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Die Box




14. Dezember 2008
 

Gabentisch 1

2

satt.org versteht sich normalerweise nicht als shopping guide: natürlich sind alle vorgestellten Bücher, Platten, Filme, etc. käuflich zu erwerben, aber uns liegen zu allererst die Inhalte am Herzen, weniger der schnöde Mammon. Etwas anders sieht es Anfang Dezember aus: wenn man nicht zu den beneidenswerten Komplettverweigerern gehört, die sich Mitte des Monats auf die Malediven oder nach Brasilien verabschieden, stellt sich die Geschenkefrage unausweichlich. satt.org will helfen, eine Hand reichen in schweren Tagen: von jetzt bis Weihnachten stellen wir Zeug/Kram/Sachen vor, die einerseits irgendwie mit Musik zu tun haben und sich außerdem als Geschenk eignen – nicht für alle vielleicht, was Tante Inge gebrauchen könnte, weiß ich auch nicht.

  A Jazz & Blues Christmas
A Jazz & Blues Christmas
Putumayo World Music
» putumayo.com


A Jazz & Blues Christmas

Anders als „Wish You Too“, dem auf dem letzten „Gabentisch“ vorgestellten Sampler mit alternativen Weihnachtsliedern, will die Putumayo-Compilation „ A Jazz & Blues Christmas“ Weihnachten nicht zum Teufel jagen oder ironisch hinterfragen. Schwarze Jazz-, Blues- und Soulgrößen wie B.B. King, Emilie-Claire Barlow oder Riff Ruffin nähern sich X-Mas musikalisch meist sehr liebevoll: B.B. King engagierte gleich eine ganze Bigband, um „Christmas Celebration“ einzuspielen. Pianist Ramsey Lewis aus Chicago, der als Begründer des Soul-Jazz gilt, präsentiert eine lebhafte, witzige Version des Klassikers „Here Comes Santa Claus“, stilecht mit Schlittenglöckchen und allem drum und dran. Aus New Orleans stammt die Gospelsängerin Topsy Chapman, die mit dem schwedischen Bandleader Lars Edegran „The Christmas Blues“ aufnahm, eine langsame, intensive Bluesnummer, erdig und schwer. Eher leichtfüßig, mit dezentem Funk-Groove und knackigen Gitarrenriffs, ist „All I Ask For Christmas“ von den 1994 gegründeten Mighty Blues Kings, einer der zahlreichen Bluesbands, die für ihren Bandnamen Adelstitel wählten (siehe die verschiedenen „Dukes“, „Kings“, „Earls“ undsoweiter). Herzstück und Höhepunkt der Platte ist Ray Charles' raubeinige Soulversion von „Rudolph the Red-nosed Reindeer“, kaum zu glauben, was Charles aus dem eher albernen Liedchen herausholt. Insgesamt ist „A Jazz & Blues Christmas“ ungefähr so aufrührerisch wie eine Folge der Bill Cosby-Show – aber die guckt man ja auch immer wieder gern.


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  Bryan Ferry: The Bête Noir Tour
Bryan Ferry:
The Bête Noir Tour

