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Die Box




11. Mai 2009
 

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Mai 2009, erster Teil


  Super Furry Animals: Dark Days/ Light Years
Super Furry Animals:
Dark Days/ Light Years

Rough Trade/ Beggars/ Indigo
» superfurry.com
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Super Furry Animals: Dark Days/ Light Years

Eine außergewöhnliche Band mit einem beinahe beispiellosen Output sind die Super Furry Animals aus Wales. Ihr neuntes Studioalbum seit 1996 kommt im kitschig-bunten, poppigen Coverartwork von Peter Fowler und dem Japaner Keiichi Tanaami und bringt eine lustige Reise durch die Musikgeschichte, die es in ihrer Spannungskurve mit den eigentümlichen Erlebnissen eines Dr. Snuggles aufnehmen kann. Krautrock-Rhythmen, psychedelische Gitarren, Beach Boys-Zitate, dazu Soundeffekte von Keyboarder Cian Ciarán: die „Dark Days/ Light Years“ bieten vom Opener „Crazy Naked Girls“ bis zum abschließenden „Pric“ einen Trip durch die musikalisch bunte Welt des Quintetts um Sänger und Songwriter Gruff Rhys, der im letzten Jahr mit dem Electro-Projekt Neon Neon für eine weitere Überraschung gesorgt hat. Humor haben die Super Furry Animals schon immer gehabt: Songtitel wie „The Very Best of Neil Diamond“ oder „White Socks/ Flip Flops“ gibt es auf dem neuen Werk. Musikalisch begeistern ausgedehnte Reisen wie „Cardiff in the Sun“ und „Helium Hearts“. Dass der deutsche Sprechgesang von Franz Ferdinands Nick Mc Carthy auf der spaßigen Single „Inaugural Trams“ den Super Furries zum Teil größere Aufmerksamkeit bringt als tolle Alben wie „Radiator“ (1997) oder „Rings around the world“ (2001), dürfte den Walisern vorher klar gewesen sein. Vielleicht bringt er ja ein paar Musikliebhaber zum Abtauchen in neue Soundwelten. (Thomas Backs)


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  Oi Va voi: Travelling the Face of the Globe
Oi Va voi:
Travelling the Face
of the Globe

Oi Va Voi / Alive
» oi-va-voi.com
» myspace


Oi Va voi: Travelling the Face of the Globe

„Oi va voi“ ist jiddisch und heisst soviel wie „du liebe Güte“ oder „herrjemine“ - ob und wie häufig dieser Ausruf an der ehrwürdigen Uni Oxford fiel, ist ungeklärt, aber jedenfalls befanden Steve Levis Kommilitonen und spätere Bandkollegen „Oi Va Voi“ für passend, um unter diesem Namen gemeinsam Musik zu machen. Seit Ende der neunziger Jahre sind Oi Va Voi schon aktiv, zunächst als Instrumentaltruppe, später mit wechselnden Gastvokalisten (unter anderem auch KT Tunstall!). Im Zentrum steht bis heute traditionelle jiddische Musik/Klezmer, dargeboten mit Klarinette, Violine, Klavier, Gitarre und Trompete, kombiniert mit modernen tanzbaren, manchmal punkigen Rhythmen, die vor allem live wilde und gleichzeitig melancholische Abende garantieren. Oi Va Vois drittes Album „Travelling the Face of the Globe“ zeigt die Band selbstbewusst und gereift, die Produzenten Kevin Bacon und Jonathan Quarmby sorgten für einen transparenten Sound, der jedem Instrument und jeder Gaststimme genügend Luft läßt. Überhaupt, die Gaststimmen: eine große Entdeckung ist Sängerin Bridgette Amofah, die schon mit Shirley Bassey und Nina Simone verglichen wurde. Ihr Organ veredelt ruhigere Stücke wie „Waiting“ genauso wie die mitreißenden „I Know What You Are“ und „Long Way from Home“. Das jiddische Lied „S'brennt“ wird von Agi Szalogi gesungen, der Franzose Dick Rivers ist auf „Photograph“ zu hören. „Travelling the Face of the Globe“ ist eine lohnende Entdeckung – auch für Leute, die sonst vor „Folklore“ in jeglicher Form eher zurückschrecken.


