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Die Box




29. Juni 2009
Christina Mohr
für satt.org

Sounds Like Female!

  La Roux
La Roux
Polydor/Universal
» laroux.co.uk
» myspace


Little Boots: Hands
Warner
» littleboots.co.u
» myspace


La Roux & Little Boots

Doppelrezensionen wirken auf den ersten Blick ein bisschen gemein, könnte ja sein, dass aus reiner Faulheit oder Zeitmangel Dinge lieblos zusammengeklatscht werden, die nur wenige Gemeinsamkeiten aufweisen. Bei den – rein zufällig? - gleichzeitig erscheinenden Alben von La Roux und Little Boots liegen die Ähnlichkeiten auf der Hand, auch wenn sich die beiden Acts bei näherer Betrachtung natürlich doch unterscheiden: Da ist zunächst einmal der gewaltige Medien-, myspace- und youtube-Hype, der die Popwelt schon lange vor Veröffentlichung der Alben auf La Roux und Little Boots vorbereitete. Weitere Gemeinsamkeit: Zwei junge britische Musikerinnen entdecken/entstauben/reanimieren mit Verve den Elektropop der achtziger Jahre, ohne dass es peinlich wird. Ihnen selbst braucht sowieso nichts peinlich sein, beide wurden in diesem Jahrzehnt erst geboren, man kann ihnen also nicht vorwerfen, die Musik ihrer Jugend auszubeuten.

Little Boots ist das zugänglichere, mainstreamkompatible „Produkt“: Seit ihrer Teeniezeit bosselt die 25-jährige Victoria Hesketh aus Blackpool am Synthesizer an eigenen Tracks, war Mitglied der Girlband Dead Disco, nahm vor einigen Jahren an der britischen TV-Castingshow „Pop Idol“ teil und bezeichnet ihr frühes Rausfliegen als günstige Wendung für ihre Karriere. Wegen ihrer kleinen Füße wurde sie von einem Freund „Caligula“ genannt, was auf Italienisch „Stiefelchen“ heisst – seither tanzt die hübsche Blondine unter dem Künstlernamen Little Boots in den Spuren Kylie Minogues. Die Tracks auf „Hands“ sind eingängigster Electro-Discopop, dessen eingebautes Augenzwinkern man auch ignorieren kann – man muss über keine tiefere Ebene nachdenken, sondern darf gleich lostanzen. Little Boots besitzt Talent für hemmungslose Ohrwürmer, Songs wie „Remedy“, „Stuck on Repeat“, „New in Town“ und das Duett „Symmetry“ mit Human League-Sänger Phil Oakey (!) kann man aus dem Stand mitpfeifen, die Texte bleiben dank einer gewissen Schlichtheit direkt im Ohr („Move while you're watching me / dance to the enemy / I've got a remedy / oh oh“).

La Roux aus London sind eigentlich ein Duo, bestehend aus Elly Jackson und dem Producer Ben Langmaid. Im Mittelpunkt steht die rothaarige Elly, deren kühne Haartracht und androgyne Ausstrahlung für mindestens soviel Aufmerksamkeit sorgt wie La Roux' Musik. La Roux orientieren sich an coolen Eighties-Electroacts wie Soft Cell, Depeche Mode und Yazoo, Ellys Stimme ist sirenenhaft, extrem hoch und zart, geht unter die Haut und manchmal auch an die Nerven. Selbstbewusst behauptet die Sängerin, „die Zeit der Gitarren sei vorbei“, dementsprechend konsequent synthetisch geht das Duo musikalisch vor: die Beats sind kühler, waviger als bei Little Boots, die Texte melancholisch und nachdenklich. Hits wie „Quicksand“, „In for the Kill“ und „Bulletproof“ sind dennoch absolut catchy und clubtauglich – La Roux macht Electropop für sophisticatete Großstädter, die einen Star mit Ecken und Kanten wollen, Little Boots' Poster hingegen wird in Kleinmädchenzimmern hängen, ihre Songs werden auch aus Papas Stereoanlage erklingen.