EMI Music
DVD, 155 Min.
» bryanferry.com


Bryan Ferry: The Bête Noir Tour

Schon zu Roxy Music-Zeiten nahm Bryan Ferry regelmäßig Soloalben auf: „These Foolish Things“ erschien bereits 1973, nur kurz nachdem die erste RM-Platte das Licht der Welt erblickte. Und tatsächlich ist Ferry ein perfekter Solo-Performer, der für ein Bandgefüge im physischen und übertragenen Sinn zu groß scheint: schon bald nach der Bandgründung überwarf sich Ferry mit dem anderen Roxy Music-Brian, Eno verließ die Band. Die Post-Eno-Roxy Music bestanden immerhin bis 1982 – sehr erfolgreich: mit ihrem letzten Album „Avalon“ eroberte die Avantgarde-Band schließlich den Pop-Mainstream. Mit „Let's Stick Together“, einem Song des Folkmusikers Wilbert Harrison, den Canned Heat 1970 mit ihrer Version bekannt machten, etablierte sich Ferry 1976 als Soloartist. Sein Stern sollte aber erst knappe zehn Jahre später mit dem Album „Boys and Girls“ und den Hits „Slave to Love“ und „Don't Stop the Dance“ richtig aufgehen. Mit dem Folgealbum „Bête Noire“ ging Ferry 1988/89 auf große Europatournee, die unter dem Titel „New Town“ auf Video erschien. Als „The Bête Noir Tour“ wurden die Livemitschnitte jetzt auf DVD wiederveröffentlicht und mit einem Auftritt in München 2002 anläßlich des 20-jährigen Bestehens von Virgin Music Deutschland ergänzt. Man kann also direkt nachprüfen, ob und wie der Zahn an Mr. Ferry genagt hat – ja, hat er, aber der gereifte Ferry steht dem jüngeren in nichts nach. Die Bête Noir-Show ist very, very eighties: exaltiert gedresste Chorsängerinnen und achtziger-typische Bläsersätze; ein überambitionierter Gitarrist, der schon rein optisch besser zu einer Hairmetal-Band wie Mötley Crüe gepaßt hätte, zergniedelt gnadenlos die eleganten Ferry-Songs, des Meisters samtig-schmachtende Stimme kommt innerhalb dieser Überproduktion kaum zur Geltung. Aber damals wollte man das so, kein Mitleid! Dreizehn Jahre später in München: Ferry ist ein wenig faltiger, aber wie immer todschick und dandyesk in Anzug und Krawatte, die Haarsträhne fällt lässig und wie zufällig ins Gesicht. Zur Liveband gehören Roxy Music-Schlagzeuger Paul Thompson und der legendäre Gitarrist Chris Spedding, zusammen legen die älteren Herren gehörig los: die Arrangements sind stimmiger als anno '88, weniger säuselnd-überladen, sondern rockig-knackig. Klassiker wie „Do the Strand“ und „Love is the Drug“ atmen die Wildheit der frühen Siebziger, dem „echten“ RM-Drummer gelingt noch immer dieses einzigartige hypnotische Schlingern bei gleichzeitiger Uhrwerk-Präzision, das einst den Roxy Music-Sound bestimmte. Ferry ist in Topform, und selbst wenn man ihn nicht sehen könnte, wäre da doch seine Stimme (die in München gut zu hören ist): immer etwas nasal und high-brow, zwischen Stenz und gehörntem Liebhaber. Souverän pfeift er „Jealous Guy“, wieder eine Ferry-Coverversion, die das Original noch übertrifft. Bei allem Spaß mit den insgesamt 31 Songs (eine Auswahl aus Roxy Music-Klassikern und Ferrys Solostücken): Am aller-allerliebsten sähe man Bryan Ferry mal ganz allein, nur auf einem Barhocker, ohne Chordamen ... ein Wunsch für nächste Weihnachten?


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  David Byrne & Brian Eno: Everything That Happens Will Happen Today
David Byrne & Brian Eno: Everything That Happens Will Happen Today
TopoMundo/Essential/Indigo
» everythingthathappens.com
» davidbyrne.com
» enoshop.co.uk


