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Die Box




18. November 2008
 

It's a Woman's World

  Holly Golightly: Dirt Don't Hurt
Holly Golightly:
Dirt Don't Hurt

Damaged Goods/Cargo
» hollygolightly.com
» myspace


Holly Golightly: Dirt Don't Hurt

Holly Golightly wäre wahrscheinlich nicht amused, wenn sie wüßte, daß sie in unserer „Frauen-Rubrik“ gelandet ist: schließlich spielt sie seit der Auflösung ihrer All-Girl-Band Thee Headcoatees fast ausschließlich mit männlichen Musikern und „Dirt Don't Hurt“ ist bereits ihr zweites Album mit Lawyer Dave als Holly Golightly & The Brokeoffs. Doch schon nach wenigen Sekunden rumpligen Garagen-Folk-Blues des Openers „Bottom Below“ ist klar, wer den Ton angibt: niemand anderes als Miss Holly Golightly, die tongue-in-cheek und mit allen Wassern gewaschen aus ihrer Gitarre den erdigsten Blues holt und dabei so unnachahmlich spöttisch und sarkastisch lächeln kann – wie zum Beispiel während eines Konzerts in Wiesbaden, als sie einen Blödmann auf die Bühne holte, der „ausziehen, ausziehen!“ gebrüllt hatte und sich zur Strafe während eines kompletten Songs neben sie stellen mußte, damit sie ihn zur Freude des Publikums demütigen konnte. Der Song hieß - glaube ich - „You Have Yet to Win“... Auf „Dirt Don't Hurt“ erfinden Holly und Dave weder sich noch den Blues neu, aber die vierzehn neuen Songs sind ein großes, liebevoll-altmodisches Vergnügen und klingen, als sollten sie das Sequel von „O Brother Where Art Thou“ musikalisch untermalen. Das Banjo-lastige „Boat's Up the River“ und der überdrehte Blues'n'Roll-Stomper „Gettin' High for Jesus“ sind die lustigsten Stücke des Albums, nachdenklich und traurig wird Holly bei Balladen wie „Indeed You Do“ und „For All This“, Lawyer Dave hat bei „Cora“ einen raubeinigen Gesangs- und Slideguitar-Soloauftritt. Höhepunkte sind wie immer die Duette: wenn Holly und Dave „Honey, when I call your name, you better run – my 45“ schmettern, erweisen sie sich als würdige und eigentlich einzige Nachfolger von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood.


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  Miss Li
Miss Li
Devil Duck Records
» myspace
» devilduckrecords.de


Miss Li

Diese Frau hat Spaß! Und sie läßt die Welt daran teilhaben: Linda Carlsson aus Stockholm ist so gut drauf, dass sie es schafft, in einem einzigen Jahr drei Platten zu veröffentlichen, ohne Anzeichen von Abnutzung oder Erschöpfung. Und mit Erfolg: Ihre knalligen Songs landeten auf den Scores zu US-Serien wie „Grey's Anatomy“, „24“ und „Lost“ - kein Wunder, dass Miss Li gute Laune hat! Was zu ihrem Glück noch fehlte, war ein Klavier: kurzentschlossen besorgte sie sich eins und obwohl sie laut eigener Aussage keinerlei Erfahrungen mit diesem Instrument hatte, klimpert und poltert sie sich beherzt durch ihre vierzehn neuen Songs, die bis auf zweieinhalb balladeske Ausnahmen so klingen, als hätten sich alle Kinder Lönnebergas auf dem Rummelplatz versammelt, um zu Miss Lis bonbonbunten Liedern herumzutoben. Miss Li hat ein sagenhaftes Talent fürs Kasperl-Theatralische, Überdrehte: manchmal wird es Emily-the-Strange-mäßig spooky („Kings & Queens“), in ihrem schlicht „Miss Li“ betitelten Manifest-Lied schmettert sie selbstbewußt, „I have a mind full of shit, but I don't care about it, 'cause I am Miss Li...“, in einem anderen Song bringt sie vor lauter Enthusiasmus nur noch „oh-oh, la la la, ba ba ba....“ hervor – so dass es recht überraschend wirkt, wenn sie in „Leave My Man Alone“ einer „bitch“ bei einer „bottle of chardonnay“ ganz erwachsen erklärt, dass sie nicht bereit ist, ihren Freund mit irgendwem zu teilen. Miss Li hat mit dieser Platte bestimmt kein Werk für die Ewigkeit geschaffen – aber eine fröhlich rumpelnde Wundertüte mit lauter bunten Pillen gegen drohende Novemberdepressionen.


