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Die Box




23. November 2009
Dominik Irtenkauf
für satt.org

  Kiss: Sonic Boom
Roadrunner Records/Warner


Kiss: Sonic Boom

Elf Jahre war es still um die Rocklegende, die nicht allein mit ihrer melodischen Version des Hardrocks Scharen von Fans an sich binden konnte, sondern vor allem auch wegen der ausgefeilten Bühnenshow und Maskierung der Bandmitglieder. Von der Urbesetzung sind die Macher von Kiss nach wie vor dabei: Paul Stanley an Gitarre und Hauptgesang und Gene Simmons am Bass und Backingvocals. Ansonsten fließt neues Blut bei Kiss. Der neue Mann an der Gitarre, Tommy Thayer, feiert auf „Sonic Boom“ seinen Einstand. Um es gleich vorweg zu nehmen: Kiss sind stark zurück. Ja, sie haben das Kunststück hinbekommen, ein längst vergangenes Konzept wieder zu reanimieren. In den 1980er Jahren war der Glamrock stark: Bands wie Mötley Crüe, WASP, Poison und eben Kiss thematisierten vor allem Themen des selbstgewählten Lebensstils. Es ging dabei (selbstverständlich) viel um Liebe, Frauen, Sex und die Probleme, denen man als überzeugter Rocker gegenüber steht. Die Selbststilisierung machte ja nicht vor den Frisuren und Gesichtern der Musiker Halt: Haare wurden toupiert, Schminke angelegt, sich in Lederkluft geschmissen. Kiss jedoch gingen bereits von Anfang an in ihrer äußeren Erscheinung einen besonderen Weg: Sie wählten, in Anlehnung an Superhelden-Comics, Künstleridentitäten, die auf der Bühne an jedem Abend wach wurden.

Auf „Sonic Boom“ tritt zweifelsohne der unverkennbare Kiss-Sound hervor: starke Hooklines auf den Gitarren, der melodische Gesang Stanleys, unterstützt von überzeugenden Songideen. Nachdem Guns’n Roses in den frühen Neunzigern das Erbe der Glamrocker übernommen haben und zu neuen Rockstarehren aufstiegen, holen sich Kiss mit „Sonic Boom“ ihren Anspruch auf den Thron zurück. Der häufigste Fehler, der bei der Beurteilung der Kiss-Musik begangen wurde, ist meines Erachtens der Vorwurf der Softness. Hierbei sollte man sich Kiss‘ Ursprünge vor Augen führen. Kiss waren nie Metal gewesen, ihre Gitarrenarbeit orientiert sich eindeutig an bluesigen Vorbildern und sie stehen dem Rock’n’Roll nicht nur in den Texten nahe. Daß sie nicht den zeitgenössischen Trends hinterher laufen und auf „härter“ machen, muß ihnen als Stärke angerechnet werden. Auf der aktuellen Scheibe gibt es gerade deswegen etwas zu entdecken, weil Kiss nicht der Welle nachäffen, technischer zu werden. Besonders in der härteren Musik ist diese Tendenz seit einigen Jahren zu beobachten: man denke an Gruppen wie Tool oder Mastodon, die ein neues Verständnis harten und dennoch sehr technischen Komponierens in die Szene eingeführt haben. Kiss bleiben hiervon unbeeindruckt und bieten nach wie vor die Richtung, für die sie bekannt sind. Was angesichts der über dreißigjährigen Bandgeschichte erstaunt, ist, daß in Songs wie ‚Danger Us‘, ‚Stand‘ und ‚I’m An Animal‘ mehr als überzeugende Riffs auftauchen, die sich im Verbund mit einem markanten Refrain leicht in die Gehörgänge fräsen. Kiss knüpfen an vergangene Tage an. Vor Veröffentlichung des Albums äußerte sich die Band enthusiastisch über ihr mittlerweile neunzehntes Studioalbum. Da die Pressekapazitäten von Kiss beschränkt sind, war ein Interview für das Online-Feuilleton leider nicht möglich, doch man kann sich die Antworten von Stanley & Simmons bereits vorstellen: „Ja natürlich repräsentiert unser neues Album Kiss auf dem Höhepunkt ihres Schaffens.“ Oder aber: „Wir machen unsere Musik eigentlich nur für die Fans. Wenn die Fans zufrieden sind, sind wir es auch.“ An diesen Aussagen ist nichts Gekünsteltes, denn bei jeder Note von „Sonic Boom“ wird deutlich, daß die Musik von Kiss ohne Fans, also: ohne Begeisterung für die neuen Stücke, nie funktionieren könnte. Dieser Umstand beruhigt angesichts ständigen Wandels der Genres (besonders im harten Bereich) ungemein. Interessant ist es schon, daß Kiss nun auf einem Label gelandet sind, das unter anderem für Death und Thrash Metal wie auch MetalCore bekannt ist. Selbst die größte Innovation besinnt sich irgendwann auf ihren Ursprung zurück.