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Die Box




23. Februar 2009
Christina Mohr
und Maria Sonnek
für satt.org

It's a Woman's World

  Mithu M. Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts
Mithu M. Sanyal:
Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts

Verlag Klaus Wagenbach
Geb., 240 S., € 19,90
» wagenbach.de


Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts

Es ist abzusehen, dass „Vulva“ in den Feuilletons als theoretische Ergänzung zu Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ verhandelt werden wird. Doch Mithu M. Sanyals großartiges und längst fälliges Buch über das weibliche „da unten“ hat im Grunde nichts mit Roches drastischem Pipi-Kacka-Duktus zu tun – bis auf den beiden Autorinnen eigenen Willen, die Dinge beim Namen zu nennen. Sanyal, 38-jährige Düsseldorferin indisch-polnischer Abstammung, Journalistin, Buchautorin und Mutter zweier Kinder, stellt zunächst einmal klar, dass der nicht zuletzt durch Lady Bitch Rays propagierten „Vagina Style“ und Eve Enslers berühmtes Theaterstück „Die Vagina-Monologe“ in Mode gekommene Begriff „Vagina“ schlicht falsch verwendet wird: das Wort für die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane (Venushügel und große Schamlippen) heißt Vulva, nicht Vagina. Mithu Sanyal geht unter anderem der Frage nach, warum es dreizehn Wallfahrtsorte für Jesus' Vorhaut gibt, aber keinen für das Hymen der Jungfrau Maria – nicht nur Thomas Meinecke wird begeistert sein. Und: wie kann es sein, dass unzählige frühgeschichtliche Kulturen dem weiblichen Geschlechtsteil als Tor und Geburtststätte des Lebens huldigten – entsprechende Statuen und Kultfiguren aber spätestens mit dem Aufkommen des Christentums verschwanden. Sanyal erklärt die verschiedenen Mythen, stellt Vulva-Göttinnen wie Iambe-Baubo und Sheela-na-gig vor und veranschaulicht die Dämonisierung starker (christlicher) Frauenfiguren wie Maria und Magdalena oder der im Hinduismus verehrten Liebesgöttinnen Kali und Kunda. Anders als Catherine Blackledges Standardwerk von 2003, „The Story of V“ (Weidenfeld & Nicolson, noch nicht auf Deutsch erschienen), das Sanyal häufig zitiert, bleibt „Vulva“ nicht im mythologisch-historischen Bereich stehen: im Kapitel „Stripping and Teasing“ porträtiert Sanyal kühne Tänzerinnen und Burlesque-Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts wie Gypsy Rose Lee, Maud Allan und Anita Berber, die mit ihrer Kunst die Vulva feierten – und deshalb nicht selten von den Bühnen vertrieben wurden. Unter der Überschrift „Nackt und Akt“ werden Künstlerinnen wie Valie Export (unvergessen: ihre im Schritt aufgeschnittene Aktionshose „Genitalpanik“), Riot Grrrl-Bands wie Bikini Kill und die Punkpoetin Kathy Acker vorgestellt, der Vulva-Epilog streift kurz und eindrucksvoll Themen wie Genitalbeschneidung afrikanischer Mädchen. Sanyal verbindet in „Vulva“ kenntnisreich und mit leichter Hand Geschichte, Mythos, Popkultur und Zeitgeschehen und räumt mit so manchem Vorurteil auf. Und jetzt alle: das weibliche Genital heißt Vulva! Das weibliche Genital heißt Vulva...

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  Lily Allen: It's not Me, it's You
Lily Allen:
It's not Me, it's You

