Anzeige:
Die Box




5. Januar 2009
Christina Mohr
für satt.org

Am Trallafitti-Tresen

Udo Lindenbergs lyrisches Werk, deutsche Schlager und die liebevoll edierte Erinnerung an die Zeitschrift BOMP! zaubern hoffentlich Breitwandlächeln auf vergrämte Gesichter...

  Am Trallafitti-Tresen. Das Werk von Udo Lindenberg in seinen Texten
Am Trallafitti-Tresen. Das Werk von Udo Lindenberg in seinen Texten
Europäische Verlagsanstalt 2008
herausgegeben und ausführlich besprochen von Benjamin v. Stuckrad-Barre und Moritz von Uslar
389 Seiten, € 16,80
» eva.juni.com
» udo-lindenberg.de


Das Werk von Udo Lindenberg in seinen Texten

„...Und die Spießer werden fluchen
weil du für sie bist:
Affe, Sympathisant und Kommunist
Und die Spießer werden fluchen
weil du für sie bist:
Anarchist, Asozialer, Radikaler und Kriminaler“
(Udo Lindenberg, Born to Be Wild / 1978)

2008 war ein triumphales Jahr für Udo Lindenberg: sein Comeback-Album „Stark wie zwei“, das mit Unterstützung namhafter Freunde wie Annette Humpe, Helge Schneider und Jan Delay entstand, führte monatelang die deutschen Charts an. Udos Konzerte sorgten landauf, landab für ausverkaufte Hallen: das Panikfieber brach wieder aus. Mit einem solchen Erfolg war nicht unbedingt zu rechnen, tat sich Udo in den vergangenen Jahren – wenn überhaupt – einzig mit seinen „Likorellen“ hervor, aus bunten Schnäpsen zusammengepinselten Gemälden, deren künstlerischer Wert durchaus anzuzweifeln ist. Für „Stark wie zwei“ besann sich der 62-jährige Lindenberg auf seine Kernkompetenzen: locker-flockige Panikpoesie, ohne Berührungsängste mit der Neuzeit, was sein Duett „Ganz anders“ mit Jan Delay beweist. Zu Lindis größten Fans gehören auch die Popliteraten Benjamin von Stuckrad-Barre und Moritz von Uslar, die unlängst die Textsammlung „Am Trallafitti-Tresen“ herausgaben. St-B und Uslar setzten sich mit „Kartons voller Udo-CDs“ hin und sortierten hunderte von Songtexten in Themenkomplexe wie „Panik, Vollgas, Rock'n'Roll-Lifestyle“ und „Absurdistan, Gespräche mit dem lieben Gott“. Auch Udo-Gegner müssen nach Lektüre des knapp 400 Seiten starken Bandes zugeben, dass der Mann mit dem Hut einzigartige Fähigkeiten besitzt: Udo schuf während seiner ungefähr 40 Jahre andauernden Karriere nicht nur einen Mikrokosmos unsterblicher Figuren wie Johnny Controlletti, Lola aus St. Pauli, Elli Pirelly, Gerhard Gösebrecht und Rudi Ratlos, wie keinem anderem gelang Lindenberg der kreative Umgang mit der deutschen Sprache: Udo-Wortschöpfungen wie „keine Panik“ oder „alles klar auf der Andrea Doria“ sind längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Auf die Bedeutung des Panik-Begriffs gehen St-B und Uslar in ihrem umfangreichen Nachwort genauer ein - „Panik“ kann alles mögliche bedeuten, und ist nicht unbedingt als übersteigerte Angst zu verstehen. Die beiden Herausgeber genieren sich kein bißchen, ihrem großen Vorbild wortreich und schwärmerisch zu huldigen, Stuckrad-Barre sieht Lindenberg sogar „in einer holprigen Linie mit den Alltagspoeten, Wortakrobaten und Sprachschöpfern wie Tucholsky, Ringelnatz, Jandl, Kästner, Gernhardt“ - wobei ihm Uslar vehement widerspricht. Doch nicht nur Lindenbergs Händchen für das Groteske wird hervorgehoben, besondere Wertschätzung erfahren Udos unpeinliche Liebeslieder wie „Plötzlich knallst du in mein Leben“, das Stucki und Uslar als „Geil. Absolut geil“ definieren und Udos Texte als „Heimat“ und „Kinderstube“ bezeichnen. Bei aller Bewunderung werden Udos dunkelste Jahre, die Achtziger, nicht unter den Tisch gekehrt: schon Ende der Siebziger war offensichtlich, dass Lindenberg die musikalische und stilistische Revolution namens Punk entweder verschlafen hatte oder rundheraus ablehnte. Lindenberg und sein Panik-Orchester spielten einen zwar charakteristischen, aber altmodischen Honky-Tonk-Swing-Rock, der jugendliche Fans nicht erreichen konnte. Nach seinem Giganto-Hit „Sonderzug nach Pankow“ machte Udo zudem einige unverzeihliche Fehler, wie zum Beispiel die schmalzige Kitschballade „Wozu sind Kriege da?“ oder halbherzige Ausflüge ins Elektrofach, die ihm nicht wirklich zu Gesicht standen. Duette mit Helen Schneider und Nena klangen da schon glaubwürdiger, doch Udos Stern sank, er schien in den Siebzigern gefangen zu sein – am Trallafitti-Tresen eben. Umso erstaunlicher deswegen sein fulminantes Comeback im letzten Jahr, es scheint, als sei Lindi noch lange nicht am Ende, im Gegenteil. Auch wenn sich Stuckrad-Barre und Uslar hin und wieder vor Begeisterung vergaloppieren: Ihr Buch hebt den Panik-Präsidenten auf den längst verdienten Sockel!