Beide Alben sind perfekter Pop und wirken in ihrer stilistischen Stringenz (Eighties-Referenzen) in einer Zeit, in der alles mit allem gemixt wird, fast kurios. Bleibt nur abzuwarten, ob Little Boots und La Roux auch noch im nächsten Sommer tanzen...


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  The Gossip: Music for Men
The Gossip: Music for Men
Columbia/SonyBMG
» thegossipmusic.com
» myspace


The Gossip: Music for Men

Beth Ditto auf allen Kanälen: sogar im ARD-Morgenmagazin war sie unlängst zu sehen. Doch bei aller berechtigten Skepsis bezüglich des drohenden „Ausverkaufs“ kann man gar nicht laut genug loben, was The Gossip seit ihrem Auftauchen in der Yellow Press erreicht haben: die Sichtbarmachung ausgegrenzter Freaks, das stolze Herzeigen all dessen, was im popkulturellen Mainstream verpönt ist. Und The Gossip agieren (noch) selbstbestimmt: die Band setzte durch, dass das Cover des neuen, vierten Albums „Music for Men“ nicht von der kugelrunden Beth geziert wird, sondern von Schlagzeugerin Hannah Blilie, einem Tomboy wie aus dem Gender-Blender-Lehrbuch. Vor lauter medialem Gewirbel könnte man glatt vergessen, dass The Gossip eine Band ist, deren Wurzeln im Riot Grrrl-/Punkumfeld liegen – aber auch das reibt einem das Trio aus Portland unter die Nase: Musik ist nur ein Bestandteil von Pop. Pop ist immer auch Image, Oberfläche, Bilder.

„Music for Men“ nimmt unverhohlen Kurs auf die Charts, aufgenommen in den legendären Shangri-La-Studios in Malibu und produziert von Rick Rubin, powern die zwölf Songs so hochglanzpoliert und vollmundig aus den Boxen, dass das Ergebnis mit Punk kaum noch etwas zu tun hat (sofern The Gossip sich überhaupt jemals als Punkband definierten). Punk ist hier die Haltung, musikalisch allenfalls in einer aufmüpfig schneidenden Gitarre oder einem dunkel wummernden Bassintro spürbar. Beth Ditto ist die Big Fat Mama des Soul'n'Roll, wie sehr sie eigentlich eine Soul-, viel mehr als eine Rocksängerin ist, hört man in den Discohymnen „Love Long Distance“ und „Men in Love“ - sie selbst sagt, Gladys Knight sei schon als Kind ihr großes Vorbild gewesen. Auch die Texte, die fast ausschließlich von Liebe handeln, verhandeln soulige Themen: „I made it this far without you“ singt Beth im Opener „2012“, oder an anderer Stelle, so schlicht wie emanzipatorisch: „Dance like no one's looking“; in „Love Long Distance“ huldigt sie mit der Zeile „I Heard it through the Bassline“ gleichzeitig Marvin Gaye und den Slits. Dass manche Songs („For Keeps“, „Four Letter Word“) so glatt geraten sind, dass man befürchtet, gleich würde Beth Ditto „Black Velvet“ oder einen ähnlichen Adult-Orientated-Rockhit schmettern, wird durch gewaltig ausholende, stampfende Tracks wie „Dimestore Diamond“, ein Stück über eine arme, aber stolze junge Frau, oder die intensive, leidenschaftliche Single „Heavy Cross“ ausgeglichen. The Gossip, angekommen im Mainstream? Der Mainstream zumindest kann sich drüber freuen. (zuerst erschienen bei titel-magazin.de)


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  Masha Qrella: Speak Low. Loewe & Weill in Exile
Masha Qrella:
Speak Low.
Loewe & Weill in Exile

