (2002)

  • Maximo Park, A Certain Trigger (2005)

  • The Strokes, Is This It (2001)

  • Kaiser Chiefs, Employment (2005)

Für kurze Zeit machte Gitarrenrock wieder richtig Spaß und sah auch noch gut aus. Dann kamen Fantastilliarden von Nachmachern und der Hype verpuffte in den Röhrenjeans. Und leider konnten die oben genannten Bands mit ihren späteren Platten (meistens) das Versprechen des ersten Albums nicht mehr einlösen. Schade zwar, aber was bleibt, sind die Debüts...

Dann - die Reihenfolge ist keine Platzierung, sondern „random“:

  • Hot Chip, The Warning (2006):Tanzmusik von/für Intellektuelle(n), nerdige Softdisco von bebrillten Computerfricklern - wie auch immer, „The Warning“ ist eine der Platten, die den Hype um sich rechtfertigen und überleben. Hör ich auch heute noch sehr gern.

  • CocoRosie, Noah's Arc (2005): Das Debüt der Casady-Schwestern „La Maison de mon Reve“ verwirrte und begeisterte die Welt - und ist vielleicht sogar ein bisschen besser als „Noah's Arc“, dem ich aber trotzdem den Vorzug gebe, vor allem wegen des Titelsongs und „Beautiful Boys“.

  • Tocotronic, Kapitulation (2007): Tocos Vorgängeralbum „Pure Vernunft darf niemals siegen“ gefiel mir gar nicht und ich hatte die Band schon abgeschrieben. Doch dann kam „Kapitulation“ und ich kapitulierte sofort und gern: unsterbliche Songs zum für-immer-im-Herzen-und-auf-dem-T-Shirt-tragen wie der Titelsong, „Sag Alles Ab“, „Verschwör' dich gegen Dich“...

  • The White Stripes, Elephant (2003): Meistens wird „White Blood Cells“ als bestes WS-Album genannt. Ich mochte „Elephant“ lieber und habe es öfter gehört - auch wenn „Seven Nation Army“ mittlerweile zum Fußballstadion-Hit verkommen (oder aufgestiegen?) ist... außerdem singt Holly Golightly bei „It's True We Love One Another“ mit, was der Platte zusätzlichen Mehrwert gibt!

  • New Order, Get Ready (2001): Die „Nuller“ begannen gut, sehr gut sogar - „Get Ready“ ist ein unverhoffter Meilenstein in New Orders Karriere und für mich mit allerlei schönen Erinnerungen besetzt. Auf dem Cover übrigens Schauspielerin/Regisseurin Nicolette Krebitz!

  • Jens Friebe, Vorher Nachher Bilder (2004): „Das Album, auf das ich gewartet habe, ohne es zu wissen“, notierte ich seinerzeit für Klaus Walters „Ball ist rund“-Jahrespoll (r.i.p.) - aus dem Stand eine der schönsten deutschsprachigen Platten ever; „Gespenster“, „Star“, „Bring Mich zum Wagen“ sind Lieder für die Ewigkeit, sofern das im Pop was bedeutet...

  • Britta, Das schöne Leben (2006): Danke, Christiane! (Und danke auch an die anderen Brittas, klar!)

  • Leila, Blood, Looms and Blooms (2008): Nicht nur die Gastauftritte von Terry Hall und Martina Topley Bird machten „Blood, Looms and Blooms“ zu einer der großen positiven Überraschungen des Jahres 2008 - die Zukunft der elektronischen Musik liegt in weiblichen Händen, jedenfalls zum großen Teil in denen Leilas.

  • Hercules & Love Affair (2008): Der New Yorker DJ und Produzent Andrew Butler lud einen Haufen Freunde ins Studio ein und ließ die goldene Disco-Ära wieder auferstehen. Mal ganz abgesehen vom Geniestreich, Antony Hegarty Dancemusic („Blind“) singen zu lassen....

  • The Long Blondes, Someone to Drive You Home (2006): Es gab ja Leute, die fanden die Long Blondes irgendwie altmodisch - kann sein, ich mag diesen gelungenen Blondie-Rip-off immer noch gern.

  • The Go-Betweens, The Friends of Rachel Worth (2000): Ich erwähnte ja bereits, dass die Nullerjahre gut anfingen. Schon allein wegen „Surfing Magazines“ ist „Friends of...“ eine meiner liebsten Go-Betweens-Platten, noch dazu ihr Comeback. Ein Jammer, dass es sie nie wieder geben wird - aber ohne Grant McLennan keine Go-Betweens, das Versprechen nehme ich Robert Forster ab.

  • Burial, Untrue (2007): Mein später, aber dafür umso intensiverer Kontakt mit Dubstep - „Untrue“ ist eine der Platten, die dein Leben verändern; und das, obwohl Burial nichts laut herausschreit, sondern introvertiert agiert

  • Blumfeld, Jenseits von Jedem (2003): Blumfeld dürfen auch bei mir nicht fehlen - und dieser Satz beinhaltet keine versteckte Spitze. „Old Nobody“ war sicherlich gewagter, aber „Wir sind frei“ ist halt nun mal auf „Jenseits...“

  • The Streets, Original Pirate Material (2002): Der blasse Fast-noch-Teenager Mike Skinner aus Birmingham revolutioniert 2002 mit seinen Wohnzimmeraufnahmen die saturierte Popwelt. Bringt mich immer noch zum Staunen und Grinsen.

  • Arcade Fire, Neon Bible (2007): Orchestrale Opulenz, Apokalypse, Überdrehtheit und ein Song wie „My Body Is A Cage“ - ein Klassiker der ausgehenden Nullerjahre und dabei das Gegenteil von Mainstream. Verrückt und groß.

  • Goldfrapp, Supernature (2005): Konnten sich Goldfrapp nach „Felt Mountain“ noch steigern? Für meinen Geschmack ja - mit „Supernature“ wurde so manche Nacht durchgetanzt...

