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Die Box




29. Dezember 2008
Christoph Happel,
Ronald Klein
und
Jürgen Körber
für satt.org

play LOUD!


Welche Band paßt besser zu den Feiertagen als Holy Ghost Revival? Die Band aus Seattle eröffnet die zweite Ausgabe von Play Loud!, weitere Teilnehmer: Lovvers, The Draytones und Decrepitus aus dem dunklen Norwegen...

  Holy Ghost Revival: Twilight Exit
Holy Ghost Revival:
Twilight Exit

1965 Records
» holyghostrevival.co.uk
» myspace


Holy Ghost Revival: Twilight Exit

Holy Ghost Revival oder kurz HGR ist eine Formation aus Seattle um Frontman und Sänger Conor Kiley. In und um Seattle herum sind sie in den vergangenen Jahren nicht zuletzt durch ihre Liveshows bekannt geworden und erfreuen sich mittlerweile auch in Grossbritannien zunehmender Beliebtheit. Mit „Twilight Exit“ legen sie nun ihr zweites Studioalbum vor.
Wer bei dem Bandnamen nun auf Gospel und evangelikale Erweckung tippt, liegt verkehrt: Laut Pressetext mischt die Band, die ihre Wurzeln im Punk hat, den Sound von Iggy Pop, Alice Cooper und Roxy Music mit Grunge (was bei einer Band aus Seattle wohl unvermeidlich scheint). Nun ja. Ihre Musik klingt vor allem nach Glamrock und dem jungen Bowie, auch nach Slade, und klingt überhaupt so bombastisch wie eben der Glam der frühen Siebziger - mit einigen leisen Tönen und Klavierpassagen, die durchaus an Queen erinnern.
Fulminant steigen die Jungs mit „The Gospel According To Judas“ ein, man ist sofort drin im nostalgischen Feeling. Im selben Tenor geht es weiter mit „Green Raised Vein“, „Wolfking of L.A.“ und „Embrace the Hate“. Mit diesen ersten vier Stücken zeigt sich die Band von ihrer besten Seite. Bei „Green Raised Vein“ erinnert die Art des Gesangs entfernt an Peter Murphy von Bauhaus, aber zu denen passt der Glamrock-Verweis ja auch. Ab der Albummitte wird der Ton viel ruhiger. Mit „Old Hollywood is over“ folgt eineher rührseliges Stück mit dem Klavier als vorherrschendem Instrument - auch das gehört zum Repertoire von HGR - und ebenso ruhig geht es mit „Empire Skies“ und „Burn down the House“ weiter, vielleicht ein wenig zu getragen. „Wetbrain Bandana“ lässt es zwischendurch wieder krachen, bevor mit „Rm. 612“, „Arrogant Army“ und vor allem mit „Rationed Sacrifice“ ein elegischer Abschluss folgt. Man kann sich das Ganze sehr gut als Livekonzept vorstellen.
Fazit: Ein dickes Plus für das Wiederentdecken des Glamrock - die opulenteren Songs sind eindeutig die besten, vor allem die ersten vier. Anspieltipp: „Wolfking of L.A.“ (Jürgen Körber)

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  The Draytones: Up in my head
The Draytones:
Up in my head

1965 Records
» thedraytones.com


The Draytones: Up in my head

Up In My Head ist das Debutalbum des Quartetts The Draytones, das, man höre und staune, aus drei Engländern und einem Argentinier besteht und im besten Sinne Britpop macht (also bitte nicht mit Oasis verwechseln). Als musikalische Vorbilder dürften die Beatles, die Small Faces und die Kinks gedient haben: poppig-rockige Melodien, manchmal ein kleines bisschen Rock’n’ Roll und stets psychedelisch angehaucht. Erst 2006 gegründet, erhielten die Draytones den musikalischen Ritterschlag, als Paul Weller sich nach dem Hören von Up In My Head entschloss, die Band mit auf seine UK-Tour im Mai 2008 mitzunehmen. Große Vorschusslorbeeren für die Veröffentlichung des Albums in Deutschland also. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Die Draytones werden ihnen durchaus gerecht. Auch wenn die Platte ganz im Stile der Sechziger nur ganze 32 Minuten lang ist.
Es beginnt mit „Turn It Down“ und „After All“, die ineinander übergehen und eine Einheit bilden. Es klingt nach Pop-Rock der Sechziger, so weit, so schön. Doch dann kommt mit der nächsten Nummer „Heart Shaped Line“ ein musikalischer Wechsel hin zum Blues, mit einem dominanten Bass und verzerrter Gitarre. Nicht nur aufgrund dieses Wechsels vielleicht das beste Stück auf der Platte, zeigen The Draytones doch hier ihre stilistische Bandbreite.

