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Die Box




6. April 2009
 

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April 2009, erster Teil


  Peter, Bjorn & John: Living Thing
Peter, Bjorn & John:
Living Thing

Cooperative
» peterbjornandjohn.com
» myspace


Peter, Bjorn & John: Living Thing

„Living Thing“ hieß ein Hit vom Electric Light Orchestra aus dem Jahre 1976 – Jeff Lynne und seine Mannen kleisterten Pop und Klassik, oder das, was sie dafür hielten, mit Bombast und Zuckerwatte zusammen, produzierten auf diese Weise -zig Ohrwürmer und sind bis heute eine der bestgehaßten Bands aller Zeiten. Die drei findigen Schweden Peter, Bjorn und John halten mit ihrer Bewunderung für ELO kaum hinterm Berg, zitieren nicht nur kräftig besagten Siebziger-Hit, sondern benennen gleich ihr neues Album nach diesem Titel (vielleicht hoffen sie aber auch, dass ihr zumeist recht junges Publikum von ELO noch nie was gehört hat und ihnen unhinterfragt aus der Hand frißt). Nur wenige Monate nach dem von Kritikern und Publikum ungeliebten und unverstandenen Experimental-/Instrumentalalbum „Seaside Rock“ legen Peter, Bjorn & John ihr inzwischen fünftes Album nach und nein, noch immer ist kein Nachfolger für „Young Folks“ auszumachen. Mit „Living Thing“ zeigen P, B & J, dass sie doch ein ganz grosses Faible für catchy Popsongs haben, Seaside Rock“ also sowas wie eine Etüde für zwischendurch war. Die gewagten Percussion-Elemente wurden beibehalten, Songs wie „The Feeling“ oder „Just the Past“ warten mit für Indiepop sehr außergewöhnliche Rhythmen auf, bleiben aber cheesy und zugänglich. Bei Tracks wie „It Don't Move Me“ und „I'm Losing My Mind“ wird ganz tief in der Elektropopkiste gewühlt, bis man in der Mitte der Achtziger angelangt ist, „I Want You“ hingegen ist stark gitarrenlastig und beinahe schon Rock, „Stay This Way“ ist eine bis aufs Skelett runtergestrippte Liebesschnulze im Doo-Wop-Stil, während der dubbige Schlußtrack „Last Night“ für Peter, Bjorn und John ungewöhnlich kühl daher kommt. Die Single „Lay It Down“ mit dem fröhlichen „hey, shut the fuck up, boy“-Chorus wird all jene versöhnen, die mangels Mitpfeif-Hits á la „Young Folks“ langsam die Geduld mit den Schwedenjungs verlieren – Peter, Bjorn & John beharren weiterhin auf künstlerischer Freiheit ohne Erwartungsdruck. Und pfeifen sich eins.


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  The Thermals: Now We Can See
The Thermals:
Now We Can See

Kill Rock Stars/Cargo
» thethermals.com
» myspace


The Thermals: Now We Can See

Neues Label, neuer Schlagzeuger: seit ihrem letzten Album „The Body, The Blood, The Machine“ (2006) hat sich einiges bei den Thermals aus Portland/Oregon getan. Nicht mehr bei Sub Pop, sondern beim legendären Punklabel Kill Rock Stars erscheint „Now We Can See“, Post-Election-Album des Postpunk-Trios. Hutch Harris (Vocals, Gitarre), Kathy Foster (Bass) und der neue Drummer Westin Glass beschäftigen sich auf gewohnt intensive, kompromisslose Weise mit den neuen politischen Bedingungen in the U.S. of A. und können nicht verhehlen, dass sie Barack Obama rundweg positiv gegenüberstehen und sich auf die neuen Möglichkeiten freuen, die sich durch Obamas Regentschaft vielleicht sogar im künstlerischen Bereich ergeben. Eine von allen Sorgen befreite Spaßcombo sind The Thermals trotzdem nicht geworden: viele Songtexte drehen sich um Tod, Selbstmord, Gewalt, Ausbeutung („When I Died“, „We Were Sick“, „When I Was Afraid“, „You Dissolve“), obwohl oder gerade weil The Thermals selbst noch ziemlich jung sind. Aber ist es nicht die Aufgabe einer Punkrockband, sich um die unbequemen Themen des Lebens zu kümmern? Richtig, genau das machen The Thermals, und zwar mit so viel Drive, Druck und dichtem Sound (unbedingt in „When We Were Alive“ reinhören!), dass man sich jetzt schon auf die hoffentlich bald in Deutschland anstehenden Shows freut!


