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Die Box




11. April 2009
Christina Mohr
für satt.org

  Mark Oliver Everett: Glückstage in der Hölle. Wie die Musik mein Leben rettete
Mark Oliver Everett: Glückstage in der Hölle. Wie die Musik mein Leben rettete
übersetzt von Hannes Meyer
Kiepenheuer & Witsch
Geb., 217 S., € 18,95
» kiwi-koeln.de
» eelstheband.com
» myspace

* Ein neues Eels-Album wird im Mai veröffentlicht!


Wie die Musik mein Leben rettete

Übersetzungen englischsprachiger Originaltitel ins Deutsche geraten manchmal etwas hölzern oder ganz und gar unbegreiflich, so auch im Fall der Autobiographie von Eels-Gründer Mark Oliver Everett: Das Buch trägt im Original den schönen Titel „What the Grandchildren Should Know“, für die deutsche Ausgabe machte man daraus „Glückstage in der Hölle. Wie die Musik mein Leben rettete“. Seufz. Vielleicht stand hinter der Titelwahl die Überlegung, dass Mark Oliver Everett hierzulande vielleicht doch nicht so sehr berühmt ist und dass deswegen im Titel das Wort „Musik“ auftauchen muss, um die inhaltliche Ausrichtung für potentielle Leser anzugeben. Wie auch immer: Everetts Autobiographie ist die Lektüre mehr als wert, komischer Titel hin oder her. Everetts Platten, ob solo oder mit seiner Band Eels, erfreuen seit Mitte der neunziger Jahre ein relativ breites Publikum, wenn auch weder „Mr. E“ noch die Eels jemals Zugeständnisse an Fans und Plattenfirmen machten. Bei einem neuen Eels-Album* weiss man nie, was einen erwartet: befindet sich E. gerade in einer Country- oder Klassikphase, liegt der Schwerpunkt auf depressiven Balladen oder Indierock? Diese Unberechenbarkeit macht die Eels so spannend und amüsant, zu E.'s Fans gehören Tom Waits, Patti Smith und viele andere Größen, die gerne mit Everett zusammenarbeiten oder gemeinsame Konzerte geben. In seiner Autobiographie, die von der ständigen Skepsis durchzogen ist, ob sein Leben als Musiker und Privatmensch interessant genug für ein ganzes Buch sei, rekapituliert Everett seine Vergangenheit: lakonisch skizziert er „ganz normale“ Familiensituationen, erwähnt zwar immer wieder, dass seine Eltern „keine Ahnung davon hatten, wie man Kinder großzieht“, zeigt aber niemals Groll oder gar Haß gegen seine tatsächlich recht ahnungslosen Erzeuger, die „im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes gaben.“ Everetts Vater ist Hugh Everett III, ein renommierter Physiker, der die Vier-Welten-Interpretation begründete. Im täglichen Leben aber versagt Everett III, für den Sohn ist er nicht mehr als ein „Möbelstück“, bis er sich eines Tages mit 51 Jahren auf sein Bett setzt und stirbt. Der Tod des Vaters ist die Eröffnung zu einem beinah grotesken Todesfall-Reigen: Mark Olivers geliebte Schwester Liz bringt sich um, die Mutter siecht krebskrank dahin, unzählige andere Wegbegleiter (Roadies, Freunde, Nachbarn) sterben und E. ist jedes einzelne Mal bis in die Grundfeste erschüttert, obwohl er sich „eigentlich daran gewöhnt haben müsste, dass Menschen eben sterben.“ Everett schreibt mit großer Aufrichtigkeit und rührender Offenheit, trotz vieler grotesken Szenen (z.B. beschreibt er gerade noch, wie sehr er sich über eine zutrauliche streunende Katze freut, zack, ist drei Zeilen weiter wieder jemand verstorben) hat man nie das Gefühl, hier würden Begebenheiten nur ihrer Schockwirkung wegen miteinander verknüpft. Ebenso wird Everett niemals zynisch oder übertrieben lustig, wie es in den thematisch durchaus ähnlichen Büchern von David Sedaris der Fall ist. Denn (und jetzt bekommt der deutsche Titel tatsächlich seinen Sinn): was Everett rettet, ist die Musik und sein unerschütterlicher Wille, Platten aufzunehmen und live aufzutreten. Against all odds. Everett schreibt seit seiner frühen Jugend täglich neue Songs, er erwähnt mehrfach, dass er ohne seine Musik wahrscheinlich wie seine Schwester geendet wäre. Es dauert lange, bis Labels auf ihn aufmerksam werden und seine Songs veröffentlichen, er verliert mehrfach Plattenverträge und wird doch sogar ein MTV-Star; die Krönung seines bisherigen Schaffens ist für ihn ein gemeinsamer Auftritt mit Patti Smith in Londons Queen Victoria-Hall. Als er in der ehrwürdigen Halle vor tausenden begeisterten Zuhörern singt, weiss er, dass er den richtigen Weg gegangen ist – auch wenn er ihn die meiste Zeit allein gehen musste.
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  Jens Friebe: 52 Wochenenden. Kritische Ausgabe
Jens Friebe:
52 Wochenenden.
Kritische Ausgabe

