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Die Box




5. Mai 2009
Christina Mohr
für satt.org

Neue Sampler für den Mai

  Dorfpunks
Dorfpunks
Pias Germany
» dorfpunk-der-film.de


Dorfpunks

„Am wichtigsten ist es für mich bei einem historischen Film, den Sound der Zeit zu treffen. Die Bilder sind eigentlich völlig egal, Schauspieler sind nicht so wichtig, Inhalt – ergibt sich schon irgendwie, entscheidend ist der Sound.“ So schreibt Rocko Schamoni in den Linernotes zum Soundtrack von „Dorfpunks“, der viel diskutierten, kritisierten und doch irgendwie gelungenen Lars Jessen-Adaption seines gleichnamigen Romans. Und King Rocko hat recht: man muss nur die Tracklist des „Dorfpunks“-Soundtracks lesen und erinnert sich gestochen scharf und in Farbe – schön und schmerzhaft zugleich – wie es war, als in den frühen achtziger Jahren Punk, oder das, was wir Kleinstadtjugendlichen dafür hielten, auch die Provinz erreichte: „Hey Punk“ von Slime, klar, initiatorische Hymne und bis heute dafür gut, die Eltern zu erschrecken, tönt noch immer aus den Cassettenrecordern (!) der Bierdosen- und Hundepunks, die in rührender Ewiggestrigkeit die Fußgängerzonen besetzt halten. Fehlfarbens „Gott sei Dank nicht in England“, älter und klüger als Slime, berührend auch in 2009. „It's My Life“ von Talk Talk: die Band, die selbst dem beinhärtesten Punkrocker den Glauben an die Popmusik zurückgab, „Duchess“ von den Stranglers gefiel denjenigen, die nicht so hart drauf waren. Jetzt wird’s interessant: „John Wayne is Big Leggy“ von Haysi Fantayzee! Rocko Schamoni hat es gehasst, ich aus vollstem Herzen geliebt – Kleinstadtmädchen hatten ein klitzekleines bisschen mehr Humor als die Jungs oder vielleicht einfach nicht so viel Angst davor, „uncool“ zu wirken. Zu Laura Branigans „Self Control“, ebenfalls ein Hasslied Schamonis, wurde anno '84 exzessiv getanzt, danach durften die Jungs wieder die Buzzcocks und Stiff Little Fingers auflegen. Heaven 17, A Flock of Seagulls, Roxy Music: hier fanden die Jungs und Mädchen zusammen und auch die cooleren Oberstufenschüler waren unten damit. Captain Beefheart und The Pop Group: was für Intellektuelle und Spezialisten, erschlossen sich dem gemeinen Provinzkid oft erst sehr viel später. Siouxsie and the Banshees: Rockos Göttin, frühe Gothics und wegen dramatischen Make-ups und generell großem Glam-Faktor für weibliche Dorfpunks wesentlich interessanter als viele Jungsbands. Rocko Schamonis Songauswahl könnte auch ein längst verlorengegangenes Mixtape aus meinem Besitz sein – danke, Rocko, dass du's wieder gefunden hast!
Abgerundet wird der Score durch Musik von Jakob Ilja (Element of Crime, 17 Hippies), Ernst Kahl, Robert Hermel und den Dorfpunks Allstars.


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  Not Given Lightly. A Tribute to the Giant Golden Book of New Zealands Alternative Music Scene
Not Given Lightly. A Tribute to the Giant Golden Book of New Zealands Alternative Music Scene
2 CDs, Morr Music
» morrmusic.com


Not Given Lightly. A Tribute ...

