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Die Box




10. August 2009
Christina Mohr
für satt.org

Musikbuchsommer 2009, Ausgabe III

Im dritten Teil unserer Sommer-Musikbuchempfehlungen stellen wir vor: Peter Guralnicks Standardwerk "Sweet Soul Music", Tricia Roses "Hip Hop Wars", Daniel J. Levitins "Der Musik-Instinkt" und einiges mehr …

  Peter Guralnick: Sweet Soul Music
Peter Guralnick:
Sweet Soul Music

Bosworth Musikverlag
übersetzt von Harriet Fricke
541 Seiten, € 29,95


Peter Guralnick: Sweet Soul Music

Mindestens ein Standardwerk – darunter macht es der amerikanische Autor, Kritiker und Musikjournalist Peter Guralnick nicht. Seine zweibändige Elvis-Biographie („Last Train to Memphis“/„Careless Love“) umfasst mehr als 1500 Seiten, auch seine Bücher über Sam Cooke und Robert Johnson sind gewichtig, in Bezug auf ihre Dicke genauso wie inhaltlich. Sein, äh, Standardwerk über den Soul der sechziger Jahre, „Sweet Soul Music“, erschien in der Originalausgabe bereits 1986 und ist jetzt auch in deutscher Übersetzung erhältlich. Wie in seinen anderen Büchern verknüpft Guralnick eigenes Erleben und Fantum mit akribischer Recherche: für „Sweet Soul Music“ bereiste er die gesamten Südstaaten und musste sich, wie er im Vorwort zugibt, von einigen Vorurteilen lossagen wie z.B. dem, dass Soul nichts mit Rhythm'n Blues zu tun habe. Auch dass er an der Fülle des Materials mehrfach beinahe gescheitert sei, verschweigt Guralnick nicht: ab einem bestimmten Punkt aber sortierten sich die Interviews und Notizen von selbst, das Buch gab seine Richtung vor. Zu den richtungsweisenden Momenten zählten für Guralnick vor allem ein Interview mit dem „Soul-König“ Solomon Burke, der ein ganzes Kapitel für sich alleine beansprucht, ebenso wie Aretha Franklin, Otis Redding, James Brown und das Label Stax – Motown ist für Guralnick wegen der hemmungslosen Hinwendung an ein weißes Publikum weit weniger bedeutsam und kommt deswegen nur in Nebensätzen vor. „Sweet Soul Music“ ist Nachschlagewerk, Musikhistorie und Huldigung an eine ganze Szene und ihre MusikerInnen in einem: Elvis Costello empfiehlt es vorbehaltlos zum Kauf, wir schließen uns an.


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  Tricia Rose: The Hip Hop Wars
Tricia Rose: The Hip Hop Wars: What We Talk About When We Talk About Hip Hop – And Why It Matters
Basic Books
304 Seiten, $15.95
» triciarose.com


Tricia Rose: The Hip Hop Wars

Yo! Vorurteile über Hip Hop, anyone? Sich über Hip Hop und Rap eine Meinung zu bilden, scheint ganz leicht zu sein. Auch Menschen, die noch nie eine Platte von A Tribe Called Quest, KRS One oder Kanye West gehört haben, reden gern über Hip Hop und meistens fallen die Urteile niederschmetternd aus: Gewaltverherrlichend, frauenfeindlich, konsum-unkritisch und vieles mehr. Tricia Rose, Professorin für African-American studies an der Brown University in Providence und Autorin des wegweisenden Buchs „Black Noise“ (1994) hat sich auf die Fahnen geschrieben, mit diesen und anderen Vorurteilen aufzuräumen – wobei sie in ihrem neuen Buch „The Hip Hop Wars“ Argumente von Hip Hop-Gegnern ebenso aufgreift wie die seiner Verteidiger, Beispiele: Dass im Hip Hop Frauen grundsätzlich erniedrigt würden, ist genauso diskussionswürdig wie die Meinung der „Gegenseite“, dass es „nun mal Bitches und Hoes gebe“. Ebenso das Thema Gewalt: Verherrlichen Hip Hopper Gewalt per se oder bilden sie schlicht eine Realität ab, für die sie wiederum jegliche Verantwortung ablehnen (siehe Kapitel „We´re Not Role Models“)? Und was sagt das alles über US-amerikanische Befindlichkeiten aus? Tricia Roses Ansatz ist in erster Linie politisch-soziologisch, lässt die Musik aber nicht zu kurz kommen – ein wichtiges Buch, nicht zuletzt, um den eigenen Standpunkt auf den Prüfstein zu stellen.


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  Fernand Hörner, Oliver Kautny (Hg.): Die Stimme im Hip Hop. Untersuchungen eines intermedialen Phänomens
Fernand Hörner, Oliver Kautny (Hg.): Die Stimme im Hip Hop. Untersuchungen eines intermedialen Phänomens
transcript
201 Seiten, € 22,80
» transcript-verlag.de