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  Alif Tree: Clockwork
Alif Tree: Clockwork Compost/Groove Attack
» aliftree.net


Alif Tree: Clockwork

Der rumänisch-französische DJ und Multiinstrumentalist (Gitarre, Keyboards, Percussion aller Art) gilt als versierter Hobbykoch. Sein Debütalbum (ebenfalls auf Compost erschienen) nannte er aus naheliegenden Gründen „French Cuisine“, das ihm auch hierzulande viele Fans verschaffte. Mit „Clockwork“ beschreitet er neue Wege, die mit einer Reise nach Nashville begannen: dort entstand das Album, das nach den Wünschen des Meisters unbedingt live aufgenommen werden sollte. Auch wenn Nashville die Country-Hochburg der Welt ist, hat die Atmosphäre des Ortes kaum musikalische Spuren auf „Clockwork“ hinterlassen, Clubaficionados werden das begrüßen. Dennoch ist Alif Trees neue Platte kein reines Dancealbum, sondern birgt viele Überraschungen, die man auch von einem französischen Koch nicht unbedingt erwartet hätte: der Opener „Au Revoir“ ist eine beinah klassische Klavierballade, mit gesampletem Kinderlachen und Vinylkratzen, mehr meditativ als groovend und korrespondiert atmosphärisch mit dem ebenfalls klassisch-cinematographisch anmutenden Schlußtrack „Dead Flowerz“. Der aus Memphis stammende Countrystar Tony Joe White ist mit seinem brummigen Organ auf „Way Down South“, einem etwas öden Song, der vielleicht Trees Version von Country sein soll, in der Gesamtschau aber verzichtbar gewesen wäre. Die Stärke von „Clockwork“ zeigt sich bei raffiniert arrangierten Pop-Chanson-Dance-Hybriden wie „Mai“, „Without Her(th)“ und „Reality“: gesampelte Vocals von Nina Simone und Shirley Horn, satte Bläser und Streicher bilden ganz hinreißende Mixturen. Filmscore-reif ist dagegen ein Track wie „Timestretched“ dessen tickende Uhren (ha! Clockwork!) und mäandernde Bläsermelodie die Hörer glatt aus Zeit und Raum entführen.


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  Who Made Who: The Plot
Who Made Who: The Plot
Gomma
» whomadewho.de
» myspace


Who Made Who: The Plot

Skandinavien rules diese Short Cuts-Ausgabe: neben Peter, Bjorn & John und Marching Band stellen wir mit Who Made Whos „The Plot“ gleich drei Platten aus dem (mittel-)hohen Norden Europas vor. Das dänische Trio Who Made Who (Tomas Barfod, Tomas Hoffding, Jeppe Kjellberg – ich liebe dänische Namen) kann sich darüber freuen, Lieblingsband vieler anderer Bands zu sein: Daft Punk, Soulwax und LCD Soundsystem buchen WMW regelmäßig als Supportact, Hot Chip remixten ihren Track „TV Friend“ und niemand geringerer als Josh Homme von Queens of the Stone Age/Eagles of Death Metal covert bei Konzerten mit Vorliebe ihr „Space for Rent“. Und live ist das Trio ohnehin eine Bank, davon konnte man sich unlängst bei ihren Auftritten in Deutschland überzeugen. Who Made Who nennen ihren Stil „Future Disco“ und fühlen sich eher mit Daft Punk als mit Franz Ferdinand verbunden – die immer mal wieder auftauchenden FF-Vergleiche gehen tatsächlich in die falsche Richtung, denn WMW verbinden zwar auch Discobeats mit Rockgitarren, zielen aber viel eindeutiger in den Club, auf den Dancefloor: die Grooves sind fett und basslastig, die rockigen Elemente sind eher ironisch gemeint, so nach dem Motto, „nehmt mal alles nicht so ernst hier“. Überhaupt spielen Witz und Ironie eine ganz große Rolle bei WMW, ohne dass sie dabei zur Clowntruppe mutieren. Musik soll Spaß machen und das kommt auf „The Plot“ eindeutig rüber. Future Disco hin oder her, keine Zukunft ohne Vergangenheit: WMW zitieren sich fröhlich durch die Popgeschichte, lieben Siebzigerjahre-Stoner- und Glamrock (siehe/höre „Cyborg“, „This Train“), kennen sich in Achtziger-Wave- und Mutant Disco aus, driften durch Psychedelic der Sixties und waren in den Neunzigern ganz sicher auf vielen Trance- und Technoparties. Die ersten fünf Songs grooven so lässig und zwingend, als hätten sich The Whitest Boy Alive mit Chic zusammengetan, ab der Mitte des Albums wird lustig experimentiert: Balladen, Rock, spacige Soundeffekte – alles geht, alles passt. Der letzte Track „Working After Midnight“ ist eine deutliche Hommage an oder ein ungewollter Rip-off von DAF's „Der Räuber und der Prinz“, minimale Elektrobeats plingern zu undeutlich verhuschten Vocals und hören unvermittelt einfach auf. Zack, Album zu Ende, repeat! Mit „The Plot“ machen sich Who Made Who wieder jede Menge neue Fans – und werden bald ihrerseits andere Bands (siehe oben) als Support verpflichten.


