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Die Box




9. März 2009
 

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März 2009, erster Teil


  Crystal Stilts: Alight of Night
Crystal Stilts:
Alight of Night

angular
» myspace


Crystal Stilts: Alight of Night

Joy Division, The Jesus and Mary Chain, The Chills, Velvet Underground: das sind die stilistischen Referenzen, die von Musikschreibern unisono für „Alight of Night“, das ziemlich großartige Debüt der New Yorker Band Crystals Stilts zum Vergleich herangezogen werden. An Joy Division erinnern vor allem die dumpfen Basslinien und Brad Hargetts klagender Gesang (allerdings ohne Ian Curtis' Depressionen), an Velvet Underground das scheppernde Schlagzeug von – wie Moe Tucker – der im Stehen spielenden Frankie Rose, die Melodien sind wie einst bei Jesus and Mary Chain wehmütig und bittersüß. Die Gitarren janglen, die Orgel jinglet, von ferne grüßen die Sixties: Elemente aus Garagen-Prä-Punk, Surfpop, Psychedelik und eine watteweiche Wall of Sound verbreiten nostalgische Stimmung – Sehnsucht nach einer Zeit, an die sich die Bandmitglieder selbst nicht erinnern dürften, allenfalls ihre Eltern. „Shattered Shine“ klingt, als hätten sich Suicides Alan Vega und Bob Dylan in einem U-Bahnschacht getroffen: mitten in die urbane Melancholie schraubt sich völlig unerwartet eine folkige Mundharmonika; „Verdant Gaze“ und „The City in the Sea“, mit beinah tempofrei verschleppten Beats, legen Spuren zu Shoegazer-Bands wie My Bloody Valentine. Wenn bis hierhin alles nach einer Retro-Epigonen-Truppe klingt: so ist das ganz und gar nicht. Crystal Stilts sind geschichtsbewußte Romantiker, Hipster mit Herz. Ihre Musik baut auf den Fundamenten des Indiepop eine Kathedrale voller Wärme und Licht.


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  How to Get to Heaven from Scotland by Aidan Moffat + the Best-Ofs
How to Get to Heaven from Scotland by Aidan Moffat + the Best-Ofs
Chemikal Underground / Rough Trade
» aidanmoffat.co.uk


How to Get to Heaven from Scotland

Vor einem Jahr überraschte Ex-Arab Strap-Mitglied Aidan Moffat mit seinem spoken-word-Album „I Can Hear Your Heart“, das im Grunde ein erotisches Hörspiel war. Schon vor den Aufnahmen zu „I Can Hear Your Heart“ gründete Moffat die Band the Best-Ofs, die sich als „offenes Haus“ versteht, in das jede/r Interessierte/r kommen und auch wieder gehen darf – eine feste Besetzung gibt es nicht. An den Aufnahmen zu „How to Get to Heaven from Scotland“ waren unter anderem Alun Woodward (Delgados) und Stevie Jones aus der Band von Isobel Campbell und Mark Lanegan beteiligt. Musikalisch pendeln die Best-Ofs zwischen countryesken Folkballaden und schottischen Traditionals, minimal arrangiert, abgeschmeckt mit kleinen, feinen Details: bei „Lover's Song“ zum Beispiel hört man eine beeindruckende human beatbox, an anderer Stelle erklingt Meeresrauschen, Katzenmaunzen, Kindergeschrei. Durchgehendes Thema der Platte ist: die Liebe. Und zwar nicht von ihrer schmutzigen, lüsternen Seite, wie sie Moffat auf „I Can Hear Your Heart“ gepriesen hatte, sondern die ganz romantische, von Herzen kommende, tragische und traurige Liebe. Mit trunkenem Sprechgesang und schottischem Akzent erzählt Moffat von letzten Küssen, ungeborenen Babys, nicht abgeschickten Briefen und angehimmelten Blondinen. Moffat bezeichnet „How to Get to Heaven...“ als ideales Valentinstaggeschenk – diesem Rat schließen wir uns, wenn auch etwas verspätet, gerne an.