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  Miss Kenichi: Fox
Miss Kenichi: Fox
Strange Ways
» miss-kenichi.de
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Miss Kenichi: Fox

Noch eine Miss: Die Berliner Schauspielerin, Malerin und Songwriterin Kathrin Hahner nennt sich Miss Kenichi und ist eine Meisterin der Variation mit reduzierten Mitteln: ihr zweites Album „Fox“ kommt fast ohne Schlagzeug aus, Gitarre, Bass und pointierte Klavier- und Violineinsätze genügen vollkommen, um Miss Kenichis Folk- und Country-beeinflusste Kompositionen zum Leuchten zu bringen. Kam ihr Debütalbum „Collision Time“ noch recht spröde und fragil daher, ist „Fox“ das selbstbewußte Werk einer Allroundkünstlerin, die souverän mit verschiedenen Stilen experimentiert: „Death Cab“ beginnt mit einem pulsierenden Indie-Gitarrenriff und entwickelt einen schier hypnotischen Sog. „Limbo“ und „Mad Dog“ bestehen aus kaum mehr als minimalistischem Gitarren-Fingerpicking und Miss Kenichis faszinierend klarer Stimme. Ein wehmütig plinkerndes Klavier bildet das Herzstück von „The Chasing“ und die Entstehung eines Songs wie „Mountain High“ mit der Americana-inspirierten Gitarre vermutet man eher in der Einsamkeit der Rocky Mountains als in der Metropole Berlin. Tiere spielen in Miss Kenichis Texten eine wichtige Rolle: neben dem titelgebenden Fuchs begegnet man Hunden, Echsen und gefährlichen „beasts“, die die skurrilen Geschichten bevölkern. Ein Schmankerl (ohne Tiere) verbirgt sich im Hidden Track: die australische Indie-Legende Hugo Race veredelt „Will You Wake Up Before You Hit the Ground“. Miss Kenichis Musik gäbe den perfekten Soundtrack eines Wim Wenders-Films ab: karg in der Ausstattung, aber weit sich öffnend in ein grenzenloses Panorama.


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  Dinky: May Be Later
Dinky: May Be Later
Vakant/Rough Trade
» vakant.net


Dinky: May Be Later

Gibt es „weiblichen“ Techno? Kann man Musik ohne Gesang überhaupt das Geschlecht des/der Urheber/in anhören? In den meisten Fällen wohl nicht. „May Be Later“, das neue Album der in Chile geborenen und heute in Berlin lebenden Alejandra Iglesias alias Dinky, legt hingegen doch den Schluß nahe, dass es einen genuin weiblichen Zugang zu Club- und Dancemusic gibt: Dinky, die sich bis vor kurzem noch Miss Dinky nannte und mit Technolegende Ricardo Villalobos zusammenarbeitete, ist zwar wie viele Techno-DJs und -Producer dem geraden Beat verpflichtet, schöpft aus den Traditionen des Chicago-House und Detroit-Techno. Aber Dinky leistet sich den Luxus, Pausen und Verzögerungen in ihre Tracks einzubauen, Leerstellen, die sie mit fantasievollen Details füllt: hier zarte Pianosprengsel, dort orientalische Elemente, dann wieder kaum identifizierbare Samba- und Salsarhythmen oder Samples von mehr als fünfzig Jahre alten Bluesplatten. Der Groove ist oft nicht mehr als ein Fingerschnipsen, steigert sich aus einfachen Handclaps zu dynamischen Dancefloor-Beats; Gitarren- und Mundharmonika-Samples fügen sich harmonisch ins elektronische Gerüst. Eindrucksvoll ist vor allem Dinkys Umgang mit der menschlichen Stimme: bis zur Unkenntlichkeit verfremdet sie die Einsätze von Gastvokalisten wie Big Bully, ihrem langjährigen Mitstreiter Jorge González und sich selbst, unterlegt die Stimmen mit viel Hall und Echo. Dinkys Clubvision ist warm, organisch und ungemein tanzbar – und viel eleganter als so manche testosteronstrotzende Technoproduktion.


