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Die Box




25. Januar 2009
Uwe Staab
für satt.org

streetBEATS

Tjaja, frohes Neues und so. Das neue Jahr beginnt mit einigen Querelen: konstant sinkende Absatzzahlen bereiten Indie-Labels schwere Zeiten, Optik Records hat bereits zum 31.12.08 seine Tore geschlossen. Zum Jahresende hassten sich die aktuellen Rapgrößen in USA und D mal wieder: Fifty Cent gönnt Lil’ Wayne wohl den Erfolg nicht und nennt ihn wegen seiner Featurebereitschaft eine Hure, was Weezy mit einer klaren Gewaltansage beantwortet. Hierzulande lieferten sich Aggro Berlins Sido und sein früherer Kollege Bushido bis kurz vor Jahresende einen verbalen/musikalischen Schlagabtausch auf Youtube.com, bei dem es momentan zwei zu zwei steht und Sido das letzte Wort hatte. Mal sehen, ob und wann da ein Süppchen überkocht.

Für etwas längerfristige Unterhaltung ein paar besondere Alben, die den alternativen Gusto bedienen:

  Yassir: Paragraph 31
Yassir: Paragraph 31
Echte Musik / Intergroove


Yassir: Paragraph 31

Auch wenn er immer wieder den Wunsch äußert, jetzt richtig Rapper zu werden, ist Yassir eigentlich kein Rapper im musikalischen Sinn. Authentizität durch Straßenerfahrung lautet das Rezept des Frankfurters für seine textfokussierten Tracks. Er verkörpert die filmreife Geschichte des „Rap-als-Ausweg“-Motivs: den Knast hat der Nordweststädter schon öfter und nach eigener Aussage auch zu Recht von innen gesehen. Scheiße bauen und Kriminalität haben seinen bisherigen Werdegang geprägt und die ganze rappende Nordweststadt (Azad, Tone, D-Flame, Jonesmann etc.) scheint ihn von früher zu kennen, obwohl er eigentlich erst seit zwei Jahren rappt. Auf dem Weg zum anderen Leben ist Rap für ihn Chance, Perspektive und Therapie. Stiltechnisch verlässt sich Yassir noch zu sehr darauf, dass „seine Wahrheit alles klar macht“, wobei der anziehende Effekt dieser Wahrheit nicht unterschätzt werden darf. Es liegt etwas sehr Ehrliches in jedem von Yassirs Tracks und das Anliegen, etwas sagen zu wollen, scheint sein Vorteil zu sein, der sowohl für ausdrucksstärkeres „Spitten“ als auch für den ein oder anderen stylischen Kniff in seinen Texten sorgt. Musikalisch erhält er dafür mit den Produzenten PhreQuincy, m3&Noyd, Brisk Fingaz und Lex Barkey beste Unterstützung. Wie sein Kollege D-Flame positioniert sich auch Yassir in Sachen Gangster-Talk und –Image eindeutig: toll ist das Streetlife nicht, es sorgt langfristig für mehr Probleme als man vertragen kann und erstrebenswert ist es auf keinen Fall. Alles „first-hand-experience“. Sein eigenes Leben betrachtet Yassir als verkorkst, der Familienvater befindet sich derzeit ein weiteres Mal in Haft. „Ich weiß jetzt, wie man Loser und nicht der Gewinner ist“ bekennt die Flamme auf Yassirs Album im gemeinsamen Track „Warum“. Aber: Titeltrack und Namensgeber des Albums ist der §31 des Betäubungsmittelgesetzes, der Strafmilderung ermöglicht, wenn durch eigenes Wissen zur Aufklärung beigetragen wird. Hier hört man noch mal Yassirs dunkle Seite, die den Verrätern den Tod wünscht. Der Tagebuchcharakter und die viel besagte Ehrlichkeit sind die Argumente, die „Paragraph 31“ attraktiv machen. Ein musikalisches Straßenhörbuch. (Die Videobotschaften seiner Bekannten verraten auch einige Jugendsünden der Frankfurter Rapper. Schlimme Finger, die in der „Nordi“.)

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  Puppetmastaz: The Takeover
Puppetmastaz: The Takeover
Discograph / ALIVE


Puppetmastaz: The Takeover

Derzeit zieht das Handpuppengeschwader um Leader-Maulwurf Mr. Maloke noch durch deutsche Lande, um mit ihrer nunmehr dritten Veröffentlichung der Errichtung des „Puppet-Regime“ den endgültigen Anstoß zu verpassen. Noch hat man also die Möglichkeit, das größte Manko der Puppetmastaz-Platten auszugleichen: „The Takeover“ bietet in punkto Abwechslungsreichtum eine breit gefächerte Palette, eigentlich funktionieren die Stücke der Figuren aber live einfach am besten. Hat man sich das einmal vernünftig reingezogen oder zumindest die Videos genauer in Augenschein genommen, erschließt sich erst der ganze Humor, den die Puppencharaktere auf ihrem Partykanal senden. Im Bouncen sind die Puppen nämlich groß unterwegs und jede der verschiedenen Figuren bringt einen anderen Style ein. Das 22 Tracks starke Album ist eine kleine Rundreise durch verschiedene Rap- und Musikstile, im Vergleich zu den früheren Veröffentlichungen alles etwas ausgereifter und aufwendiger. Vom derzeitigen Elektroeinschlag der Szene blieben die Puppets weitgehend verschont bzw. war doch ihre musikalische Mischung schon früher offen für Elektro- und Funkeinflüsse, da schockt es nicht wirklich hart, wenn der Anteil an synthieproduzierten Sounds nun gestiegen ist. Große Stärke von „The Takeover“ ist die inzwischen weiter abgerundete Eigenheit der Puppetmastaz, möglichst stimmige Sachen zu produzieren, soll heißen: ob hier große Lyrik geliefert oder doch manchmal nur Aushilfsenglisch gesprochen wird, darf einem herzlich egal sein, da es die witzigen Stimmen mit ihren eigenen Styles und bzw. vor allem auch durch gekonntes Timing und Flow schaffen, die Tracks gut zu komplettieren. Amüsante Partymucke mit amüsantem Hintergrund und auf jeden Fall eine Empfehlung für einen Konzertbesuch.

