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Die Box




23. Februar 2009
Christina Mohr
für satt.org

  Factory Records. Communications 1978 – 1992
Factory Records.
Communications
1978 – 1992

Box-Set, 4 CDs, Warner
Compiled by Jon Savage
Linernotes by Paul Morley


Das Box-Set ist den drei großen toten Männern von Factory Records gewidmet: » warnermusic.com
» factoryrecords.net




* Die “Hacienda” wurde 1982 von Tony Wilson gegründet und war einer der ersten Clubs in Europa, in dem House gespielt wurde. Die Speerspitze der “Madchester”-Rave-Zeit finanzierte sich hauptsächlich aus den Verkäufen von New Order-Platten und mußte 1997 unter anderem deswegen schließen, weil die Clubgänger kaum Alkohol tranken (also kein Geld an der Bar ließen), sondern ihre Ecstasy-Pillen mit Wasser aus der Toilette runterspülten. Die Geschichte der Hacienda und am Rande auch die von Factory wird in Michael Winterbottoms Film “24 Hour Party People” erzählt.



Factory Records.
Communications
1978 – 1992

“Ein seltsames Label “Factory”: immer einen gewissen Stil und eine identifizierbare Haltung, aber doch Musik von allen Seiten, die mit diesem Begriff verbunden sind. Dazu der unübersehbare einfache-edle-Grafik-auf-fester-Pappe-Cover-Stil, als Schmuck für weißbepinselte Lofts mit extra angefertigter Neonröhren-Kunst in irgendeinem hippen Altbau-Stadtviertel einer westeuropäischen Großstadt.”

So schrieb Diedrich Diederichsen 1981 über den vierseitigen LP-Sampler “A Factory Quartet” mit The Durutti Column, Kevin Hewick, Blurt, The Royal Family and the Poor. Warner Music hat jetzt ein großartiges Box-Set zum 30. Geburtstag des “seltsamen Labels” aus Manchester veröffentlicht: vier CDs mit insgesamt 63 Tracks, außerordentlich schön und geschmackvoll verpackt, gestaltet vom Factory-Hausgrafiker Peter Saville.

Was machte Factory zu einem “seltsamen” Label? Zum einen Gründer Anthony Wilsons unorthodoxe Art, Bands unter Vertrag zu nehmen: es gab nämlich keine Verträge - außer des ersten mit Joy Division, unterschrieben mit Wilsons Blut. Dann das skurrile Katalogsystem: Factory listete alles auf, von “richtigen” Platten über Zahnarztrechnungen, New Order-Briefpapier, die im Factory-Gebäude lebende Katze, Klebeband, Kunstwerke, den Club “Hacienda” (FAC # 51)* und vieles mehr. Manche Katalognummer wurde doppelt und dreifach vergeben, was die Archivsuche bis heute erschwert. Factory Records hatte ein eigenes Kreativteam (Produzent Martin Hannett, Designer Peter Saville), das allen Veröffentlichungen einen unverwechselbaren stilistischen und musikalischen Stempel aufsetzen sollte. Simon Reynolds in “Rip it up and Start Again”: “Der bisweilen ruinöse Perfektionismus (Cover waren manchmal so teuer gestaltet, dass sich die Platten nur mit Verlust verkaufen konnten, so geschehen im Fall von “Blue Monday” von New Order) führte in Verbindung mit lustloser Unprofessionalität dazu, dass Factory überhaupt nicht wie ein Unternehmen wirkte.” Ein “seltsames” Label also, das aber unbestritten die Independent-Popmusik so stark beeinflußte wie sonst nur wenige: musikalischer Schwerpunkt lag auf elektronischer Tanzmusik (New Order, A Certain Ratio, Section 25), kühl arrangiert, mit präzisen Beats. Die Factory-Leute hätten sich allerdings hemmungslos gelangweilt, wäre nur für eine Musikrichtung Platz gewesen. Also wurde experimentiert: Folkpoet Kevin Hewick (nicht auf der Compilation) veröffentlichte bei Factory, die Avantgarde-Free Jazzer Blurt (ebenfalls nicht auf dem Sampler), Comedian John Dowie, der häufig im Zwischenprogramm von Factory-Konzerten auftrat, die Dub-Reggae-Band X-O-Dus und Mitte der achtziger Jahre James, die von Factory als Konkurrenz der Smiths aufgebaut werden sollten.

Die Musikauswahl für “Communications” erklärt Compiler Jon Savage im Booklet: “Between late 1978 and 1992, Factory released hundreds of records in different formats, by a very wide diversity of groups and artists. To include everything would be impossible as well as barely listenable. To include simply the greatest hits would mean almost an exclusively New Order / Happy Mondays compilation.” Savage entschied sich für eine chronologische Ordnung, Disc 1 beginnt mit Joy Divisions “Digital”, zuerst veröffentlicht auf der EP “A Factory Sample”, Disc 4 endet mit “Sunshine and Love” von den Happy Mondays.

Natürlich sind New Order, Joy Division, Cabaret Voltaire und die Mondays auf “Communications” mit mehreren Songs und ihren großen Hits vertreten – ohne diese Bands wäre schwerlich zu vermitteln, wofür Factory stand und berühmt wurde. Dank Savages kenntnisreicher Auswahl sind aber auch Bands versammelt, die es nicht über eine Veröffentlichung hinaus geschafft haben und diejenigen, die für Factorys Selbstverständnis wichtig waren, aber nicht dieselbe (kommerzielle) Aufmerksamkeit erringen konnten wie die oben genannten, zum Beispiel Durutti Column, A Certain Ratio, Section 25 und Royal Family and the Poor. Die Aufteilung der einzelnen CDs gibt – neben der chronologischen Festsetzung – einen sehr guten Überblick über die inhaltliche Entwicklung Factorys: Disc 1 (1978 – 81) skizziert die Anfänge des Labels und die wichtigsten Bands, u.a. Joy Division, Durutti Column, A Certain Ratio, Section 25, OMD, Crawling Chaos. Disc 2 (1981 – 1984): Factory entdeckt die Maxisingle, New Order, Cabaret Voltaire, Swamp Children, A Certain Ratio, Quando Quango und Durutti Column schlagen Brücken zwischen Manchester und Manhattan. Disc 3 (1983 – 87): Zeiten großen Erfolgs und Mißerfolgs, die Dance-Phase hält an, James und die Happy Mondays tauchen auf. Disc 4 (1988 – 92): Factory tanzt mit im zweiten “Summer of Love”, Rave hält Einzug, die Happy Mondays dominieren das Feld, daneben Northside (“Shall we Take a Trip”), Electronic (das Projekt von New Orders Bernie Sumner und Smiths-Gitarrist Johnnie Marr) vereint auf einzigartige Weise Elektro mit Gitarrenmusik. 1992 fällt der Vorhang, Ende, Factory ist History. 1994 versuchte Tony Wilson in Kooperation mit London Records Factory unter dem Namen “Factory Too” wiederzubeleben. Factory Too bestand bis Ende der Neunziger und brachte vor allem Re-Releases aus dem Factory-Backkatalog heraus. Die bisher letzte Erscheinungsform von Factory war F 4 Records, gegründet 2004 vom Künstler Raw-T.