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  Bob Dylan: Together Through Life
Bob Dylan:
Together Through Life

SonyBMG


Bob Dylan: Together Through Life

„Beyond Here Lies Nothing“, „Life is Hard“, „It's All Good“ - schon die Songtitel von Bob Dylans aktuellem Album „Together Through Life“ drücken Allgemein- und Ewiggültigkeit aus. Und was soll man von einer Dylan-Platte auch anderes erwarten, als dass sie für die Ewigkeit gemacht ist? Dylan, der am 24. Mai seinen 68. Geburtstag feiert, gibt sich auf „Together Through Life“ trockenstem, erdigem Blues hin, Muddy Waters oder Willie Dixon dürften sehr zufrieden von ihren Wolken herunternicken. Das Ganze wird abgeschmeckt mit ein bisschen TexMex-Flavour, das hauptsächlich von Los Lobos-Mitglied David Hidalgo kommt, der mit seinem Akkordeon dem wie gewohnt garstig grantelnden Mr. Zimmerman lebhaft in die Parade fährt (z.B. bei „I Feel A Change Comin' On“). Dylans Stimme ist noch ein paar Etagen tiefer gerutscht, mittlerweile klingt er dreckiger und rauher als Tom Waits zu dessen wildesten Zeiten. „Jolene“ slidet locker dahin, „This Dream of You“ ist ein bisschen sentimental (Chanson! Buena Vista Social Club!!), aber Dylans zielsicher neben der Melodie entlangschlingernde Vocals bewahren sogar diesen Song vor Kitschgefahr. Liebeslieder wie „This Dream...“ und „My Wife's Home Town“ spielen eine zentrale Rolle auf „Together Through Life“ (klingt der Albumtitel für Dylan nicht ungewöhnlich harmonieselig und freundschaftlich?), aber da Dylan die jeweilig Besungene herzhaft als „whorish“ bezeichnet, ist auch hier nicht mit einem Abrutschen in Kitsch und Liebesromanlyrik zu rechnen. Wir wissen es alle: Bob Dylan muss niemandem etwas beweisen, wahrscheinlich ist es ihm komplett egal, dass sich Filmemacher, Schriftsteller und natürlich andere Musiker seit Jahrzehnten und besonders in der jüngsten Vergangenheit an ihm abarbeiten. Er wird, so lange er lebt, einfach alle paar Jahre ins Studio gehen und eine neue Platte aufnehmen. Und seinetwegen muss die noch nicht mal jemand kaufen.


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  Phantom Ghost: Thrown Out Of Drama School
Phantom Ghost:
Thrown Out Of Drama School

Dial
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Phantom Ghost: Thrown Out Of Drama School

Thies Mynther und Dirk von Lowtzow gefallen sich in der Rolle der Trickser, Blender, Aufschneider. Vor allem aber verstehen sie ihr gemeinsames Projekt Phantom Ghost als grenzenlose Spielwiese, als musikalisches Labor. Ihr Album „To Damascus“ war Elektropop-lastig, für „Three“ begaben sich Mynther/Lowtzow in die Untiefen von Gothic und Fantasy und huldigten der Incredible String Band, vor den Aufnahmen zu „Thrown Out of Drama School“ beschäftigten sich die beiden mit Musicals und Operetten. Betreten wir also den großen Saal: Mynther sitzt am Klavier und schlägt klassische Töne an, Lowtzow trägt mit feierlichem Ernst seine Texte auf Oberstufen-Englisch vor, in dem Begriffe wie „flamboyant“ und „loitering“ fallen. Gerade die betonte Feierlichkeit und Mynthers elevenhaftes Klavierspiel verraten den Schalk, der beiden im Nacken sitzt: Phantom Ghost feiern die totale Künstlichkeit, das Rollenspiel, nirgends soll der Eindruck von Authentizität oder Identifikation entstehen. „Thrown Out of Drama School“ ist eine in sich abgeschlossene Aufführung, ein Theaterstück für Oscar Wilde-Leser. Der Rezensent der Zeitschrift Konkret sieht „Lotze“ bald als Blixa Bargeld- und Ben Becker-Nachfolger in Talkshows oder als Bibel-Vorträger landen – diese Gefahr ist hoffentlich auszuschliessen. Dennoch sollte man belesen sein und sich in kulturellen Kontexten auskennen, um alle Verweise auf „Thrown...“ zu kapieren, aber das war bei Phantom Ghost ja noch nie anders: „The Process“ bezieht sich auf Brion Gysin, „All Manner of Things Shall Be Well“ ist eine sehr freie Interpretation eines Slade-Hits - dort, wo die britischen Glamrocker „My oh My“ schmettern, singt Dirk von L. mit Vibrato in der Stimme „Inschallah“, arabisch für „so Gott will“. Um Vögel geht es im Varietestück „Ornithology“, im Titelsong erklingen programmatische Zeilen: „I was thrown out of drama school / for being disobedient to the teacher / who wanted me to act like I should“. Mit einer cheesy Coverversion von Right Said Freds Machohymne „You're My Mate“ endet die Inszenierung – und auf dem nächsten Phantom Ghost-Album gibt’s wahrscheinlich Country oder Thrash Metal.