Wahrscheinlich (ganz sicher) habe ich einen Haufen Platten vergessen, die mir mindestens genauso wichtig waren wie die, die jetzt hier stehen. Aber diese einundzwanzig sind auf alle Fälle sehr sehr häufig im Hause Mohr bzw. auf meinem altmodischen Discman gelaufen.


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  Tilmann Rossmy Quartett: Reisen im eigenen Land


Britta: Kollektion Gold


Erdmöbel: Altes Gasthaus Love


Element of Crime: Romantik


Bright Yellow Bright Orange


Wolfgang Buchholz

  • Tilmann Rossmy Quartett: Reisen im eigenen Land
    Tilmann Rossmy hat in den 90ern schon großartige Platten gemacht. Und dann erscheint in 2001 ein Album mit neuen Versionen alter Regierungs-Kracher. Gespielt in völlig entspannten country-look-alike Versionen. Ich bin begeistert.

  • Britta: Kollektion Gold
    Ebenso unprätentiös, Christiane Rösinger und ihr Lassie-Singers-Folgeprojekt. Zeitlose lakonische deutsche Popmusik und mit „DJ Holzbank“ ein Lied für die Ewigkeit.

  • Erdmöbel: Altes Gasthaus Love
    Nochmal Pop-Musik in Deutsch. Entdeckt bei einem Konzert in Münster und direkt ins Herz geschlossen. Auch hier ein Übersong: „In den Schuhen von Audrey Hepburn“. Das bisher beste Album einer der originellsten deutschen Kapellen.

  • Element of Crime: Romantik
    Mittlerweile in der Kategorie “Outstanding“. Jedes Album hält den Standard: Entspannte Laid-back-Musik mit herausragenden Texten. Mit Romantik habe ich Element of Crime entdeckt und das passte zu der Zeit optimal: „Bring den Vorschlaghammer mit...“

  • The Notwist: Neon Golden
    Und nochmal Musik aus Deutschland: Kraftwerk meets Pavement meets Dinosaur Jr. - oder so ähnlich. Klingt vertraut und doch unglaublich innovativ. „Leave me hypnotized, love.“

  • The Go-Betweens: Bright yellow, bright orange
    Nicht das Comeback-Album und auch nicht die Good-bye-Platte, sondern die dazwischen war für mich die schönste. Eine der Bands der 80er macht ein Jahrzehnt Pause und kommt zurück mit Musik für den Pop-Himmel.

  • The Libertines: Up the bracket
    Von allen neuen „The-Bands“ für mich die beste. Eine Platte wie ein Keulenschlag. Rotzig dahin gespielt, voller Dynamik und Energie. Noch ein Album hinterher und Schluss, besser konnte es nicht mehr werden.

  • The Weakerthans: Reconstruction site
    Mein Favorit aus Kanada und da gab es viel schöne Musik im letzten Jahrzehnt. Die Weakerthans haben aber zur richtigen Zeit den passenden Nerv bei mir getroffen, und nicht nur bei mir „...als die kanadische Band ihre traurigen Lieder sang.“

  • Wilco: Sky blue sky
    Auch Wilco habe ich erst spät entdeckt und zwar mit dieser Platte. Klassischer Rock (Gitarrensoli), schräge Sounds und melodiöser Pop, hier wunderbar vereint. Ein Füllhorn an musikalischen Raffinessen. Meine Lieblingsband des Jahrzehnts.

  • Sonic Youth: The eternal
    Ein viertel Jahrhundert dabei und keinerlei Abnutzungserscheinungen. Ein Paukenschlag zum Abschluss. Nach „Daydream Nation“ nochmal ein Album mit Potenzial zum Klassiker.


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  Fanfare Ciocarlia: Iag Bari - the Gypsy horns from the mountains beyond


Tokyo Ska Paradise Orchestra: Full Tension Beaters


The Damned: So, who's paranoid?


Au revoir Simone: The Bird of Music


Fischerspooner: Odyssey


Jürgen Körber

  • Fanfare Ciocarlia: Iag Bari - the Gypsy horns from the mountains beyondAuch wenn die Balkan-Welle wieder am abflauen ist (was auch seine guten Seiten hat), die Schnellbläser aus Rumänien sind eindeutig die Könige ihres Metiers. Alle Alben sind hervorragend, Iag Bari ist vielleicht das Beste.

  • Tokyo Ska Paradise Orchestra: Full Tension BeatersAbsolut gepflegter Ska, dabei unglaublich abwechslungsreich. Auch hier gilt: Alle Alben der Jungs sind grosse Klasse, Full Tension Beaters war mein erstes von ihnen, daher sei es hier angeführt.

  • The Damned: So, who's paranoid?Leider ohne Rat Scabies, aber der Captain und Dave haben einfach ein tolles Comeback hingelegt. Nicht nur Nostalgikern zu empfehlen, Damned klingen wirklich so gut wie früher.

  • Au revoir Simone: The Bird of MusicMinimalismus kann so einfach sein. Bird of Music gefällt mir noch besser als ihr Erstling, Verses of Comfort, Assurance & Salvation.

  • Fischerspooner: OdysseyDie Band praktiziert sog. Electroclash, und sie klingen dabei, wenn sie gut sind, etwas wie Kraftwerk und andere Elektro-Heroen. Auf Odyssey sind sie gut.

  • Superpunk: Wasser Marsch
    Goldige Texte treffen Northern Soul: Diese Musik muss man enfach vom ersten Ton und vom ersten Reim an lieben. "Auf ein Wort, Herr Fabrikant" oder "Neue Zähne für meinen Bruder und für mich" sind ein Muss.

  • Hanzel und Gretyl: Über alles.
    Auch wenn die jüngste CD der beiden New Yorker, 2012, leider gar nicht mehr so gut war, so funktioniert hier der Mix aus Industrial, Metal und Disco noch allerliebst.

