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Die Box




10. Oktober 2008
 

Buchmesse Frankfurt 2008
Bildbände – think big!

Bildbände sind eine Sache für sich: meist bekommt man sie geschenkt, selten kauft man einen selbst. Bilderangucken ist schön, aber auch schnell erledigt – wie oft holt man nach der ersten Begeisterung den Prachtband über französische Fayencen aus dem Regal? (Gut, das Buch mit den Tierbabys vielleicht schon öfter, aber das erzählt man ja nicht laut). Die folgenden Bände sprechen hingebungsvolle Fans, Sammler und Popkulturästheten an – und landen garantiert nicht schnell im Regal, sondern bleiben lange griffbereit auf Coffeetables und Schreibtischen liegen.

  Valerie Steele & Jennifer Park: Gothic. Dark Glamour
Valerie Steele & Jennifer Park:
Gothic. Dark Glamour

Yale UP, Geb., 192 Seiten
» yalepress.yale.edu
» www.fitnyc.edu


Gothic. Dark Glamour

Ab dem 5. September 2008 bis zum 21. Februar 09 läuft im New Yorker Fashion Institute of Technology (FIT) eine spektakuläre Ausstellung: Gothic. Dark Glamour präsentiert Entwürfe berühmter Modedesigner wie Alexander McQueen, John Galliano und Yohji Yamamoto, die vom Stil der “Grufties” respektive Goths, Schwarzkitteln, oder wie auch immer man die seit Anfang der achtziger Jahre bestehende Subkultur nennen will, beeinflußt sind. Die sogenannte “schwarze Szene” ist bei Licht betrachtet (ha!) derart heterogen, spaltet sich in so viele unterschiedliche Gruppierungen auf, dass eine Begriffserklärung immer schwerer fällt, je genauer man hinschaut. Für viele ist Gothic wegen des völligen Eskapismus und romantisierender Realitätsflucht die letzte wahre Jugendbewegung: fast alle aktuellen popkulturellen Strömungen in Mode und Musik, seien es HipHop, Techno, Nu Rave, Nu Metal oder sogar Folk, beziehen sich in irgendeiner Form auf das moderne Leben mit all' seinen Unbilden. Die Themen sind urban, die Beats meist elektronisch, die dazugehörige Mode sportlich-praktisch und strapazierfähig. Angesichts dessen erscheinen Anhänger der Gothic-Szene und die entsprechenden Bands nicht nur wie aus einem anderen Jahrhundert, sondern oft genug wie aus einer fernen Galaxie. Ob Mittelalter-Goth, Schwarzromantiker, Post-EBM'ler, Visual Kei-Fans oder Düstermetaller; die “Schwarzen” (die rein gar nichts mit Soul, R'n'B oder HipHop zu tun haben) verwandeln sich mittels aufwändiger Garderobe und Make-up zu auffälligen Fabelwesen. Dass hinter diesen Kostümierungen viel Mühe, Kreativität und Schneiderkunst stecken, wissen Designer gut; dass gothic-beeinflußte Mode auch auf internationalen Laufstegen zu finden ist, war nur eine Frage der Zeit. Gothic ist eine genuin von Fans kreierte Mode, zusammengesucht aus Flohmarkt-Fundstücken, ergänzt mit eigenen Ideen – Inspiration kann in alten Stummfilmen gefunden werden, aber auch in Science-Fiction- und Horrorstreifen. Dracula und Horace Walpole dienen ebenso als Vorbilder wie der Blade Runner und Mary Shelley. Der Gothic-Fundus ist also schier grenzenlos – ideal für die Haute Couture. Dr. Valerie Steele, Direktorin des FIT und Kuratorin der Dark Glamour-Schau und Jennifer Park, ebenfalls FIT-Mitarbeiterin, haben einen opulenten Prachtbildband zusammengestellt, der den Schwerpunkt auf Mode und Design legt, aber auch die historischen, kulturellen und literarischen Ursprünge der Gothic-Bewegung erklärt. Park hat außerdem einen umfassenden und kenntnisreichen Essay über “Gothic Rock and Fashion” beigesteuert, der – illustriert mit vielen Bandfotos und Albumcovern – die Geschichte der dunkelschwarzen Musik erzählt. Sie beginnt mit Velvet Underground, David Bowie und Lou Reed, schwenkt ins Postpunk-England der siebziger Jahre und beschreibt ausführlich den legendären Londoner Club “Batcave”, der mit Fug und Recht als Keimzelle des Gothic Rock bezeichnet werden kann. Ein rundum lesens- und sehenswertes Buch, das keineswegs nur für Schwarzkittel interessant ist.