Morr Music
» myspace


Masha Qrella: Speak Low. Loewe & Weill in Exile

Die Lieder von Kurt Weill und Frederick Loewe üben auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung, einen enormen Reiz auf zeitgenössische MusikerInnen aus – als seien Weills und Loewes Kompositionen Vorläufer des modernen Popsongs. Das sah auch Detlef Diederichsen so, als er vor zwei Jahren im Rahmen der „New York – Berlin“-Festlichkeiten anläßlich des 50-jährigen Bestehens des Berliner Hauses der Kulturen der Welt einen Abend kuratierte und KünstlerInnen suchte, die Weill-und Loewe-Songs interpretieren sollten. Er wollte auf allzu bewährte Interpreten verzichen und stieß schließlich auf die Berliner Lo-Fi-Indiepopgitarristin und -sängerin Masha Qrella. Qrella und ihre Band (Michael Mühlhaus, Rike Schuberty, Andi Haberl) boten einen außergewöhnlichen Auftritt, die Songs dieses Abends erscheinen nun als Album bei Morr Music: auf selbstverständliche, gänzlich unnostalgische Weise eignet sich Qrella legendäre Evergreens wie „Speak Low“, „September Song“ und die berühmte „Saga of Jenny“ an und befreit sie von theatralischer Schwere. Wer mit den Originalen nicht vertraut ist, könnte die Songs für neue Qrella-Werke halten, was nicht heißen soll, dass Qrella übergriffig mit dem Material umgeht: ihre Bearbeitungen sind luftig, einfühlsam, gitarrenbetont und führen die anspruchsvollen Kompositionen mit leichter Hand in die Neuzeit. Besonders gut tut das „Wandering Star“, dem Westernsong, den man nur in Lee Marvins gebrummter Version kannte – Masha Qrellas klare Stimme verleiht dem wandernden Stern die nötige Beweglichkeit.


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  The Ettes: The Danger Is
The Ettes: The Danger Is
EP, Kntrst/Universal

Look At Life Again Soon
Look At Life Again Soon
Kntrst/Universal
» theettes.com
» myspace


The Ettes: The Danger Is | Look At Life Again Soon

Ende Mai war das Trio The Ettes aus Los Angeles auf Deutschland-Tournee und hinterließ überall ein erschöpftes, aber restlos begeistertes Publikum. Wer Coco (Gitarre, Gesang), Poni (Drums) und Quotenmann Jem (Bass) verpasst hat, tut gut daran, sich EP und Album der drei zu besorgen: The Ettes hauen uns rohen, ungeschliffenen, hochenergetischen Garagenrock um die Ohren, den sie selbst Beat Punk nennen und der seine Vorläufer in den wilden Sixties hat, aber auch Links zu den Ramones, den White Stripes und The Kills legt. „Modisch“ in irgendeiner Form sind The Ettes nicht, sie wildern in Retro-Jagdgründen, die Punk und Rock'n'Roll heißen. Songs wie „I Get Mine“, „Crown of Age“, „Girls Are Mad“ oder „Chilled Hidebound Hearts“ sind so umwerfend und mitreißend, dass es völlig egal ist, ob diese Musik nun avantgardistisch oder rückwärtsgewandt ist. Die Drums rumpeln, die Gitarre sägt, der Bass sorgt für die nötige Tiefe, die analoge Vierspurproduktion (von Liam Watson, der schon mit besagten White Stripes und The Kills im Studio war) glättet die Ecken und Kanten nicht. Dazu besitzt Sängerin Coco eine derart arschcoole Stimme, als wäre sie das Lovechild von Suzi Quatro und Joan Jett. Dass sie nicht nur shouten, sondern auch ganz lieblich singen kann, beweist sie auf „Two Shakes“, ihrer augenzwinkernden Verbeugung vor Phil Spector.


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  Cortney Tidwell: Boys
Cortney Tidwell: Boys
CitySlang
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Cortney Tidwell: Boys

