Anzeige:
Die Box




24. März 2009
Christian Ogrinz
für satt.org

Dub, Grime, Dubstep
Eine Spurensuche in Berlin

Ein Gespenst geht um in Europa: Dub, Grime, Dubstep.
Seit den frühen 90er Jahren mit Techno, Breakbeat und TripHop, so wage ich zu behaupten, hat es keinen derart neuen Sound in der Popmusik gegeben.

Was ist Dub? Was ist Grime? Was ist Dubstep?

Sie mögen sich nun, liebe Leser, zurückgelehnt haben und zu sich selbst sagen: „Törichtes Gedröhne! Muss ich mir das antun? Musik von Underclass-Kids mit mangelhafter Bildung und Migrationshintergrund, aus Großstadtghettos, mit Gewaltpotential ... da ist ja nicht mal ne richtige Melodie bei.“ Und Sie mögen damit recht haben. Aber Tatsache ist: Das Zeug rockt wie die Hölle. Ich werde mich an einer Darstellung des Phänomens Dub, Grime, Dubstep versuchen, die sich an folgenden drei Disziplinen der Musikwissenschaft orientiert: Musikgeschichte, Musiktheorie, Musikethnologie. Welche historischen Wurzeln hat Dub? Lässt sich eine Theorie des Grime formulieren? Wie hat man sich eine Ethnie Dubstep vorzustellen, also einen Stamm, der Dubstep produziert und konsumiert?

Ich suche das Gespräch und fahre mit der Straßenbahn nach Berlin-Friedrichshain. Mein Weg führt mich in die Mainzer Straße zum Plattenladen Tricky Tunes. Sie werden es schon ahnen, liebe Leserinnen und Leser, es handelt sich hier um den wahrscheinlich coolsten Plattenladen der Stadt. „Bassline Provider“ steht auf dem Ladenschild geschrieben, und der Mann, den ich hier treffe, kann mit Fug und Recht „Koryphäe“ genannt werden. Dean Bagar alias Tricky D, seines Zeichens DJ, Besitzer von Tricky Tunes und Owner des gleichnamigen Labels. Seinen Laden betreibt er seit sieben Jahren. Seit Anfang der 90er lebt er in Berlin. Davor war er ein paar Jahre in London. Geboren und aufgewachsen ist er im heutigen Kroatien, und gerade kommt er von einer Reihe von Veranstaltungen in europäischen Ländern zurück, bei denen Dean als Tricky D mit seinem Soundsystem mitgewirkt hat.

 
Wichtige Platten - eine subjektive Auswahl
Historisches:
The Roots of Dubstep The Roots of Dubstep
VA
Label: Tempa
B00130WMFM
An England Story. From Dancehall to Grime: 25 Years of the MC in the UK
VA
Label: Soul Jazz

Meilenstein:
Untrue
Untrue
Burial
Label: Hyperdub

Aktuelles:
Evangeline
Evangeline
VA
Label: Planet Mu

Mash up di Place
Mash up di Place
Phokus
Label: Police in Helicopter

Black Diamond
Black Diamond
Buraka Som Sistema
Label: PIAS

Was ist Dub?

Tricky D: „Dub entwickelt sich. Es ist wirklich eine sehr, sehr breite musikalische Richtung, wenn es um Dub geht. Die Wurzeln liegen auf jeden Fall im Reggae.“