◊ ◊ ◊
  Die 100 Schlager des Jahrhunderts. Vorgestellt von Martin Lücke und Ingo Grabowsky
Die 100 Schlager des Jahrhunderts. Vorgestellt von Martin Lücke und Ingo Grabowsky
Europäische Verlagsanstalt 2008
Geb., 320 S., € 19,90
» eva.juni.com


Die 100 Schlager des Jahrhunderts

Als Schlager werden ganz allgemein leicht eingängige instrumentalbegleitete Gesangsstücke mit wenig anspruchsvollen, oftmals humoristischen oder sentimentalen Texten bezeichnet. Seit den 1940er Jahren macht sich bei den Schlagern auch immer mehr der Einfluss von jazzigen Rhythmen und Harmonien bemerkbar. Somit ist der Schlager ein Ohrwurm, ein volksnahes Lied, meist mit einer harmonischen Melodie und einfachem Text.
(Quelle: Wikipedia.org)

Der Historiker Ingo Grabowsky (* 1971) und der Musikwissenschaftler Martin Lücke (* 1974) unternehmen eine Zeitreise in Sachen deutscher Schlager: beginnend 2007 mit DJ Ötzis Aprés-Ski-Knaller „Ein Stern (.... der deinen Namen trägt)“ geht es chronologisch rückwärts. Aktuelle Acts wie Rosenstolz und Annett Louisan folgen auf Achtziger-Jahre-Stars wie Münchener Freiheit, Wind, Udo Lindenberg (sic!), Nena, um dann im Siebziger-Teil eindrucksvoll die Hochphase des deutschen Schlagers zu dokumentieren: Bernd Clüver! Vicky Leandros! Michael Holm! Dschingis Khan! Griechischer Wein und Fiesta Mexicana! Brechreiz und nostalgisch verklärte Begeisterung halten sich die Waage... die sechziger Jahre waren von der Ambition geprägt, anspruchsvolle Chansons auch im Deutschen zu etablieren: Hildegard Knefs „Für mich soll's rote Rosen regnen“, „Wunder gibt es immer wieder“ von Katja Ebstein und nicht zuletzt Udo Jürgens' „Merci Chérie“ zeugen davon. Wirtschaftswunder-fröhlich ging es in den Fünfzigern zu, Stars wie Cornelia Froboess, Vico Torriani, Chris Howland, Lolita, Nana Mouskouri, Caterina Valente, Dalida und Anita Lindblom sorgten durch moderat-exotische Settings (Athen, Italien) oder eigene Provenienz für ein wenig internationales Flair im wieder aufgebauten Deutschland. So weit, so bekannt – interessanter, weil für die meisten Leser durch eigene Erfahrung wohl unbekannt, ist die Liedauswahl Lückes/Grabowskys bis Anfang des 20. Jahrhunderts: natürlich dürfen Leinwandhelden wie Hans Albers, Heinz Rühmann und weibliche Stars wie Ilse Werner, Zarah Leander und Marika Rökk nicht fehlen, Künstler wie Richard Tauber und sein „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ oder Harald Paulsens Version der „Moritat von Mäckie Messer“ hingegen sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Lücke/Grabowsky liefern zu jedem Lied resp. Schlager eingehende historische und inhaltliche Erklärungen und vermeiden jegliche Ironisierung – angesichts so mancher Gaga-Texte eine bewundernswerte Haltung. Zahlreiche rare Fotos ergänzen die Artikel, die auf sehr entspannte Weise vermitteln, dass es überhaupt nicht komisch ist, Schlagerfan zu sein. Ergänzend zum Buch wurde eine Doppel-CD mit 30 ausgewählten Hits veröffentlicht (die wir uns, ähem, verkniffen haben).