  • Camera Obscura: My Maudlin Career
    "maudlin" bedeutet ja soviel wie sentimental oder rührselig, und genaus so bittersüß und melancholisch kommt auch die Musik daher, dabei aber nur ganz leicht schmalzig, fast so wie die Bunnymen zu ihren besseren Zeiten, aber weniger pathetisch. Sängerin Tracyanne Campbell hat eine tolle Stimme.

  • Franz Ferdinand: You could have it so much better
    Eigentlich schon zu Mainstream, aber den kann man in diesem Fall auch bedenkenlos hören.

Und nicht zuletzt:

  • Mister Bungle: California
    Ein Meisterwerk. Mike Patton ist mit seinen Nebenprojekten Fantomas und Mister Bungle noch viel kreativer als mit Faith No More. California und eine absolut geniale Mischung aus Surf und alles möglichem. Unglaublich, was da alles drin steckt. Auch wenn die Platte eigentlich noch von 1999 ist, muss ich sie hier aufführen. Warum nur haben die danach aufgehört?


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  Peaches: The Teaches of Peaches


Moldy Peaches: Moldy Peaches


Coldplay: A Rush Of Blood To The Head


T.Raumschmiere: Radio Blackout


Console: Reset the Preset


DJ Hell: N.Y. Muscle


Marc Degens

  • Peaches: The Teaches of Peaches (2000)
    Und damit waren die Neunziger vorbei.

  • Moldy Peaches: Moldy Peaches (2001)
    All I wanna do is ride bikes with you / and stay up late and watch cartoons ... "Nothing came out" ist eines der schönsten Liebeslieder aller Zeiten.

  • Coldplay: A Rush Of Blood To The Head (2002)
    Wahrscheinlich das perfekteste Popalbum der Nuller Jahre.

  • T.Raumschmiere: Radio Blackout (2003)
    Ich hätte auch "The Great Rock'n'Roll Swindle" (2002) oder "Anti" (2002) oder die "Zartbitter"-EP (2001) nennen können ...

  • Console: Reset the Preset (2003)
    Inzwischen gefallen mir die Instrumentalstücke besser. Bei "Marina (Version 'Mallorca')" komme ich sofort in Urlaubsstimmung.

  • DJ Hell: N.Y. Muscle (2003)
    "Let No Man Jack" ... Da möchte ich sogleich über die Tanzfläche marschieren: Drei Schritte nach vorn, drei Schritte zurück ...

  • Monolake: Momentum (2003)
    2003 ... Was für ein Jahr - und was für eine unglaubliche Platte! "Cern", "Linear", "Ecentric" ... Bis heute habe ich nichts Aufregenderes gehört.

  • Arcade Fire: Funeral (2004)
    Mein Lieblingsalbum der Nuller Jahre.

  • DJ Shir Khan: Copyright Candies (2004)
    Nena und Eminem, Kelis und Lenny Kravitz ... Diese (Bastard-)Mixe sind bis heute zeitlos.

  • Devendra Banhart: Cripple Crow (2005)
    Mein zweites Lieblingsalbum der Nuller Jahre.

  • Egoexpress: We Do Wie Du/Hot Wire My Heart (2006)
    2006 und schon 11 Alben ... Tut mir leid!

  • LCD Soundsystem: Introns (2006)
    Eigentlich hätte ich "LCD Soundsystem" (2005) nennen müssen, aber im Augenblick höre ich "Introns" viel öfter.

  • Peterlicht: Lieder vom Ende des Kapitalismus (2007)
    Erst "Sonnendeck" (2000), dann dieses meisterhafte Album ... Für mich ist Peterlicht der bedeutendste deutschsprachige Liedermacher der Gegenwart, noch vor dem weiterhin großartigen Jochen Distelmeyer.

  • Hot Chip: Made in the Dark (2008)
    Oder doch lieber "The Warning" (2006) mit "Boy From School"?

  • Das Bierbeben: Das Bierbeben (2009)
    Schon allein wegen "Dunkle Tage" ...

Nicht zu meinen Lieblingsalben - aber sicherlich zu meinen Lieblingsgruppen der Nullerjahre zählen The White Stripes und Air. Und wahrscheinlich auch The Whitest Boy Alive - die Musik von The Whitest Boy Alive kann ich im Moment aber nicht mehr hören. Eines der schönsten Lieder der Nuller Jahre ist "Out of time" von Blur. Und "Easy Money" von Nick Cave. Und natürlich "Neighborhood #1 (Tunnels)" von Arcade Fire.


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  A River Ain't Too Much Too Love


Richard Thompson, Front Parlour Ballads


T-Bone Burnett, The True False Identity


Tina Karolina Stauner

  • Smog, "A River Ain't Too Much Too Love" (2005)

  • Richard Thompson, "Front Parlour Ballads" (2005)

  • T-Bone Burnett, "The True False Identity" (2006)

  • T-Bone Burnett, "Tooth Of Crime" (2008)

  • Bob Dylan, "Love & Theft" (2001)

  • Ornette Coleman, "Sound Grammar" (2006)

  • James Blood Ulmer, "Bad Blood in the City: The Piety Street Sessions" (2007)

  • Brötzmann/Pliakas/Wertmüller, "Full Blast" (2006)

  • Tortoise & Bonnie Prince Billy, "The Brave And The Bold" (2006)

  • Scott Walker, "The Drift" (2006)

  • Battles, "Mirrored" (2007)

  • Shellac, "Excellent Italian Greyhound" (2007)

  • Shellac, "1000 Hurts" (2000)

  • Schlippenbach Trio, "Winterreise" (2006)

  • Schlippenbach Trio, "Gold Is Where You Find It" (2008)

  • Elliott Sharp, "Octal: book one" (2008)

  • Elliott Sharp's Terraplane, "Forgery" (2007)

  • Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble, "Eleventh Hour" (2004)

  • Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble, "Memory/Vision" (2002)


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  TOOL: Lateralus


Ulver: Perdition City


De-Loused in the Comatorium


Return to Cookie Mountain


Laibach: Volk


Dominik Irtenkauf

Die folgende Auswahl kann nur verstanden werden, wenn der persönliche Werdegang des Journalisten mitgezeichnet wird. In den Nullerjahren begann der hier Schreibende sein Studium mit Zuversicht in die Zukunft. Daß in diesen Jahren die Musik längst zu einer Wiederholung ihrer selbst und früherer Jahrzehnte werden sollte, wie im THE GUARDIAN-Artikel ausgeführt, konnte sich der junge Mensch nicht vorstellen. Die Zeit verging, das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts, ja Jahrtausends verstrich und im Jahr 2010 gilt es, einen Rückblick zu wagen. Einen gefärbten, weil leidenschaftlichen Blick, denn in ihm steckt ein Stück Lebensgeschichte. Vor allem wurden die Fühler auf den Rock gerichtet.