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  Manda Rin: My DNA
Manda Rin: My DNA
DIY
» myspace


Manda Rin: My DNA

Wir schreiben das Jahr 1996: die schottische Band Bis tritt als erster Act ohne Plattenvertrag in der TV-Show „Top of the Pops“ auf. Die drei gerade der Schulbank entwachsenen Teenies tragen fantasievolle Superstarnamen: John Disco und Sci-fi Steven nennen sich die beiden Jungs, die Sängerin heißt Manda Rin. Ihr bürgerlicher Name lautet Amanda MacKinnon, aber der würde besser zu einer ernst dreinblickenden Folksängerin passen als zu Bis' charmantem Disco-Elektropop. Mit Songs wie „Kandy Pop“ wurden Bis in Europa kleine Indie-Stars, in Japan wurden Bis richtig big: mehr als 100.000 Platten verkauften sie dort, füllten große Hallen und Arenen. 2003 lösten sich Bis auf, die Bandmitglieder machten mit anderen Projekten weiter (Manda Rin z.B. mit Data Panik). Auf ihrem lang erwarteten Soloalbum „My DNA“ führt Manda Rin die Bis-Linie weiter, allerdings noch konsequenter discoid, mit deepen Bässen und munter fiependen Synthies á la Erasure. Die Beats zwingen, nein, schubsen freundlich aufs Parkett, hier und da mischen sich elektronische Gitarren ins Dancefloor-Getümmel und erinnern an die goldenen Zeiten britischen Indiepops Mitte der Achtziger, führen aber auch direkt zu aktuellen Bands wie CSS und New Young Pony Club. Was Manda Rins Konzept so unwiderstehlich macht, ist der komplette Verzicht auf überzogene „Sexyness“, was dieser Tage ja zur Grundausstattung aller Disco-Sängerinnen gehört. Manda Rin ist nicht glammy, sondern eine etwas ungelenke, an den Fingernägeln knabbernde Dancing Queen, eine Alternative-Kylie: „I make the same mistakes, I work hard every day, it's in my DNA“ singt sie und endlich fühlt man sich von einem Disco-Album mal wieder so richtig angesprochen.


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  Apparat Hase
Apparat Hase
Trikont
» apparathase.com
» myspace

Apparat Hase live:



Apparat Hase

„Pussy, Mutter der Society“ - so bringen Bea Dorsch und Sarah Bogner alias Apparat Hase die Dinge auf den Punkt. Apparat Hase entstanden aus den Trümmern der Münchner Indie-Band Hellfire, die vor einigen Jahren mit „Kuscheln“ einen kleinen Clubhit landeten. Zu zweit machen die Häsinnen minimalistischen (in „Flexionsklasse“ machen sie sich über -ismen aller Art lustig, also obacht!) Synthie-Elektro-Disco-Pop, es fiept, bratzt und blubbert, man kann dazu tanzen oder sich betrinken und mitsingen; live lassen sie sich von Robert Merdzo (Gitarre) und Thomas Wühr (Schlagzeug) unterstützen. Dorsch und Bogner verweigern die Erklärung ihrer Musik und Texte, weil das für sie dem Eingeständnis gleichkäme, dass bei ihrer Arbeit etwas schiefgelaufen ist – aber sie müssen eh' nix erklären, Apparat Hase funktionieren von ganz allein. Songtexte wie „Meine Scheiße“ (bei diesem Stück ist auch Beas Katze zu hören), „Vielleicht & Schlecht“ oder das bereits erwähnte „Flexionsklasse“ sprechen für sich. Ohne die Gender-Fahne explizit vor sich her zu tragen, machen Apparat Hase supergroovy Fem-Pop und klingen wie die Fortführung der Raincoats mit elektronischen Mitteln – ihr vordergründiger Dilettantismus ist volle Absicht und lädt zum Mitmachen ein, denn „wir haben diese Platte für alle gemacht, zum Hören und zum Tanzen“. Und dann singen auch die Jungs mit: „Pussy, Mutter der Society“!