David Byrne & Brian Eno: Everything That Happens Will Happen Today

Na, so ein Zufall: eben noch sprachen wir über Bryan Ferry und schon sind wir bei Brian Eno gelandet! Ob Eno und Ferry wieder in Kontakt stehen, wissen wir nicht, wohl aber, dass Brian Eno seine vor gut dreißig Jahren begonnene Zusammenarbeit mit Ex-Talking Head David Byrne weiterverfolgt: Eno produzierte zwischen 1978 und 1980 drei Talking Heads-Platten und nahm 1981 mit Byrne das epochale Album „My Life in the Bush of Ghosts“ auf, eine verstörende, wegweisende Sampling-Collage, die den Begriff „Weltmusik“ für alle Zeiten umdefinierte. In 2008 begeben sich Eno und Byrne nicht mehr in den Dschungel der Stimmen: als „folk-electronic-gospel feeling“ beschreibt David Byrne die elf neuen Songs, die das Geworfensein des Menschen in die moderne Welt und den unterschwelligen Horror der Vorstadtsiedlung beschreiben. „Once In A Lifetime“ revisited. „Strange Overtones“, „Life is Long“ oder „Home“ klingen wie Weiterführungen von „Little Creatures“, dem mainstream-affinsten Talking Heads-Album (1985). Enos Instrumentierungen sind dezent-spielerisch, hier ein flüssiger Shuffle mit perlendem Piano („I Feel My Stuff“), dort elektrifizierter Gospel („Wanted for Life“), zerklüfteter Funk („Poor Boy“) oder ein kleines Stückchen Rockgitarre. Der Song steht definitiv im Vordergrund, weniger das Experiment – wobei die traditionelle Songstruktur für beide Künstler wohl die größte Herausforderung bedeutet. Byrnes Stimme klingt so entspannt wie nie, fast völlig verschwunden ist seine nervös-vibrierende Hysterie, der „Psycho Killer“-Unterton – dieser zeigt sich allerdings in den Texten: „Torn and Frayed / My testimony's full of holes / Get me where I wanna go / Get cha where ya wanna go“ singt Byrne mit honigweicher Stimme und da ist er wieder, dieser Talking Head'sche unterschwellige Moment der Verstörung. Die Größe von „Everything That Happens Will Happen Today“ (welch ein Titel übrigens! Was würde besser zu Weihnachten passen?) erschließt sich nicht beim ersten Hören – Byrne und Eno leisten sich eine entspannte, (alters?)weise Platte, mit der man sich wie mit einem anspruchsvollen Buch zurückziehen muß.

Übrigens: Wer sich beeilt und das Album über everythingthathappens.com bestellt, bekommt vielleicht noch rechtzeitig zu Weihnachten Post von Byrne & Eno: die beiden verschicken angeblich selbst!


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  Belle and Sebastian: BBC-Sessions
Belle and Sebastian:
BBC-Sessions

Jeepster/Soulfood
» belleandsebastian.com


Belle and Sebastian: BBC-Sessions

Dafür, dass Belle and Sebastian im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms für Arbeitslose gegründet wurden, hat es die Band aus Glasgow weit gebracht: seit 1996 verzaubert und entzückt die Band um das Kernduo Stuart Murdoch and Isobel Campbell ihre Fans auf der ganzen Welt. Alben wie „Tigermilk“, „The Boy With the Arab Strap“ und „Catastrophe Waitress“ sind kleine große Meisterwerke des Indiepop, die Mischung aus nostalgischem Folk, melancholischem 80er-Jahre-Gitarrenpop á la The Smiths und Go-Betweens, Easy Listening, poetischen Texten und den sanftschwebenden Stimmen von Murdoch und Campbell ist so verschroben wie einzigartig. Mit einem neuen Album von Belle and Sebastian ist erst in 2010 zu rechnen; rechtzeitig zu Weihnachten erscheinen die BBC-Sessions von Belle and Sebastian als geschmackvoll aufgemachte Doppel-CD-Box: CD 1 beinhaltet vierzehn Songs, die bei Auftritten der Radio-DJs Steve Lamacq, Mark Radcliffe und John Peel zwischen 1996 und 2001 aufgenommen wurden, CD 2 entstand während eines Weihnachtskonzerts in Belfast 2001. Die Songs klingen weder bei den Radioauftritten noch beim Livekonzert dramatisch anders als auf den bekannten Studioalben: hier und da hört sich Murdochs Stimme vielleicht ein bisschen wackliger an als üblich, bei „Like Dylan in the Movies“ drängelt sich die Gitarre vehementer nach vorn als im Original, bei „Lazy Jane“ jubilieren Orgel und Trompeten noch überschwänglicher als auf der bekannten Version und die Live-CD featuret Coverversionen wie George Harrisons „Here Comes the Sun“und „The Boys Are Back in Town“ von Thin Lizzy. Im Großen und Ganzen sind die BBC-Sessions aber eine Greatest-Hits-Sammlung, die sich unbedingt diejenigen zulegen sollten, die noch keine Platte von Belle and Sebastian ihr eigen nennen. Fast beneidet man die Leute, die zum ersten Mal die skurrilen B&S-Geschichten hören: die vom schwulen Bruder, der sich auf der Hochzeit der kleinen Schwester outet („The State That I'm In“), oder die von Judy, die immer von Pferden träumt („Judy and the Dream of Horses“) oder „einfach“ von der Suche nach Liebe („Wrong Love“) ...


