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Die Box




23. Oktober 2008
 

  Sven Regener: Der kleine Bruder
Sven Regener: Der kleine Bruder
Eichborn Berlin 2008
Geb., 281 Seiten, € 19,95
» Eichborn

Thomas Meinecke: Jungfrau
Thomas Meinecke: Jungfrau
Suhrkamp Verlag 2008
Geb., 346 S., € 19,80
» Suhrkamp

David Sedaris: Schöner wird’s nicht
David Sedaris: Schöner wird’s nicht
Übersetzt von Georg Deggerich
Karl Blessing Verlag
Geb., 320 S., € 19,90
» Karl Blessing Verlag

Christopher Dawes: Rat Scabies und der Heilige Gral
Christopher Dawes: Rat Scabies und der Heilige Gral
Übersetzt von Jens Seeling
Seeling Verlag 2008
Br., 304 S., € 14,90
» Seeling Verlag

Almut Klotz & Reverend Christian Dabeler: Tamara und Konsorten
Almut Klotz & Reverend Christian Dabeler: Tamara und Konsorten
Ventil Verlag 2008
Br., 112 S., € 9,90
» Ventil Verlag

Andreas Ammer, Saam Schlamminger: Sehe dich Istanbul, Meine Augen geschlossen
Andreas Ammer, Saam Schlamminger: Sehe dich Istanbul, Meine Augen geschlossen
Strunz Ent./Intermedium
» Strunz Ent.
» Intermedium


Buchmesse
Frankfurt 2008

Belletristik

Schon seltsam: die PopKomm ist satt.org keine Zeile wert, die Frankfurter Buchmesse hingegen umso mehr....mit geschickt eingesetztem Tunnelblick konnte man die am letzten Sonntag zu Ende gegangene Buchmesse durchaus für eine Art Popshow halten, mit nur unwesentlich weniger Musik: vom Madonna-Leseabend mit den Grether-Schwestern über die Massenaufläufe bei Auftritten von Bushido, Charlotte Roche, Dieter Bohlen und Heinz Strunk bis zur ausgelassenen „Bookfair-A-Go-Go“-Party der Kleinverlage bot die Frankfurter Buchmesse vieles, was auch zur Berliner PopKomm gepaßt hätte. Musiker schreiben gern, der Schritt vom Songtext zum Roman ist offenbar nur ein winzig kleiner – apropos klein, ein Satz, den man immer wieder hörte, lautete: „Sven Regener hätte ich mir aber größer vorgestellt!“ Tatsächlich wirkt Regener auf seinen Pressefotos ungleich gewaltiger als in echt, allein seine Brille scheint den Größenverhältnissen der offiziellen Bilder angepaßt. Regener bloggte von der Messe für eine berühmte Zeitung und fühlte sich während der vier tollen Tage pudelwohl in Frankfurt. Kann er ja auch, denn sein neuer Roman „Der kleine Bruder“, kürzlich erschienenes Missing link der Lehmann-Trilogie läuft wie geschnitten' Brot. Der chronologisch betrachtet zweite Lehmann-Roman liest sich auf dem Fußmarsch zwischen den Messehallen locker weg und besteht zum Großteil aus Dialogen wie diesen: “'Ist das das Haus von der ArschArt-Galerie?' 'Das ist das Haus von der ArschArt-Galerie!'“ oder „'Deine Mutter hat angerufen!' 'Meine Mutter hat angerufen?' 'Sag' ich doch, deine Mutter hat angerufen““ Regeners Call-and-Response-Stil sorgt dafür, dass man die Handlung gut mitkriegt und nichts wichtiges verpaßt (spitze Zungen könnten nun behaupten, dass auch nichts wichtiges passiert); die trostlose, aber trotzdem aufgeladene Stimmung im geteilten Berlin der Frühachtziger wird äußerst plastisch, und zugezogene Provinzler wie Frank Lehmann, Wolli, Karl und Chrissy machen schließlich auch heute noch den Löwenanteil der Berliner Szenebevölkerung aus.

Stilistisch und inhaltlich mehrere Lichtjahre vom „Kleinen Bruder“ entfernt ist „Jungfrau“, Thomas Meineckes neuestes Werk. Wie gewohnt widmet sich Meinecke mit schier unglaublichem Enthusiasmus den entlegensten Interessengebieten und beim Lesen stellt sich die Frage, wieviel Speicherplatz in Meineckes Kopf noch übrig sein mag, oder ob der Autor – vergleichbar mit ALFs sieben Mägen – ohnehin mehrere Gehirne in seinem Körper verteilt hat. Ganz, ganz kurz: in „Jungfrau“ erforscht Lothar Lothar (Betonung im ersten Lothar auf der ersten Silbe, im zweiten Lothar auf der zweiten Silbe), der sich im freiwilligen Zölibat befindet, das gemeinsame Werk der Mystiker Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, einem Liebespaar, das keines sein durfte. Dann taucht die geheimnisvoll-erotische Pianistin Mary Lou Mackay auf, begeistert LL für die Jazzmusikerin Jutta Hipp und ganz wie nebenbei entspinnen sich die für Meinecke so typischen, in artifizielle Rahmenhandlungen verpackte und hochgradig faszinierenden Diskursstränge: die B-Film-Heldin Maria Montez und ihr in New York voguender Wiedergänger Mario Montez spielen darin eine ebenso wichtige Rolle wie der Filmemacher Jack Smith, Clemens Brentano, Heloise und Abaelardus, Lacan und Slavoj Zizek, Lothar Lothars schwangere Bekannte Katherine Schmeller und Cecil Taylor. Meinecke zitiert, samplet, montiert, paraphrasiert und fügt neu zusammen, entwickelt rasante Queerness- und Gender-Theorien, die auf wundersame Weise Verbindungen mit katholischem Mystizismus eingehen... zusammenfassen oder gar „nacherzählen“ kann man „Jungfrau“ nicht. Jede einzelne, wahllos aufgeschlagene Seite birgt so viel neue Information, die für ein Standardgehirn kaum faßbar ist.

