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Die Box




24. November 2008
Robert Mießner
für satt.org

Planet Lunch

Lydia Lunch und Jochen Arbeit gaben ein phänomenales
Konzert in Berlin. Wer da war, braucht keinen Doktor mehr.

Lydia Lunch ist ein Jahr jünger als Madonna. Sie sieht auch besser aus. Man könnte sich mit ihr über Emile Cioran, den rumänischen Philosophen des galligen Gelächters, unterhalten und dabei Cognac trinken. Cioran und Cognac, eine explosive Mischung. Aber fangen wir mit dem Publikum an, das sich vorigen Montag im Kreuzberger Lido eingefunden hat. Schwule und bisexuelle Punks treffen auf anarchistische Angelsachsen und -sächsinnen. Nicht wenige Lunch-Fans tragen Brillen, nicht alle tragen Schwarz. Uniformhosen gehen genauso durch wie ein flammend rotes Kleid. Eine Zwanzigjährige sieht original aus wie Lydia Lunch zu Teenage-Jesus-Zeiten. Einer anderen hängt ein Stoffbeutel mit der Aufschrift »What would Morrissey say?« über der Schulter. Ein euphorischer Enthusiast trägt ein T-Shirt mit dem Cover von »Death Valley '69« (1985), Lunchs furchteinflößend-großer Single mit Sonic Youth. Dann ist da einer, der Captain Beefheart sein könnte und sich als Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten) entpuppt. Die Musik aus der Konserve ist Discofunk, wir haben genau hingehört. Auf der Bühne warten elektronische Tasteninstrumente und ein im Stehen zu spielendes Schlagzeug. Beides gehört zum Supportact Noblesse Oblige, einem Elektro-Punk-Duo aus Berlin und London. Als Einflüsse nennen sie Klaus Kinski, Klaus Nomi und Santa Klaus. Sängerin Valerie Renay trägt einen wilden Afro und zu Netzstrumpfhose und Stöckelschuhen, in denen sie halsbrecherisch auf der Bühne turnt, nicht wesentlich mehr. Ihr Kompagnon Sebastian Lee Philipp gemahnt an einen Wanderprediger, der eine Schar von Abtrünnigen führt. Noblesse Oblige sind furios, gerne würde man sie sich einmal einen ganzen Abend lang anhören. Die schönen Nachtgestalten im Publikum beginnen, lebhaft zu zucken. In der Umbaupause findet zwischen Konzertsaal und Raucherlounge, in der sich sinnigerweise die Garderobe befindet, ein reger Grenzverkehr statt. Freilich nicht zu lange, denn bald kündigt sich Erstaunliches in dem ehemaligen Kino an.