Zu Beginn der goldenen 70er Jahre wurde in Jamaika eine Musikproduktionstechnik entwickelt, die in den folgenden Jahrzehnten eine ungeahnte Wirkung auf die gesamte Ästhetik der Popmusik haben sollte. Es war eine sanfte Revolution, die hier in den Tonstudios der Karibik ihren Ausgang nahm. Sie bestand im schlichten Weglassen der meisten Tonspuren eines Reggae-Songs, bis nur noch Rhythmus und Basslinie übrig blieben. Aus dieser rhythmisch-harmonischen Verdichtung konnten im zweiten Schritt neue Klangräume erschlossen werden. Durch Ein- und Ausblenden, Zu- und Wegschalten der Gesangs- und Instrumentalspuren mit reichlich Hall und Echo. Der Akt der Umwälzung vollzog sich also auf medialer Ebene: Das Mischpult im Tonstudio wurde zum Musikinstrument. Von der Dub-Technik zum „Musikant mit Taschenrechner in der Hand“ war es nur noch ein Schritt. Der Einfluss des Dub, der inzwischen eine eigene musikalische Richtung geworden ist, ist stilübergreifend und international. Seinen Niederschlag fand er zweifelsohne in der neuen Elektronischen Musik der Gruppe Kraftwerk, deren „Trans Europa Express“ wiederum den frühen amerikanischen HipHop geprägt hat, der seinerseits im Funk eines James Brown wurzelt. So entwickelte sich ein Sound für die Zukunft: Dub-Ästhetik, Mensch-Maschinen, Funkyness und die Power der Deklassierten.

Plötzlich sprechen wir von Grime.

Tricky D: „Grime ist eigentlich so eine Art UK-HipHop. Er ist sehr MC-basiert. Sehr experimentell, sehr minimal. Am Anfang haben viele Kids ihre Tunes einfach auf Playstation produziert. Die Grime-Szene ist wirklich sehr, sehr jung, die sind alle so 18, 19.“

Die musikalischen Einflüsse, die Grime in sich vereint, sind sehr vielfältig. Als Bruder von Dubstep sind seine nächsten Verwandten House, HipHop, R’n’B einerseits, Reggae, Dub, Raggamuffin andererseits. Diese dynamische Mixtur kommt aus dem Osten Londons. Hier leben die Kinder und Kindeskinder karibischer und afrikanischer Einwanderer aus dem Commonwealth. Unter dem Dach des UK entsteht hier im wahrsten Sinne des Wortes Weltkultur.

Tricky D: „Worüber die Jungs in den Songs reden - da kommt schon ziemlich hartes Zeug. Dieses ganze Gang- und Ghetto-Thing ... Die Szene ist auch, muss man sagen, relativ gewalttätig. Ich kenne Typen aus London, die gesagt haben, dass sie so was in England nicht spielen können, weil sich kein Promoter traut, das zu promoten. Da gibt’s ständig irgendwelche Schießereien, Stechereien. Aber musikalisch ist es sehr entspannt.“

Grime – Artikulation eines Teils der Jugend, der sich darüber im klaren ist, vom Geburtsland niemals vollständig angenommen zu werden, während der Weg in die alte Heimat der Väter abgeschnitten ist.

Dubstep – ein seltsamer Hybrid aus Dub und 2step. 2step ist, wenn man so will, eine Weiterentwicklung des House aus den späten 90er Jahren. Wesentlich am 2step ist seine vom Breakbeat beeinflusste, stark synkopierte Rhythmik, die eine Art Ziehen verursacht und fast unweigerlich dazu führt, dass der Hörer seine Tanzbewegungen auf einen Zweischritt, den 2step, koordiniert. Etwa so: Links-rechts, rechts-links, links-rechts, rechts-links ... Eine Art von Disco-Fox also, was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass Housemusic im Disco der 70er wurzelt. Folgende Linie lässt sich also ziehen: Disco, House, 2step. Und die fröhliche Tanz- und Partymusik trifft völlig unerwartet auf – Dub. Aus 2step wird Dubstep. Melancholie aus dem Londoner Süden.

Tricky D: „Dubstep ist ernsthafter, würde ich sagen. Das merkt man gleich bei der Musik, Dubstep ist eher monoton, mehr deep. Grime ist eher ... Kids halt, die sich beweisen wollen auf die eine oder andere Weise. Dubstep ist sehr gebrochen, sehr minimalistisch. Ich will es mal so unterscheiden: Grime ist eher schwarze Musik, und Dubstep geht schon wieder in die weiße Richtung, wo Du Produzenten hast, die stundenlang frickeln und Monsterbässe machen.“

Wie hat man sich eine Ethnie Dubstep vorzustellen?