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  Kool Savas u. Optik Army: John Bello Story II
Kool Savas u. Optik Army:
John Bello Story II

Optik Records / Groove Attack


Kool Savas u. Optik Army: John Bello Story II

Ja, mit Optik Records ist es vorbei, als Abschiedsknaller hatte man sich die Fortsetzung des erfolgreichen Mixtapes „John Bello Story" aufgehoben. Der Mixtape-Flavour hat Savas ja schon immer etwas besser gestanden und schon wie beim ersten Teil ist dem deutschen King of Rap die Entspannung durch gemeinsames Recorden deutlich anzuhören: Savas gibt sich experimentierfreudiger und haut auch mal wieder in Kerben, die er in letzter Zeit gemieden hat. Kurz gesagt findet sich hier ein bisschen vom „früheren“ Savas und böse Stimmen behaupten, er hätte auf „Tod oder Lebendig“, seinem Solo vom letzten Jahr, mal lieber das gezeigt, was er jetzt hinterher schiebt. Seine Strophe in „Brainwash“ ist zwar das Sinnentleerteste, das ich in letzter Zeit gehört habe, aber andererseits auch tödliche Flowkunst über Westcoast-Sound. In Sachen Optik-Sound hat sich zwar nicht viel getan, aber: JBS II ist an Rhymes und Technik interessiert, Poesie machen die anderen.

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  Das Bo: Dumm aber schlau
Das Bo: Dumm aber schlau
Columbia / SonyBMG


Das Bo: Dumm aber schlau

In der Kombo „Der Tobi & Das Bo“ noch wegen einer oftmals als zu spaßig eingeschätzten Attitüde umstritten, platzierte sich der Hamburger Deutsch-Bosnier mit seiner Crew 5-Sterne Deluxe auf der musikalischen Landkarte. Später folgte im Jahr 2000 im Alleingang die Ohrwurm-Single „türlich türlich“, die sich in den deutschen Top 5 plazierte. Sein erstes Solo-Album „Best of Drei alleine“ blieb weitgehend unbeachtet und endete mit dem vorläufigen Aus für Bo. Letztes Jahr machte Bo erneut von sich reden, als er mit „Ohne Bo“, einem Münchner Freiheit-Cover, an Stefan Raabs ,Bundesvision Song-Contest’ für Hamburg teilnahm. Der Titel „Dumm aber schlau“ ist bei Bo schon immer Programm und bezeichnet treffend die Wortkunst von Bos Raps. Mittlerweile hat Bo wie die meisten seiner früheren Kollegen einen Deal bei einem Major-Label, in seinem Fall Sony, und probiert’s auch noch mal. Wer das Bo aus jener Zeit sucht, in der 5-Sterne Deluxe, Abolute Beginner, Freundeskreis u.a. den deutschen Rap gestaltet haben, wird nicht auf Anhieb fündig. Kreativität und gekonntes Scheiße-Labern waren Bos Stärken, inzwischen ist aber auch der Spaßvogel etwas erwachsener geworden. Reflektiert erzählt Bo aus seinem Leben, macht sich Gedanken um Geld & Macht und den eigenen Werdegang. Sein sicheres Gespür für einen immer etwas klamaukigen Stil (der Titeltrack „Dumm aber schlau“ ist eine Cover-Version von Modern Talkings „You're my heart, you're my soul“!) macht Bo zu einem unterhaltsamen Entertainer und in Tracks wie „Die Insel“ oder „Anna Bar“ kommt auch der alte Bo-Fan auf seine Kosten. Der Sound von „Dumm aber Schlau“ ist stellenweise eher klubartig, was erstmal gar nicht passen will, hat man doch das Bo einstmals eher im Kellercluster verorten können. Dem Basement & Bong-Flavour entwachsen bleibt sich Bo textlich treu und verwandelt auch die tanzbareren Ami-Anklänge zu dummen aber schlauen Ansagen. Ein bisschen „Reminissin’“ wird auch mitgeliefert: Jan Delay und Samy Deluxe, Kollegen von früher, geben sich als Basement Allstars auf „Fresh“ die Ehre. Das Feeling von früher kommt stellenweise wirklich auf, das Abfeiern auf „Hamburg-City“ wirkt aber nicht mehr ganz so zeitgemäß. Dass Bo nun auch über „Schwinger zum Kinn“ reden muss, ist wohl dem erwünschten Identifikationsgrad geschuldet. Eigentlich braucht’s das nicht.

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