Eine hübsche Idee: das Berliner Label Morr Music definiert neuseeländischen Indiepop der 1980er Jahre als maßgeblich fürs eigene Selbstverständnis. Deshalb bat Thomas Morr hauseigene Bands wie Lali Puna, Tarwater, B. Fleischmann, Masha Qrella, Contriva, It's A Musical und viele andere um Neuinterpretationen der Songs von den Chills, The Clean, Tall Dwarfs, die zum Großteil auf dem legendären und immer noch aktiven Neuseeland-Label Flying Nun erschienen. Als Mitte der achtziger Jahre der Flying Nun-Sampler „Tuatara“ erschien, wurde Pop aus Neuseeland zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit bekannt – die Welt war im Handstreich verzaubert von der Mischung aus Sixties-Pop-Wurzeln einerseits und punkigem DIY-Gestus andererseits. Songs wie „Pink Frost“ (The Chills, Coverversionen von The Go Find und Masha Qrella), das dem Sampler titelgebende „Not Given Lightly“ von Chris Knox (Coverversion von B. Fleischmann) oder „Death and the Maiden“ von den Verlaines (Cover von Tarwater) sind feste Bestandteile der immerwährenden Jukebox aller Indiefans mit Herz und Geschmack. Man könnte nun einwenden, dass die Originalsongs für sich genommen schon so wunderschön und perfekt sind, dass jegliche Neubearbeitung einem Frevel gleichkommt – wir sind aber nicht so streng und loben Morr Music ohne Wenn und Aber.
CD 2 beinhaltet bisher unveröffentlichte Songs von Benni Hemm Hemm, Sin Fang Bous, Surf City (übrigens aus Neuseeland!), Tarwater, Seabear und vielen anderen.


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  Salsa!
Salsa!
Putumayo
» putumayo.com


Salsa!

Salsa, die tanzbare Melange aus kubanischer und lateinamerikanischer Musik, abgeschmeckt mit ein bisschen Jazz, ist seit Jahren in Verruf: Volkshochschulen landauf landab bieten Salsa-Kurse an, auf dass auch die bravsten Lehrerinnen und Buchhalter südliche Rhythmen aus ihren steifen Hüften schütteln. Jedes – echte oder pseudooriginale – spanische Restaurant resp. kubanische Cocktailbar lockt oder vertreibt seine Kundschaft mit der immergleichen hochfrequenten „authentischen“ Musikbeschallung. Das Label Putumayo will dem Credibilty-Niedergang des Salsa nicht länger tatenlos zuschauen und hat deshalb einen Sampler veröffentlicht, der zehn Salsa-Tracks verschiedenster Couleur vorstellt: auf „Volver, Volver“ von der Groupo Galé aus Kolumbien ist die typische Tres-Gitarre zu hören, Poncho Sanchez, in Mexiko geborener Texaner, mixt in „El Shing-A-Ling“ Son, Soul und Rhythm'n'Blues, der berühmte Salsa-Pianist Eddie Palmieri und die Band Son Boricua zeigen, wie sich Puertoricaner in New York ihre kulturellen Wurzeln bewahren, Ricardo Lemvo stammt aus dem Kongo und verbindet ganz locker afrikanische und lateinamerikanische Musik. Schöne Zusammenstellung, die man fürs CD-Regal seines Lieblingsspaniers stiften sollte.


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  GoodTimes
GoodTimes
» goodtimes-magazin.de


GoodTimes

Seit 1991 erscheint – sechs Mal im Jahr – vom schwäbischen Vaihingen aus die Zeitschrift GoodTimes, die sich, der Titel verrät es schon, der Musik der „guten alten Zeiten“ widmet. Das Redaktionsteam um Herausgeber und Chefredakteur Fabian Leibfried meint damit hauptsächlich Rockbands aus den Sechzigern und Siebzigern wie Led Zeppelin, die Stones, Byrds oder Cream , seit einiger Zeit öffnet man sich aber auch Stilrichtungen wie Punk, Wave, Elektro, Surf und Achtziger-Pop – diese Genres haben ja schließlich auch schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Mitte Mai erscheint die hundertste Ausgabe von GoodTimes, der ein Mini-Sampler beigelegt ist (vier echte Oldies mit „Good Times“ im Titel und zwei neue Songs der „GoodTimes-All-Star-Band“ mit Chris Thompson, Pete York, Siggi Schwarz und anderen). satt.org wollte von Fabian Leibfried wissen, warum sich so viele Menschen in der Vergangenheit am wohlsten fühlen, wenn es um Musik geht...