Auch Almut Klotz und Reverend Christian Dabeler haben ein neues Buch geschrieben: nach ihrem gemeinsam verfaßten Roman „Aus dem Leben des Manuel Zorn“(2006) ist beim Ventil Verlag ihre Short-Story-Sammlung „Tamara und Konsorten“ erschienen. Die titelgebende Tamara berichtet aus ihrer großen Zeit als Szenefriseurin, der Junge Roberto Schmidtke entpuppt sich als vogelnesthaariger Sänger einer Band namens The Cure und der opening track Text „Fragmente einer Umschulung“ entlarvt bitterkomisch die seltsamen Mechanismen der Buchbranche. Klotz & Dabelers Geschichten changieren zwischen melancholischen Alltagsbetrachtungen, desillusionierenden Bohème-Erlebnissen und teilweise schwer verdaulichem Humor. Aber sehr schön.

Die Aufnahme von David Sedaris' neuer Storysammlung „Schöner wird’s nicht“ in diese Rubrik rechtfertigt sich allein durch die Geschichte „Aerial“, in der Kate Bushs gleichnamiges Album eine bedeutende Rolle spielt: angelockt durch das Gezwitscher auf Bushs Platte beginnen zwei kleine Vögel ein unaufhörliches Picken und Klopfen an den Fenstern des Ferienhauses von Sedaris und seinem Freund. Die Vögel lassen sich nicht vertreiben (auch nachdem Kate Bush verstummt ist) und der erklärte Musiklaie Sedaris weiß sich nicht anders zu helfen, als alle Fenster des Hauses mit Plattencovern (Vinyl natürlich) aus der Sammlung seines Partners zuzustellen. Von weitem bietet sich ein groteskes Bild: „... aus den Fenstern leuchten einem die Gesichter eines halben Dutzends Liedermacher engegen. Einige lächeln, als würden sie sich freuen, mich zu sehen, andere starren mit leerem Blick in die Ferne, als würden sie einer Musik lauschen oder lustlos darauf warten, dass irgendetwas geschieht.“ Die übrigen Storys in „Schöner wird’s nicht“ drehen sich zwar nicht um Musik, sind aber wie gewohnt makaber, überdreht, bizarr und morbid. Sedaris schont weder sich, seine Familie noch die Leser; die Ticks der dysfunktionalen Familie Sedaris liefern den Nährboden für skurrile Geschichten wie „Sechs Erwachsene, auf einen Betonfliegenpilz zustürzend“ (es geht um das Testament der Eltern) oder „Memento Mori“ (Sedaris' Freund wünscht sich zum Geburtstag ein menschliches Skelett).

Ebenfalls skurril, dabei aber very british liest sich „Rat Scabies und der Heilige Gral“, was genau genommen kein Roman, sondern die Niederschrift einer wahren Begebenheit ist: der 40-jährige Musikjournalist Christopher Dawes zieht zufällig in dieselbe Straße des Londoner Vororts Brentford, in der sein alter Punkheld Rat Scabies wohnt, ehemaliger Drummer von The Damned. Scabies und Dawes freunden sich an, Scabies infiziert Dawes mit seiner Besessenheit von der Sage um den Heiligen Gral – an dessen Existenz Scabies unbedingt glaubt und Dawes davon überzeugt, mit ihm in Frankreich auf Spurensuche zu gehen. Zu diesem Zweck erstellt Scabies einen 11-Punkte-Plan („Dinge, die zu tun sind, um den Heiligen Gral zu finden“, Punkt 4: Jemanden finden, der uns hilft, französisches Zeugs zu übersetzen/ausfindig zu machen). Die Reise findet tatsächlich statt; Dawes' Bericht ist zu obskur und durchgeknallt, um ausgedacht zu sein. Macht großen Spaß, ist historisch sehr fundiert – und ob Dawes und Scabies den Heiligen Gral finden, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Oh richtig, in diesem Jahr war die Türkei Gastland der Frankfurter Buchmesse. Orhan Pamuk, Feridun Zaimoglu und viele andere türkischstämmige AutorInnen tummelten sich tapfer und in der Gastlandhalle konnten nach Herzenslust türkische Spezialitäten geschlemmt und gelesen werden. Bereits im Sommer erschien das Hörspiel „Sehe Dich Istanbul, Meine Augen Geschlossen“, eine Gemeinschaftsarbeit des renommierten Hörspielregisseurs Andreas Ammer und dem Irano-Münchner Musiker Saam Schlamminger alias Chronomad, der, um die Multikulturalität komplett zu machen, in Istanbul geboren wurde. Ammer und Schlamminger mischten sich mit Diktaphonen bewaffnet unters Istanbuler Volk, nahmen Künstler und Passanten auf, ließen Feridun Zaimoglu eine süßspeisenlastige Liebesgeschichte erzählen und unterlegten das Ganze mit typisch türkischen und elektronischen Klängen. En passant entsteht ein Kaleidoskop der Kulturen, ganz ohne Ethnokitsch.