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Die Box




6. Oktober 2008
Robert Mießner
für satt.org

Anne Hahn, Frank Willmann (Hrsg.): Satan, Rose Kemp: Unholy Majesty

Eine große Herbstmusik

»Unholy Majesty«: Rose Kemp bringt schwärzesten Metal und dräuenden Progrock in die bunte Jahreszeit und diesen Monat nach Deutschland.

Sie schreibt ihre Songs nicht am Computer. Papier und Stift müssen reichen, wenn sie unterwegs ist. Und beide versehen ihren Dienst um vieles besser, sagt Rose Kemp. Die Abdrücke im Papier, die Handschrift, das Durchgestrichene, die verschiedenen Schriftarten lassen Schreiben zu einer physischen Angelegenheit werden. Ist Rose Kemp, im Dezember wird die Tochter der britischen Folkrocker Maddy Prior und Rick Kemp (Steeleye Span) 24 Jahre jung, eine rückwärtsgewandte Künstlerin? Fehlanzeige, die aufregendste Musik passiert jetzt, erläutert sie bei einem späten Mittagessen am Rosenthaler Platz. Man muss sie nur finden. Kemp schwärmt vom großen Dröhnen, das in den letzten Jahren im Grenzbereich von Rock und Noise sein Unwesen treibt, dass es eine helle Freude ist. Von Drone, von Earth und Sunn O))), Metallern, die schon lange kein Problem mehr mit freigeistigen Jazzern wie Sun Ra, rabaukigen Japanern wie Merzbow und irrlichternden Krautrockern wie Ash Ra Temple haben. Von der Musik, die einfach nur noch Sound ist, sich brodelnd und flirrend im Zentralnervensystem einnistet, atem- und sprachlos zurücklässt.

Das Beste ist: Mittlerweile spielt Rose Kemp das selbst. Diesen Sommer trat sie, begleitet allein von Gitarre und Effektgeräten, im Kreuzberger Westgermany auf. Wenig nur erinnerte an ihr 2006 erschienenes Album »A Handfull Of Hurricanes«, eher wohnte man in der ehemaligen Zahnarztpraxis am Kottbusser Tor einem schamanistischen Ritual bei. Als sie »Fire In The Garden«, die B-Seite ihrer Single »Violence«, anstimmte, ging sie ins Publikum, das wie in einem unheiligen Kloster den Chorus des A-cappella-Tracks mitsingen durfte. Dutzende Stimmen wehten durch den immer noch leicht an eine Klinik erinnernden Raum, prallten von den Kacheln ab, kämpften mit dem Teppich, der das Fenster am linken Bühnenrand notdürftig verdeckte, sorgten für einen Sog, den es so schon lange nicht mehr gab. Es spielte überhaupt keine Rolle, dass sie fast ausschließlich nur neue, bis dahin unveröffentlichte Songs spielte. Und dass der nächste Tag ein Wochentag war, in Berlin auch noch Menschen leben, die vor 12.00 Uhr aufstehen, das war geschenkt.

Rose Kemp (Foto © One Little Indian)   Rose Kemp (Foto © One Little Indian)
Fotos © One Little Indian

Seit Ende September gibt es diese Songs nun auch auf einem physischen Tonträger. Wer »Unholy Majesty« das erste Mal in der Hand hält, kann nicht umhin, an die Siebziger zu denken. An die Platten, die beispielsweise bei Da Capo in der Kastanienallee stehen, bei deren psychedelischen Covern man erwartet, dass zuhause dann noch ein paar Cannabiskrümel aus der Hülle bröseln. Rose Kemp liebt das Artwork des Siebzigerjahre-Heavyrocks, als die Cover bereits einen Hinweis auf die Musik gaben. Auf »Unholy Majesty« thront eine Elster auf einem verwitterten, von Stacheldraht umwickelten Zaun, an dessen linkem Pfahl eine Krone hängt. Durch das Grün führt ein Weg hügelaufwärts vor eine Holzkirche. Ihr Turm ragt in den schwarz werdenden Himmel, einige seiner Wolken scheinen Augen zu haben, rechts von der Mitte schaut ein Gesicht, von dem man nicht weiß, ob es grimmig oder traurig ist, auf die Szenerie herunter. Ein Blutstropfen hängt am Schnabel der Elster, und blutrot sind die Sonnenstrahlen, blutrot ist der Rose-Kemp-Schriftzug in ihnen. Vom Rückcover schaut eine weise Eule aus einem Wappen mit einer Mondsichel, die horizontal auf einer Krone sitzt. Dazu Nägel, Blattwerk und eine Blüte. Im Innern dann ein Augenpaar über stürmischen Wassern, Hände mit schwarzlackierten Fingernägeln, eine Taube und eine Krähe.


