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Die Box




8. Dezember 2008
Wolfgang Buchholz
für satt.org

Westfälische Provinz und Kölner Schule

Bei der Anschaffung eines Navigationsgerätes ruft der wenig technikaffine, lieber mit dem Zug fahrende Reisende in der Regel nicht „Jippie...“. Manchmal muss er den Nutzen solcher Geräte aber neidlos anerkennen, beispielsweise bei der Suche nach dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg, wo unlängst die Ausstellung „Stadt.Land.Pop“ eröffnet wurde. Popmusik und westfälische Provinz – was hat das denn miteinander zu tun? Viele der innovativsten deutschen Popmusiker der letzten Jahre stammen genau aus dem tiefsten Westfalen zwischen Ostbevern und Bad Salzuflen.

Diesen Künstlern, namentlich Bernd Begemann, Blumfeld, Erdmöbel, Bernadette La Hengst und Die Sterne, widmet sich die Ausstellung „Stadt.Land.Pop“ zwischen dem 27. November 2008 und dem 19. April 2009 im Museum für Westfälische Literatur auf Haus Nottbeck. Hier kann man in liebevoll hergerichteten Ausstellungsräumen in Texten, Bildern, Videos und Interviews zu den genannten Künstlern, in guter Gesellschaft mit beispielsweise Annette von Droste-Hülshoff herumstöbern.

Eine Ausstellung zu Pop-Musik sollte natürlich auch eben solche mit Konzerten für das Publikum bereithalten und so spielt am Eröffnungsabend die Kapelle Erdmöbel auf Haus Nottbeck. Alle neben Erdmöbel ausgestellten Künstler haben ihren Ursprung eher in Ostwestfalen beim Musiklabel „Fast Weltweit“ und waren mehr oder weniger prägend für die Hamburger Schule. Erdmöbel sind, wenn man so will, nicht nur regional die Exoten unter den ausgestellten Künstlern, sie kommen aus dem Münsterland und sind seit einigen Jahren in Köln beheimatet. Auch musikalisch ist ihr Stil kaum vergleichbar mit den inhaltlich politischeren und musikalisch ruppigeren Liedern blumfeld‘scher (bis auf die letzten Alben) und sterne’scher Prägung. Erdmöbel-Lieder sind gekennzeichnet durch eine inhärente Leichtigkeit in der Musik und eine verschrobene Schlauheit in den Texten. Insgesamt sieben Schallplatten zählt der Back-Katalog der Westfalen-Kölner: vier reguläre Alben, ein Elektronik-Mix, ein im Studio eingespieltes Greatest Hits Live-Album und im letzten Jahr mit „No. 1 Hits“ eine Coverplatte mit Liedern von Nirvana über Kylie Minogue bis hin zu Gilbert O’Sullivan. Auswahlkriterium war die Platzierung auf Hitparadenplatz 1 – irgendwo auf der Welt. Diese durchaus skurrile Idee erfolgreich, aus einem Guss und ohne Albernheit umzusetzen, bedurfte einiges an musikalischem Fingerspitzengefühl, was die Band mit ihren Interpretationen bewiesen hat. Die Musik von Erdmöbel ist äußerst eingängig aber trotzdem irgendwie schräg und ungewöhnlich. Sie besitzt die „Auf-den-zweiten-Blick-Hookline“. Wenn man diese einmal gefunden hat, wird man durchaus infiziert von der feinen Musik, bei mir geschehen bei einem Konzert im Gleis 22 in 2003 zur „Altes Gasthaus Love-Tour“. Viele der Lieder haben absolutes Hitpotenzial („In den Schuhen von Audrey Hepburn“, „Genau wie ich mir es wünsche“). Trotzdem musiziert Erdmöbel für ein Nischenpublikum, woran auch die erstmals bei einem Major veröffentlichte No.1 Hits-Scheibe nichts geändert hat. Der Exklusivität schätzende Fan findet das auch gut so, die Lieblingsmusik kann man doch nicht mit jedem teilen...