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  Marching Band: Large Spark
Marching Band:
Large Spark

Haldern Pop
» marchingband.se


Marching Band: Large Spark

Monthy Pythons groteske Trickfilmmontagen standen wohl Pate für das surreale Cover: Der Turm zu Babel grell erleuchtet von einer bunten Lichterkette und blinkenden Lettern, die das schwedische Popduo „Marching Band“ anpreisen. Das Ganze ist eingebettet in eine erdfarbene Hügellandschaft, die von menschlichen Tiergestalten und tierischen Menschengestalten bevölkert wird, mythischen Mischwesen, die unweigerlich an die Bildsprache von Max Ernst erinnern. Bei solchen Anspielungen erwartet man eine ebenso gefärbte Musik, doch weit gefehlt.
Was uns Erik Sunbring und Jacob Lind auf ihrem Album bieten, ist luftiger, samtener Pop, der nicht kratzt oder beißt. Milde Melodien und noch mildere sich harmonisch ergänzende Männerstimmen, begleitet von Marimba, Banjo und Vibraphon. Dem ist nett zu lauschen, allerliebst quasi. Und doch bleibt ein unerklärlicher Nachhall. Der Kontrast zwischen Bildkunst und Klangbild will sich im Kopf einfach nicht zum stimmigen Motiv fügen. Die vom Duo angepeilte Irritation vermag keinen Sinn zu stiften. Eine Marschkapelle, die einem statt den Marsch zu blasen Honig ins Ohr flötet, muss an der hohen Kunst hintersinniger Ironie noch arbeiten. (Jörg von Bilavsky, zuerst bei titel-magazin.de erschienen)


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  Trashmonkeys: Smile
Trashmonkeys: Smile
Xno Records
» trashmonkeys.com
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Trashmonkeys: Smile

Garagenrock vom Feinsten bekommt man auf der vierten Scheibe von den Trashmonkeys zu hören. Oder muss man nicht besser sagen vom Gröbsten, so rau und rasant wie die Jungs aus Bremen in ihre Saiten greifen und jedes Riff gnadenlos ausreizen? Nein, muss man nicht. Denn die Indierocker haben seit ihrem Debütalbum „Clubtown“ einen wirklichen Reifeprozess absolviert. Der Opener „Give That To Me“ klingt trotz aller Ecken und Kanten wie aus einem Guss und hat echte Chancen, die Charts zu stürmen. Das coole Quintett aus dem Norden hat aber weitaus mehr zu bieten als rotzfreche Rocknummern. Verspielter, harmonischer, geradezu zu melodiös präsentieren sie sich mit britpoppigen Songs wie „Leaving Home“ oder „Dreammaker Avenue“. Selbst ihrem Abstecher in die Gefilde des Ska folgt man allzu gerne. Egal wo man auf dieser CD „reinzappt“, die Trashmonkeys beherrschen ihren Stil glänzend und den der anderen auf unverwechselbare Weise. Das entlockt uns nicht nur ein höfliches „Smile“, sondern echte Begeisterung. (Jörg von Bilavsky, zuerst bei titel-magazin.de erschienen)


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