Und gleich mit dem nächsten Stück wird es wieder ganz anders: „As high as I can“ beginnt dermassen beatleesk, dass man sich verdutzt die Ohren reibt und zunächst glaubt, man habe aus Versehen Beatles for Sale oder Rubber Soul aufgelegt. Vom Gitarrenintro bis hin zum Duogesang von Gitarrist Gabriel Boccazzi und Drummer Luke Richardson, die nicht nur im ersten Moment stark nach Lennon/McCartney klingen, ist dieser Song fast schon pure Imitation der Fab Four... oder Hommage, je nach Sichtweise.
Mit „On the way“ ändert sich der Ton: leichtfüssig verswingt und ein bisschen psychedelisch mit Bass, Klavier und Hi-Hat. Und ist das vielleicht ein Moog-Synthesizer, der die seltsamen Zwischentöne generiert? „Don’t talk to me“ steuert wieder in Richtung Rock’n’Roll/ Rockabilly, bevor mit „Summer’s arriving“ und „I have to go“ zwei eher poppige Nummern kommen. Das Album klingt melodisch aus: „Throwing Stones“ ist nicht nur das längste Lied des Albums; mit seinem sehr schönen Klavierintro könnte man es sichauch auf Sgt Pepper's oder Yellow Submarine vorstellen. Stimmungsvoll vinyl-verknistert wird ins akustische „Flowers on the Bridge“ übergeleitet, ein ruhiges Stück mit Akustikgitarre, Viola und ganz ohne Drums. Ein perfekter Ausklang.
Britpop kann also wie direkt aus den Sechzigern klingen und trotzdem keineswegs „retro“ sein. Und wenn das ganze so vielseitig ist wie bei „Up In My Head“, ist das umso schöner. (Jürgen Körber)

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  The Lovvers: Think
The Lovvers: Think
Cooperative
» YouTube


The Lovvers: Think

Wersein Ohr am Puls der Zeit hat, wird bemerken, dass derzeit viele “angry young men” mit mittellangen Haaren und verschlampter Kleidung debütieren, die einen Sound spielen, zu dem sich ihre Eltern verliebt haben. Die Retrowelle läuft und läuft und vor allem sie läuft sich nicht tot. Mit den Lovvers taucht eine weitere dieser Bands auf: sie spielen krachigen, schrammeligen Punkrock mit starken Sixties-Einflüssen. Ich wette, dass alle vier, ganz besonders aber der Gitarrist, Jesus and Mary Chain-Fans sind. Die Lovvers stammen aus Nottingham, einige ihrer Mitglieder waren vorher bei den “Murders of Rosa Luxembourg” - für diesen Namen gibt es volle Punktzahl, für den aktuellen, der immerhin auch als “lower “ gelesen werden kann, auch noch eine “zwei plus”. IhreDebütscheibe ist gerade mal sieben Songs und kaum eine Viertelstunde lang. Für ein Album scheint das wenig, aber man hat hier nicht den Eindruck, dass wie bei manchen durchaus grosszügigen Gruppen weniger mehr wäre. Knallhart und auf den Punkt, sieben durchweg gute Tracks mit Entwicklungspotential - insgesamt tausendmal besser als vieles, was uns Musikkonsumenten als “das heisse Ding” verkauft werden soll. See them live! (Christoph Happel)

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  Decrepitus: Break The Code Decrepitus:
Break The Code

» myspace


Decrepitus: Break The Code

Musikalisch stellt Norwegen ein Faszinosum dar: Gemessen an der geringen Einwohnerzahl bedeutet die Masse an interessanten Bands und Projekten eine hohe Innovationsdichte. Während die 90er-Dekade vor allem durch Black Metal den Fokus auf Skandinavien lenkte, dominiert mittlerweile Vielfalt und Abwechslung. Die Combo Decrepitus hat ihre Wurzeln ebenfalls in der Black-Metal-Szene, jedoch steht längst Death auf dem Programm: Klanglich rau und mit Schmackes, aber mit Groove. Während sich andere Kapellen stumpf durchs Unterholz bolzen, animieren die wuchtigen Kompositionen von Decrepitus zum eleganten Hüftschwung beim Axtschwingen. Neben dem Intro warten fünf Tracks auf den Hörer, welche für Death Metal-erprobte Ohren sehr abwechslungsreich klingen und das Potenzial der noch jungen Band erkennen lassen. (Ronald Klein)

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