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  The Beangrowers: Not In A Million Lovers
The Beangrowers:
Not In A Million Lovers

Psychocandy Records / Schoenwetter
» beangrowers.net
» myspace

The Beangrowers live:


The Beangrowers: Not In A Million Lovers

Die kleine Insel Malta ist nicht unbedingt dafür berühmt, eine nennenswerte Musikszene hervorgebracht zu haben. Lediglich beim „European Song Contest“ treten regelmäßig exaltierte maltesische Sängerinnen an, die zwar meist über beeindruckende Stimmen verfügen, aber nur selten größere Popularität erlangen. Auch die Band mit dem schönen Namen „Die Bohnenzüchter“ resp. The Beangrowers aus Maltas Urlaubs- und Discohotspot St. Julians ist bis jetzt nur wenigen ein Begriff, mit ihrem neuen und endlich auch auf dem deutschen Markt erhältlichen Album „Not In A Million Lovers“ könnte sich das ändern: The Beangrowers sind ein Trio (Ian Schranz/Schlagzeug, Mark Sansone/Bass, Alison Galea/Gesang, Gitarre, Keyboards) und bestehen bereits seit 1999, in jenem Jahr veröffentlichten die damals erst 19-jährigen mehrere Singles und das Album „48K“. Verwandtschaftliche Beziehungen des Drummers führten zu mehreren Deutschland-Tourneen und die Beangrowers erspielten sich hierzulande eine kleine eingeschworene Fangemeinde. „Not In A Million Lovers“ präsentiert die Band in Bestform, dreizehn an Wave und Elektropop geschulte Songperlen legen Vergleiche mit den Long Blondes nahe, Alisons Stimme klingt mal abgeklärt, mal verletzlich-romantisch, aber immer cool und prägnant. Tracks wie „Untitled Forever“ legen Spuren zu Siouxsie & The Banshees und The Cure: Gitarre und Baß spielen stoisch-gerade Linien, die in knackige Wave-Disco-Beats übergehen, sanfte Balladen wie „Captain Darling“ runden ein charmantes Album ab, das mindestens „A Million Listeners“ verdient.


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  Jen: Mellow Dramas
Jen: Mellow Dramas
Stereo Deluxe/edel


Jen: Mellow Dramas

„Poetry Meets Electronica“ steht auf dem Cover von „Mellow Dramas“, Debütalbum der amerikanischen Spoken Word-Künstlerin Jennifer Schwed alias Jen. Das klingt ambitioniert und hätte anstrengend werden können, doch Jen hat bisher alles richtig gemacht: sie trug in den Clubs ihrer Heimatstadt Washington DC ihre gefühlvolle Lyrik zu sanften Ambientklängen vor und machte sich schnell einen Namen als Spoken Word-Poetin vom Range einer Ursula Rucker, nur dass sich Jens Texte mehr mit zwischenmenschlichen Dingen befassen als Ruckers Political-Awareness-Poetry. Als Jen eine europäische Elektro-Compilation in die Finger bekam und sich in einen Track ganz besonders verliebte, nahm sie kurzerhand mit dem Komponisten Kontakt auf: dem Kölner Produzenten und DJ George Solar. Dieser fand Jens Idee zur Zusammenarbeit sehr verlockend, sprach befreundete Producer und DJs an und bat sie, passende Tracks für Jens Lyrics zu basteln. Acts wie Gelka, Solar Moon, Egotrip, Razoof, Kieser.Velten und Crisp zögerten nicht lange und entwarfen elegant fließende, wohltemperiert-rhythmische, eben „mellow“ Elektro-Gewänder, die perfekt zu Jens sanfter Stimme passen. Bei „Temptation & Seduction“ (Musik von Can7) fließen Jazz- und Loungeelemente ineinander, leicht hingetupfte Pianoparts akzentuieren das gestrichene Piano, Jen erzählt von der zufälligen Begegnung zweier Menschen, die sich „new and fresh and hungry“ einander annähern – Jens Lyrics sind explizit, aber niemals schlüpfrig. Die elf Stücke (plus zwei Bonustracks) auf „Mellow Dramas“ schaffen eine intime Atmosphäre, die man am besten mit einem Glas Rotwein und angenehmer Gesellschaft auf dem Sofa genießt und den Rest der Welt aussperrt....