Parlophone/EMI
» lilyallenmusic.com
» myspace


Lily Allen: It's not Me, it's You

Die Londoner Sängerin Lily Allen teilt ihr Schicksal mit Amy Winehouse: Paparazzi verfolgen jeden ihrer Schritte, um möglichst peinliche Fotos in den Boulevardmedien unterzubringen. Lily Allen ist in fast jeder Ausgabe des Sensationsblättchens „InTouch“ zu sehen und man darf vermuten, dass der Großteil der LeserInnen keine Ahnung hat, was Lily eigentlich tut. Hauptsache, es gibt regelmäßig neue Bilder, auf denen sie betrunken und/oder ohne Unterwäsche aus irgendeinem Nachtclub getragen wird. Doch schon mit ihrem Debütalbum von 2006, „Alright, Still“ zeigte die heute 23-jährige, dass sie der weibliche Popstar ist, auf den England und der Rest der Welt seit langem gewartet hatten: catchy Songs, die unbekümmert Disco-, Elektro- und Skaeinflüsse verbanden, darunter der Ohrwurm „Smile“, der sofort die Charts stürmte. Die neue Platte „It's not Me, it's You“ ist noch gelungener, jedenfalls das beste Popalbum des jungen Jahres 2009: Lilys Texte sind lakonisch und schlau (ja, sie schreibt sie selbst!), auf der Single „The Fear“ thematisiert sie die unschönen Seiten der Popularität, „Everyone's at it“ handelt von verschiedensten Drogensüchten, in „Never Gonna Happen“ macht sie einem Verehrer unmißverständlich klar, dass seine Annäherungsversuche komplett zwecklos sind. Die beiden Hits des Albums und künftige post- oder wie-auch-immer-feministische Hymnen sind das fröhlich und gleichzeitig bitterböse gezwitscherte „Fuck You“, das mit Rassismus und Schwulenhaß abrechnet und der country- und westernmäßig lostrabende Song „Not Fair“, in dem sich eine junge Frau über die mangelnden sexuellen Fähigkeiten ihres Freundes beklagt. Lily Allen kennt sich trotz ihrer Jugend mit Einsamkeit, Depressionen, Alkoholismus, sprich, den Schattenseiten des Ruhms bestens aus – und will am Abend erst recht losziehen und einen drauf machen. Und den Paparazzi eine lange Nase drehen!

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  Marion Maerz: Burt Bacharach Songbook
Marion Maerz:
Burt Bacharach Songbook

Arranged and conducted by Ingfried Hoffmann (bureau b)
» bureau-b.com


Marion Maerz: Burt Bacharach Songbook

Das Hamburger Label bureau b hat sich auf das Heben und Bergen musikalischer Schätze spezialisiert: im vergangenen Herbst erschien „Der Supermann“, eine Compilation mit Chansons der Schauspielerin Heidelinde Weis, die man bis dato nicht wirklich als Sängerin auf dem Schirm hatte. Die neueste bureau b-Veröffentlichung präsentiert Schlagersängerin Marion Maerz von einer eher unbekannten Seite: gemeinsam mit ihrem Produzenten Sigi Loch, Texter Michael Kunze und dem Jazz-Organisten Ingfried Hoffmann nahm Maerz Anfang der siebziger Jahre zwölf Lieder von Burt Bacharach in deutscher Sprache auf. Das Album bekam den Titel „Seite eins“, weil alle Beteiligten davon ausgingen, dass weitere Ausgaben folgen würden. Doch es kam anders, „Seite eins“ floppte, das Publikum wollte von Marion Maerz leichtfüßige Schlager wie „Er ist wieder da“ und „Es ist so gut“ hören und nicht Bacharachs anspruchsvolle Kompositionen. Mit dem „Burt Bacharach Songbook“ kann man sich nun – fast vierzig Jahre später – davon überzeugen, wie wunderbar Marion Maerz' jazzige Stimme zu den klassischen Bacharach-Songs wie „Wenn ich die Regentropfen seh“ („Raindrops keep Falling on my Head“), „Alles ist nun vorbei“ („Anyone Who Had A Heart“), „Ich wünsche mir so viel von dir“ („I Say A Little Prayer“) oder „Geh vorbei“ („Walk on By“) passt. Deutscher Schlager ist das alles nicht, sondern eher schwer einzuordnende, international ausgerichtete Musik zwischen Jazz, Musical, Easy Listening und Pop – Bacharach gilt bis heute als stilistischer Visionär, dass viele seiner Songs zu Evergreens wurden, ist keinesfalls selbstverständlich. Auch wenn es Marion Maerz nicht gelang, sich mit Bacharachs Songs als ernstzunehmende Chansonette zu etablieren, kann sie heute stolz darauf sein, dieses Wagnis unternommen zu haben.

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   Eleni Mandell: Artificial Fire
Eleni Mandell:
Artificial Fire

Make my Day Records / Alive
» elenimandell.com
» myspace


Eleni Mandell: Artificial Fire

Die kalifornische Singer/Songwriterin Eleni Mandell will mit ihrer siebten Platte „Artificial Fire“ ein positives Zeichen setzen: „Ich möchte, dass die Leute, die das Album hören, Spaß und eine gute Zeit haben“, sagt Eleni. Und tatsächlich kann man zu „Artificial Fire“ an mehr als einer Stelle ausgelassen tanzen – eine erstaunliche Entwicklung, die Mandell hier eingeläutet hat, waren ihre früheren Alben doch eher für konzentriertes Lauschen geeignet. Sie gibt zu, Veränderung nötig gehabt zu haben, weniger introvertierter Countryfolk, mehr Beat und elektronische Gitarren stehen jetzt auf ihrem Programm. Ihre Band, bestehend aus Jeremy Drake (E-Gitarre), Ryan Feves (Bass) und Kevin Fitzgerald (Drums) zusätzlich einiger Gastmusiker an Bläsern, Violine und Cello sorgt für den dichten Sound, bruchlos werden Country, Folk, Jazzelemente und Indiepop gemischt und Elenis bisherige musikalische Stationen zusammengeführt. Besonders Jeremy Drakes Gitarre sticht hervor, kommentiert, illustriert, kontrastiert Elenis rauen Gesang, perlt übermütig bei den knackigen Rocksongs „Personal“, Bigger Burn“, „Little Foot“ und „Cracked“ und swingt countryesk und lässig bei „Right Side“.