Tricky D: „Das sind Leute, die machen Drum’n’Bass oder Breakbeats, oder HipHop oder Techno. Die versuchen jetzt alle, diese gebrochenen, minimalen Beats zu machen. Ich glaube, dadurch, dass Dubstep und Grime Fusionen aus verschiedenen Musikrichtungen sind, kommen die Leute aus allen möglichen Ecken. Und das ist schön dabei.“

Der Grime aus Deutschland rückt mit seiner fein programmierten Elektronik in Richtung Dubstep. Ich spreche hier vor allem von DJ Maxximus und seinem Berliner Label MG77.

Tricky D: „Hier gibt’s auch so einige Leute, die coole Sachen machen. Die Freak Camp Posse z.B., das ist eine Gruppe in Berlin, Dubstep DJs. Eine Partyreihe im WMF hieß Grime Time. In Maria am Ostbahnhof sind ab und zu Sachen – Bass the World findet im Josef statt, dem kleinen Club von Maria. Und natürlich seit letztem Jahr alle drei Monate Dubstep-Party im Techno-Club Berghain.“

Tricky D erzählt mir von seinen Plänen, mit anderen Berliner Künstlern eine CD oder sogar ein Doppelalbum herauszubringen. Genug Material hätte er bereits für die Compilation. Es müsste sich nur noch ein Vertrieb finden, der mutig genug ist, diese neue Musik unter die Leute zu bringen.

Lässt sich eine Theorie des Grime formulieren?

Tricky D: „Zum Glück gibt’s immer noch keine Formel, wie man einen Song baut, was wir sehr oft in elektronischer Musik erlebt haben. Denn wenn es diese Formel gibt, dann weißt Du: erst gibt’s das Intro, dann den Break, danach geht’s los, dann nochmal Intro, und dann geht’s volle Kanne los ... und das ist bei dieser Musik immer noch nicht so, es ist immer noch sehr experimentierfreudig, immer noch sehr frisch.“

Apropos frisch: was ist eigentlich die Wortbedeutung von „Grime“?

Tricky D: „Grime ist, wenn Deine Waschmaschine ausläuft, und nach sieben Jahren bewegst Du Deine Waschmaschine aus der Ecke. Das, was Du in der Ecke findest, ist Grime (lacht).“

Wir hören Phokus aus Hamburg mit seinem Klassiker „Dem all shot“ – zu deutsch: „Wir haben alle abgeschossen“.

Tricky D: „Die spielen natürlich wieder mit dieser Provokationstechnik, was ja auch Punkrock damals gemacht hat, so zu schocken, deswegen benutzen die auch ziemlich aggressive Texte.“
Zu uns gesellt sich DJane Spoke, um neue Platten zu hören. Sie berichtet von ihrem aktuellen Projekt mit einem Kollegen namens Wasserstoff. Sie arbeiten an einem Sound, den sie TechDub nennen, eine langsame Form von klassischem Techno, gemischt mit Dub und 2step-Einflüssen: „Auf der Party im RAW haben die Leute geschrieen vor Vergnügen!“

Ich mache mich auf den Heimweg und höre die Abendglocken läuten. Funk, Dub, Disco, Electro, HipHop, House, Techno, Breakbeat, 2step, R’n’B, Grime, Dubstep ... Diese Begriffe aus 40 Jahren Musikgeschichte umkreisen meinen Kopf wie kleine zwitschernde Vögelchen.

Ob Dean für seine deutsche Grime-Compilation einen Vertrieb finden wird?

Werden die Dubstep-Parties im Berghain auch weiterhin gut besucht sein?

Gibt es eigentlich schon Dub-Jazz? Habe ich nicht zuhause noch eine CD mit Balkan-Dub?

Und was hat Dean beim Abschied doch gleich gesagt?

„Ich bin sicher, das wird jetzt mehr und mehr, weil, ich merke, dass hier in Deutschland mehr und mehr Leute sind, die das produzieren.“