Photo: Marc Viaplana
Photo: Marc Viaplana

Als »Lydia Lunch & Band« war das Konzert beworben und Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten) als zweiter Support genannt worden. Mittlerweile stehen zwei Mikrofone nebeneinander auf der Bühne, dazu ein Lesepult mit Textblättern. Kein Schlagzeug, kein Bass. Dafür ein Tisch mit einem geschätzten Dutzend an Effektgeräten, einige davon hat man noch nie gesehen und wird hinterher sagen können, die anderen bis zu diesem Abend so auch nicht gehört zu haben. Ein Lianenwirrwarr von Kabeln geht vom Tisch ab, hinter dem ein Stuhl und eine Gitarre stehen. Eine Ahnung steigt auf. Sie werden doch nicht? Sie werden. Arbeit betritt die Bühne und nimmt exakt wie ein Arbeiter Platz am Tisch. Lydia Lunch, hinreißend dunkel gewandet, folgt kurz hinterher und geht zum Pult. Lunch, schon wieder eine der Künstlerinnen, denen gerne das Etikett »kompliziert« angehängt wird, die aber ganz einfach zu verstehen ist, hat man einmal David Thomas' Satz verinnerlicht, wonach es Britney Spears sei, die innovativ ist, Lydia Lunch, sie verbeugt sich vor ihrem Publikum. Damit sind der Überraschungen nicht genug. Wer auf eine Nostalgieshow hoffte, sah sich getäuscht. Keins der No-Wave-Stahlmantelgeschosse von Teenage Jesus And The Jerks, kein zerfetzter Swing a la 8 Eyed Spy, kein Voodoo-Wave aus den Tagen von Shotgun Wedding. Stattdessen läuft angeschränkter Jazz aus dem Hangover Hotel vom Band, die Art Musik, die Lunch auf »Smoke In The Shadows« (2002) und »Ghosts Of Spain« (2007) mit Musikern von den Anubian Lights und den Spaniern Les Aus, mit Terry Edwards (Gallon Drunk) und Joseph Budenholzer (Backworld) machte. Arbeit zaubert dazu Uneasy Listening. Er schraubt an seinen Geräten, drückt hier einen Knopf, verstellt dort einen Regler. Lunch wirbelt derweil zwischen den beiden Mikrofonen hin und her, ihr Gesang wechselt von Ansprache zu Angriff. Sie wirft Blicke ins Publikum, bei denen man stumm zu Boden schaut. Oder sich umdreht, um viele offene Münder und geweitete Augen zu sehen. Arbeits Zirpen und Knirschen ist mittlerweile einem Rumoren gewichen. Es wird zu einem vielstimmigen Dröhnen, als er sich zum Ende hin mit der Gitarre auf zwei Effektpedalen stellt und mit ihnen spazieren geht. Eines der Konzerte, die eigentlich keine Zugabe brauchen. Sie wird trotzdem verlangt. Lunch kommt auf die Bühne zurück und sagt: »Wenn ihr mit dem Radau aufhört, könnten wir auch eine Zugabe spielen.« Sie wird »Gloomy Sunday«, das Lied vom traurigen Sonntag, von Lunch in »Gloomy Monday« geändert. Klingt sogar annähernd wie auf »Queen Of Siam« (1980). Annähernd. Brecht/Weills »Pirate Jenny« wäre übrigens auch keine schlechte Wahl gewesen. Lydia Lunch, die von sich sagt, sie sei kein Rockstar, sondern ein Planet, signiert hinterher CDs mit persönlichen Widmungen. Die Frau, die auf der Bühne feststellte, dass man sich nicht fragen solle, ob man paranoid, sondern ob man paranoid genug sei, verteilt Lächeln.




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DJ Set Noblesse Oblige:
29. November 2008, 23.00 Uhr, Barbie Deinhoff's, Berlin-Kreuzberg

TRANSGRESSION
Transgression - allgemein und je nach Zusammenhang Sünde, Verletzung, Verstoß, Überschreitung oder Übertretung.

Vernissage: 12. Dezember 2008 ab 19.00

Die Ausstellung Transgression zeigt das visuelle Werk sieben international bekannter Künstlerinnen,
die dank Ihrer Übertretungen stets für Unruhe gesorgt haben:

Lydia Lunch
Niagara
Gudrun Gut
Françoise Cactus
Danielle de Picciotto
Breeda C.C.
Myra Davies


Alle sieben arbeiten seit Jahren neben ihrer musikalischen Tätigkeit auch in der bildenden Kunst.
Sie haben mit Crossover-Projekten neue Reibungen geschaffen und nachfolgende Generationen maßgeblich beeinflusst.
Ihre Unlust Regeln gegenüber, das stets vorhandene humorvolle Kräftemessen und intellektuelle Herausfordern sind der Nährboden für die ausgestellten Werke.

Ausstellungsdauer: 14. Dezember 2008 - 11. Januar 2009
Ort: Neurotitan, Haus Schwarzenberg,
Rosenthalerstraße 39, 10178 Berlin
Öffnungszeiten: Mo - Sa: 12.00 – 20.00; So: 14.00 - 19.00

Record Release Party: Freitag 12. Dezember 2008, 23.00

Myra Davies kommt nach Berlin.
Sie wird mit Gudrun Gut, Beate Bartel und Danielle de Picciotto mit Alexander Hacke im Eschloraque ab 23.00 mit neuen Stücken der gerade erschienenen Myra-Davies-CD »Cities + Girls« live auftreten.
Françoise Cactus wird Platten auflegen und dabei Karaoke-Lieder singen und Breeda C.C. wird eine Soundcollage vorführen und alle abwechselnd Ihre Evergreens vorstellen.

Eschloraque
Haus Schwarzenberg,
Rosenthalerstraße 39, 10178 Berlin
www.eschschloraque.de
www.moabitmusik.de
myspace.com/myradavies