Verbrecher Verlag
160 S., € 12,-
» verbrecherverlag.de
» jens-friebe.de
» myspace


Jens Friebe: 52 Wochenenden. Kritische Ausgabe

Seeehr witzig, Herr Friebe, sehr witzig: Soso, die „Germanistin Jelenia Gora“ hat also Ihre „Wochenendnotate ergänzt und wo es nötig war, korrigiert.“ Und einen „editorischen Apparat“, in dem sich „Vorstudien und Briefe“ zu Ihren Ausgehprotokollen aus dem Jahre 2006 befinden, hat sie auch angefügt. Soso, aha. Zum Glück gibt es Google und Wikipedia, die verraten (falls man es nicht sowieso schon wusste), dass Jelenia Gora eine niederschlesische Stadt am Fuße des Riesengebirges ist, die zu großdeutschen Zeiten Hirschberg hieß. Aber gut, warum soll einem eine Hirschbergerin keinen Bären aufbinden dürfen – und die runderneuerten „52 Wochenenden“ lesen sich ja auch wirklich prima: in den 48 Anmerkungen erfährt man so einiges, was der Autor in der Urform oft nur skizzenhaft darstellte, z.B. wird ausführlich über die Autobahnraststätte „Pfefferhöhe“ vor den Toren des oberhessischen Fachwerkstädtchens Alsfeld berichtet, oder im Buch immer wieder auftauchende Realpersonen wie die Musikerin Justine Electra und der Schlagzeuger Herman Herrmann („Doppelherrmann“)werden genauer eingeführt. In der „Kritischen Ausgabe“ befinden sich außerdem neue Begleittexte von Dietmar Dath und Linus Volkmann, aber wer weiß, wer diese tatsächlich verfaßt hat. In Frage kommen laut neuester germanistischer Forschungsergebnisse Nowa Ruda und Kamienna Góra (a.k.a. Neurode und Landeshut). Trotzdem: wenn ein Verlag heute solche Bücher macht, kann es um die sogenannte „Krise“ (Finanz-, Wirtschafts-, Allgemeine-) nicht allzu schlimm bestellt sein!


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  David Schumann: The Tokyo Diaries
David Schumann:
The Tokyo Diaries