  • TOOL: Lateralus (2001)
    Zunächst eher in der Masse der alternativen Rockbands Amerikas ein Licht unter vielen, spielten sich TOOL spätestens mit dieser Scheibe in die Premier League. Ihre Musik fokussierte sich längst nicht mehr auf den Sänger als Mittelpunkt jeder Collegerock-Combo, sondern verlagerte die Betonung auf einen Wall of Sound, der in sich technisch diffizil bleibt. Die Percussion nähert sich indischer Rhythmik und Lieder wie 'Lateralis' und 'Reflection' drehen sich schraubengleich in die Gehörgänge der Hörer. Der Rhythmus kehrt in die Rockmusik ein, ohne jedoch Anleihen beim klassischen Progressive Rock der siebziger Jahre zu nehmen. Das Strophe-Refrain-Strophe-Schema kann nach dieser Platte nicht naiv weiterverfolgt werden. TOOL schaffen sich eine eigene Szene von enttäuschten Metallern, denen das Wuchtige bei ihren Traditionalisten zum Hals raushängt, aber auch von hungrigen Alternativerock-Fans, die die Grunge-Welle trotz Suizidgefährdung und Holzfällerhemdenwollfussel überstanden haben. TOOL stehen stellvertretend für den Weg in eine Rockmusik, die den Schwerpunkt auf die instrumentelle Darbietung legt, dabei jedoch nicht in den Kitsch der siebziger Jahre zurückfällt.

  • ULVER: Perdition City. Music To An Interior Film (2000)
    Ist es möglich, aus einer Szene auszubrechen, in der man einen Grossteil seiner Jugend verbracht hat? Durchaus, wenn einem Musiker zur Seite stehen und eine helfende Hand reichen. ULVER spielten in ihren Anfangstagen Black Metal, das heißt: hochfrequent gestimmte Gitarren, Lo-Fi-Produktion, krächzender Gesang, Klangkulisse ganz wie bei einem Schneesturm. So weit, so gut. ULVER brachten noch vor dem Jahrhundertwechsel ihre Umbesinnung heraus: "Themes From William Blake's The Marriage Of Heaven And Hell", eine Komplettvertonung des Hauptwerks des britischen Dichters. Noch vereinzelt drang die metallische Vergangenheit durch. Danach folgte eine EP, die bereits die orthodoxen Fans abschreckte und verscheuchte. Im Jahr 2000 schließlich trat eine grausige Vogelscheuche auf das Metal-Feld: "Perdition City". Im wahrsten Sinne des Wortes schienen nun die Metaller verloren, der Rezensent atmete auf und war von den Beats beeindruckt. Beats auf dieser Scheibe, die einer Hip Hop-Combo sehr gut zu Gesicht stünden. Das Erstaunliche hierbei ist, dass ULVER ihren Weg konsequent weiterverfolgen. Sie nennen es "wolves evolve". Und sie entwickeln sich, hin zu einer wirklich kalten Präsentation gegenwärtigen Metropolenlebens. Ein Soundtrack für die verlassenen Wölfe, die aus sozialer Einsamkeit jeden Abend zum Mond heulen. Diesen Wechsel von einem musikalischen Paradigma ins andere, stellt eines der beeindruckendsten Erlebnisse der Nullerjahre dar.

  • THE MARS VOLTA: De-loused In The Comatorium(2003)
    Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Ein altbekannter Spruch, besonders auch im Reich der Kunstartefakte. In verborgenen Katarakten zwängt sich ein Rinnsal seinen Weg durch die schwere Erde. Gewinnt dieses Tröpflein an Kraft, so wird mitunter eine ganze Bewegung an die Oberfläche geschwemmt. Ab und zu greifen einige Musiker ihre Instrumente etwas anders als üblich. THE MARS VOLTA aus den Staaten verschaffen dem längst totgeglaubten Krautrock eine zweite Geburt, vermischen ihn jedoch mit einem Potpourri aus allen möglichen Stilen der sechziger und siebziger Jahre. Anders als die Flaming Lips ufern die MARS VOLTA-Kompositionen noch stärker in psychedelische Orgien und instrumentale Höhepunkte aus. Auf der letzten Scheibe "Octahedron" wurden sie allmählich rockiger, doch die Lust am Fabulieren an den Instrumenten ist den Musikern geblieben. Da auch puertoricanische und mexikanische Wurzeln bei THE MARS VOLTA zu finden sind, wechseln sie häufig zwischen englischen und spanischen Texten. Das bringt noch ein wenig mehr Abwechslung in die Geschichte. Was man THE MARS VOLTA zugute halten muß, ist ihr Mut, zu experimentieren und das übliche Popsong-Format um Längen zu sprengen.