„In meinem Leben gab es immer einen Mangel an Mädchen – ich war besessen von Rockmusik und Mädchen interessierten sich nicht so sehr dafür. Also hing ich mit den Jungs rum. Und heute ist es genauso: ich habe sogar zwei Söhne geboren.“ So erklärt die aus Nashville stammende Gitarristin und Sängerin Cortney Tidwell den Titel ihres zweiten Soloalbums, „Boys“. Dass Cortneys Mutter tragischerweise sehr früh an Krebs starb und die Tochter allein mit dem Vater lebte, ist ein weiteres Indiz für die Männerdominanz in Tidwells Leben, führt an dieser Stelle aber zu weit. Als vor drei Jahren ihr erstes Album „Don't Let Stars Keep Us Tangled Up“ erschien, machte sie sich aus dem Stand viele Freunde, ging mit Martha Wainwright und Andrew Bird auf Tour und sang mit Kurt Wagner (Lambchop) im Duett – auf „Boys“ experimentieren Tidwell und ihre Musiker, die aus dem großen Lambchop-Ensemble stammen, mit vielen Stilen: Elektro- und Indierockelemente wie beim lebhaften „Watusii“ und dem bodenständigen „So We Sing“ kontrastieren mit sphärischen Folk- und Psychedeliktracks wie das asiatisch angehauchte „Oh China“ oder „Palace“, das auch Arcade Fire-Fans gefallen wird und unwirklich-schwebenden Balladen wie „Oslo“ und „Bad News“. Geigen und Harfen kommen ebenso zum Einsatz wie eine knarzige Beatbox, mal sind die Arrangements minimalistisch, dann wieder satt und opulent.Tidwells Stimme erinnert manche an Björk oder Kate Bush, was aber auch nur heisst, dass man sie in keine Kategorie einordnen kann – was ja nicht das Schlechteste ist, gerade wenn man sich unter den „Boys“ behaupten will.


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  Lissy Trullie: Self-Taught Learner
Lissy Trullie:
Self-Taught Learner

EP, Cooperative
» myspace


Lissy Trullie: Self-Taught Learner

Bei Lissy Trullies Debüt-EP „Self-Taught Learner“ passt auf den ersten Blick nichts zusammen: Das Cover mit dem Knackarsch in Latexshorts plus halsbrecherischer Highheels hat so gar nichts mit den sechs schrammeligen Indiepopsongs zu tun, dass man glaubt, hier sei die falsche CD in die Hülle geraten. Aber Lissy Trullie, geboren in Washington, DC, seit einiger Zeit leidenschaftliche New Yorkerin (Lower East Side) wird schon wissen, was sie tut: das ehemalige Topmodel (Aha! Vielleicht ist das Cover eine versteckte Kritik am Modegeschäft!) verdiente in den letzten Jahren ihre Brötchen als DJ in verschiedenen Clubs und fasste irgendwann den Entschluss, selbst zur Gitarre zu greifen und eine Band zu gründen. Ihre fünf eigenen Songs auf „Self-Taught Learner“ machen neugierig auf das „lange“ Album, das Anfang 2010 erscheinen soll und klingen so unverbraucht und ungestüm, als hätten sich The Strokes und Jonathan Richman zu einer spontanen Session zusammengefunden – von künstlichem Glamour keine Spur. Lissy Trullie liebt Indiepop und Collegerock, ihre frühesten Inspirationen zog sie aus der umfangreichen Plattensammlung ihres Vaters, der Motown, Soul und Surfpop hörte. Dass sie sich stilistisch auch nicht festlegen mag, zeigt sie mit ihrer souveränen Coverversion von Hot Chips' „Ready for the Floor“, das durch Lissys kräftige Stimme einen ganz anderen Touch bekommt als das softe Original. Lissy Trullie klingt so, als würde sie ihre Verstärker selbst schleppen – ganz lässig auf zehn Zentimeter hohen Manolo Blahniks.


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  Wendy McNeill: A Dreamer's Guide to Hardcore Living
Wendy McNeill:
A Dreamer's Guide to Hardcore Living

