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Die Box




22. Dezember 2008
Ronald Klein
für satt.org

  Unheilig: Puppenspiel Live
Unheilig: Puppenspiel Live
Universal
» unheilig.com


Unheilig: Puppenspiel Live

Es gibt Menschen, die melden sich telefonisch mit einer Kombination von „Herr“ resp. „Frau“ und ihrem Nachnamen. Zu einem akademischen Grad hat es noch nicht gereicht, aber immerhin kann man der Mutti zeigen: „Ich bin jetzt nicht mehr Mädchen, ich bin schon Frau!“. Wem mehr will, erträumt sich eben den Adelsstand und nennt sich – nein, nicht nur „Graf“ – sondern eben „Der Graf“. So wie der gleichnamige Sänger und Mastermind der Kapelle „Unheilig“. Für all jene, die das Projekt noch nicht kennen: Seit immerhin fast einer Dekade performt „Der Graf“ mit wechselnder Besetzung. Der Name „Unheilig“ gibt ein unheilvolles Versprechen, das er zum Glück nicht einlöst. Denn Musik und Texte wirken weder blasphemisch, noch erschrecken sie das Publikum unnötig über alle Maßen. Nein, das hat nichts mit nervtötender Harmlosigkeit zu tun. Im Gegenteil: Man mag dies heutzutage durchaus als Tugend werten, denn während im Gothic-Bereich viele neuere Projekte durch peinliche Provokation um ihrer selbst Willen auffallen, könnten „Unheilig“ ohne weitere Probleme in Dieter Thomas Hecks „Hitparade“ auftreten, wenn es sie denn noch gäbe. Doch während Genre-Kollegen wie Lacrimosa mit triefendem Kitsch ihre Biederkeit und die Nähe zu Schlager-Kollegen wie Hansi Hinterseer unterstreichen, punktet Unheilig vor allem mit textlicher Unaufdringlichkeit. Auch mit der soliden, aber wenig innovativen Mischung aus Synthiepop, Electro, härteren Rockklängen und Mitsing-Strophen sympathisieren durchaus größere Bevölkerungsteile. Die vorliegende DVD bietet einen Querschnitt des Schaffens, der live während eines Konzerts in Berlin aufgezeichnet wurde. Sowohl Bild- wie auch Tonqualität erweisen sich als exzellent. Knapp zwanzig Songs lassen Fans jubeln und auch den etwas voreingenommenem Betrachter erkennen, dass die Popularität Unheiligs nicht einem kurzen Hype entspringt, sondern einer handwerklich ordentlichen Unterhaltungskunst geschuldet ist.


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  ASP: Akoasma – Horror Vacuii Live
ASP: Akoasma –
Horror Vacuii Live

Trisol/Soulfood
» thetalesofasp.com


ASP: Akoasma – Horror Vacuii Live

Im gleichen Jahr wie “Unheilig” ging auch die Frankfurter Formation ASP an den Start. Klanglich durchaus verwandt, mit einer Schnittmenge aus EBM, Pop und Neuer Deutscher Härte operierend, spielten sich die drei Herren um Sänger Alexander „Asp“ Frank Spreng in die Herzen der Gothic-affinen Fans. Nach knapp zehn Jahren erscheint nun mit der vorliegenden CD das erste Live-Album. Die ersten beiden Tracks legen die Messlatte hoch. Sowohl der Intro-Ohrwurm, wie auch das treibende „How Far Would You Go“ gehen mit ihrem mehr Rock- als Gothic-Habitus sofort ins Ohr, woran auch Sänger Spreng, der in seinen starken Momenten wie ein dunkel angehauchter Chris Isaak klingt, seinen Anteil hat. Mit der Debütsingle „Schwarzer Schmetterling“ verschiebt sich leider der musikalische Schwerpunkt Richtung Leierkasten-Goth. Auch die Lyrics („Alles schwarz, ich kann nicht sehen / ich kann die Welt nicht mehr verstehen / Der Mond reißt mir die Augen aus / Ich bin gefangen und ich komm nicht raus) lassen den anfänglich positiven Eindruck schnell verblassen. Dafür goutieren es die Fans, sofern die Aufnahmen ohne Overdubs auskommen, wovon an dieser Stelle ausgegangen wird. Die Aufnahmen besitzen durchaus ihren Reiz, da sie die Live-Atmosphäre adäquat einfangen und die Dynamik eines Konzertes in sehr guter Klangqualität wiedergeben. Das Potenzial der ASP-Songs erhöht dies trotzdem nicht.


