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Die Box




22. Juni 2009
 

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Juni 2009, zweiter Teil


 
The Lemonheads: Varshons
Cooking Vinyl/ Indigo
» thelemonheads.net
» myspace/lemonheads
» evandando.co.uk
» myspace/tortugabar


The Lemonheads: Varshons

Wenn Liebe ein Mixtape ist, dann meint Evan Dando es in diesem Sommer besonders gut mit Freunden von Gitarrenpop, Folk und Country-Rock: „Varshons” ist eine Sammlung von elf Coverversionen, die er mit den Lemonheads auf einem (gewohnt kurzen) Album an die Player rund um den Globus sendet. Eine schöne Idee, schließlich bringen uns die Nullerjahre musikalisch in erster Linie „Spirale(n) der Erinnerung“ und letztlich war es mit Suzanne Vegas „Luka“ auch ein Cover, mit dem Evan Dando und die Lemonheads Ende der 1980er erstmals in Europa bekannt wurden. „Varshons“ hat dann auch alles, was einen guten Mix für entspannte Sommerabende ausmacht. Dando serviert kleine Perlen wie „I just can't take it anymore“ (Gram Parsons), „Layin` up with Linda” (G.G. Allin) und „Mexico” (Fuckemos). Eine nicht so spannende Version von Leonard Cohens „Hey, that`s no way to say goodbye“ trägt er im Duett mit Schauspielerin Liv Tyler vor. Aber, mal ehrlich: Mindestens einen Ausfall hat (fast) jeder gute Mix, oder? Dafür liefert Evan Dando an anderen Stellen schöne Überraschungen. Der Electropop auf der mit Kate Moss eingesungenen Version des „Dirty Robot“ vom niederländischen Duos Arling & Cameron war vom Schöpfer des Meisterwerks „It`s a shame about Ray“ (1992) so nicht zu erwarten. Auch nicht eine Coverversion des Christina Aguilera-Hits „Beautiful“ (geschrieben von Linda Perry). Damit könnte es Dando glatt noch einmal in die Charts schaffen. Wenn er das überhaupt noch einmal will. Die Idee zum Mix hatte Gibby Haynes (Butthole Surfers), der „Varshons“ auch produziert hat. Er hatte seinem Kumpel Evan Dando im Laufe der Jahre immer wieder nette Mixe zusammengestellt. Die nun veröffentlichten Variationen sind also quasi eine „Best of“.
Übrigens: „Varshons“ ist nicht das einzige Mix Tape, an dem Evan Dando 2009 beteiligt ist: Wie Phillip Boa, Gisbert zu Knyphausen, Rummelsnuff und viele andere ist er auch auf dem Album „Narcotic Junkfood Revolution“ von Tortuga Bar (Mark Kowarsch, früher Sharon Stoned) zu hören. (Thomas Backs)


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  Placebo: Battle for the Sun
Placebo: Battle for the Sun
PIAS
» placeboworld.co.uk


Placebo: Battle for the Sun

Placebo entwickeln sich immer mehr zu dem, wonach sie sich vor mehr als fünfzehn Jahren benannt haben: zu einem „unwirksamen Scheinmedikament“ (Duden). Gelangen dem Trio um Brian Molko früher unbestrittene Meisterwerke der teenage angst & depression wie ihr Debütalbum oder „Without You I'm Nothing“ (1998), zeichnet sich spätestens seit der letzten Platte „Meds“ die Hinwendung zum breitwandigen, aber inhaltsarmen Stadionrock ab. Auch Molkos stets herausgestellte Androgynität/Bisexualität (Stimme, Aussehen) ist vom Statement zur medial verwertbaren Pose geworden. „Battle for the Sun“ ist im Verständnis der Band gewiss eine Weiterentwicklung, ein Schritt in eine neue Richtung: nicht mehr Steve Hewitt sitzt am Schlagzeug, das Trommeln hat Steve Forrest übernommen; zu den schon auf „Meds“ eingesetzten Streichern kommen nun noch wohldosierte Bläsersätze hinzu. Und klar, die gewohnten Placebo-Elemente sind alle noch vorhanden: Hymnische Melodien, strategisch eingesetzter Bombast, Glam-, Alternative- und Hardrock, Melancholie, Wut, Molkos Stimme. Molko nennt den Placebo-Sound „Hard Pop“. Und dennoch: Die Songs zünden nicht, die intendierten Spannungen sind vorhersehbar. Der Titeltrack, „Kings of Medicine“ und „Devil in the Details“ ertrinken im Pathos, während „Kitty Litter“ oder „The Never-Ending Why“ noch so etwas wie Dynamik und Energie ausstrahlen. Mit „Ashtray Heart“ setzen sie einen Verweis auf die eigene Bandgeschichte: sie wollten sich nämlich einst nach einem Captain Beefheart-Song gleichen Titels benennen. Kann man heutzutage kaum glauben.