Haldern Pop
» wendymcneill.com
» myspace


Wendy McNeill: A Dreamer's Guide to Hardcore Living

Ein heulender Wolf auf dem Cover und der Begriff „Folk Noir“ im Presseinfo – schnell könnte es passieren, Wendy McNeill als ätherische „Folkelfe“ abzustempeln, doch das wäre falsch: McNeills Stimme ist klar und fest und dabei nicht das einzige Alleinstellungsmerkmal auf „A Dreamer's Guide to Hardcore Living“, dem sechsten Album der Kanadierin. Als Kind hörte sie die Countryplatten ihrer Eltern, die Black Sabbath-und Abba-Alben ihrer älteren Geschwister, wurde als Highschool-Girl zum Gothic-Fan und komponierte später eigene Stücke, die sich an Steve Reichs Minimalmusic und Avantgarde-KünstlerInnen wie Laurie Anderson orientierten – eine Menge Einflüsse, die man auch alle aus Wendys Songs heraushören kann. Ihr Lieblingsinstrument ist heute neben der Gitarre das Akkordeon, mit dem sie den zwölf Liedern auf „A Dreamer's Guide...“ einen Hauch des alten Paris verleiht: brüchige Polkas, verstolperte Walzer, windschiefe Melodien und skurrile Geschichten, überzogen mit dem knarzigen Charme eines angetrunkenen Tom Waits, der sich um aufrechte Haltung bemüht. Dazwischen schimmern traumgleiche, psychedelische Momente, die Songs wie „Crossing Hearts/Cutting Threads“ und „White Horses“ klingen lassen, als seien sie nicht von dieser Welt. Ihre Stimme setzt McNeill wie ein weiteres Instrument ein, sie kann glockenklar wie Joni Mitchell singen, aber auch düster knurren, wenn es gerade passt. Angeblich konnte sich Wendy als Kind nicht entscheiden, ob sie lieber Popstar oder Superheldin werden möchte - „A Dreamer's Guide to Hardcore Living“ zeigt, dass sie beides ist.


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  Ohbijou: Beacons
Ohbijou: Beacons
Bella Union/Cooperative
» ohbijou.com
» myspace


Ohbijou: Beacons

„Natürlich, Kanada!“, möchte man ausrufen, ist es doch schon beinah selbstverständlich geworden, dass junge Bands mit interessanten musikalischen Ideen aus Montreal, Toronto, Québec oder Ottawa stammen. Auch Ohbijou leben in Toronto: Ursprünglich als Soloprojekt der in Ontario geborenen Casey Mecija gestartet, wuchs Ohbijou bald zum Septett heran. Die Schwestern Casey und Jenny bilden den Kern der Band, dazu kommen befreundete MusikerInnen, die ein für Pop eher ungewöhnliches Instrumentarium aus Cello, Ukulele, Glockenspiel, Mandoline, Klavier, Banjo und Violinen bedienen. Die Songs auf Ohbijous zweitem Album „Beacons“ sind luzide und leicht, fragil und schwebend zwischen Folk, Indiepop und psychedelischen Ausflügen, navigiert von Caseys klarer, jugendlicher Stimme. Kritiker verglichen die Band mit Mazzy Star, aber Ohbijou klingen weit weniger melancholisch als Hope Sandovals und David Robacks Dream Pop; ein bisschen ätherisch vielleicht, aber ohne dunkle Abgründe. „Cliff Jumps“ gleitet auf einem zarten Geigenteppich dahin, bei „Cannon March“ dominiert ein chansonneskes Piano, „Thunderlove“ ist eine zartes Liebeslied, während „Wildfires“, das fröhliche „Eloise & the Bones“ und der Opener „Intro to Season“ deutlich mehr Drive entwickeln. „Beacons“ klingt so naturfrisch wie ein Picknick auf einer blühenden Wiese, umsummt von Bienen und Hummeln, dass man sich kaum vorstellen kann, dass dieses Album in der 2,5-Millionen-Metropole Toronto entstanden ist. Aber auch das gehört wohl zu den vielen musikalischen Geheimnissen Kanadas...


