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Die Box




20. Juli 2009
Christina Mohr
für satt.org

Short Cuts-Logo
Juli 2009, zweiter Teil


  Archive From 1959: The Billy Childish Story
Archive From 1959:
The Billy Childish Story

Doppel-CD
Damaged Goods/Cargo
» billychildish.com
» myspace
» stuckism.com


Archive From 1959: The Billy Childish Story

An dieser Stelle alle Aktivitäten und Erscheinungsformen William Charlie Hampers alias „Wild“ Billy Childish aufzuzählen, ist unmöglich. Selbst ein kurzer Abriss würde den Rahmen sprengen, deshalb hier ganz kurz: Der 1959 in Chatham/Kent/UK geborene Billy Childish gründete anno '77 die Garagenpunkband The Pop Rivets. Als diese sich nach zwei Jahren auflösten und Childish die Nachfolgeband The Milkshakes ins Leben rief, war das nur der Anfang einer unvergleichlich umtriebigen und verwirrenden Laufbahn: weitere Childish-Bands waren z.B. The Buff Medways, Thee Headcoats, Thee Mighty Cesars, The Chatham Singers und – bis heute – The Musicians of the British Empire. Er produzierte Holly Golightly und die Goldenen Zitronen, besitzt einen eigenen Verlag und widersetzt sich mit seinem Plattenlabel allen gängigen Produktionsmechanismen: wenn es ihm beliebt, veröffentlicht er schon mal vier Alben an einem Tag. Außerdem ist er Maler, einer der eher traditionellen Art, so traditionell, dass seine Ex-Freundin Tracey Emin ihm einst an den Kopf warf, er und seine Bilder seien „stuck“ - keine Beleidigung für Childish, der das Schimpfwort als Namen für eine Künstlergruppe auserkor, The Stuckists. Erwähnten wir bereits, dass Childish auch Spoken Word-Artist ist? Nein? Es gibt viel zu entdecken und aufzuarbeiten im Werk des von der Musikpresse sträflich vernachlässigten, dem vielleicht letzten lebenden „Punk at Heart“ Billy Childish - seinem Schaffen als Blues-, Garagen-, Punk- und Rock'n'Roll-Musiker widmet sich das Doppel-CD-Album „Archive From 1959: The Billy Childish Story“, das nicht weniger als 51 Songs aller oben genannten Bands (und noch einiger anderer) versammelt. Auch als schmucke 3-LP-Vinyl-Box erhältlich.


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  Slow Club: Yeah, So
Slow Club: Yeah, So
Moshi Moshi, Cooperative, Universal
» myspace


Slow Club: Yeah, So

„When I Go“ und „Giving Up On Love“, die ersten beiden Songs auf „Yeah, So“ klingen so genuin amerikanisch – zarter Fingerpicking-Folk bei Nummer eins, fröhlicher Surfpop bei Nummer zwei -, dass man das Duo Slow Club ganz selbstverständlich in den USA ansiedeln möchte. Aber nein, Rebecca Taylor und Charles Watson kommen aus Großbritannien, um genau zu sein aus der Industriemetropole Sheffield, die so unterschiedliche Bands wie Pulp, Def Leppard, die Arctic Monkeys und The Long Blondes hervorbrachte. Watson und Taylor machen seit einigen Jahren zusammen Musik, veröffentlichten ein paar Singles bei Moshi Moshi haben sich als charmante Liveband eine treue Fanschar erspielt - höchste Zeit also für ein „richtiges“ Album! Folk oder besser schrammeliger Anti-Folk ist ein Hauptbestandteil des Slow Club-Sounds, den Rebecca und Charles, die übrigens ganz wunderbar abwechselnd oder zusammen singen, mit vielen anderen Stilen mixen: sanfte Balladen wie „Boys on Their Birthdays“ sind kein Widerspruch zu den übermütig-punkigen Ausbrüchen bei „It Doesn´t Have to be Beautiful“ und „Trophy Room“. Ob eher ruhig oder wild, alle Songs besitzen eine poppige Leichtigkeit, ohne dass das Ganze zu niedlich wird: da sind Slow Club doch echte Kinder ihrer Heimatstadt Sheffield, die sich auch mal richtig dreckig machen.