Rockbuch
300 S., € 16,90
» rockbuch.de


David Schumann: The Tokyo Diaries

Bei diesem Buch gilt es, eine schwierige Hürde zu nehmen: und zwar den sehr gewollt auf lässige Jugendsprache getrimmten Stil des Autors, der von vorne bis hinten einen „ey, voll hammermäßig, die Braut/der Typ, wieder mal voll abgesumpft und total verpeilt aufgewacht, oh mann ey“-Stream-of-Unconsciousness durchzieht. Dabei ist David Schumann, mittlerweile 33 Jahre alt, ein ziemlich schlaues Kerlchen, sonst hätte er wohl kaum ein zweijähriges Stipendium als Japanologiestudent in Tokyo bekommen. Aber Schumann inszeniert sich (oder wurde vom Verlag dazu gebracht, who knows) als echt harter, meistens voll verstrahlter Bummelstudent, Punkrocker und Hobbymusiker, dazu passt natürlich keine Kehlmann-Lingo, schon klar. Hat man besagte Hürde aber überwunden und macht sich an die beinah transzendentale Aufgabe, den Text zu lesen und dabei zu entschlüsseln, was sich hinter den Fanzine-artigen Einträgen wirklich verbirgt, bekommt man eine Menge authentischer Japan-Erfahrungen präsentiert. Schumanns Geschichte ist schon ziemlich obskur, so wird er nach einigen Monaten in Tokyo auf der Straße angesprochen und bekommt einen Modeljob angeboten: der große, schlaksige, tätowierte German Slacker ist in Japan ein total angesagter „Typ“. Nach anfänglicher Skepsis freundet sich Schumann mit dem Model-Business an und verdient sich nicht nur ein ordentliches Taschengeld, sondern landet auf den Covern der angesagtesten Fashionblätter. Das Modeln bildet einen schönen Kontrast zu seiner Leidenschaft PUNKROCK, der er auch fern seiner Heimatstadt Düsseldorf frönt: er spielt in mehreren japanischen Bands und kommt sogar zu einigem Ruhm. Die Tagebucheinträge pendeln zwischen heimwehbedingten Depressionen, euphorischer Hochstimmung (Bands, Erfolge an der Uni, endlich eine japanische Freundin gefunden) und ergehen sich genußvoll in detaillierten Schilderungen der täglichen Sauf- und Karaokegelage. Schumann kann trotzdem nicht verhindern, dass man einen guten Eindruck vom Leben als europäischer Alien in der Megalopole Tokyo bekommt. Die Rezensentin gibt an dieser Stelle zu, es bedauert zu haben, dass das Buch auf Seite 300 schon zu Ende war – sie hätte gern noch mehr aus Shibuya und Ichigaya und anderen Tokyoter Stadtteilen erfahren. Eine klitzekleine Kritik sei noch erlaubt: dass es weder dem erklärten Slayer-Fan Schumann selbst, geschweige denn dem Rockbuch-Verlag (sic!) auffiel, dass das Monsteralbum von Slayer nicht „Raining Blood“, sondern natürlich „Reign in Blood“ heißt, ist doch mehr als verwunderlich...


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  Gavin Edwards: Do You Want to Know a Secret?
Gavin Edwards: Do You Want to Know a Secret? Die grössten Geheimnisse, Mythen und Gerüchte der Rockwelt
übersetzt von Thorsten Wortmann, illustriert von Jana Moskito
Schwarzkopf & Schwarzkopf
Geb., 224 S., € 14,90
» schwarzkopf-schwarzkopf.de


Gavin Edwards: Do You Want to Know a Secret?

Unnützes Partywissen für Pop- und Rockfans: Geht es in Bachmann Turner Overdrives Hit „Ain't Seen Nothin' Yet“ tatsächlich um Herpes? Sind die White Stripes Geschwister oder ein ehemaliges Ehepaar? Von wem handelt der Song „You're So Vain“ von Carly Simon? Hat Tom Waits sich wirklich eine Speisekarte auf die Brust tätowieren lassen? Bezieht sich der Bandname Pearl Jam auf die selbstgekochte Marmelade von Eddie Vedders Uroma oder gibt es einen anderen Bezug? Wie viele Songs von Randy Newman haben Städtenamen im Titel? Diesen und -zig anderen brennenden Fragen geht Rolling Stone-Redakteur Gavin Edwards in „Do You Want to Know a Secret“ nach und liefert ausführliche, manchmal überraschende, manchmal auch altbekannte Antworten. Ideales Geschenkbuch für Nerds und Pop-Plaudertaschen, die sich über die Hintergründe zur Entstehung des Beatles-Songs „Norwegian Wood“ schon mal locker ein, zwei Stündchen unterhalten können.


