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Die Box




8. Dezember 2008
 

Gabentisch 1

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satt.org versteht sich normalerweise nicht als shopping guide: natürlich sind alle vorgestellten Bücher, Platten, Filme, etc. käuflich zu erwerben, aber uns liegen zu allererst die Inhalte am Herzen, weniger der schnöde Mammon. Etwas anders sieht es Anfang Dezember aus: wenn man nicht zu den beneidenswerten Komplettverweigerern gehört, die sich Mitte des Monats auf die Malediven oder nach Brasilien verabschieden, stellt sich die Geschenkefrage unausweichlich. satt.org will helfen, eine Hand reichen in schweren Tagen: von jetzt bis Weihnachten stellen wir Zeug/Kram/Sachen vor, die einerseits irgendwie mit Musik zu tun haben und sich außerdem als Geschenk eignen – nicht für alle vielleicht, was Tante Inge gebrauchen könnte, weiß ich auch nicht.

  Wish you. Best Christmas ever too
Wish you.
Best Christmas ever too

Trikont
» trikont.de


Wish you. Best Christmas ever too

Ist tatsächlich schon wieder Dezember? War nicht gerade erst Weihnachten? Ein Blick auf den Kalender bestätigt: es läßt sich nicht mehr verdrängen, dass das sogenannte Fest der Liebe vor der Tür steht, nur noch wenige Wochen bleiben zur Geschenksuche, für die meisten Menschen eine enorm belastende Aufgabe. Dazu kommt die spätestens ab Mitte November unaufhörliche, nervenzerrende Beschallung mit unvermeidlichen Weihnachts-Popsongs wie Wham!'s „Last Christmas“, „Do They Know It's Christmas“ von Band Aid, Chris Reas „Drivin`Home For Christmas“... okay okay, genug damit. Denn: Es gibt Alternativen! Wie schon im vergangenen Jahr legt das Münchner Label Trikont einen Sampler mit Weihnachtsliedern vor, die man nicht so oft hört wie die oben genannten. Weihnachten betrifft irgendwie schließlich alle, vom Punk über Bluesgitarristen und Chansonsängerinnen – wenn man nicht durchdrehen will ob der immer gleichen Lieder, muß man sich selbst was einfallen lassen und neue (nicht immer festliche) Stücke schreiben oder eigene Interpretationen altbekannter Traditionals aufnehmen.

Kompilatorin Renate Heilmeier hat ganze Arbeit geleistet: deepe Funktracks von Clarence Carter („Back Door Santa“) und Booker T. & The MG's („Winter Wonderland“), Gospel („Who Took the Merry out of Christmas?“/ The Staple Singers), Postpunk von den Waitresses („Christmas Wrapping“), die Ramones mit ihrem herzzerreissenden „Merry Christmas (I Don't Wanna Fight Tonight“) oder Coconamis „Sleigh Ride“ machen endlich wieder richtig Lust auf Weihnachten! (Au weia, hab ich das wirklich geschrieben? Seht Ihr, was dieser Sampler anrichten kann?)


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  Indie Travel Guide – Amerika & Mehr
Manuel Schreiner & Mirjam Kolb: Indie Travel Guide – Amerika & Mehr
rockbuch
br., 464 S., € 19,90
» rockbuch.de