  • TV ON THE RADIO: Return To Cookie Mountain" (2006)
    Beeindruckt vor allem vom Namen der Band, von einer angedeuteten Intermedialität, besorgte sich der Rezensent zunächst einen Überblick, sprich: eine selbst zusammengestellte Compilation. Als dann im Jahr 2006 das 2. offizielle Album "Return To Cookie Mountain" erschien, wurde das Anliegen der Band deutlich: die afroamerikanische Tradition des Classic Souls und Blues mit dem New Wave wie auch Post Punk zu verbinden und dabei vor allem auf die Stimmgewalt der einzelnen Mitglieder zu setzen. Das brachte ihnen auf besagtem Album die Anerkennung der Pop-Ikone David Bowie ein, der es sich nicht nehmen ließ, seine Vocals dem Track 'Province' beizusteuern. Streng genommen sind TV ON THE RADIO wieder nur ein Sternchen im überbevölkerten Pophimmel, denn wie gesagt: man bedient sich bei bestehender Tradition, wohl oder übel. Doch der Name weist bereits den richtigen Weg: hier knüpfen die US-Amerikaner an ein britisches Erbe an. Nicht umsonst hört die erste eigenproduzierte Platte auf den Titel "OK Calculator". Was Radiohead mit ihrem unverwechselbaren Gitarrensound in der Indie Rock-Szene geschafft haben, versuchen TV ON THE RADIO im Rhythm'n'Blues. Ausgeschrieben verdeutlicht diese Genrebezeichnung ihren eigentlichen Ursprung, und zwar die rhythmische Aufladung des Blues, der sich dadurch aus seinem Stakkato und Sprechgesang löst und eine popdienlichere Ausrichtung annimmt. Was heute unter dem Label "R'n'B" läuft, hat natürlich nur im entferntesten mit TV ON THE RADIO zu tun. Man wird auf den Scheiben der Gruppe kein schmachtendes Whitney-Houston-Gesäusel finden oder Liebestexte, deren Englisch an die ersten Schuljahre des Fremdsprachenunterrichts erinnern. Stattdessen abwechselnd impulsive und träumerische Interpretationen diverser Blues- beziehungsweise Soul-Standards wie auch schöner popmusikalischer Ideen.

  • LAIBACH: Volk (2006)
    LAIBACHs Einfluß auf die gegenwärtige Industrial- und sogenannte Neue Deutsche Härte-Szene ist unbestritten und statt Rammstein als Exponenten einer wiedererstarkten deutschen Rockmusik im globalen Maßstab herauszugreifen, sollte man den Blick auf die Väter richten. LAIBACH sind in ihrer Heimat Slowenien in ein Künstlerkonglomerat mit Namen NSK integriert, welches - kurioserweise - eine Abkürzung für eine deutsche Bezeichnung darstellt: Neue Slowenische Kunst. Weshalb die Slowenen in dieser Nullerjahre-Retrospektive auftauchen, ist nicht so sehr musikalischen Gründen geschuldet, als vielmehr der Aussagekraft der vorliegenden Scheibe. "Volk" behandelt 13 Nationalhymnen, wobei die vierzehnte eine klangliche Interpretation des utopischen Staates NSK versucht. Es beginnt mit 'Germania' und endet mit 'Vaticanae'. Die Informationen im Booklet sind aus der globalen Enzyklopädie des Jedermanns entnommen: von wikipedia. In einer Zeit, wo die kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb der Nationen zunehmen und die ethnische Frage überdeutlich im Fokus steht, da mutet ein Album mit Namen "Volk" seltsam, wenn nicht geradezu problematisch an. Das Argument, dass LAIBACH faschistische und totalitäre Ideologien verherrlichen, ist geschenkt und regt heute nur noch Hörer auf, die die letzten Jahrzehnte verschlafen haben. Was ist also an diesem Album dran? Volk soll slowenisch für Schaf sein und eben diese Tiere - drei an der Zahl - schmücken das Cover der Scheibe. Zudem fügen LAIBACH englischen Unterton, lies: Sprechgesang zu den einzelnen Hymnen: Deutschland, USA, das Vereinigte Königreich, Russland, Frankreich, Italien, Spanien, Israel, die Türkei, China, Japan, Slowenien und der Vatikan werden besungen. Das Englisch weist den bekannten harten slawischen Akzent auf und die geäußerten Worte lenken in eine stark polarisierende Richtung. Das gesamte Album dekonstruiert gewissermassen die nationalstaatlich aufgeladenen Melodien. Wer ertappt sich beim Hören der „eigenen“ Nationalhymne nicht bei einem Gefühl des Stolzes? Damit spielen LAIBACH und beweisen auch in den Nullerjahren, daß es noch Themen in der Musik geben kann, über die zu streiten sich lohnt.


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  The Notwist - Neon Golden


Norman Palmer: Songs


Auffallen Durch Umfallen


The Bake Sale


Den Teufel Tun


The Blow: Paper Television


Moritz Körner

Wenn Simon Reynolds im Guardian schreibt, dass es keine Konsensplatten mehr gibt, so mag er damit recht haben, was aber nicht alleine dem Rattenschwanz an Spezifizierung und Vielfalt, dem man im Internet automatisch zu jedem beliebigem Thema, so auch Musik folgen kann, geschuldet ist, sondern auch daran liegt, dass ein bestimmtes musikalisches Genre nicht mehr unbedingt nur einer bestimmten Subkultur zugängig ist. Es hat sich durch das Internet eine Differenzierung der Musik nach Subkultur erübrigt, welche jahrelange Einfluss auf Popkultur und das Entstehen ihrer Strömungen hatte und sie in ihrem Wandel beeinflusst hat. Die letzte große Welle erstreckt sich über die zehn Jahre, die jetzt gerade hinter uns liegen. Sie führt vom Erfolg der Strokes hin zu Hot Chip. Die Gitarre küsst den Synthesizer. Danach löst sich alles ins Wohlgefallen des Rattenschwanzes auf. Pop erreicht eine nie dagewesene Vielfalt. Es liegt nicht nur an dem Fakt, dass jedem die Möglichkeit gegeben wird immer alles zu hören, sondern durch den technologischen Fortschritt sind wir inzwischen an einem Punkt angelangt, wo es möglich ist, dass jeder in seinem eigenen Zimmer auch alles machen kann.

