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14. September 2009
Philipp Rhensius
für satt.org

  Mediengruppe Telekommander: Einer muss in Führung gehen
Mediengruppe Telekommander:
Einer muss in Führung gehen

Staatsakt
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Mediengruppe Telekommander:
Einer muss in Führung gehen

„Pop, Pop, bis zum Erbrechen schreien!“ rief die Mediengruppe auf ihrem vor fünf Jahren erschienen Debütalbum „Die ganze Kraft einer Kultur“. Pop? Das neue Album „Einer muss in Führung gehen“ ist alles andere als das. Während sich das Duo in seinen vorherigen Werken musikalisch noch an tanzbaren, elektronischen Beats orientierte, um die sozialkritischen, an Werbesprüche angelehnten Parolen in bester Sprechgesangmanier unters Volk zu bringen, so wird schon beim ersten Titel „Dunkelziffer“ mit jeglicher Erwartungshaltung gebrochen. „Auf große Worte keine Taten, einfach nur Sprüche an der Wand“, heißt es dort. Genau, möchte man zustimme. Ob Graffitis oder aktuell Wahlplakate gemeint sind, bleibt ambivalent, trifft aber in jedem Fall voll ins Schwarze der politischen Beteiligungslethargie. Der Titelsong ist mit dem eingängig rockigen Gitarrenriff und dem vordergründigen Schlagzeug noch weiter weg vom bekannten Sound. Aber auch im klassischen Punkrock-Gewand klingen MTK vertraut. Die vermeintliche Kritik an bürgerlicher Autoritätshörigkeit wird dabei auf humorvolle Weise durch die dümmlich drein blickenden Schafe auf dem Plattencover ironisch gebrochen. Zynismus erweist sich auch hier mal wieder als probates Mittel für Sozialkritik. „Über alles“ klingt so, als hätten Deichkind zusammen mit McLusky im Proberaum mehrere Flaschen Whisky geleert und eine anschließende Jamsession aufgenommen. Dissonante, verzerrte Gitarren folgen auf ein atmosphärisches, bis zum Anschlag gefiltertes Synthesizer-Pattern. Nach dem an die Soundästhetik des New Wave erinnernden „L`esprit nouveau“ nimmt das Album außer dem alles andere als runterkomm-tauglichen Song „Runterkommen“ schließlich etwas an Fahrt ab. Richtig überzeugen kann erst wieder das avantgardistische „Es gibt immer was zu tun“, in dem ein atmosphärisch bis kitschiges Keyboardintro von einem tiefen, bedrohlichen Bass und mantraartigen Sätzen abgelöst wird, die wie eine Sammlung aus einschlägigen Lebensratgebern klingen: „Ich sollte meine Softskills verstärken und sämtliche Chancen ergreifen.“ Selten bekommt man den Zeitgeist so pointiert formuliert serviert.

Insgesamt können Mediengruppe Telekommander wieder einmal in ihrer Königsdisziplin, der auf kurze Parolen reduzierten, provokanten Sozialkritik punkten. Die Electrobeats wurden dabei weitgehend durch rockende, punkige 2-Akkorde-Riffs ersetzt und das neue, analoge Schlagzeug tut sein Übriges, um den Eindruck des deutlich härter gewordenen Sounds zu bestätigen. Vor allem aber hat die Mediengruppe wieder einiges zu sagen und gerade in Zeiten des Wahlkampfes kommen diese Art von Slogans, die „näher am Menschen“ sind als die von volksfernen Politikerkarikaturen, doch nur gelegen.