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  Safi: Kalt
Safi: Kalt
ZickZack/What's so Funny About
» diesafi.de
» whatssofunnyabout.de
» myspace


Safi: Kalt

Punkrock ist tot? Nicht beim Leipziger Trio um Namensgeberin, Gitarristin und Sängerin Safi – jedenfalls, wenn man unter Punkrock nicht nur eins-zwei-drei-vier-Geschrammel versteht: Safi lassen wuchtige, brachiale Noise-Schlachten vom Stapel, die sich mit unvorhersehbaren Momenten des Verharrens und der Stille abwechseln. Vergleiche mit Bands wie Surrogat und Mutter fielen schon häufig und liegen nahe. Neben zehn Minuten langen, ausufernden Tracks wie „Kalt“ befinden sich kurze Intermezzi, schlicht „A“ und „B“ auf dem Album; die Texte gaukeln keine Sozialkritik vor, sondern bleiben kryptisch, rätselhaft, poetisch: „Das graue Laub vom letzten Jahr dreht kraftlos seine Kreisel / Ich du er sie es wir sie, und was sich anfühlt, das lebt – wieder – immerweiter – immerweitermachen.“ Oder, kurz und hart: „Ich tret mir eine Magengrube.“ Keine leichtverdauliche Kost also, Safi machen keine Zugeständnisse an irgendjemandes Hörgewohnheiten. Pures Losmoshen ist ebenso unmöglich wie oberflächliches Nebenbeihören. Die musikalischen und inhaltlichen Raffinessen werden von Safis Stimme noch übertroffen: Ja, sie erinnert an deutlich an Nina Hagens voluminöses Organ, Safi brüllt und knurrt, wispert und flüstert, verkneift sich aber jene Operettenhaftigkeit und Theatralik, die Frau Hagen zur Nervensäge schlechthin machte. Für sowas hat Safi keine Zeit. Was sie wirklich sucht, braucht und will, wird nicht ganz klar – aber es hinterlässt einen starken Eindruck.


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  Metric: Fantasies
Metric: Fantasies
Last Gang Records/Pias
» ilovemetric.com

Metric: Fantasies

Als „Kunsthochschulen-Pop in der direkten Nachfolge von Garbage“ bezeichnete der Kritiker einer großen Zeitschrift „Fantasies“, das neue Album der kanadischen Band Metric. Von der Hand zu weisen ist der Vergleich nicht: das Quartett um Sängerin/Keyboarderin Emily Haines, perfektioniert auf seiner vierten Platte den nach vorne drängenden Power-Wavepop mit eingängigen Melodien, der schon frühere Veröffentlichungen bestimmte. Gitarren- und Drums-betont wummern Tracks wie „Help I'm Alive“, „Satellite Mind“, Stadium Love“ und „Front Row“ aus den Boxen, leisere Töne werden bei „Blindness“ und „Collect Call“ angeschlagen, in „Gimme Sympathy“ wird die ewiggültige Frage der Popmusik gestellt: hältst du's eher mit den Beatles oder den Rolling Stones? „Fantasies“ macht klar, dass Metric-Songs auf die großen Festivalbühnen sollen, die Band aus dem engen Indie-Kosmos heraus will - was ihnen im Grunde schon gelungen ist, schließlich landeten einige ihrer Songs auf Soundtracks zu TV-Serien wie „C.S.I. Miami“ und „Grey's Anatomy“. Doch Emily Haines ist nicht Garbage-Sängerin Shirley Manson: Haines, die aus dem Umfeld der kanadischen Künstler-/Bandkommune Broken Social Scene stammt, ist kein glamouröser Band-Mittelpunkt wie Manson, sondern ein Mitglied von vieren und dabei rein zufällig die Sängerin. Metric sind keine Backingband für einen exponierten Star, sondern gleichberechtigte MusikerInnen. Könnte im ungünstigsten Fall dazu führen, dass sich Metric im popkulturellen Gedächtnis weniger stark einprägen als Garbage.