◊ ◊ ◊
  Julio Mendívil: Ein musikalisches Stück Heimat. Ethnologische Beobachtungen zum deutschen Schlager
Julio Mendívil: Ein musikalisches Stück Heimat. Ethnologische Beobachtungen zum deutschen Schlager
Transcript Verlag 2008
386 Seiten, € 32,80
» transcript-verlag.de


Ethnologische Beobachtungen zum deutschen Schlager

Wie klingen deutsche Schlager in den Ohren nicht-deutscher Hörer? Julio Mendívil, aus Peru stammender Professor für Musikethnologie an der Uni Köln berichtet aus eigener Anschauung: in den neunziger Jahren finanzierte er sein Studium in Deutschland durch Arbeit im Lager eines Kölner Musikverlages. Ein ebenfalls dort arbeitender Freund wies ihn auf das Lied „Ein Indiojunge aus Peru“ von Katja Ebstein hin - Mendívil erwartete eine Version des totgenudelten peruanischen „El Condor Pasa“ und war überrascht, eine für sein Verständnis halbwegs eigenständige Interpretation lateinamerikanischer Musik zu hören. Die Kombination aus deutschen Texten, eingängigen poppigen Melodien mit Versatzstücken internationaler Stilrichtungen ließ ihn nicht mehr los, er entdeckte den deutschen Schlager als Cultural Studies-Forschungsobjekt. Im vorliegenden Band, erschienen in der transcript-Reihe Studien zur Popularmusik, präsentiert Mendívil seine Beobachtungen und Ergebnisse: durch peruanische Augen (und Ohren) gesehen und gehört offenbaren sich verblüffende Einblicke. Mendívil interpretiert vorschnell als kitschig bezeichnete Schlagertexte (z.B. im Kapitel „Ich find Schlager toll: Der deutsche Schlager als Diskurs“) und beschäftigt sich eingehend mit dem vor allem in der volkstümlichen Musik dominierenden Topos „Heimat“ (siehe Kapitel: „So a Stückerl heile Welt oder die Konstruktion von Heimat mit dem deutschen Schlager“). Julio Mendívil schonte sich während der Recherchephase nicht, zum Beispiel besuchte er mehrfach Live-Events wie Florian Silbereisens „Musikantenstadl“, interviewte autogrammjagende Fans und wertete ihre Äußerungen akribisch aus. Mendívil schreibt witzig und lebensnah (er entschuldigt sich im Vorwort sogar für seinen „unwissenschaftlichen“ Stil), was die Lektüre kurzweilig und erhellend zugleich macht.

◊ ◊ ◊
  Suzy Shaw & Mick Farren: BOMP! Saving The World One Record At A Time
Suzy Shaw & Mick Farren: BOMP! Saving The World One Record At A Time Gingko Press 2007 Gebunden, 301 Seiten
» gingkopress.com
» bomp.com


BOMP! Saving The World One Record At A Time

Von 1966 bis 1978 erschien in Amerika BOMP!, ein bis dato einzigartiges Magazin, das sich vornehmlich Psychedelic, Garage und später Punk widmete, eigentlich aber allen nicht-mainstreamigen Künstlern und Stilen huldigte. Gründer Greg Shaw starb 2004, zum Gedenken an ihn und BOMP! Stellte seine Frau und BOMP!-Kollegin Suzy mit dem britischen Musiker und Journalisten Mick Farren den bei Gingko Press erschienenen Reader „Saving the World One Record At A Time“ zusammen: knapp 300 reich bebilderte Facsimile-Seiten fanden den Weg zwischen die für BOMP! typischen grellgelben Buchdeckel. Interviews mit den Doors und Grateful Dead aus den späten sechziger Jahren wurden für die Nachwelt ebenso verewigt wie die allerersten Artikel über die New York Dolls und die Sex Pistols. Bands wie Blondie und die Ramones werden ausgiebig gefeaturet, abgerundet von liebevoll mit Kulikritzeleien illustrierten Langtexten von Lester Bangs und anderen wegweisenden Rockjournalisten. Randbemerkung: als Greg Shaw 1978/79 befand, es sei nun gut mit der Zeitschrift BOMP!, gründete er BOMP!-Records. Das Label besteht auch heute noch und führt die BOMP!-Philosophie hörbar weiter.

◊ ◊ ◊