Rose Kemp spielt am Donnerstag, den 09. Oktober, ein Soloset anlässlich 20 Jahre Konzertagentur Berthold Seliger: Berlin-Tempelhof, Columbiahalle, 20. 00 Uhr. Calexico und das Boban i Marko Marković Orkestar feiern mit. Am 25. Oktober tritt Rose Kemp im Bonner Rockpalast@Harmonie auf.

»Unholy Majesty« ist ein Gesamtkunstwerk. Zu Weihnachten wünscht man sich eine Vinylausgabe. Der Mann, der für die Illustrationen zuständig ist, heißt Glyn Smyth und arbeitet in Belfast für all die schönen, progressiven und verwegenen Metaller. Bevor sie überhaupt die Details des Albums mit dem Produzenten Chris Sheldon (Therapy?, Anthrax, Foo Fighters) besprach, wusste Rose Kemp, dass Smyth ihr Mann für das Cover sein würde. Sie schickte ihm Fotos ihrer Bühnengarderobe und ihres Make-ups, er schickte Zeichnungen, von denen sie völlig hingerissen war. Und verblüfft: Ebenfalls 2008 erschien »Seven For Old England«, ein Album, auf dem ihre Mutter traditionelle englische Folksongs interpretierte. Der Titel stammt aus dem alten englischen Kinderlied »Magpie Rhyme«: »One for sorrow / Two for joy / Three for a girl / Four for a boy / Five for silver / Six for gold/ Seven for a secret / Never to be told.« Ohne mit Kemps Mutter gesprochen zu haben, entwarf Smyth für das Inner Tray von »Unholy Majesty« ein Buchstaben-Enblem, in dessen Zentrum eine Sieben steht und entwickelte das Elstermotiv. Hier ist Magie im Spiel.

Erst recht, legt man dann die CD ein: »Unholy Majesty« ist eine großartige Herbstmusik. Verlangen, Wehmut, Wut, es ist alles dabei. Mit »Dirty Glow« fängt das Album an, und so soll in Zukunft bitte über das Thema aller Themen gesprochen werden: »I like to take you in the morning / When the day is fresh / When I can’t remember / Who you are / Or what you’ve done to deserve my flesh.« Für drei Tracks, »Dirty Glow«, »Nanny’s World« und »Bitter And Sweet«, spielen Kemp und ihre Band einen mit Breaks und Stimmungswechseln gesättigten, auf Doom und Drone basierenden Heavyrock. Anders kann man das nicht nennen, und sie verwendet den Begriff selbst. Dan Greensmith, der Tastenmann, sorgt für Sakrales inmitten des aberwitzigen Treibens, Sue Lord steuert erhabene Geigenklänge bei. Joe Garcia und James King sichern das Fundament mit Bass und Schlagzeug. Wie sie das tun, das hat Melvins-Klasse. Dann kommt der Bruch. »Flawless« ist eine ergreifende Pianoballade, Kemp klingt dazu wie eine zornige Kate Bush. So roh, wie »Unholy Majesty« begann, so filigran klingt das Album jetzt. Eine gute Platte packt ihre Hörer zuerst, um sie dann zu tragen, meint Kemp. »Saturday Night« und »Nature’s Hymn« sind mehr Psychedelic als Heavy. Dabei bleibt es auch für den größten Teil von »Wholeness Sounds«. Bis, ja, bis es auf »Vacancies« und »Milky White« wieder schwerstmetallisch dröhnt. Mit einem fast zehnminütigem Biest aus Gothic, Metal und Prog klingt das Album aus. Chris Sheldons Kinder hätten Angst gekriegt, als sie »The Unholy« hörten. Noch ein paar Jahre, und sie werden selber singen: »Call me young and foolish and wreckless / Because that’s what I am / I’m all of these / But which one of the three commands your envy of me / Which one did you never get to be.« Übrigens, Rose Kemp sagt, sie hätte in ihrem Leben gerade mal zwei Stunden lang Black Sabbath gehört.



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