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Die Box




18. Februar 2009
Christina Mohr
für satt.org

  Morrissey: Years of Refusal
Morrissey: Years of Refusal
Decca/Polydor/Universal
» itsmorrisseysworld.com

Morrissey live
in Deutschland:

Offenbach, 9.6.09
Köln, 11.6.09
Bremen, 14.6.09

* Tragischerweise verstarb Jerry Finn kurz nach den Aufnahmen zu „Years of Refusal“


Morrissey: Years of Refusal

Morrissey hält nichts davon, sich neu zu erfinden. Im Gegenteil, er lästert leidenschaftlich gerne über Madonna, und fragt, was bitte schön, denn neu erfunden worden sei, wo vorher schon nichts war (nachzulesen im Interview in der aktuellen Spex). Und doch scheinen Neuerungen ins System Morrissey Einzug gehalten zu haben: das vieldiskutierte Cover der neuen Platte „Years of Refusal“ zeigt Morrissey mit einem Baby (!) im Arm – wir ersparen uns an dieser Stelle Interpretationsversuche und verweisen auf das, was man sieht: Steven Patrick M. im hellblauen Fred Perry-Shirt einen verschmitzt blickenden Säugling haltend, beide tragen Glitzertattoos (Baby Sebastien einen Schmetterling auf der Stirn, Mozza ein fischähnliches Gebilde auf dem Unterarm). Das ist kitschig, rätselhaft und lustig, vor allem Morrisseys verkrampfte Haltung, die offenbart, dass Babys-auf-dem-Arm-halten nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört. Ebenfalls neu: Hunde im Video zu „I'm Throwing My Arms Around Paris“. Aber das sind Äußerlichkeiten. Musikalisch fällt auf: es wird gerockt, gleich zu Beginn sogar recht heftig, „Something is squeezing my Skull“ wird von einem Sex Pistols-ähnlichen Riff eingeleitet; auch bei „All You Need Is Me“ und „One Day Goodbye Will be Farewell“ läßt es Morrisseys junge Band (Solomon Walker/Bass, Jesse Tobias/Gitarre, Boz Boorer/Gitarre, Matt Walker/Drums) ordentlich krachen. Verwunderlich ist das nicht, schließlich hat Morrissey nach „You are the Quarry“ erneut Blink 182- und Green Day-Producer Jerry Finn* engagiert. Rock ist aber nur ein Element von vielen: Mariachi-Trompeten erklingen bei „When I Last Spoke to Carol“, Jeff Beck spielt Gast-Gitarre bei „Black Cloud“ und so lassen sich doch einige Veränderungen im Morrissey-Kosmos ausmachen. Textlich variiert der im Mai 50 Jahre alt werdende Morrissey bewährte Modelle, was er selbst so erklärt: „Ich verfolge einige wenige Ideen und Ideale und versuche diese über die Jahre zu perfektionieren. Jeder 'wahre' Künstler wird das Gleiche sagen...“ Perfektioniert hat Morrissey folgende Typen: a) den Mit-sich-selbst-zufriedenen („Something is Squeezing my Skull“ / Zitat: „I'm doing very well, I can block out the present and the past now...“ und „I'm OK by myself“ / Zitat: „After all these years I find I'm OK by myself / and I don't need you / or your homespun philosophy“); b) den Einsamen, der die Liebe aufgegeben hat („I'm Throwing My Arms Around Paris“ / Zitat: „In the absence of your love and in the absence of human touch / I have decided I'm throwing my arms around Paris / only stone and steel accept my love“); c) den bitteren Zyniker („Its not your Birthday anymore“ / Zitat: „It's not your birthday anymore / there's no need to be kind to you / and the will to see you smile and belong has now gone“); d) den Fan („You Were Good in Your Time“ / Zitat: „Time takes all breath away / you were good in your time / and we thank you so / you said more in one day / than most people say in a lifetime“). Morrissey-Puristen werden gewiß noch weitere Typen bestimmen können, aber für eine grobe Einteilung des lyrischen Werks dürften a – d ausreichen. Am besten ist Morrissey immer dann – und so war es auch schon bei den Smiths, über die er selbstverständlich nicht gerne spricht, zu lange her, zu unbedeutend im Rückblick – wenn er das große Melodrama gibt: schwelgerische Songs wie „That's How People Grow Up“ und die Single „I'm Throwing My Arms Around Paris“ stehen ihm einfach besser als ungezügelter Rock, bei dem seine Stimme, die sonst klingt wie „ein guter Rotwein“ (ein Fan), unelegant knödelt. Fazit: wer Morrissey schon immer doof fand, wird durch „Years of Refusal“ nicht bekehrt werden. Alle anderen (also die Fans) werden Morrissey weiterhin fanatisch lieben und verehren, schon allein für Zeilen wie „I've got nothing to sell / and when I die I want to go to hell / and that's when goodbye should be farewell“ („One Day Goodbye will be Farewell“).