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  Das Bierbeben
Das Bierbeben
Shitkatapult
» dasbierbeben.de


Das Bierbeben

Fans beschweren sich: das neue Album der Berlin-Hamburger Band Das Bierbeben sei ja überhaupt kein Elektropunk mehr! Skandal! Schade, dass manche Leute so festgefahren sind, denn auf der dritten Bierbeben-Platte gibt es musikalisch und textlich einiges zu entdecken. Und ja, es stimmt, es kracht und knallt nicht mehr, das Bierbeben zitiert NDW-Elektrobeats, klingt zuweilen richtig zart und vor allem melodisch. Und Bierbeben # 3 ist eine dezent-aufrüttelnde Protestsongplatte: schon im ersten Song prophezeit Sängerin Julia Wilton (Ex-Poptarts) „dunkle Tage“, „Wie ein Vogel“ appelliert an die persönliche Freiheit jedes Menschen, ein erstklassiger Revolutionssong ist „Wehr dich doch“, ein Stück, das man nicht nur unpolitischen Jugendlichen in den Tornister packen sollte. Und sogar Franz Josef Degenhardt wird mit angemessenem Ernst gecovert: „Hochzeit“, ein Song mit wahrhaft apokalyptischen Bildern. Das Bierbeben – auch eine Thies Mynther/Tocotronic (Jan Müller)-Kooperation, die aber überhaupt nicht mit Phantom Ghost vergleichbar ist – macht auf diesem Album vieles anders, zum Beispiel wurde aufwändig produziert: gleich in vier Studios fanden die Aufnahmen statt, statt digitalen wurden analoge Synthies verwendet, dazu Marimbas, Flöten, Gitarren live eingespielt. Die neue Sensibilität des Bierbebens führt dazu, dass „Abschied“ wie ein Song von Ja König Ja klingt, aber daran kann ja nichts schlecht sein.


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  Maximo Park: Quicken the Heart
Maximo Park:
Quicken the Heart

Warp
» maximopark.com
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Maximo Park: Quicken the Heart

Schwierige Sache, das: Anders als „A Certain Trigger“ und „Our Earthly Pleasures“ braucht Maximo Parks drittes reguläres Album „Quicken the Heart“ einige Anläufe, um sich in Hirn und Gehör festzusetzen. Licht und Schatten liegen dicht beieinander auf dieser Platte, was alles mögliche bedeuten kann, im ungünstigsten Fall, dass eine gewisse Ideenstagnation eingetreten ist. Die ersten Songs begeistern wie eh und je mit messerscharfen Gitarrenläufen, die ihre Vorläufer bei The Cure und The Smiths haben, fiebrig und voller Energie. Paul Smiths singt mit unverwechselbarem Akzent kluge Zeilen voller Melancholie und Wut: „find some transparent words to give security / Another vacant smile that says 'rely on me' / No wait, commitment's a bore / where have I heard it before?“ („Wraithlike“). Die Single „The Kids are Sick Again“ beginnt schwach und verhalten, steigert sich dann aber zu einer typischen leidenschaftlichen MP-Hymne – the kids are not alright, aber sie können immer noch springen und schreien! Leider fällt das Album ab Song Nummer sechs („In Another World“) ziemlich ab, „Let's Get Clinical“, „Roller Disco Dreams“ und „Questing Not Coasting“ sind wegen offensichtlicher Einfallslosigkeit und nutzlosem Pathos richtiggehend ärgerlich und überflüssig. Furor und Power kehren auf „Overland, West of Suez“ zurück, aber da ist „Quicken the Heart“ auch schon fast zuende. Trotzalledem sind Maximo Park noch immer die smarteste Band der britischen Insel, nicht nur weil sie im Booklet ein Zitat von Rilke abdrucken.


