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Die Box




9. Juni 2009
Wolfgang Buchholz
für satt.org

Cats on Fire in Münster, Gleis 22, 6.6.09



„Es gibt noch ausreichend Tix an der Abendkasse“. Diese Meldung auf der Internetseite vom Gleis 22 in Münster lässt auf angesagte Künstler schließen, die aber noch nicht so angesagt sind, dass es im Vorverkauf schon ausverkauft ist. Popmusik aus Finnland steht heute auf dem Programm und Cats on Fire heißt die Band. Der Katzenbesitzer, der gerade seinen beiden aus dem strömenden Regen kommenden Tigern Einlass gewährt hat, kann diesen Namen heute allerdings nur bedingt passend finden. Popmusik aus Finnland verbindet der interessierte Musikhörer mit 22 Pistepirkko, die auch regelmäßige Gäste im Gleis 22 sind und die den Münsteraner Club auf ihrem letzten Album sogar mit einem großen Foto gewürdigt haben.

Cats on Fire: Our Temperance Movement

Die Gazetten vom Musikexpress über Spiegel Online sind voll des Lobes für das neue Cats on fire-Album „Our Temperance Movement“ und satt.org bescheinigt sogar sehr hohe Ferientauglichkeit und die Fähigkeit der Verzauberung hässlicher Orte. Häufig wird eine Verwandtschaft zu „The Smiths“ konstatiert. Im Groben passt das auch ungefähr, englische Popmusik der 80er Jahre dient mit Sicherheit als Vorbild. Bei genauerer Betrachtung fällt folgendes auf: Musikalisch und insbesondere gesanglich besteht eher eine Nähe zum jungen Edwyn Collins und Orange Juice oder auch zu den Housemartins, in jedem Fall handelt es sich um eingängige Gitarrenschrammelpopsongs, durchaus virtuos gespielt und mit Hitpotenzial. Optisch kommt einem eher – nomen est omen – Haircut 100 und Nick Heyward (Was macht der eigentlich heute?) in den Sinn. Selten hat man in den letzten Jahren solch akkurate Kurzhaarfrisuren mit streng gezogenem Seitenscheitel bei jungen Männern auf der Bühne bestaunen können. Lediglich der Drummer trägt das heute weitgehend übliche nach vorne überhängende lange Haupthaar und eine Dame am Keyboard, im übrigen mit Zöpfen, ergänzt das Herrenquartett.

Das Gleis 22 ist angenehm gefüllt, der Booker hilft heute sogar am Merchandise-Stand der Band aus und outet sich als Nicht-Smiths-Anhänger. Zunächst geht es aber los mit den Goodnight Monsters, zwei ganz jungen Finnen. Die beiden könnten durchaus als die Söhne der beiden Keränen-Brüder von 22 Pistepirkko durchgehen. Sowohl optisch als auch gesanglich würde das passen und auch die ab und an quäkende Schweineorgel ist nicht untypisch. Der zuweilen durchklingende Bubble Gum-Charakter und Titel wie „Teenage soldier“ oder „Play the tambourine“ sind Indizien des klassischen Finnenpop. Vor drei Jahren waren die beiden schon mal im Vorprogramm von The Others (aka 22PP) im Gleis 22. Schließlich spricht auch das für die Vater-Sohn-These, da die beiden damals noch so jung gewesen sein müssten, dass sie gar nicht ohne Erziehungsberechtigte hätten touren dürfen. Aber genug der ahnenforscherischen Mutmaßungen, unterm Strich bieten die Goodnight Monsters dreißig Minuten gut hörbaren Pop – der erste Treffer heute Abend.

Cats on Fire
Foto: Thomas Ekström

Als Cats on fire loslegen, denkt man beim Outfit des Sängers, der Karnevalsprinz des an Pfingsten im benachbarten Beckum nachgeholten Karnevalsumzugs hat sich ins Gleis 22 verirrt. Doch die ersten Takte zerstreuen alle Irritationen. Die Musik beamt einen quasi in den englische Popsommer der 80er Jahre. Schlag auf Schlag werden die Lieder aus den beiden Alben spielfreudig dargeboten, unterbrochen von sympathischen Wortbeiträgen von Mattias Björkas, dem Sänger, Gitarristen und vor allem Songschreiber der Band. So freut er sich über den 2-1 Kantersieg der finnischen Fußballnationalmannschaft gegen den Geheimfavoriten Lichtenstein oder erläutert sein Inspiration zum tollen „The smell of an artist“ vom ersten Album „The Province Complains“ Die unappetitlichen Details dazu seien dem Leser an dieser Stelle erspart. Weitere Highlight sind „Horoscope“ (Allerdings kein Cover des Hits von Harpo, einem weiteren großen Pop-Skandinavier, das später noch in meinem CD-Player liegen soll), „White-Mantled King“, „Fabric“ und natürlich mein Lieblingslied vom neuen Album „Tears in your cup“. Bei einigen wenigen Liedern stellt Mattias Bjökas die Gitarre in die Ecke und die bei diesen Songs gezeigten Tanzeinlagen sind á la bonheur. Wann hat man zuletzt ein mit beiden Händen festgehaltenes Mikrofon gesehen, das peitschenartig abwechselnd über die rechte und linke Schulter nach hinten geworfen wird, ich glaube das war bei Bronski Beat.

Im Zugabenblock spielen beide Bands noch zwei Songs zusammen, bevor die gemeinsame Deutschlandtour der jungen Finnen heute Abend in Münster endet. Der Booker fand es gut, der Rezensent fand es sehr gut. Diese Art von Gitarrenpop ist einfach zeitlos mit guten Liedern, und die haben die Cats on Fire zweifellos, kann man hier punkten – der zweite Treffer heute Abend. In jedem Fall war das ein netterer Abend als bei den Großmäulern Mando Diao und strömendem Regen bei Rock am Ring - die spielten übrigens auch noch vor wenigen Jahren vor kleinem Publikum im Gleis 22. Hoffen wir, dass den Cats on Fire eine solche „Karriere“ erspart bleibt – allerding nur aus reinem Eigennutzen des Rezensenten, die jungen Finnen sehen das bestimmt anders und die Katzen sind auch wieder trocken.



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