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  Olaf Heine: Leaving the Comfort Zone. Photographs 1991 - 2008
Olaf Heine: Leaving the Comfort Zone. Photographs 1991 – 2008
Hatje Cantz
Geb., 208 S., € 39,80
» hatjecantz.de
» olafheine.com


Leaving the Comfort Zone

Fast jeder Fotograf, der Popstars ablichtet, wird mit den Worten vorgestellt, dass er oder sie es verstünde, “neue Facetten” des jeweiligen Stars zu entdecken, Künstler und Künstlerinnen in überraschenden, noch nie dagewesenen Posen und Rollen zu inszenieren. Auf die Fotos des vierzigjährigen Olaf Heine, geboren in Hannover, treffen solche Beschreibungen tatsächlich zu: Heine schont weder seine Modelle, noch sich und die Betrachter. Vergänglichkeit, Tod, Schmerz und Verzweiflung sind essenzielle Bestandteile seiner Kunst und machen Heines Schwarz-Weiß-Fotografien so ungewöhnlich. Seit den frühen neunziger Jahren arbeitet Heine vorwiegend mit PopmusikerInnen, Sportlern und Filmstars: er setzte Snoop Doggy Dog als Samurai und Farin Urlaub als Nosferatu in Szene, verklebte Stings Lippen mit Gaffatape, überredete Dirk Nowitzki dazu, sich mit Engelsflügeln fotografieren zu lassen und steckte die Fantastischen Vier in elegante Anzüge. Er knipste den schlafenden (noch sehr jungen) Campino nach einer durchfeierten Nacht am Strand, zeigt unverhohlene Bewunderung für Heike Makatsch und Franka Potente und rückt gealterten Helden wie Willie Nelson so nah, dass man jedes silbergraue Barthaar, jede Falte wie durch eine Lupe erkennt. Nicht minder eindrucksvoll sind Heines Fotografien von Unbekannten und zufälligen Szenen: das Foto des aus einem Fenster gesprungenen Selbstmörders beispielsweise hält man auf den ersten Blick für ein Filmstill, man rechnet in einem Hochglanzbildband wie diesem einfach nicht mit echtem Blut und einem ganz real zerschmetterten Schädel. Doch das Foto ist “echt”, Heine wurde unfreiwillig Zeuge eines Hinterhof-Freitodes und was tut ein Fotograf in so einer Situation – er drückt auf den Auslöser seiner Kamera. Heine des Voyeurismus zu bezichtigen, wäre allerdings grundfalsch: er ist ein zutiefst melancholischer Fotograf, der sich nicht mit dem Abbilden von glammy Oberflächen zufrieden gibt.


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  Vice Photo Book
Vice Photo Book
Powerhouse Books
Gebunden, 335 Seiten
» powerhousebooks.com
» viceland.de


Das etwas andere Coffeetable-Book!