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  Conor Oberst and the Mystic Valley Band: Outer South
Conor Oberst and the Mystic Valley Band: Outer South
Cooperative/Universal
» conoroberst.com


Conor Oberst and the Mystic Valley Band: Outer South

Als unzertrennliche Jungsgang in Seidenblousons mit „Mystic Valley Band“-Aufdruck präsentieren sich Conor Oberst und seine fünf Freunde Jason Boesel, Nik Freitas, Taylor Hollingsworth, Macey Taylor und Nathaniel Walcott im Booklet von „Outer South“. Während der letzten gemeinsamen Tour mit Conor Oberst entstand die Idee zu diesem Cliquen-Album: jeder schrieb eigene Songs, nach Travelling Wilburys-Manier (so ein Fan im Onlineforum einer Zeitschrift) durfte jeder mal singen, Conor räumte bei einigen Songs das Mikro für seine ohnehin als Singer-/Songwriter aktiven Kumpels Freitas und Hollingsworth. Die Stimmung in den Sonic Ranch Studios/Tornillo, Texas war offensichtlich äußerst entspannt, ganze sechzehn Stücke wurden aufgenommen, die lässig Country & Western, Blues, sanfte Americana und ein kleines bisschen Rock'n'Roll vermengen. Wenige Songs stechen wirklich hervor, dazu zählen der stürmische Rocker „Air Mattress“ (lead vocals Taylor Hollingsworth), die traurige Ballade „White Shoes“ (Oberst) und das countryeske „Nikorette“ (ebenfalls von Oberst gesungen): „But I don't want to wear no dead man's suit / And I don't want to wait till the moon gets blue / Well it's all just a fix / Just one little hit you're holding in“. „Outer South“ wird bestimmt nicht als bahnbrechendes, wegweisendes Album in Conor Obersts Werkgeschichte eingehen, ist aber, um es mal ganz platt zu sagen, wirklich eine schöne Platte.


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  Smoove + Turrell: Antique Soul
Smoove + Turrell:
Antique Soul

Jalapeno/Groove Attack
» smooveandturrell.com
» myspace


Smoove + Turrell: Antique Soul

Smoove and Turrell kommen aus Newcastle und sind laut Presseinfo „zwei unscheinbar wirkende Herren“ - alles andere als unscheinbar ist ihr Album „Antique Soul“, mit dem sie sich schon qua Titel vor dem Soul der sechziger und siebziger Jahre verbeugen. DJ und Remixer Smoove sorgt für den authentischen Sound, Blue-Eyed-Soulsänger Turrell erinnert stimmlich an Größen wie Eric Burdon und Otis Redding. Dass aus Smoove + Turrell richtig was werden kann, deutete sich mit dem Erfolg ihrer ersten gemeinsamen Single „I Can't Give You Up“ an: Funk-Fans überboten sich bei ebay solange, bis das gute Stück für knapp 200 Britische Pfund an den glücklichen Käufer ging. Das knackige „I Can't Give You Up“ befindet sich natürlich auf „Antique Soul“, aber die anderen Songs sind auch nicht von schlechten Eltern: unter dem Motto „Raw and Retro“, aber im Hier und Jetzt verortet, mixen Smoove + Turrell Funk, Soul, HipHop und ein bisschen Easy Listening („Hypnotized“) zu einer emotionsgeladenen, schweißtreibenden Melange. „The Difference“ ist leidenschaftlicher Tearjerker, „Latin Groove“ wildert – richtig geraten – in lateinamerikanischen Grooves, „You Got Me Bad“ erinnert an den eleganten Northern Soul von Paul Wellers Style Council. Und mit der Coverversion von „Don't Go“ zeigen Smoove + Turrell, dass sogar dem kühlen Synthiepop Yazoos ein souliges Gewand gut zu Gesicht steht.


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