Anzeige:
Die Box




22. November 2009
Philipp Rhensius
für satt.org

  Hyperdub: 5 Years of Low End Contagion
Hyperdub:
5 Years of Low
End Contagion

Hyperdub/Cargo
» hyperdub.net
» myspace





Hyperdub
5 Years of Low End Contagion

Die Erwartungen könnten nicht höher sein bei der jüngsten Veröffentlichung einer Jubiläums-CD anlässlich des fünfjährigen Geburtstags von Hyperdub, dessen Kopf Dr. Steve Goodman alias Kode9 nicht nur eine der eindringlichsten Dubstepversionen der vergangenen Jahre veröffentlicht hat, sondern auch als Dozent für Medientechnologie an der University of East London als intellektueller Vordenker der Szene gelten kann.

Schon die Trackliste der Doppel-CD zeigt, dass hier Künstler vertreten sind, die zum interessantesten zählen, was Dubstep, oder, was hier passender erscheint, moderne elektronische Bassmusik zu bieten hat. Denn Hyperdub ist in rasender Geschwindigkeit zu einem Sammelbecken der unterschiedlichsten Produzenten avanciert und hat es geschafft, elektronische Musik, die sich von Einflüssen aus Jungle, Garage, 2step, Hip-Hop und Dub nährt, ins neue Jahrtausend zu befördern. Neben etablierten Größen wie Flying Lotus oder Burial, dessen Album „Untrue“ heute schon ein Klassiker ist und in keiner Musikgeschichtsschreibung mehr fehlen darf, zeigen die Tracks weniger bekannter Künstlern wie Black Chow oder Darkstar, dass hier die Leidenschaft zur Musik vorherrscht, und kein Denken, das vorrangig marktwirtschaftlicher Logik unterworfen ist.

Vergleicht man CD 1, die neue und teilweise unveröffentlichte Tracks enthält, mit der zweiten CD, die eine Art Best-Of der letzten fünf Jahre ist, wird deutlich, dass der Sound von Hyperdub ständige Innovation erfahren hat.
Während die ersten Jahre noch deutlich vom düsteren Sound geprägt waren und die mehr spür- als hörbaren Bässe von Kode9's beatlosem Ghosttown eine unmittelbare apokalyptische Stimmung erzeugten, lässt sich in der zweiten Hälfte der Arbeit des noch jungen Labels ein Paradigmenwechsel der Klangtextur in Richtung hellere, mehr an Melodien orientierte Synthiesounds feststellen, wie die Tracks von KünstlerInnen wie Ikonika und Joker zeigen. Doch eigentlich ist Diversität und Pluralität schon immer ein Markenzeichen des Labels gewesen. Ob Burials subtil eingenebelte Garagebeats, die den Hörer in einen bis dato ungekannten Klangkokon saugen und eine Art diffuser Melancholie erzeugen, The Bugs dunkler Version von futuristischem Dancehall oder Ikonikas wie Staubpartikel frei umher schwebende Synthesizermotive bei Please; jeder Künstler hat einen einzigartigen Stil, der sich in seinem Eklektizismus nur noch peripher am klassischen Dubstep orientiert. Ungefähr dazwischen liegen die Protagonisten des jungen Genres Wonky, was die Verwendung von rhythmisch instabilen, „aus dem Gleichgewicht geratenen“ Synthesizern bezeichnen soll. Die amerikanische, vom Hip-Hop beeinflusste Variante wird durch Flying Lotus und Samiyam vertreten, dessen Rollerskates sich stets kurz davor befindet, in seiner vermeintlich instabilen, rhythmischen Struktur zusammenzufallen. Fragilität ist hier ein zentrales Motiv der musikalischen Gestaltung. Die mehr vom Dubstep beeinflusste britische Wonky-Variante wird durch Joker oder Zomby's genialem Kaliko repräsentiert, welches zwar im Zusammenspiel der sich immer veränderten triolischen Motive eine neue Qualität komplexer Polyrhythmik etabliert, dabei aber den Hörer wegen der regelmäßigen, sich auf der dritten Zählzeit ausruhenden Snaredrum nie überfordert. Neben dem schon etwas älteren Need You des Bristoler Duos Darkstar mit seinem vereinnahmend warmen, absteigenden Basslauf und den sehnsüchtigen Textzeilen der scheinbar lebendigen Computerstimme stechen vor allem das ungewohnt direkte und gesellschaftskritische Time Patrol vom Erfolgsduo Kode9 and the Spaceape oder LD's Shake it, das wegen seines Drucks und der plötzlich auftretenden rhythmischen Dichte ein selektives Hören erst nach mehrmaligem Hören möglich macht. In puncto innovativem Sound überzeugt vor allem der 8-Bit-Dubstep des Japaners Quarta 330, der sich einer neuen Klangästhetik bedient, die vor allem aus der bewussten Reduktion der Musik auf Videospieltöne und digitale Störgeräusche besteht. Hört man seine Musik, so drängt sich geradezu ein Vergleich zum etwa hundert Jahre zurückliegenden Futurismus auf, deren geistiger Vater Luigi Russolo in seinem Manifest The art of noise von 1913 für die Erweiterung des musikalischen Materials im Sinne einer Einbeziehung der damals noch neuen, industrialisierten Umwelt plädierte, wobei er unter anderem auf die Verwendung von Maschinen in Kompositionen vorschlug. Für Quarta 330 dienen statt Lokomotiven jedoch die zum Sinnbild der akustischen Vergewaltigung im öffentlichen Raum aufgestiegenen Handysounds als musikalische Inspiration. Wenn auch unbewusst, werden so Zeugnisse geschaffen, die das Kulturgut Musik als Abbild unserer Gegenwart in den Vordergrund rücken. Besonders befremdlich wirkt seine radikale Dekonstruktion des Kode9-Hits 9 Samurai, bei dem die Theorie von Steve Goodman, nach der sich einzelne Sounds in der Geschichte der Musik wie musikalische Viren verbreiten, quasi seine musikalische Verifizierung findet.

Nach dem Hören dieses Samplers bleibt nur zu hoffen, dass Hyperdub auch in Zukunft intelligenter elektronischer Musik, deren Unterschiedlichkeit nur vom Bass als einzigen gemeinsamen Nenner zusammengehalten wird, eine Heimat bietet.