Mandell, die Tom Waits, Nick Drake und die Punkband X als Vorbilder angibt, hat sich dennoch nicht ganz von der balladesken Form verabschiedet: „Don't Let It Happen“, „In the Doorway“ oder „Two Faces“ kommen den Hörern ganz nah, sind intim und doch spröde im richtigen Moment. „Artificial Fire“ ist das selbstbewußte Statement einer Künstlerin, die im elften Jahr ihrer Karriere so richtig Spaß am Experiment gefunden hat.

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  Sophie Hunger: Monday's Ghost
Sophie Hunger:
Monday's Ghost

Universal Jazz
» sophiehunger.com


Sophie Hunger: Monday's Ghost

Als „Hexe aus gutem Hause“ und „widerspenstig“ wurde die Bernerin Emilie Jeanne-Sophie Welti Hunger unlängst bezeichnet – wie es eben so geht, wenn eine junge Musikerin quasi aus dem Nichts erfolgreich wird (ihr neues Album führt seit Wochen die Schweizer Charts an, das Debüt „Sketches on Sea“ verschaffte ihr erste Lorbeeren) und sich dazu in Interviews gängigen Konventionen widersetzt. Die 1983 geborene Diplomatentochter, aufgewachsen in London, Teheran und Bonn, antwortet zum Beispiel nicht auf Fragen vom Schlage „wie sie denn zur Musik gefunden habe“. Das ist herzerfrischend, ebenso wie die Aussage der Pianistin und Gitarristin, dass sie eigentlich gar keine Musikerin sei – das klingt umso seltsamer, wenn man die dreizehn Songs auf „Monday's Ghost“ hört, kammermusikalische Kleinode zwischen Folk und Chanson, mit expressiven Vocals und kühnen Brüchen und Wendungen: „Shape“ beginnt mit geheimnisvollem Sphärengesang, um in der Mitte einen unvorhersehbaren Richtungs- und Stimmungswechsel vorzunehmen, Sophie singt lebhaft, fröhlich, dazu ausgelassenes Händeklatschen. In „The Tourist“ läßt Sophie Hunger ihrer rockigen Ader freien Lauf, dramatische Balladen wie „Drainpipes“ und der Titeltrack verstören durch im Hintergrund trillernde Flöten und beinah tribale Percussion, „Round and Round“ ist durchaus mainstreamkompatibler Pop und „Birth-Day“ inklusive schräger Mundharmonika eine unverschleierte Hommage an Bob Dylan, den sie erst vor kurzem nach dem Konzert eines Dylan-Coversängers (!) für sich entdeckt hat. Sophie Hunger ist schwer einzuordnen – mit dem Storytelling einer typischen Folksängerin hat sie nichts am Hut, sie ist nicht so fragil und düster wie ihre österreichische Kollegin Soap & Skin und für eine waschechte Jazzerin hat sie zuviel Pop im Leib. Genau das macht Hunger so einzigartig und unverwechselbar: sie ist eben eine „widerspenstige Hexe“.

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  Anna Ternheim: Leaving on a mayday
Anna Ternheim:
Leaving on a mayday

Universal
» annaternheim.com


Anna Ternheim: Leaving on a mayday

Sterne blinken über der Stadt. Das blonde Mädchen mit dem Affen und dem weißen Koffer sieht aus wie auf nächtlicher Durchreise und die Antennen der Häuser wiegen sich wie die Masten von Segelschiffen. Und der Wind, der aufkommt. hat eine sanfte Stimme und singt von Liebe und Sehnsucht, vom Warten und Hoffen. Es ist dieser Wind, der durch die hängenden Äste einer Trauerweide fährt, der die Gräser leise mitsäuseln lässt. So klingt die Schwedin Anna Ternheim, so klingt sie seit ihrem Debut "Somebody Outside". Immer ein wenig düster, immer melancholisch und nachdenklich. Das Zweiwerk "Separation Road" wurde zwar schon mit mehr Instrumenten aufgepeppt, großen Pomp braucht sie jedoch noch immer nicht. Zurückgenommen, die Stimme im Vordergrund entsteht zeitnah eine Stille. Doch auch wenn sich scheinbar nichts geändert hat, kann "Leaving on a mayday" leider nicht mit seinen Vorgängern mithalten. Aber ein schönes Album für graue Wintertage ist es allemal. (Maria Sonnek)

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