Dementsprechend nun mein Album des Jahrzehnts und einen Rattenschwanz von Veröffentlichungen der letzten Jahre, die herausstechen.

  • The Notwist - Neon Golden (City Slang / EMI) - 2002
    Man kann extrem viel über dieses Album sagen, aber das ist gar nicht unbedingt nötig, da man es erst hören muss, um zu begreifen, was es im popkulturellen Kontext des Rattenschwanzes bedeutet. Man kann versuchen sich seinem Entstehungsprozess zu nähern, welcher in der Dokumentation On/Off the Record (Rough Trade) festgehalten wurde. Und als wäre man sich dem, was am Ende stehen könnte, in irgendeiner Weise bewusst gewesen, zählt dieser Film definitiv zu den besten Musikfilmen der letzten zehn Jahre. Was letztendlich am Ende stand war ein perfektes Album voll emotionaler Musik, der man anhörte, wieviel Liebe zum Detail bei der Produktion vorhanden war, denn The Notwist sind Vorreiter einer Generation, die sie, von diesem Zeitpunkt an, erst in ein paar Jahren einholen wird. Es ist die Kombination der einzelnen Versatzstücke irgendwo zwischen Rock, Elektronik, Hardcore und orchestralen Elementen, welche als Ergebnis in ihrer Harmonie perfekten Pop ergeben, der wegweisend für eine Zeit ist, in welcher Genregrenzen in großen Teilen dazu verdammt sind, ad absurdum geführt zu werden. Eine Bekannte von mir bezeichnete The Notwist kürzlich als das totale Spießertum. Wenn aber das Ergebnis perfekter Pop ist, dann bin ich gerne Spießer.

  • Maeckes - Null (Chimperator) - 2009

  • Norman Palm - Songs (Morr Music) - 2009

  • Have A Nice Life - Deathconsciousness (Enemies List) - 2008

  • peters. - auffallen durch umfallen (Unterm Durchschnitt) - 2008

  • The Cool Kids - The Bake Sale (Xl/Beggars / Indigo) - 2008

  • Nils Koppruch - Den Teufel Tun (Vertigo / Universal) - 2007

  • The Blow - Paper Television (Tomlab / Indigo) 2006

  • Klez-E - Flimmern (Loob Musik / Universal) - 2005

  • Okkervil River - For Real ( Jagjaguwar / Cargo Records) 2005

  • John Frusciante (Record Collection) - 2004

  • Bodi Bill - Bodi Bill (Sinnbus / Alive) - 2004


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  Shadows of the Sun


Her Von Welken Nächten


Deathspell: Kenose


Kate Bush, Aerial


Marcel Tilger

  1. Ulver, "Shadows of the Sun"

  2. Dornenreich, "Her von welken Nächten"

  3. Deathspell Omega, "Kenose"

  4. Kate Bush, "Aerial"

  5. Portishead, "Third"

  6. Ulver, "Perdition City"

  7. Sigur Rós, "()"

  8. Secrets of the Moon, "Antithesis"

  9. Eleni Karaindrou, "The Weeping Meadow"

  10. Manes, "How the World Came to an End"

  11. The Gathering, "Souvenirs"

  12. Opeth, "Watershed"

  13. Primordial, "The Gathering Wilderness"

  14. Godspeed You! Black Emperor, "Lift Your Skinny Fists Like Antennas to Heaven!"

  15. Elend, "A World in Their Screams"

  16. Goldfrapp, "Felt Mountain"

  17. Katatonia, "Night Is the New Day"

  18. Johnny Cash, "American IV: The Man Comes Around"

  19. Empyrium, "Weiland"

  20. Midnight Coir, "For the Bricks to Fall"


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  Johnny Cash, The Man comes around


Sofa Surfers, Encounters


Tobi Kirsch

  • Johnny Cash, The Man comes around

  • Sofa Surfers, Encounters

  • Kettcar, Du und wieviel von deinen Freunden

  • Tarwater, The needle was traveling

  • Arcade Fire, Neon Bible

  • Franz Ferdinand, dito

  • Coldcut, Sound Mirrors

  • Vampire Weekend, dito

  • Interpol, Turn on the Bright lights

  • Foals, Antidotes


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  Judas Christ


Antimatter, Saviour


Fehlfarben: Knietief im Dispo

Ronald Klein

  • Sampler Saturn Gnosis (2000)
    Vertonte Esoterik der Weimarer Republik. Dunkle Ambient-Flächen reihen sich an Gedichte wie „Der gefallene Engel“. Mittlerweile gern benutzte Gothic-Ästhetik, damals ein heller Fixstern am Gruft-Himmel, den Schlager-Gothics wie Lacrimosa verdunkelten.

  • Tiamat, „Judas Christ“ (2002) + „Prey“ (2003)
    Zehn Jahre durchschritten Tiamat sämtliche Metamorphosen und bereiteten Musikjournalisten Kopfschmerzen. Mal wurden sie mit Bathory, später mit Pink Floyd und schließlich den Sisters of Mercy verglichen. Judas Christ und Prey markieren den Höhepunkt des Schaffens der Schweden. Fernab sämtlicher Schubladen präsentieren sie knapp 20 klasse Rocksongs. Herausragendes Juwel: Die Vertonung des Gedichts The Pentagram von Aleister Crowley, das gleichzeitig eine Absage an lebensfremde Esoterik-Modelle darstellt.

  • Antimatter, Saviour (2002)
    Bands wie Coldplay oder die Kings of Convenience füllen Hallen. Aber ihrem melancholischen Pop-Rock fehlen Ecken und Kanten. Und die finden sich auf dem Debüt Antimatters wie auch den weiteren Scheiben der englischen Formation, die ebenso Pink Floyd- oder Portishead-Fans zu begeistern weiß - wenn diese auf Antimatter stoßen. Denn statt großer PR-Maschinerie bleiben sie einem kleinen Indielabel treu oder veröffentlichen gleich im Internet.