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  Meine Schwester Madonna und ich
Christopher Ciccone mit Wendy Leigh: Meine Schwester Madonna und ich
Schwarzkopf & Schwarzkopf
Aus dem Amerikanischen von Madeleine Lampe und Thorsten Wortmann
Geb., 352 S., € 17,90
» schwarzkopf.de


Meine Schwester Madonna und ich

Als wäre das vergangene Jahr nicht schon aufreibend genug gewesen für Madonna Louise Veronica Ciccone, ehemalige Ritchie: 50 geworden, neue Platte gemacht, weiteres Kind adoptiert, Ehe aufgelöst. Gut, ihre “Sticky and Sweet”-Welttournee ist sagenhaft lukrativ, wenn die Tour im Dezember zu Ende geht, wird Madonna umgerechnet mehr als 222 Millionen Euro eingenommen haben. Dennoch wird Madonna das Buch ihres Bruders so angenehm sein wie ein Kropf oder ein plötzlicher Botox-Engpaß.

Christopher Ciccone war der männliche Tänzer, links hinter Madonna, im Video zu “Holiday”, 1983. Bei der Lektüre bekommt man schnell den bitteren Eindruck, dass Christopher damals, also vor 25 Jahren, seine beste Zeit hatte. Er beschreibt die Kindheit der Ciccone-Geschwister so, als sei Madonna schon damals der erklärte Star der Familie gewesen – gut möglich, nichts anderes würde man von ihr erwarten. Der kleine Christopher stand im Schatten, in Madonnas Schatten, andererseits war sie es, die ihn ermutigte, Tänzer zu werden, die seine Homosexualität erkannte und ihn bekräftigte, dazu zu stehen. Später, als beide Geschwister in New York leben, engagiert sie ihn als Tänzer, dann als ihren persönlichen Garderobier, Dekorateur und Jungen für alles. Er schämt sich, findet, dass es kein Job für einen erwachsenen Mann sei, seiner Schwester beim Ankleiden zu helfen – nimmt aber andererseits Madonnas Geschenke und finanzielle Spritzen an, beschwert sich an einer Stelle gar bitterlich darüber, auf Tour einmal keine Luxussuite bekommen zu haben. Zum Teil versteht man Christophers Zerrissenheit: hat Madonna ihn gefördert oder unterdrückt? Unterstützt oder ausgenutzt? Aber: wo bleibt sein Part, die eigene Verantwortung für sein Leben? Man kann nicht behaupten, dass sich Christopher ausschließlich negativ über seine große Schwester äußert. Es ist eher so, dass in jedem einzelnen Satz Be- und Entschuldigungen, Anklagen und Freisprüche miteinander ringen: Selten konnte man die Zerrissenheit einer Person so deutlich spüren wie in Christopher Ciccones Buch, “Borderline” läßt grüßen. “Meine Schwester Madonna und ich” ist eine bemerkenswerte Mischung aus Eigentherapie, Selbstmitleid, Größenwahn, Eitelkeit, verletztem Stolz und haltlosem Gejammer, wobei man sich zugegebenermaßen genüßlich all den Gossip reintut, den Mr. Ciccone ausbreitet. Zum Beleg, dass Madonna eine Backstage-Diktatorin ist, zitiert er sie mit dem Satz “Das ist hier keine Demokratie!” - und man glaubt dem kleinen Bruder sofort. Dass der inzwischen ausgemusterte Guy Ritchie ein ausgemachter Schwulenhasser ist, ahnte man und wird durch zahlreiche Anekdoten bestätigt - und dass Donatella Versace und Kate Moss hingebungsvolle Kokserinnen sind, die ohne mit den Nasenflügeln zu zucken sechzig Lines ziehen, weiß man vielleicht schon von Perez Hilton, man liest es aber doch immer wieder gern. Christopher Ciccone ist ein bedauernswerter tragischer Held, der ewige kleine Bruder, der seinen Platz im Leben nicht findet – und dem die große Schwester dabei nicht mehr helfen kann und will.


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