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  Midlife. A Beginner's Guide To Blur
Midlife. A Beginner's
Guide To Blur

Doppelalbum/EMI
» blur.co.uk


Midlife. A Beginner's Guide To Blur

Was, Blur gibt es schon zwanzig Jahre? Beziehungsweise gab, 2002 trennte sich die Band wegen musikalischer Differenzen. In diesem Jahr soll es die lang ersehnte Reunion geben, man munkelt von Auftritten im Londoner Hyde Park und beim legendären Glastonbury-Festival. Aber ob sich die Band um Damon Albarn nun wieder zusammenrauft oder nicht, Blur haben ein ziemlich beeindruckendes Gesamtwerk hinterlassen, mal ganz abgesehen von Damon Albarns zahlreichen Nebenprojekten wie Gorillaz und The Good, The Bad, The Ugly und Graham Coxons Soloplatten. Die wichtigsten Songs der sieben Studioplatten Blurs erscheinen jetzt auf dem charmant „Midlife“ („Crisis“ kann man sich dazudenken) betitelten Best-Of-Album, das in einer Mischung aus Understatement und Großkotzigkeit als „Beginner's Guide to Blur“ verpackt ist. Am Stück gehört wirken die stilistische Bandbreite und der Experimentierwillen Blurs mehr als erstaunlich: fast schon obszön eingängige Hits wie „Song 2“ stammen von derselben Band wie die episch-psychedelischen „The Universal“, „This Is A Low“ und „Sing“? Kaum zu fassen. Poppige Perlen wie „Coffee and TV“, „Girls and Boys“ (der MTV-Hit „Country House“ fehlt im Übrigen) und das bissige „Parklife“ gehören zum festen Kanon des Britpop, den Blur wie ihre ewigen Konkurrenten Oasis (man erinnere sich an den bis ad nauseam ausgeschlachteten „Krieg“ der beiden Bands) maßgeblich mitgestalteten. Den letzten Track, „Battery In Your Leg“ darf man als Friedensangebot an Graham Coxon und vielleicht doch als Hinweis auf eine Reunion deuten: Diesen Song steuerte Coxon zum bisher letzten Blur-Album „Think Tank“ bei, obwohl er die Band bereits verlassen hatte.


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  Madness: The Liberty of Norton Folgate
Madness: The Liberty
of Norton Folgate

Ministry of Sound/edel
» madness.co.uk


Madness: The Liberty of Norton Folgate

Noch so eine Band, die untrennbar mit merry olde England, Britpop (frühe Variante) und der eigenen Biografie verbunden ist: Madness. Seit den späten Siebzigern aktiv, mit den Specials, The Beat und The Selecter Protagonisten des Two-Tone-Ska-Revivals, ab den achtziger Jahren Garanten für großartig-schräge Pophits wie „Our House“, „Michael Caine“ oder „It Must Be Love“. Zwischenzeitliche Trennung von 1986 – 1992, bis heute in wechselnder Besetzung und mit unregelmäßigen Veröffentlichungen existent, Fels in der Brandung und ständiges Mitglied ist Sänger und Texter Suggs. Das neue Album wurde schon vor einigen Monaten über die Band-Website als Special-Edition-BoxSet angeboten und erscheint jetzt auch regulär. Noch stärker als frühere Platten ist „The Liberty of Norton Folgate“ eine Liebeserklärung an London, Madness' Heimatstadt. Warum dem winzigen Distrikt Norton Folgate, der im Norden des Londoner Bankenviertels liegt und Bishopgate und Shoreditch High Street verbindet, gehuldigt wird, erklärt Suggs in seiner ausführlichen „introduction“. Kurz resümiert kann man sagen, dass die kulturelle Vielfalt Folgates (Einwanderer aus aller Welt, heute hauptsächlich aus Bangladesh, früher Hugenotten aus Frankreich) in das Album einfließt, von afrikanischen Rhythmen („Africa“) über die „Clerkenwell Polka“ und sogar Balkanbeats mixen Madness alle möglichen Stile in ihren sehr milde gewordenen, aber noch immer unverkennbaren Sound aus schiefen Bläsern, Klimperklavier und Schunkelreggae. Über allen Songs hängt eine Mischung aus nostalgischer Melancholie und unkaputtbarer Rude-Boy-Attitude – ohne böse sein zu wollen: Madness wirken heute so wie kürzlich der 81-jährige Roger Moore im TV: man weiss, dass er mal James Bond war, aber er ist eben doch ein Opa geworden.


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  Yppah: They Know What Ghost Know
Yppah: They Know
What Ghost Know