  • Fehlfarben, Knietief im Dispo (2002)
    Neben Male eine der ersten Punk-Bands aus Düsseldorf. Musikalisch längst von den Wurzeln entfernt, besitzen die Texte der Platte eine unglaublich visionäre Kraft, die die großen Krisen der späteren Jahre klug verhandelte.

  • Genevieve Pasquier, Virgin Thoughts (2003)Eine der wenigen weiblichen Protagonisten der Noiseszene. Viel wichtiger aber: eine der wenigen Künstlerinnen, die nicht auf Altbewährtes setzen, sondern mittels Originalität und Innovation auch genrefremde Hörer anziehen. Mal sperrig, dann fast wieder in Popgefilden: faszinierende Klangwelten.

  • Ulver - 1993-2003: 1st Decade In The Machines (2003)Eine der facettenreichsten Formationen der letzten 20 Jahre. Vom Black Metal über klassischen Folk zu Drum'n'Bass und schließlich zur elektronischen Avantarde. Das Best-Of-Album lässt die Kompositionen in völlig neuem Licht erscheinen. Dank der remixenden Hände von Jazzkammer, Merzbow und anderen Künstlern des Anti-Pop.

  • Sandow, Aufbruch & Aufruhr (2003)
    Sandow aus Cottbus, gegründet 1982, zählt zweifelsohne zu den ungewöhnlichsten deutschen Formationen. Sie vertonten Artaud, Blake und Tarkwoskij. Die Demoversionen aus den 80ern zeigen die jugendliche Combo frisch und direkt. Texte, die die Enge zwischen volkseigenen Kombinaten und der freien deutschen Jugend beschreiben, bieten erschreckende Analogien zu modernen Zeiten.

  • Abruptum, Casus Luceferi (2004)
    Black-Metal-Urgestein aus Schweden. Zwei Songs. Jeweils knapp 30 Minuten. Hypnotisch, eindringlich, majestätisch.

  • Taktlo$$, BRP 56 (2004)
    Taktloss erfand mit Kool Savas als Westberlin Maskulin in den 90ern den deutschen Gangsterrap. Wer Lustiges aus Stuttgart und Hamburg gewöhnt war, ängstigte sich zu Tode. Wer etwas genauer hinhörte, entdeckte in Taktloss einen Meister anspruchsvoller Reimkunst, subtilen Humors und einer kritischen Denke, die keiner der üblichen Schulen zugerechnet werden kann.

  • Alva Noto + Ryuichi Sakamoto, Insen (2005)
    Alva Noto aka Carsten Nicolai gilt nicht nur als einer der interessantesten bildenden Künstler, sondern auch als Visionär der elektronischen Musik. Zusammen mit dem Japaner Sakamoto entstand dank dieses Albums ein Trend, der unzählige Outputs nach sich zog: die Fusion von Laptop-Elektronik und klassischer Musik. Nur wenige Nachahmer erreichten das Original.

  • Scott Walker, The Drift (2006)
    David Bowie nannte sie die wichtigste Platte der Popgeschichte. Songs um die zehn Minuten. Verfrickelte Hymnen der Nacht des ehemaligen Sonnyboys, der mit den Walker Brothers einst mehr Platten als die Beatles verkaufte. Niemand besang die Schuppenflechte so eindringlich wie Walker in Psoriatic.

  • Nico, Frozen Borderline (2007)
    2008 hätte Christa Päffgen ihren 70. Geburtstag gefeiert. Auch in den Presse-Elogen wurde von ihr als „Ex-Velvet-Underground-Mitglied“ und „Ex-Junkie“ oder „Ex-Model“ gesprochen. Dabei wird übersehen, dass es sich bei der gebürtigen Kölnerin um eine der größten deutschen Künstlerinnen des Nachkriegsdeutschlands handelt. Frozen Borderline enthält ihre ersten beiden selbst komponierten Alben The Marble Index (1969) und Desertshore (1970), die an keine popkulturelle Tradition anknüpfen, sondern mit Harmonium und Streichern eher an mittelalterliche Moritate erinnern. Neben den regulären Versionen, finden sich hier auch sämtliche Demos und Outtakes. Warum die Anti-Kriegs-Hymne Sagen die Gelehrten nicht schon vorher den Weg auf eine Platte fand, bleibt ewig Geheimnis. Erklärt doch dieser Song Nicos ewig wiederholendes frotzelndes Interview-Statement: „Warum fragen Sie mich nach Velvet Underground oder Heroin und nicht, wie sich das durch die Bomben brennende Berlin anfühlte?“

  • Joe Rilla, Auferstanden aus Ruinen (2007)
    „Der Osten rollt“ hieß die erste Single. Im Video: Plattenbauten in Marzahn, dazu ein Rapper mit Glatze und Bomberjacke. In der Presse galt er fortan als der „HipHop-Nazi“. Wie flach! Und ein Beweis dafür, dass auch Musikjournalisten die Platten, die sie besprechen nicht immer hören. Rilla erzählt von Menschen ohne Perspektive, vom Verlust seines Sohnes und davon, dass Menschen nicht nach ihrer Herkunft beurteilt werden sollten. Facettenreiche Platte.

  • Neil Diamond, Home Before Dark (2008)
    Bereits wie auf 12 Songs vertraut eNeil Diamond Rick Rubin als Produzenten. Der Mann, der bereits Johnny Cash zur Alterskarriere verhalf, offenbart auch Diamond als exzellenten Song-Schreiber und Interpreten. Ein ebenso wie intimes wie kompositorisch außergewöhnliches Album.

  • Klimt1918 - Just In Case We'll Never Meet Again (Music For The Cassette Generation) (2008)
    Indie-Pop aus Italien, der sämtlichen Szenegrößen im Indie-Rock-Bereich alt aussehen lässt. Melancholische Hymnen, mit Leichtigkeit verfasst. Ein Dauerbrenner.

