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Die Box




5. Januar 2009
Christoph Happel
für satt.org

Murder Junkies live in Frankfurt
19. November 2008, Nachtleben

Murder Junkies – welch wundervoller Name für eine aus stark drogenabhängigen Musikern bestehende Band – die im November ein Gastspiel im Frankfurter Nachtleben gaben. Die Murder Junkies waren lange Zeit in der Versenkung verschwunden, denn streng genommen waren sie nur die Backing Band für das Enfant Terrible der Punkszene, den schaurig-schönen GG Allin, der leider die Gruppe und uns mit seiner Anwesenheit nicht mehr beehren kann, da er seinem Leben mehr oder weniger freiwillig zu Beginn der 90er Jahre ein Ende setzte. Überdosis, der klassische Drogentod – man munkelt, während eines Auftritts mit besagten Murder Junkies. Die allermeisten Musikfreunde haben weder Mr. Allin noch die Murder Junkies je live spielen gesehen und das aus gutem Grund, denn Veranstaltungen mit GG waren zumindest in den letzten Jahren seiner Karriere eher gefährlich fürs Publikum. Musikalisch konnte man die Band getrost als beinah durchschnittlich bezeichnen: mittelmässiger Punk'n'Roll. Aber die Musik war nie das eigentlich Wichtige an GG und seinen Mitstreitern, sondern das waren die legendären Bühnenshows. GG, dessen wirklicher Name Jesus Christus Allin war, stammte aus einem strenggläubigen Elternhaus. Es wurde gebetet und gebetet und gesündigt und dann gesühnt und wer weiss was noch alles. Nach Einbruch der Dunkelheit durfte die Familie nicht mehr miteinander sprechen, so wollte es der Vater. Ich weiss nicht, ob das der Grund war, aber GG wurde zeitlebens von fürchterlichen Aggressionsproblemen geplagt, für die er als Musiker und Sänger endlich das Ventil fand, welches er reiflich nutzte, um sich Erleichterung zu verschaffen. Murder Junkies-Gigs waren geprägt von Gewalt; Gewalt die von GG ausging und sich gegen sein Publikum richtete. Häufig – nachzusehen in einer wundervollen filmischen Dokumentation („Hated“) – schlug und trat er während der Shows auf sein Publikum ein und oft floß dabei Blut. Häufig auch sein eigenes, denn seinen Körper hat er keineswegs geschont. Mir tut sich gerade das Bild eines Livegigs auf, GG schon kurz vor seinem Lebensende und entsprechend verwirrt. In der linken Hand hält er sein Mikro und brüllt hinein. Mit der rechten, in der er einen Metallgegenstand hält, schlägt dabei er sich so lange ins Gesicht, bis es fast vollständig aufgeplatzt und die wutverzerrte Fratze vor Blut nicht mehr erkennbar ist. Dazu die unglaublichen Fäkalorgien: GG defäktierte während der Shows auf der Bühne und je nach Gusto verspeiste er es gleich wieder oder verteilte sein Exkrement großzügig unter den anwesenden Gästen. Unter diesen Umständen haben sich nur wenige Leute zu seinen Shows verirrt und die allermeisten haben ihre Kenntnis von und über den Mann aus besagter Doku, die das Geschehen eindrucksvoll transportiert und dem Betrachter einen guten Einblick in das Gesamtkunstwerk GG Allin gibt. An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen zarter besaiteten Leserinnen und Lesern für das Bild entschuldigen, das ich eben vor ihrem inneren Auge ausgebreitet habe. Ich bin kein Freund von Gewalt und Analkunstperformances, der einzige Grund warum ich Euch damit molestiere ist, dass erstaunlicherweise bei diesem Hintergrund die Musik nie wirklich schlecht war. Wie eingangs erwähnt: gepflegter, tendenziell durchschnittlicher Punk und Hardcore, der in der aktuellen Besetzung, d.h. mit neuem Sänger und Gitarristen blitzsauber gespielt ist.