In einem feinen standesgemäßen Konzertsaal geht es auf dem Kulturgut damit los, dass der Schlagzeuger Dewueb seine Hosenspanner auf der Bühne anlegt, bevor „Anfangs Schwester heißt Ende“ das Konzert eröffnet. Auch weitgehend ohne die die letzte Tour prägenden Lieder des No. 1 Hits Album (heuer nur ein Procol Harum und Bee Gees Cover) hat die Band mittlerweile ein reiches Füllhorn an Liedern, die ein Knapp-zwei-Stunden-Konzert sehr kurzweilig tragen können. Von den Kennern im Publikum wird insbesondere „Busfahrt“ als Highlight identifiziert, welches live bis dato noch nicht gewertschätzt wurde. Hier erzählt Sänger und Gitarrist Markus Berges die Kurzgeschichte einer Begegnung, wohl in einer Krankenhausküche handelnd, die Erinnerungen an Schulausfüge mit dem Bus hervorruft, was ihm beim Aussteigen aus seinen Nissan Diesel einfällt. Eine Geschichte, wie sie sich vielleicht noch ein Robert Forster songmäßig ausdenken könnte: „She drove a Golf white diesel, she drove me through the streets, she took me into her world of parks and wooden seats...“

Neben der klassischen Besetzung Bass, Schlagzeug, Gitarre, Keyboard haben Erdmöbel die Posaune als tragendes Instrument in die Arrangements eingebaut. Das assoziierte Bandmitglied aus dem bergischen Land an der Posaune spielt diese sehr virtuos, will nicht sagen 'Sven Regener würde blass werden', aber der spielt ja Trompete. Eine weitere musikalische Besonderheit ist das Bassspiel von Ekimas, der mehr Gitarre als Bass auf dem von ihm bedienten vierseitigen Instrument spielt – eigenartig aber schön. Was im Übrigen auch für seine Mimik und Bewegungsabläufe gilt, es lohnt sich, sich als Zuschauer eher auf Ekis Bühnenseite zu positionieren – großes Amüsement. Die Arrangements sind heute Abend reduziert und auf den Punkt kommend. Das früher schon mal eingestreute elektronische Gefrickel von Ekimas hat man ad acta gelegt. Die Stücke haben aber eine hinreichende musikalische Substanz, dass sie auch sparsam instrumentiert tragfähig sind und dass man mit unnötigem Gefiedel keine Zeit schinden muss (klingt jetzt böse, ist aber gar nicht so gemeint). Proppe an den Keyboards vervollständigt das Quintett und passt äußerlich prima zum „Oberfinanzbuchhalter-Outfit“ seiner Mitmusiker. Bei Konzerten in der westfälischen Heimat ist auch immer reichlich Verwandtschaft im Publikum. Legendär hier die Stuhlreihen von „Onkels und Tantens“ im Gleis 22 vor einigen Jahren. Dazu und auch zur westfälischen Reihe kommt es heute Abend aber nicht. Im Fluge vergeht das Konzert mit intelligenter Popmusik, kleinen Anekdoten am Rande und einem glücklichen Publikum. Das ist eine weitere Besonderheit beim Erdmöbelkonzert, irgendwie sind die Zuhörer nicht nur zufrieden sondern auch glücklich.

Hoffentlich dauert es nicht mehr allzu lange bis wir wieder rufen: „Jippie, eine neue Erdmöbelschallplatte ist erschienen!“, aber zunächst können wir uns ja noch etwas an der schönen Ausstellung auf dem Kulturgut Haus Nottbeck erfreuen. Für den Popmusik-Fan ist ein Besuch eigentlich Pflicht und wer kein Navigationssystem sein eigen nennt, kann ja einen freundlichen Westfalen nach dem Weg fragen. Bleibt noch die Frage, warum es Ostwestfalen und nicht Ostfalen heißt, es müsste ja dann auch Westwestfalen heißen.


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