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  Mongrel: Better Than Heavy
Mongrel: Better Than Heavy
PIAS / Wall of Sound
» myspace


Mongrel: Better Than Heavy

„Mongrel“ heißt Promenadenmischung – für die britische Band Mongrel hat sich ein gar nicht straßenköterhaftes Supergroup-Line-up zusammengefunden: Andy Nicholson (Ex-Bassist von Arctic Monkeys), Schlagzeuger Matt Helders (Arctic Monkeys), Bassist Drew McConnell (Babyshambles), Joe Moskow (Reverend And The Makers) und Rapper Lowkey (Poisonous Poets) sind die Akteure, die mit „Better Than Heavy“ ein furioses Polit-HipHop-Indie-Album vorlegen, bei dem man mit Vergleichen nicht wirklich weiterkommt. Tracks wie „Lies“ und „The Menace“ nehmen den Style der Gorillaz auf (düstere Rap-Vocals zu verspielten Pop-Melodien auf Klavierbasis), die Lyrics sind explizit politisch und bohren dort, wo es weh tut: es geht um die USA und Afghanistan, um Afrika, Hunger, Armut, Krieg, Korruption und Fundamentalismus aller Art. „Act Like That“ und „Hit From the Morning Sun“ sind Dub-Rock-Killer, die in ihrer Intensität den frühen Public Enemy in nichts nachstehen, „Better Them Than Us“ oder das schwergewichtige „Assassins“ crossovern Rock, Rap und Dancehall, als gäbe es kein Morgen; gemixt wurde das Album übrigens von niemand geringerem als der Dub-Legende Adrian Sherwood (On-U-Sound). „Better Than Heavy“ bringt Pop und Protest wieder zusammen und kreiert einen höchst lebendigen Bastard, der nicht gern an der Leine geht und „denen da Oben“ ungeniert ans Bein pinkelt.


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  Lenz: Augen auf und durch
Lenz: Augen auf und durch Noteworks/Alive
» lenzmusik.de
» myspace


Lenz: Augen auf und durch

Das Berliner Trio Lenz füllt gleich verschiedene Lücken: ihr Album „Augen auf und durch“ wird all jenen gefallen, die Blumfeld zwar vermissen, denen Jochen Distelmeyer aber immer irgendwie zu extravagant war. Menschen, die Tomte für prätentiös und überschätzt halten, werden mit Lenz ebenso glücklich sein wie solche, denen Kettcar zu langweilig und Monostars zu sperrig sind und auch, wer Bernd Begemann endgültig nicht mehr hören und sehen kann, sollte in das Debütalbum von Markus Jütte (Bass, Gesang), Richard Putz (Piano, Gitarre), Christoph von Knobelsdorff (Schlagzeug) unbedingt reinhören. Ein romantisches Pianointro leitet das Album ein, die folgenden zehn Tracks sind größtenteils midtempo gehalten, aber Lenz können auch rocken, wie die rauen, schnelleren Songs „Weite Reise“ und „Am Ziel vorbei“ mit knackigen Gitarren und druckvollem Drumming beweisen. Lenz' Texte sind voll doppeldeutiger Spitzfindigkeiten, Beispiele: „Du bist nur alles für mich / und ich wollt', ich wär' nur halb so viel für dich / heute war gestern doch gerade erst morgen / und morgen wird heute wieder zu gestern...“ („Nur alles“) oder „Steh mit mir auf, lass' uns zusammengehen oder unter“ („Steh mit mir auf“). Lenz machen also eigentlich alles richtig, müssen aber ein bißchen aufpassen, dass sie nicht – wegen oben genannter Merkmale – zwischen allen Stühlen unter den Tisch rutschen, um textmäßig im Lenz-Universum zu bleiben.