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  Marc Masters: No Wave
Marc Masters: No Wave
Vorwort von Weasel Walter
Black Dog Publishing
205 Seiten, £19.95
» blackdogonline.com


Marc Masters: No Wave

No Wave hatte eine zu kurze Lebensdauer, um eine „Bewegung“ gewesen zu sein, No Wave-Einflüsse sind aber auch noch in aktueller Musik spür- und hörbar: der Musikjournalist Marc Masters zeichnet in seinem großartigen Buch die Hauptlinien dieser Nicht-Bewegung nach. Schauplatz: New York City in den späten Siebzigern. Punkbands wie die Ramones feiern Erfolge im CBGB's und weit darüber hinaus, der schnelle harte Beat erschüttert die zahlreichen Brachflächen der Stadt. Doch bei vielen jungen MusikerInnen und KünstlerInnen regt sich Unmut über den ach-so-revolutionären Sound, der nichts anderes ist als schnell gespielter Rock'n'Roll, wie ihn Chuck Berry tausend Jahre zuvor erfunden hatte. Kunst- und Musikstudenten wie Arto Lindsay und James Chance und gesellschaftliche misfits wie Lydia Lunch verabscheuen das one-two-three-four-Korsett und machen sich an die Arbeit. Die Aufgabe lautet: Dekonstruktion. No Wave-Bands wie Teenage Jesus & The Jerks, D.N.A., Mars, The Contortions, Red Transistor lassen höchstens Suicide als Vorbilder gelten, keinesfalls die Sex Pistols oder The Clash. Funk, Jazz und Noise gehen neue, unerhörte Verbindungen ein und wo Lydia Lunch eisige Distanz zum Publikum wahrt, prügelt sich Funkjazzer James Chance mit Konzertbesuchern, die sich für seinen Geschmack zu wenig bewegen. No Wave ist unzugänglich, experimentell, avantgardistisch und manchmal schlicht unhörbar. 1978 stellt Brian Eno das Album „No New York“ zusammen, von den anfangs zehn ausgewählten Bands bleiben vier übrig: Mars, D.N.A., Teenage Jesus und die Contortions. Enos Auswahl und Produktionsweise sind umstritten, noch heute wollen einige der auf der Platte vertretenen Künstler nicht in einem Atemzug mit Eno genannt werden. No Wave war ein kurzer, vielgestaltiger Funke, keine klassifizierbare Stilrichtung, was Einordnungen schwierig macht. No Wave hinterließ nicht nur ein kleines Häufchen Platten, sondern auch Spuren in Kunst und Film, Literatur und Mode. Bands wie Sonic Youth haben ihre Wurzeln im No Wave, viele andere Künstler beziehen sich auf kurzlebige Phänomene wie Glenn Brancas Theoretical Girls. Ein eigenes Kapitel in Masters' Buch beansprucht das No Wave Cinema, resp. Cinema of Transgression, wie Filmemacher Nick Zedd die nonkonformistischen, meist mit Super-8 gedrehten und mit Tabus wie Porno- und Gewaltdarstellungen spielenden Undergroundfilme nannte. Als ergänzendes Filmmaterial zum Buch „No Wave“ empfiehlt sich die in Kürze erscheinende DVD.


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  Llik Your Idols: The chaotic story of transgressive Cinema
DVD, 73 Minuten, MVD Visuals
» lechatquifume.com


Llik Your Idols: The chaotic story of transgressive Cinema

Die französische Filmemacherin Angelique Bosio holte für ihre Dokumentation „Llik Your Idols“ Transgression-Regisseure wie Nick Zedd, Richard Kern, Bruce LaBruce vor die Kamera, interviewte ProtagonistInnen wie Lydia Lunch, Richard Hell, Thurston Moore, Swans-Sängerin Jarboe, den umstrittenen Maler Joe Coleman und viele mehr. Entstanden ist ein zwar nicht unbedingt alle Mysterien des Cinema of Transgression aufklärender Film, dafür ein eindrucksvolles Konglomerat aus nie oder selten gezeigten Filmausschnitten (hauptsächlich vom manisch arbeitenden Richard Kern und Nick Zedd) und Aufnahmen von La Lunch vor Piano und Trockenblumenstrauß (bei ihr zuhause??). Obwohl in „Llik Your Idols“ hauptsächlich von längst vergangenen Zeiten und Projekten erzählt wird, entsteht nicht der Eindruck einer nostalgischen Rückschau: fast alle Filmemacher und Akteure sind bis heute aktiv, drehen Filme, machen Musik und schreiben Bücher. Dazu kommt, dass No Wave/Cinema of Transgression auch im 21. Jahrhundert mit Seh- und Hörgewohnheiten bricht. Das Cinema of Transgression blieb bisher von einer Vereinnahmung durch den Mainstream verschont.



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