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  Sandow: Live
Sandow: Live
» sandow.de


Sandow: Live

Die Sandow-Reunion fand konzertant zusammen mit dem Babelsberger Filmorchester im Potsdamer Nicolaisaal statt. Den Mitschnitt aus dem Spätsommer 2007 enthält die erste DVD. Die Setlist dominieren Songs des neuen, deutlich elektronisch geprägten Albums „Kiong – Gefährten der Liebe“. Im virtuosen Zusammenspiel mit dem Orchester beweist sich akustisch eindrucksvoll, was die Band seit ihrem Meisterwerk „Fatalia“ (1992) spielend beherrscht: Das Komponieren sinfonischer Musik, die das Pop-Korsett mit leichter Hand sprengt. Dabei offenbart sich, wie stark auch die neueren Songs, die klanglich mit der früheren Brachialität Sandows nur partiell etwas gemein haben, Ohrwurmcharakter besitzen. Das Liebeslied „Baby“ könnte in Kombination mit den Streichern locker die Mediacontrol-Charts aufmischen. Doch auf kommerzielle Aspekte oder Konformität schielten Sandow nie. Im Gegenteil taten sie alles dafür, absolut ungefällig zu sein. Aus dem Post-Punk und Wave kommend, änderten sie ihren Klang nach den relativ erfolgreichen Alben „Stationen einer Sucht“ (1989) und „Der 13. Ton“ (1990) hin zu artifizielleren, schwer verdaulichen Konzepten. Auf den neuen Konzerten schlagen Sandow auch den Bogen zurück. So standen u.a. „Gegner ich“,„Fatalia“, „Tour de Lose“ und „Gesichte der Wiedergeburt“ auf dem Programm. Unvermeidlich auch „Born in the GDR“: Das Lied, das Sandow 1989 berühmt machte. Weil die Spotthmyne auf den Untergang der DDR von Ostalgikern okkupiert wurde, weigerten sich Sandow jahrelang den Song zu spielen. Mittlerweile kommt er im ironischen Pop-Gewand daher. Dieser, wie auch viele andere Songs befinden sich auch auf der zweiten DVD. Die anfängliche Irritation hinsichtlich der Doppelung verschwindet schnell. Denn die zweite Scheibe (Potsdamer Mitschnitt aus dem Herbst 2008) besitzt ein vollkommen anderes Gesicht. Hier zeigt sich, was den Ruf Sandows, abseits von den Konzeptalben, ausmachte: bedingungsloser Rock’n’Roll. Neue Tracks wie „Karakul“ oder „Sunny“ fügen sich homogen an alte Kracher wie „Happy House“ oder „Rausch“. Und all jene Skeptiker, die befürchteten, dass die Reunion mit dem Weichspüler erfolgte, erleben, dass Sandow anno 2008 noch genauso die Säle zum Kochen bringen wie in den 90ern. Chris Hinze, Tilman Fürstenau und der neue Drummer Lars Rudolph erweisen sich als hervorragende Musiker und Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt gibt zum Glück noch immer eine Mischung aus charismatischem Entertainment und Rampensau-Rock’n’Roll. Insgesamt zweieinhalb Stunden Musik in absolut exzellenter Ton- und Bildqualität schaffen ein unvergleichliches Konzerterlebnis für das Wohnzimmer. Die Scheiben empfehlen sich nicht nur Fans, sondern allen Musikinteressierten, die an Klängen fernab fester Formate Freude empfinden. Die hochwertigen Bildkompositionen Jo Fabians, der mit Splitscreens und dezenten, aber passenden Überblendungen zwischen Konzertmitschnitt und Visuals-Arts arbeiten, bilden das i-Tüpfelchen. Perfekt!


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