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  Wavves: Wavvves
Wavves: Wavvves
Cooperative/Universal
» myspace


Wavves: Wavvves

Wavves sind eigentlich keine Band, sondern das One-Man-Projekt des kalifornischen Extrembloggers, Sängers und Gitarristen Nathan Williams. Live wird Williams von Drummer Ryan Ulsh unterstützt, was dazu führt, dass Wavves immer mal wieder mit den White Stripes verglichen werden. Doch wo Jack und Meg White ihren Blues verinnerlicht haben, ist Williams' Leidenschaft eine wilde, psychedelische Mixtur aus Surf, Punk, Noise- und Garagenrock, die – Quelle unbekannt – auch „Shitgaze“ genannt wird. Das Debütalbum „Wavves“ von 2008 erhält ein knappes Jahr später mit „Wavvves“ (man beachte die Feinheiten in der Schreibweise) einen würdig-durchgeknallten Nachfolger: 14 auf 36 Minuten verteilte Tracks mit so schönen Titeln wie „So Bored“ und „No Hope Kids“, und solche, die eine gewisse Besessenheit mit Gothic und Dämonen ausdrücken („Goth Girls“, „California Goths“, „Summer Goth“, „Beach Goth“, „Surf Goth“, „Weed Demon“, „Beach Demon“, „Killr Punx, Scary Demons“). Mädchenchöre kommen von irgendwo angeweht, dazwischen janglen speedige Gitarren, die Drums hallen, Williams gibt seine kryptischen Texte zum Besten – ach ja, Wavves machen schon viel Spaß! Punkige Randnotiz: Weed und kalifornische Sonne garantieren nicht für friedliche Surfervibes. Bei einem Konzert in Barcelona Ende Mai bekamen sich die beiden Musiker und das Publikum so in die Haare, dass der Auftritt in einer heftigen Prügelei endete. Gaze the Shit!


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  Rinôçérôse: Futurinô
Rinôçérôse: Futurinô Cooperative/Universal
» rinocerose.com
» FutuRino.fr
» myspace


Rinôçérôse: Futurinô

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie sich die beiden multiinstrumentalen Franzosen Patrice Carrié und Jean-Philippe Freu darüber schlapplachen, wie Fans und Journalisten in aller Welt krampfhaft versuchen, alle accents in ihrem Bandnamen richtig zu setzen. Aber egal, ob man mit accent grave und circonflex auf Kriegsfuß steht, Rinôçérôse sind ja zum Hören da: zu ihren Fans gehören New Order, Moby, Massive Attack und LCD Soundsystem, und auch live sind Carrié und Freu eine Bank. Seit 1996 spielen die beiden schon zusammen und mixen ihre Lieblingsstile House und Rock, beim neuen Album „Futurinô“ kommt die deutliche Hinwendung zu Dance und Elektro hinzu: schmissiger Discopop eröffnet das Album („Panic Attack“), knarzigen, aber tanzbaren Elektro gibt’s bei „Touch Me“, das rockige Instrumental „Mind City“ wurde geschickt als Gelenkstück in der Mitte des Albums platziert. Apropos Instrumental: Singen ist das einzige, was Carrié und Freu nicht selber machen. Dazu laden sie üblicherweise namhafte GastsängerInnen ins Studio ein, was auch bei „Futurinô“ wieder der Fall war: Sängerin Ninja vom GO Team ist bei „Time Machine“ zu hören, Bnann von den Infadels auf dem sehr Infadels-liken „Head Like A Volcano“, Luke Paterson gleich auf zwei Tracks (unter anderem bei der exzessiven House-Session „The Heroic Sculpture of Rinôçérôse“), Jessie Chaton von der Glamrockband Fancy ebenfalls (beim hardrockigen„My Cadillac“ und „Touch Me“). Musikalisches Könnertum mit Akzent auf Spaß und Party.


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