Indie Travel Guide – Amerika & Mehr

Weihnachten sucks? Bloß weg hier? Dann ist dieses Buch genau richtig! Nur wenige Wochen nach Indie Travel Guide UK & Europa, in dem angesagte Indiebands ihre ganz persönlichen Hotspots vorstellten, legen Manuel Schreiner und Mirjam Kolb nach: hauptsächlich um die USA geht es im zweiten Band, mit „& mehr“ sind unter anderem Montreal/Kanada, Peking, Tokio, Neuseeland, Australien, Mexiko und Südafrika gemeint. Schreiner/Kolb baten erneut MusikerInnen darum, Läden, Clubs, Kneipen und spektakuläre Plätze „ihrer“ Städte vorzustellen und wie im ersten Band macht man interessante Entdeckungen: die Dresden Dolls beispielsweise führen durch Boston und berichten nicht nur, dass es bei Fluevog die tollsten Schuhe gibt, sondern rekapitulieren ganz nebenbei die Geschichte ihrer Bandgründung, die eng mit einer Eisdiele namens „Toscanini's Ice Cream“ verbunden ist.... auch die anderen Künstler erzählen bereitwillig aus ihrem Leben und dem Leben in der Stadt. Apropos Stadt: Detroit, Hometown der White Stripes, Iggy Pop, Madonna, Juan Atkins, Jeff Mills, Derrick May und vieler anderer kommt gar nicht vor (paßt natürlich zum allgemeinen Abgesang auf die Motor City), New York City hingegen wird ausführlich gewürdigt und darf - verständlicherweise - ein paar Seiten mehr beanspruchen als sagen wir Austin, Texas: Joan Wasser alias Joan As Policewoman führt durch Brooklyn, „ein Viertel, in dem nichts los ist. Ich bin gerne da, wo nichts passiert“, kokettiert sie. Bei näherem Hinsehen und -lesen merkt man, dass natürlich eine Menge los ist in Brooklyn, nicht zuletzt sollte man eine Fahrt mit dem „Cyclone“ wagen, einer antiken Achterbahn auf Coney Island. Albert Hammond Jr., Adam Green, Vito Roccoforte (Drummer bei The Rapture), Steve Shelley (Sonic Youth) und Nada Surf führen durch die anderen Stadtteile des Big Apple. Another Girl, Another Planet, äh, City: Beth Ditto von The Gossip empfiehlt, bei einem Besuch in Portland/Oregon unbedingt bei Voodoo Doughnuts Station zu machen, weil dort ausschließlich vegane Riesen-Doughnuts verkauft werden. Aber nicht nur in den USA gibt es gutes Essen und coole Orte, Crispian Mills, Sänger und Gitarrist von Kula Shaker, ist in Vrindavon, Uttar Pradesh (Indien) geboren, hat dort geheiratet und will dort auch irgendwann einmal sterben, seine Tipps sind allerdings sehr lebensnah: zum Beispiel empfiehlt einen sechsfingrigen Schneider, der – Überraschung! - sechs Finger hat und preisgünstige traditionelle Gewänder näht. Heather Mansfield, eine Hälfte der Brunettes, führt durch Auckland und hat zum Beweis dafür, dass viele europäische Bands in Neuseeland auftreten, ein Stereo Total-Ticket fotografiert. Das ist überhaupt das Schöne an Schreiner/Kolbs Buch: die vielen persönlichen Notizen, selbst gezeichneten Stadtpläne und Illustrationen von Bands die zum Teil (noch) nicht wahnsinnig bekannt sind. Der Indie Travel Guide liefert also touristische und musikalische Aufklärungsarbeit – da wir an dieser Stelle keine Reiserouten zusammenstellen können, sollte man sich noch vor den Feiertagen ein Ticket in die große weite Welt besorgen und unbedingt den Indie Travel Guide einpacken!


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  DM Bob & Jem Finer: Pirana
DM Bob & Jem Finer: Pirana
Hazelwood
» hazelwood.de