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  Boozoo Bajou: Grains
Boozoo Bajou: Grains
!K7
» k7.com
» boozoobajou.com


Boozoo Bajou: Grains

Üblicherweise gehört ein neues Album des Nürnberger Elektro-Downbeat-Duos Boozoo Bajou in den satt.org-“Wohnzimmerclub“. Der sämig fließende, lässig pluckernde Sound, den Florian Seyberth und Peter Heider seit 2001 für ihre eigenen Platten und Remix-Klienten wie Mary J Blige, Nelly Furtado, Tosca und den Rapper Common fabrizieren, untermalt Werbeclips und TV-Sendungen („Expedition Gehirn“), funktioniert in der Latte-Lounge und im Club. Mit ihrem neuen Album „Grains“ schlagen Boozoo Bajou neue Wege ein: Seyberth und Heider ließen sich vom amerikanischen Folk der sechziger und siebziger Jahre inspirieren, der sprichwörtliche „Laurel Canyon“-Sound von Los Angeles floß in „Grains“ ebenso ein wie kalifornische Strandatmosphäre. „Wenn ich das Titelstück höre, bekomme ich ein nahezu ozeanisches Gefühl: Ich kann den Pazifik fast schon sehen“, begeistert sich Florian Seibert über sein neues Werk. Und tatsächlich: „Grains“ ist eine rundum schöne Platte, sanft und entspannt (bei Herzrasen und anderen Streßerscheinungen: Tracks wie „Tonschraube“ oder „Flickers“ auflegen), mit viel Sonne und imaginärem Meeresrauschen. Akzente setzen unter anderem die britische Gastsängerin Rumer, deren Stimme aus „purem Gold“ (Zitat BBC) auf „Same Sun“ und „Messengers“ zu hören ist; dezente Reminiszenzen an Curtis Mayfield'schen Soul klingen bei „Signs“ an, „Fuersattel“ trabt im gemäßigten Steely Dan-Rhythmus und der Track mit dem schönen Titel „Kinder ohne Strom“ erinnert an Ennio Morricones Western-Soundtracks. Boozoo Bajou verlassen mit „Grains“ den Club und reiten gen Westen – man darf auf weitere Urlaubsmitbringsel gespannt sein.


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  Malajube: Labyrinthes
Malajube: Labyrinthes
CitySlang
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Malajube: Labyrinthes

So richtig auf sich aufmerksam machten Malajube im Jahr 2007 mit ihrem zweiten Album „Trompe L'Oeil", mit dem der aus Montreal stammende Fünfer allerorten Ovationen einheimste. Die Presse jubelte. Das Publikum lag ihnen zu Füßen. Dazu wurden Malajube mit Preisen in den verschiedensten Kategorien überhäuft.
Dann wurde es ruhiger um die Band. Der Grund: die Arbeit am Nachfolger „Labyrinthes“. Der Opener „Ursuline“ beginnt mit klassischer Einleitung, um nach wenigen Sekunden den Weg weiter zu gehen, den Malajube auf „Labyrinthes" bereits eingeschlagen hatten: weg vom Indiesound, hin zu experimentellen, fast schon Post-Rock-artigen Klängen. Seinen besonderen Charme erhält „Labyrinthes“ durch die theatralisch anmutende Stimmung - eine Wandlung, die man nicht erwarten konnte. Staubtrocken erklingen die Instrumente, ohne den nötigen Druck vermissen zu lassen. Dazu der unverwechselbare französische Gesang, der eine bittersüße Note hinzufügt. Epische und sphärische Stücke inklusive Gitarrenwänden geben sich die Klinke in die Hand, um von tollen Popnummern wie „Casablanca“ und dynamischen Tracks wie „333“ unterbrochen zu werden. Und dann gibt es Stücke wie „Collemboles“, die grenzenlose Freiheit zeigen: der stets präsenten Orgel, den Gitarren, dem Bass, dem Schlagzeug werden keine Reglementierungen auferlegt. Denn erst so entfalten sich die beherzten Melodien. Grenzen gibt es nicht, sie wurden eingerissen und woanders aufgebaut. Damit gelingt Malajube ein vielseitiges und –schichtiges Album, das Forderungen an die Fans stellt: genau hinhören und auf Entdeckungsreise gehen. Vielleicht könnten Queen heute so klingen, wer weiß. Auf jeden Fall steht den Kanadiern der progressive Indie-Rock sehr gut zu Gesicht. (Thomas Stein)


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