Die Stimme im Hip Hop

Was auf den ersten Blick sehr speziell und wie eine universitär-verkopfte Untersuchung wirkt, ist bei näherer Betrachtung so plausibel wie ein Thema nur sein kann: die beiden Musik- und Kulturwissenschaftler Fernand Hörner und Oliver Kautny haben ein Buch herausgegeben, das sich in acht Kapiteln dem Einsatz der Stimme im Hip Hop widmet – keine andere Popmusikgattung ist so sehr von Worten, Phrasierung, Betonung, Nuancierung abhängig wie Rap und Hip Hop; Instrumente, Beats und Samples dienen der Unterstreichung dessen, was der/die MC zu sagen/zu rappen hat. Eine wissenschaftlich-interdisziplinäre Untersuchung der Stimme(n) im Hip Hop ist also viel mehr überfällig als überflüssig. Besonders überzeugend sind die Artikel von Christian Bielefeldt („Black Dandy und Bad Nigga: Zur Geschichte zweier vokaler Narrative im Rap“) und vor allem Murray Forman gelungen. Formans Text „Machtvolle Konstruktionen: Stimme und Autorität im Hip Hop“ bietet einen raschen und gehaltvollen Überblick über die Entstehung und Verbreitung des Rappens (auch für blutige Laien!) und streift sogar die letztjährigen US-PräsidentschaftskandidatInnen Barack Obama und Hillary Clinton: Murray geht zwar nicht so weit, Clintons weibliche und von vielen als „schrill“ empfundene Stimme als verantwortlich für ihre Niederlage gegen Obama zu bezeichnen, verweist aber darauf, dass für die Öffentlichkeit „eine tiefe, dunkle Männerstimme den Eindruck von Wichtigkeit vermittelt.“ Hörner/Kautnys Buch ist also nicht nur für Die Hard-Hip Hop-Fans interessant, sondern für alle, die sich für die Konnotationen zwischen (Rap-)Stimmen, Macht und Autorität interessieren.


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  Daniel J. Levitin: Der Musik-Instinkt
Daniel J. Levitin: Der Musik-Instinkt. Die Wissenschaft einer menschlichen Leidenschaft
Spektrum Akademischer Verlag
übersetzt von Andreas Held
Geb., 432 Seiten, € 26,95
» yourbrainonmusic.com


Daniel J. Levitin: Der Musik-Instinkt

Vor zwei Wochen stellten wir an dieser Stelle Christoph Drössers Buch „Hast du Töne“ vor, in dem der Autor mit Verve die These verteidigt, dass alle Menschen musikalisch begabt sind, ja, dass das Musizieren eine quasi angeborene menschliche Verhaltensweise ist. Jetzt ist – drei Jahre nach der Veröffentlichung des amerikanischen Originals – das offensichtliche Vorbild für Drössers Buch auf deutsch erschienen: Daniel J. Levitins „Der Musik-Instinkt“ („This Is Your Brain On Music: The Science of a Human Obsession“/Dutton, Penguin US, 2006). Levitin ist ein derart vielbeschäftigter und multipel begabter Mensch, dass man schon die Wikipedia-Seite über ihn lesen muss, um alle seine Aufgaben, Referenzen, etc. auf einen Blick zu resümieren. Hier mag die Info genügen, dass er Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der McGill-University in Montreal ist, als Musikproduzent arbeitete, die U.S. Navy in Soundfragen ebenso beriet wie The Grateful Dead und Steely Dan (!?!). Selbstverständlich ist er auch aktiver Musiker, der in verschiedenen Bands spielte und auch heute noch auftritt. In „Der Musik-Instinkt“ greift Levitin neben detaillierten musiktheoretischen Ausführungen die Fragen auf, die jeden Musikfan umtreiben: Wird man schon im Mutterleib auf musikalische Vorlieben geprägt? Warum bleibt die Musik, die man als Teenager gehört hat, die wichtigste im Leben? Gibt es musikalische Genialität oder läuft alles auf die berühmt-berüchtigten 10.000 Stunden Übung hinaus? Was macht einen Ohrwurm zum Ohrwurm? Das siebte Kapitel, „Was macht einen Musiker aus? Kompetenz unter der Lupe“ ist ganz klar Ideengeber und Aufhänger für Christoph Drössers Buch - am besten liest man zuerst Levitins „Musik-Instinkt“ und danach „Hast du Töne“ mit Rotstift in der Hand, um die abgekupferten Stellen anzustreichen ;-)


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  Vince Aletti: The Disco Files 1973 – 78
Vince Aletti: The Disco Files 1973 – 78: New York´s Underground Week by Week
Djhistory.com
474 Seiten, £19.95
» djhistory.com


Vince Aletti: The Disco Files 1973 – 78

Der New Yorker Musikjournalist Vince Aletti (* 1945) war der erste, der in den frühen siebziger Jahren begann, über die gerade erblühende Discoszene zu schreiben: 1973 erschien sein Artikel über das neue musikalische Phänomen im Rolling Stone. Seine Kolumne „The Disco File“ wurde von 1974 - 1978 wöchentlich im Magazin Record World gedruckt, er schrieb außerdem für The Village Voice und andere Publikationen. Aletti recherchierte mit vollem Einsatz: er besuchte die nicht immer leicht zu findenden Discos und Clubs in NYC, interviewte die DJs hinter ihren Plattentellern, ließ sich Playlists geben und erstellte erste Disco-Charts. Aletti war auch der erste, der legendäre Läden wie The Loft vorstellte, DJs wie Larry Levan, Larry Sanders und andere interviewte und einer breiten Leserschaft bekannt machte. Und als Disco von der Hinterhof- und Underground-Bewegung zum lukrativen Mainstream-Phänomen wurde, war Aletti vor Ort, um diese Entwicklung zu dokumentieren. Die reich bebilderte, minutiöse, knapp 500 Seiten starke Woche-für-Woche-Chronik „The Disco Files“ ist ein Festschmaus für Disco-Fans: Das Buch beinhaltet die wichtigsten Texte Alettis, hunderte von Clubcharts, Plattenreviews und stellt Künstler, Clubs und DJs vor. Keep on Dancin'!


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