Zunächst herzlichen Glückwunsch zu 100 erfolgreichen Ausgaben von GoodTimes!

Fabian Leibfried: Vielen Dank!

Wie erklärt Ihr Euch das anhaltende Interesse an der Musik der 60er und 70er Jahre? Der Erfolg Eurer Zeitschrift ist ja nur ein Indiz, weitere sind Oldieparties an jedem Wochenende, ausverkaufte Tourneen „alter“ Stars wie den Rolling Stones...

FL: Den meisten von uns geht es doch so. Alles was wir in unserer Jugend erlebt haben, bleibt unvergessen. Und dazu gehört auch die Musik. Bei vielen beginnt diese Rückbesinnung an die "guten Zeiten" so mit dreißig Jahren. Man erinnert sich verstärkt an die Jugend, hört wieder die Musik und liest dann auch gerne etwas dazu - z.B. GoodTimes.

Was schreiben/sagen Euch die Leser, was wünschen sie sich von GoodTimes?

FL: Die meisten Wünsche beziehen sich auf einzelne Interpreten/Gruppen. Natürlich können wir leider nicht immer gleich darauf eingehen, da wir sehr viele solcher Wünsche erhalten. Ansonsten scheinen unsere Leser sehr zufrieden mit GoodTimes zu sein. Wir hören immer wieder, dass wir so weitermachen sollen wie bisher.

Wünschen sich die Leser "das Gefühl zurück" (Promo-Slogan eines hessischen Oldie-Radioprogramms), sind sie also eher nostalgisch ausgerichtet oder sind sie an neuen Facts über ihre Lieblingsbands interessiert? Und was ist für Euch am wichtigsten?

FL: Die meisten unserer Leser mögen beide Bereiche gleichermaßen. Einerseits Berichte über die „gute alte Zeit“ wie auch Infos darüber, was ihre Lieblinge aktuell so machen.

Popmusik hat ja eigentlich den Anspruch, nach vorne zu blicken, zukunftsweisend zu sein. Ist ein Heft wie GoodTimes dann nicht recht konservativ, also gar nicht "poppig"?

Vielleicht sind wir ja eine Mischung aus beidem. Und gerade das macht den Reiz aus. Wir veröffentlichen deutlich über hundert Rezensionen in jeder Ausgabe zu CDs "neuer" Künstler. Und bei den sogenannten Oldies gibt es bei vielen immer noch Zukunftweisendes zu berichten. Aber natürlich blickt GoodTimes immer auch gerne zurück.

Der GT-Schwerpunkt liegt auf gitarrenorientierter Musik/Rock - inzwischen ist elektronische Musik von Kraftwerk, Can und anderen Krautrockbands und sogar Depeche Mode (knapp dreißigjähriges Bestehen) auch oldie-würdig. Berichtet Ihr auch über Elektro-Oldies?

FL: Erst zur Ausgabe 5-2008 hatten wir Krautrock als Titelthema. Und Gruppen wie Depeche Mode werden so langsam auch zu einem GoodTimes-Thema.

Welche aktuellen Bands interessieren Euch? Wen schaut Ihr Euch an?

FL: Da gibt es viele, die mich begeistern. Um nur einige zu nennen: Coldplay, Travis, Starsailor, Milow, Macstanley, Mando Diao usw.

Wichtigste "alte" Platte für Dich:

FL: Schwer zu sagen. Aber wahrscheinlich doch die oft genannte „Revolver“ von den Beatles.

Wichtigste "neue" Platte: (ab 2000!)

FL: Ebenfalls sehr schwer zu sagen. „White Blood Cells“ von den White Stripes hat mich total begeistert.


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