DM Bob & Jem Finer: Pirana

Nach wenigen Sekunden von „Your Heat'n Chart“ muß man nochmal schnell aufs Cover gucken: man hat doch nicht versehentlich zum Soundtrack von „O Brother Where Art' Thou?“ gegriffen? Nein, DM „Deutschmark“ Bob und Jem „Country“ Finer wühlen auf ihrem zweiten gemeinsamen Album „Pirana“ tief in der Country- und Westernkiste, werfen Cajun, Folk, Rockabilly, Punk und Bluegrass und eine große Portion Humor dazu, mit dem Banjo als wichtigstem Instrument. DM Bob und Jem Finer sind keine Grünschnäbel mehr, sondern gestandene Musiker: Finer war Gründungsmitglied und langjähriger Banjospieler der legendären irischen Folk-Punktruppe The Pogues; DM Bobs Band The Deficits gehörten zu John Peels Lieblingskünstlern. Heute arbeitet der aus New Orleans stammende Bob als Englischlehrer in Hamburg und produziert nebenbei Alben befreundeter Bands. Bob und Finer müssen also niemandem mehr etwas beweisen und können tun, was ihnen Spaß macht - „Pirana“ ist wie geschaffen für übermütigen Squaredance unterm Weihnachtsbaum, oder man macht aus der Tanne mitten im Wohnzimmer gleich ein schönes Lagerfeuer: Songs wie „Mini Bar“, „Pisco“, „Lightning' Rod“ und „Driving School“ sind rauh, trashig und mitreißend – Country meets Garage, irische Whiskyseligkeit trifft auf Südstaatenflair. DM Bob und Jem Finer galoppieren im Polka-Punk-Tempo durch absurd-komische Tracks wie „Fluorescent Light on My Taco“ oder „Her Dog Barfed up a Mojo“ und zeigen, dass die Welt sofort ein bisschen netter aussieht, wenn man nicht immer alles so ernst nimmt.


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  Johnny Cash at Folsom Prison. Legacy Edition
Johnny Cash at Folsom Prison. Legacy Edition
2 CDs + DVD
Columbia/SonyBMG


Johnny Cash at Folsom Prison. Legacy Edition

Johnny Cashs Auftritt im Knast von Folsom, Kalifornien war eine wichtige Wegmarke seiner Laufbahn: nach den zwei Shows am 13.1.1968 vor hunderten Gefängnisinsassen ging es mit Cashs Karriere steil bergauf. In den Jahren davor kämpfte Cash mit seiner Drogensucht, konnte nur wenige musikalische Erfolge feiern und seine Beziehung zu June Carter war schweren Stürmen ausgesetzt. Und obwohl Johnny Cash schon viele Konzerte in Gefängnissen gespielt hatte, war ihm Folsom besonders wichtig, die Haftbedingungen dort galten als extrem hart und unmenschlich, Cash wollte auf die Mißstände aufmerksam machen - und en passant die Rolle als Anwalt der Geächteten einnehmen. In der 90-minütigen DVD-Dokumentation „Johnny Cash at Folsom Prison“, die dem Legacy Edition-Boxset des Folsom Prison-Konzertsbeiliegt, erzählt Cashs Tochter Roseanne, dass ihr Vater sich mit dieser Rolle oftmals übernahm: häufig dachte er, durch sein Eingreifen Menschen retten zu können, auf den richtigen Weg zu bringen – und scheiterte. Wie im Falle des Folsom-Häftlings Glen Sherley, einem begabten Musiker und Komponisten: Cash singt Sherleys Song „Greystone Chapel“ beim Gefängniskonzert und ermutigt Sherley nach dessen Freilassung, ein Album aufzunehmen. Cash läßt Sherley bei seinen Shows auftreten und unterstützt ihn tatkräftig. Doch Sherley ist dem Showstarleben nicht gewachsen, er wird drogensüchtig und stirbt in größter Armut. Cash konnte ihm in den wirklich harten Zeiten nicht helfen. Die Dokumentation will aber keine Dekonstruktion des „man in black“, im Gegenteil: Michael Streissguth, der vor einigen Jahren ein Buch über Cashs Folsom-Auftritt veröffentlichte, holte Mitmusiker, ehemalige Gefängnisinsassen, Cashs Kinder und Weggefährten vor die Kamera, die mit ihren Aussagen belegen, wie stark Cashs Herz für die Ausgegrenzten der Gesellschaft schlug. Dass dabei auch noch großartige Musik herauskam, zeigen die Livemitschnitte auf den zwei CDs, die bisher unveröffentlichte Songs der Folsom-Shows beinhalten, unter anderem Gastauftritte von Carl Perkins und den Statler Brothers. Insgesamt fünfzig Stücke sind zu hören: das von Johnny Cash und June Carter gemeinsam gesungene „Jackson“, Traditionals wie „Green Green Grass of Home“ und viele „Jailsongs“, zum Beispiel „Dark as a Dungeon“, „25 Minutes to Go“, „The Legend of John Henry's Hammer“ und natürlich „Folsom Prison Blues“.


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