  • Wolves In The Throne Room - Malevolent Grain (2009)
    Black Metal ohne destruktive Attitüde. Bei der US-Formation handelt es sich um Umweltschützer, die mit dem 13-Minuten-Epos A Looming Resonance eine der eindringlichsten Rocksongs des Jahrzehnts schufen. Allein dafür einen Kniefall vor Gastsängerin Jamie Myers.

  • Sunn O))), Monoliths & Dimensions (2009)
    Ursprünglich wollten Stephen O'Malley und Greg Anderson lediglich ihrer Lieblingscombo Earth aus Seattle Tribut zollen. Daraus entstand Sunn O))), die mittlerweile innovativste Drone-Formation. Zusammen mit Attila Czihar von Mayhem übertroffen sie sich selbst und sprengten sümtliche Genre-Korsetts und schufen auf Monoliths & Dimensions zeitlose Mini-Sinfonien.


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Philipp Rhensius

  • The Notwist - Neon golden (2002)
    Eine Platte, die mithilfe des damals neu zugestoßenen Bandmitglieds Martin Gretschmann aka Console neue Standards setzte. Vor allem, was die virtuose und unaufdringliche Verbindung von elektronischen Elementen mit akustischen Instrumenten betrifft. Es ist immer wieder unglaublich eindringlich, wenn z.B. das vom Orchestermusiker Sebastian Hess live eingespielte Cellomit den detailreichen, analog generierten Beats zu einer Einheit verschmilzt.

  • 13 and god – dto (2005)
    Indie meets Hip-Hop. Wer den Notwist- Sound schätzt und gleichzeitig experimentellen Rap mag oder einfach offen für ungewöhnliche musikalische Kooperationen ist, dem sei diese CD empfohlen. Atmosphärische Flächen, polyphone Saxophonmotive und dicht geknüpfte, Hip-Hop-lastige Beats treffen auf die ungewöhnlich akzentuierten Raps und (Sprech-) Gesang der amerikanischen Künstler „Themselves“, die sich ansonsten in der experimentellen Szene rund um das Label Anticon bewegen. Realisiert wurde das transatlantische Projekt durch gegenseitige Studiobesuche der Künstler, nachdem die Künstler bemerkten, dass sie bereits seit Jahren Fans voneinander sind.

  • Radiohead - Kid A (2000)
    Nach dem ersten Ausbruch aus der slackerhaften Creep-Lethargie mit OK Computer markiert Kid A die endgültige Absage ans konservative Rockformat und brilliert mit einem radikalen Einsatz elektronischer Klänge, deren Universum unendlich erscheint und vermutlich viele Rockmusiknazis aus der Reserve gelockt haben dürfte

  • Kode9 & the Spaceape - Memories of the future (2006)
    Ein wegweisendes, innovatives Album, welches während der gesamten Laufzeit eine bisher ungekannte, bedrückende Atmosphäre erzeugt, was nicht zuletzt an den tiefen, an Dubpoesie geschulten Lyrics von MC Spaceape liegt. Die Beats und Klangtexturen erzeugen dabei gerade aus ihrem strukturellen Minimalismus heraus eine überwältigende Wirkung, die einen nicht mehr loslässt.

  • TOOl - 10.000 days (2006)
    Künstlerische Virtuosität auf höchstem Niveau.

  • At the drive in - Relationship of commandHardcore, Energie, virtuose Arrangements, künstlerische Exzentrik.

  • Mogwai - Happy Songs for Happy People (2003)
    Die Musik der schottischen Band Mogwai schafft es, Zeit und Raum auszudehnen, ohne dabei in ungenießbare, avantgardistische Gefilde abzudriften. Das musikalische Kontrastprinzip des Laut/Leise-Gegensatzes wurde hier zugunsten von Strukturen aufgegeben, die einen Fluss der immer dichter werdenden Klänge ohne Hindernisse ermöglichen.

  • Deftones - White pony (2000)
    Bewusstseinserweiternd. Eine sonderbare Platte, bei der die Kalifornier neue Soundwege beschritten, sodass sich zur beibehaltenen Härte ungekannte Harmonieflächen gesellten, die elegische Hymnen wie Digital Bath hervorbrachten.

  • Ricardo Villalobos - Alcachofa (2003)
    Ein Meisterwerk des Minimaltechno, dessen künstlerische Größe sich wie bei einem guten DJ-Set beim vollständigen Durchhören nochmals potenziert.

  • As friends rust - Eleven songs (2001)
    "You like your coffee black and your neighbourhood white". Zusammen mit "and the football season is the only reason you stay alive in your prime time beehive" sind das bis heute zwei der relevantesten Textzeilen des Genres. Gepaart mit energischem Hardcore an der Schwelle von Old- zu New-School, samt einer gekonnten Shout- bzw. Gesangs-Arbeitsteilung handelt es sich um ein wichtiges Dokument der Nullerjahre.

  • Skull Disco - Soundboy's Gravestone get Desecrated by Vandals (2007)
    Der letzte Sampler des viel zu früh aufgelösten Kultlabels Skull Disco enthält genre-aufsprengende Dubsteptracks der Bristoler Soundtüftler Shackleton und Appleblim, die neue sound- und strukturtechnische Akzente in moderner, elektronischer Bassmusik setzten. Intelligente Musik, die wegweisend für die Zukunft ist.

  • Burial – Untrue
    Jetzt schon ein Klassiker. Von der ersten bis zur letzten Minute erzeugen die synkopierten 2 step-Beats und die gesampleten Frauenvocals einen derartigen Sog, dass man von einem Klangkokon sprechen kann, der einen von der Umwelt isoliert und bis zur letzten Sekunde gefangen hält. Eine gute Beschreibung der Musik lieferte zum Erscheinen der Platte ein kurzes Interview mit dem raren Künstler, in dem davon die Rede war, dass eigentlich die gesamte Musik nur wie ein Nachhall erscheint, ungefähr so, wie wenn man im Morgengrauen die Tür des Clubs hinter sich schließt und nur noch die dumpfen Umrisse zu hören sind.