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  Essie Jain: The Inbetween
Essie Jain:
The Inbetween

Leaf/Indigo
» myspace


Essie Jain: The Inbetween

Essie Jain ist rastlos: nur wenige Monate nach ihrem Debütalbum „We Made This Ourselves“ veröffentlicht die in New York lebende Londoner Pianistin und Songwriterin „The Inbetween“, erneut eine ganz und gar erstaunliche Platte. Während „We Made This Ourselves“ beinah schmerzhaft introvertiert und brüchig scheint, Momente größter Einsamkeit und Selbstzweifel beinhaltet, klingt „The Inbetween“ lebendiger, voluminöser, selbstbewußter. Wie auch schon beim ersten Album wird Essie hauptsächlich von Gitarrist Patrick Glynn begleitet, für „The Inbetween“ kamen jedoch einige Gastmusiker hinzu, die dem ansonsten spartanischen Folk-Sound mit Klarinette, Cello, Bass, Schlagzeug und Trompete atmosphärische Glanzlichter aufsetzen.

Elegische und melancholische Balladen wie „Stop“, „Do it“, „Eavesdrop“ und „Goodbye“ kontrastieren mit dynamischen Tracks wie „The Rights“, wenn Essies energiegeladenes Klavierspiel ihre dramatisch-theatralische Ader offenbart. Bei „Here We Go“ entwickelt sich aus dem Zusammenspiel von Piano und Schlagzeug ein treibender, hypnotischer Rhythmus, das sanfte Liebeslied „You“ strahlt mit seinem klassisch anmutendem Cello von innen und wärmt an kalten Wintertagen. Wir haben noch gar nichts über Essie Jains Stimme gesagt: diese ist mit einem Wort himmlisch, engelsgleich klar und hell, dabei intensiv und voller Tiefgang. „The Inbetween“ wird Fans von „We Made This Ourselves“ verstören und ist doch viel mehr als nur ein Zwischenschritt für Essie Jain, in der so viele Ideen stecken, dass das nächste Album gewiß nicht lange auf sich warten lassen wird.


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  Barbara Morgenstern: bm
Barbara Morgenstern: bm
Monika
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Barbara Morgenstern: bm

„Dieser Anblick stirbt / ich schau' einfach hin / ist Umbruch denn / an sich nicht gut?“ Mit diesen richtungsweisenden Worten beginnt Barbara Morgensterns neues Album „bm“: Morgenstern, eine der populärsten Künstlerinnen des Labels Monika und Vertreterin der sogenannten „Wohnzimmer“-Szene Berlins, erweitert ihr Betätigungsfeld. Galt sie bislang als Ikone eines irgendwie verfrickelten, sehr berlinerischen und Goethe-Institut-geförderten Elektropops, schlägt sie auf „bm“ chansonhafte, zum Teil klassische Töne an. Ihr früheres Lieblingsinstrument, die Vermona-Orgel, hat sie gegen ein großes Bechstein-Piano eingetauscht, auf dem sie ihre unter-die-Haut-gehenden Lyrics untermalt, häufig zu Violin-Arrangements, seltener zu knarzigen Elektrosamples, der Beat spielt nur selten eine Rolle, und wenn, wird er in antirhythmische Splitter zerhackt („My Velocity“). Man hört förmlich, mit welcher Verve und körperlicher Kraftanstrengung sich Morgenstern das Piano aneignet, ihre Stimme bleibt dabei stets klar, hell und freundlich, kommt den Zuhörern ganz nah. Die Stadt an sich und Berlin im Speziellen ist ein zentrales Thema auf „bm“: explizite Texte über fragwürdige Gentrifizierungstendenzen („Come to Berlin“, „Reich & Berühmt“) stehen im Kontrast zum schwärmerisch-entrückten Traum von einer fremden, vielleicht besseren Welt („Jakarta“). Krankheit, Leben und Tod sind die anderen großen Fragen, die Morgenstern umtreiben: gemeinsam mit ihrem persönlichen Helden Robert Wyatt, dem an den Rollstuhl gefesselten Soft Machine-Gründer, entstand die fragile Ballade „Camouflage“, in „Morbus Basedow“ arbeitet sie sich an der Krankheit ab, an der sie selbst leidet. „bm“ ist ein sehr persönliches Album, intim bis an die Grenze des Ertragbaren; andererseits kosmopolitisch, offen, polyglott. Jedenfalls kein „Wohnzimmer-Pop“ mehr.


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