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  Frau Kraushaar: Le Salon Is Very Morbidä
Frau Kraushaar:
Le Salon Is Very Morbidä

Labelship/Cargo
» myspace


Frau Kraushaar: Le Salon Is Very Morbidä

Es ist schier unmöglich, alle Aktivitäten und Kooperationen von Frau Kraushaar, Wahlhamburgerin mit deutsch-tunesischen Wurzeln, aufzulisten, deshalb hier nur auszugsweise: Erste Gehversuche mit der Punkband „Die Schönen Menschen“, später gemeinsame Auftritte mit DJ Patex, Namosh, Jim Avignon, Felix Kubin, Jacques Palminger und Nova Huta, häufige DJ-Abende und Konzerte im Ausland auf Einladung des Goethe-Instituts, zurzeit studiert sie an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Frau Kraushaar singt finnisch, deutsch, englisch und in Fantasiesprachen, musikalisch ist sie am ehesten mit Elektropop á la Stereo Total, DAT Politics und Chicks on Speed vergleichbar. Sie singt/miaut schmerzfrei über „Cats on Crack“, scheut sich nicht vor Songtiteln wie „Politiki Dummes Ficki“, in „Romy“ drücken die gebrochen-gestammelten Worte „da gibt es, da gab es einen Mann...“ die ganze Tragik frischen Liebeskummers aus, „Wellnesspunktde“ ist aus der Perspektive einer einsamen Nervensäge geschrieben, neben der schon in der Schule niemand sitzen wollte. Bei Frau Kraushaar darf aber auch einfach nur getanzt werden: bei Tracks wie „Logan's Run“ oder „Popopaits“ grooven die Maschinen, dass es eine wahre Freude ist. „Le Salon Is Very Morbidä“ changiert zwischen naivem Kinderhörspiel-Style und ambitionierter Avantgarde und gehört zu den interessantesten Veröffentlichungen dieses Frühjahrs.


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  The Pretenders: Break Up the Concrete/The Best Of
The Pretenders:
Break Up the Concrete/The Best Of

2 CDs, Rhino/Warner
» thepretenders.com


The Pretenders: Break Up the Concrete/The Best Of

Kann diese Frau überhaupt irgendetwas falsch machen? Chrissie Hynde, seit über dreißig Jahren Sängerin, Gitarristin und vor allem Chefin der Pretenders, trägt T-Shirts mit der Aufschrift „Meateaters are Terrorists“, will am liebsten alle McDonald's-Filialen in die Luft jagen und ist eine der, wenn nicht die einzige lebende, authentische Rock'n'Roll-Woman. Bei diesem Coolness-Vorschuss konnte auch Hyndes Ausflug in Countrygefilde, das neue Album „Break Up the Concrete“ nicht schiefgehen. Auf der CD-Hülle steht zwar „The Pretenders“, doch außer Hynde ist kein weiteres Originalbandmitglied dabei. Für diese Platte suchte sie nach Musikern, die ihre Vision von Country rüberbringen sollten – man kann „Break Up the Concrete“ als Suche Hyndes nach ihren Wurzeln sehen: schließlich wurde die Wahllondonerin 1951 in Akron, Ohio/USA geboren. „Break Up the Concrete“ ist aber auch eine Liebeserklärung an boys im Allgemeinen und Speziellen: ob der Opener, die wilde Rockabilly-Nummer „Boots of Chinese Plastic“, das anrührende „The Nothing Maker“ oder „Don't Cut Your Hair“ und die Ballade „Almost Perfect“; die toughe, aber doch romantische Chrissie läßt die Jungs Jungs sein, die nichts, aber auch gar nichts an sich ändern sollen. Das einzige Stück, das sich an eine Frau richtet („Rosalee“) ist eine Coverversion eines Robert Kidney-Songs. So gesehen ist „Break Up the Concrete“ – abgesehen von den Slide- und Pedal Steel-Gitarren – ein durchaus typisches Pretenders-Album, nur ohne die Pretenders. Für die deutsche Ausgabe von „Break Up the Concrete“ vertraute man der Anziehungskraft von Country offenbar nicht sehr: dem Album „beigelegt“ ist ein 22-Track-Best of-Album der Pretenders mit allen Hits von „Brass in Pocket“, „Back on the Chain Gang“, „Don't Get Me Wrong“ und „2000 Miles“.