Ninja Tune / Rough Trade
» ninjatune.net
» myspace


Yppah: They Know What Ghost Know

Ob der 28-jährige Mexican-American Joe Luis Corrales Jr. seinen Künstlernamen Yppah (sprich „Yippa“) auswählte, weil er er ein besonders glücklicher Mensch oder gerade das Gegenteil des Happy-go-Lucky-Typs ist, wissen wir nicht. Was wir wissen, ist, dass der Elektro-Rock-Musiker derzeit in Houston/Texas lebt und gerade sein zweites Album für Ninja Tune veröffentlicht hat. Als Teenager spielte er Bass und Gitarre in verschiedenen Bands und reüssierte später als beherzter HipHop- und House-DJ, der für seine gewagten Mixe, z.B. Ted Nugent/Outkast berüchtigt war. Seit Mitte der 2000er-Jahre konzentriert er sich hauptsächlich auf seine Karriere als Musiker, sprich Laptop-Composer. Yppahs Einflüsse sind enorm vielfältig, wie man auch auf „They Know What Ghost Know“ hören kann: Psychedelic in Form langer, ausschweifender Gitarrensoli und schwebender Percussion, Shoegaze á la My Bloody Valentine (seiner Lieblingsband), Krautrock, Elektro, jazzige Experimente mit komplizierter Rhythmik, die bei „Playing With Fireworks“ und dem Titeltrack an Bands wie Tortoise erinnern, aber auch sanfter Folkpop wie bei „Gumball Machine Weekend“, das glatt von Beach House stammen könnte. Corrales/Yppah schöpft alle Möglichkeiten des elektronischen Songwritings aus, schafft mit Tracks wie „The Moon Scene“ oder „City Glow“ atmosphärisch dichte Sounds, die nie die Frickelei zum Selbstzweck haben, sondern immer nach Melodie und Harmonie streben. Spricht also alles eher für einen glücklichen Menschen.


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  Toy Fight: Peplum
Toy Fight: Peplum
CitySlang/Universal
» myspace


Toy Fight: Peplum

Vor einigen Monaten flatterte der Rezensentin die EP „High Noon“ der französischen Band Toy Fight ins Haus – die vier Songs begeisterten und zauberten ein Lächeln aufs vom Winter verhärmte Gesicht, aber ach, wie es häufig so ist mit EPs und der Schreiberei: kein Platz, keine Zeit, warten wir lieber mal auf das kommende Album. Das ist jetzt da, heißt „Peplum“ und laut Presseinfo war es keineswegs selbstverständlich, dass diese Platte jemals fertiggestellt würde, denn das zwischenzeitlich zum Sextett angewachsene Pariser Trio glänzte bisher nicht durch stringente Arbeitsweise, sondern brachte die Plattenfirma durch zeitweiliges Abtauchen zur Verzweiflung. Dazu kam eine durch das neue Phoenix-Album hervorgerufene Sinnkrise, Toy Fight meinten, sowieso nicht an die großen Vorbilder aus Versailles heranreichen zu können und wollten gar nichts mehr veröffentlichen. Zum Glück überwog aber der kreative Überschwang und vertrieb die Zweiflerwolken: „Peplum“ ist eine rundum gelungene Songsammlung, ganze sechzehn Stücke sind drauf, leichtfüßig, freundlich, charmant. Häufig gezogene Vergleiche zwischen Phoenix und Belle & Sebastian treffen durchaus zu, greifen insgesamt aber etwas kurz: Toy Fight klingen so typisch französisch, wie B & S britisch klingen, und Phoenix sind eben doch noch eine Armlänge entfernt. Toy Fight trommeln auf allen möglichen Gerätschaften und Spielsachen herum, basteln Chanson- und Folkelemente mit Akkordeons, Geigen und Trompeten zusammen und kriegen doch immer wieder die Kurve zum Song. Von Krise keine hörbare Spur!


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  Dinosaur Jr.: Farm
Dinosaur Jr.: Farm
PIAS
» dinosaurjr.com
» myspace


Dinosaur Jr.: Farm

Auf ihre alten Tage beweisen Dinosaur Jr. Humor – wie sonst soll man das von Marq Spusta gemalte Cover interpretieren, auf dem zwei müde, aber entschlossen wirkende Blatt-/Baummonster (Barlow und Mascis?) junge Elfenwesen aus einer vergiftet-trostlosen Fabrikszenerie retten? Aber von Äußerlichkeiten sollte man sich bei den 1983 gegründeten Dinosauriern aus Massachusetts eh' nicht leiten lassen, die einzig wichtige Rolle spielt hier die Musik: und die ist seit mehreren Jahrzehnten weitgehend unverändert. Ähnlich wie Sonic Youth, denen Dinosaur Jr. eng verbunden sind (im Booklet dankt J Mascis SY ausdrücklich), kreierten Dinosaur Jr. vor vielen Jahren ihren Sound, auf den sich Epigonen berufen und den doch niemand imitieren kann. Dinosaur Jr. waren und sind die fusselhaarige Essenz typisch amerikanischer Stile (Rock, Grunge, Alternative, Noise...), die – wieder parallel zu Sonic Youth – jedes Mal erneut wohlvertraut und frisch klingt, Wiederholung ohne Stillstand. Auf „Farm“, dem zweiten Album im Original-Line-Up nach der Reunion 2007, dominieren ausschweifende Tracks, manche acht, neun Minuten lang, mehrminütige Gitarrensoli, Fuzz, Walls of Sound, -zig Schichten übereinander, trotzdem kompakt, direkt („Over It“, „Farm“), nie verdaddelt. Mascis' Stimme wie eh und je knarzig, nörgelnd und voller Wehmut, genau wie seine Gitarre, die süße Melodien und monströses Gegniedel eruptiert. Bassist Lou Barlow darf auch zweimal singen: Zeichen der neuen Harmonie zwischen den notorischen Streithähnen Barlow und Mascis? Unerheblich.


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