 


An einem Mittwoch im November 2008 durfte ich die Murder Junkies endlich live erleben und mir selbst ein Bild über die Band machen. Das Frankfurter Nachtleben, wo das Konzert stattfand, war nicht gerade zum Bersten voll. Viele Leute, die man in Frankfurt immer auf Punk-, Hardcore & Roll-Konzerten sieht, glänzten durch Abwesenheit. Dafür hielt sich vor dem Club eine Horde junger Menschen mit bunten Haaren auf, die gemeinhin euphemistisch als „Punks“ bezeichnet werden, jedoch abgesehen vom Outfit, das sie kopieren, wenig mit „Werten und Idealen“ der Punkbewegung zu tun haben. Glücklicherweise war der Eintritt von 14 Euro für viele dieser „Punks“ dann doch etwas zu hoch – nur ein paar von ihnen fanden den Weg ins Nachtleben, um den Helden des Scumpunks zu huldigen. Als Vorband verausgabten sich die Bornheim Bombs, eine Lokalband, deren Mitglieder seit zwanzig Jahren in verschiedenen Formationen spielen und routiniert gepflegten Deutschpunk mit Mitgröhl-Refrains zum Besten gab. Nach einer Umbaupause von einer Dreiviertelstunde ging es los: die Murder Junkies erklommen die Bühne und stiegen mit voller Wucht in ihr Set ein. Merle Allin als Bassist und Bandleader, Scotty Wood an der Gitarre und der ziemlich schräge Dino Sex (Sachs) am Schlagzeug hatten mit Sonny Harlan einen im Vergleich zu den anderen sehr jungen Mann am Gesang bei sich, der die Rolle des Madman, die durch GGs frühzeitiges Ableben frei geworden war, sehr routiniert ausgefüllen konnte. Fettiger Vokuhilaschnitt, struppiges Bärtchen, wässrig-unterlaufene Augen, gerötetes Gesicht und speckige Bekleidung. Kurz und gut, der Mann sah aus wie ein Penner und wollte das auch. Als Sänger war er, genau wie die anderen an ihren Instrumenten hervorragend. Sonny war ständig in Bewegung, hielt Kontakt nach allen Seiten der Bühne und zeigte den Betrachtern eine schweißtreibende Show. Scotty Wood, der langhaarige Gitarrengott, bei dessen Spiel jeder Ton eines jeden Solos genau passte, stand in seiner Ecke, bewegte sich nicht einen Schritt und schien überhaupt nicht dazuzugehören. Nicht ein Hauch Wahnsinn glitzerte in seinen braunen Collegestudentenaugen, die Haare frisch gewaschen und flockig, die Kleidung auch für einen Kirchgang passend. Der ideale Schwiegersohntyp des beginnenden 21. Jahrhunderts. Eindeutig das musikalische Mastermind der Band. Die Backingvocals wurden zu einem Großteil von Bassisten und seines Zeichens GGs Bruder Merle beigesteuert, der als Verbindungsglied zum toten GG fungierte und sich nach dem Konzert als umgänglicher und sympathischer Typ entpuppte, ganz so, wie man es nie von ihm erwartet hätte. Er muss die familiären religiösen Orgien aus Hass und Gewalt unbeschadeter überstanden haben als sein Bruder GG, oder er hatte einen verdammt guten Therapeuten. Ein wenig verschroben wirkte da einzig und allein Schlagzeuger Dino Sex. Zu Beginn der Show begab er sich splitterfasernackt und ohne ein einziges Haar am Körper – vom Kopf mal abgesehen – hinter sein Drumkit und glänzte das gesamte Konzert über mit seinem sehr uninspirierten und untalentierten Schlagzeugspiel, welches darin gipfelte, dass er am Schluss der zweiten Zugabe ein nicht enden wollendes Solo spielte und zwar so wie es ein Kleinkind, das man hinter dieses Instrument setzt, tun würde. Das war zunächst nervig, irgendwann aber bekam es Stil, denn denkt man an Metal-Schlagzeugsoli, die vor technischen Finessen nur so strotzen und für das Gros der Zuschauer trotzdem unglaublich langweilig sind, hatte Dino Sex' infantil-hilfloses Geklopfe im Adamskostüm seinen eigenen, besonderen Charme. Zu allem Überfluss und um die Erwartungen der Zuschauer zu befriedigen, präsentierte Dino nach Beendigung des Solos seinen haarlosen, babyspeckigen rosa Schweinskörper und zwar direkt am vorderen Bühnenrand, zeigte das, was er zwischen den Beinen hatte (sah aus wie ein Penis, nur kleiner), versteckte einen seiner Schlagzeugstöcke in einer anderen Körperöffnung, pullerte auf die Bretter, die die Welt bedeuten und.......ging.

Ein beeindruckendes Konzert einer beeindruckenden Band.



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