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  The Spinnerette
The Spinnerette
anthem/Hassle
» spinnerettemusic.com
» myspace


The Spinnerette

Erinnert sich noch jemand an The Distillers? Die amerikanische Postpunk-/Grunge-Band um die Sängerin und Gitarristin Brody Dalle existierte von 1999 bis ca. 2005 und löste sich nach mehreren Umbesetzungen und internen Querelen auf. Brody Dalle bekam eine Tochter von Josh Homme (Queens of the Stone Age) und nutzte die Babypause, um ihr neues musikalisches Projekt The Spinnerette voranzutreiben. Für die Umsetzung suchte sie sich lauter namhafte Musiker aus: Alain Johannes (Eagles of Death Metal), den ehemaligen Red Hot Chili Peppers-Drummer Jack Irons und ihren Distillers-Kollegen, Gitarrist Tony Bevilacqua. Trotz der prominenten Beteiligung sind The Spinnerette noch mehr als die Distillers voll und ganz Dalles Band: Sie schreibt die Songs, singt selbstverständlich und entscheidet, wie sich das Ganze anhören soll. The Spinnerette haben den schrammeligen Punksound der Distillers hinter sich gelassen, es dominiert amtlich schwerer Hardrock bei gleichzeitiger Eleganz, den Queens of the Stone Age nicht ganz unähnlich. Dalles sinnliche, raue Stimme passt bestens dazu, sie schreit, dröhnt, röhrt – und kann aber auch ganz anders, was Songs wie „Geeking“, das ein bisschen an die seligen Runaways erinnert und das verhältnismäßig sanfte „A Spectral Suspension“ beweisen. Brody Dalles Reinkarnation als Hardrockkönigin ist ein wahres Powerpaket, dem man den einzigen Ausreißer gern verzeiht: ausgerechnet die Single „Baptized by Fire“ klingt wie eine Mischung aus Seemannslied und Mittelalterrock. Und auch über das Cover müssen wir nochmal reden...


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  Niobe: Black Bird's Echo
Niobe: Black Bird's Echo
Tomlab
» tomlab.com


Niobe: Black Bird's Echo

Ein neues Album von Yvonne Cornelius alias Niobe ist immer ein Erlebnis, das ist auch bei „Black Bird's Echo“, dem fünften Album der Kölnerin so: zum ersten Mal arbeitete die ausgebildete Opernsängerin, Komponistin und Elektrofricklerin nicht allein an ihren Tracks, sondern kooperierte mit amerikanischen Jazzmusikern, nahm zum ersten Mal nicht in Köln auf, sondern nutzte ein Studio in New York City. Das Ergebnis ist offener als ihre früheren Aufnahmen wie z.B. das Vorgängeralbum „White Hats“, ohne Niobes eigenen Stil zu verleugnen. Niobe kann eingängige Songs wie z.B. „My Conversion“ schreiben, changierend zwischen Jazz, Soul und Electronica, doch an purer Gefälligkeit liegt ihr herzlich wenig: sie kombiniert Drum'n'Bass mit Latingrooves („DJ Olive Plays“), lässt bei „Ava Gardner at the Swimmingpool“ Swing- und Vaudevilleelemente miteinander tanzen oder verfremdet ihre eigene, im Übrigen fantastische Soulstimme bis zur Unkenntlichkeit. Vergleiche mit CocoRosie fallen häufig, aber Niobe ist ernsthafter, „erwachsener“ als die Cassady-Schwestern – wo CocoRosie in anarchisches Lärmen verfallen, nimmt Niobe lieber nochmal zwanzig neue Spuren auf, um die ideale Struktur zu finden. Auffällig sind die filmischen Momente ihrer Musik: „Lovely Day in Exshaw“ zum Beispiel baut aus gepfiffenen Melodiefragmenten eine schwebend-zwielichtige Stimmung, an anderer Stelle zerreisst ein Hitchcock-hafter Schrei die trügerische Stille, dazu tröten nostalgische Jazztrompeten; „A Shark“ verströmt relaxte Loungeatmosphäre mit plätschernden Wellen, entspannter Percussion und lässigen Gitarren. „Black Bird's Echo“ steckt voller Überraschungen und unerwarteter, surrealistischer Wendungen, doch Niobe verliert niemals den Faden.


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