Seit drei Jahren ist das Vice Magazine auch in Deutschland erhältlich – die allererste kanadische Ausgabe erschien bereits 1994 und ging aus der glücklosen Publikation “Voice of Montreal” hervor. Das “o” von voice wurde gestrichen, auf die Ortsangabe verzichtete man außerdem. Von Anfang an ging die Redaktion anarchisch und respektlos in Bezug auf Inhalt, Text, Gestaltung und Lesergeschmack vor, charakteristisch ist seit dem ersten Vice-Heft vor allem der unorthodoxe Umgang mit Fotomaterial. Mitbegründer Suroosh Alvi berichtet, dass man sich zu Beginn keine aufwändigen Fotoshootings geschweige denn Studioaufnahmen leisten konnte. Aus diesem Grund verwendeten die Vice-Macher bereits vorhandenes Bildmaterial aus anderen Zeitschriften, verfremdeten Fotos und klebten Collagen. Es dauerte nicht lange, bis aufstrebende Fotografen wie Terry Richardson auf Vice aufmerksam wurden und der Redaktion ihre Fotos quasi aufdrängten – was nicht nur im Falle Richardsons zu perfekten Synergieeffekten führte. Auch Cinema-of-Transgression-Filmer und -Fotograf Richard Kern arbeitete bald für Vice, der chinesisch-amerikanische Skateboard-Punkrocker Jerry Hsu, Alex Sturrock, Jaimie Warren und viele viele andere sorgen bis heute dafür, dass die mittlerweile in vierzehn Ländern erhältliche Zeitschrift ihrem Ruf als kühner, gegen den Strich gebürsteter Innovativjournalismus alle Ehre macht. Vice beschäftigt sich in erster Linie mit Sex, Drogen, Gewalt und Tod, zur Erholung gibt es manchmal Tier-Themenhefte. Fotos spielen bei alldem eine bedeutende Rolle, selbstredend findet man in Vice keine glossy Modelaufnahmen: Vice-Bilder zeigen alles, bevorzugt, wenn es weh tut, schmutzig ist, schockierend, grenzwertig, ekelerregend oder alles zusammen. Vice ruht sich aber nicht auf Schockeffekten aus, neben Richard Kerns Soft-Lesbenpornos und Bildern von “people passing out” zeigt Vice regelmäßig das häßliche Gesicht der Welt in Form von Irakkrieg-Reportagen (die die amerikanische Regierung bestimmt nicht zeigen möchte), Berichte über rumänische Straßenkinder und haltlose US-Teenager, die kein Teil des American Dream sind. Das Vice Photo Book liefert auf über 300 Seiten einen umfassenden Überblick über vierzehn Jahre Vice Magazine und präsentiert die wichtigsten Vice-Fotografen.


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kurzundknapp

Gleich drei aktuelle Neuerscheinungen widmen sich dem Plattencover – einer Kunst- oder Verpackungsform, die nach nicht verstummen wollenden Unkenrufen im Aussterben begriffen ist. Die folgenden Bücher können also einerseits als museal-historisierende Darstellung eines bald nicht mehr existierenden Mediums gesehen werden, oder aber als Mahnung, diese Kunstform nicht sang- und klanglos untergehen zu lassen. Urteilt selbst, ob eine MP3-Sammlung auf dem PC denselben Wert haben kann wie zeitgenössische Kunst in Bild und Ton ...

  Classique. Cover Art for Classical Music
Horst Scherg (Hg.): Classique. Cover Art for Classical Music
Die Gestalten Verlag
Geb., 224 Seiten, € 48,-
» gestalten.com


Classique. Cover Art for Classical Music

Knapp achthundert, genauer 777 Klassik-Cover hat Herausgeber Dr. Horst Scherg für “Classique” zusammengetragen. Schon beim ersten oberflächlichen Durchblättern muß man sich von Vorurteilen verabschieden: die Covergestaltung klassischer Alben richtet sich keineswegs nur an pensionierte Professoren, sondern unterliegt denselben Grafik-Trends wie andere musikalische Stilrichtungen auch. Vor allem während der sechziger Jahre waren Klassik- von Jazzplatten rein optisch kaum zu unterscheiden, in den Siebzigern wird es wie überall sehr bunt. Scherg sortiert die Cover aber nicht nur in zeitliche Abschnitte: er vergleicht beispielsweise osteuropäisches Artwork mit amerikanischem und britischem, zeigt psychedelische Gestaltungsexperimente, die ausgiebige Verwendung von Gemälden und märchenhaft-romantischer Motive. “Classique” ist ästhetische Fundgrube und Klassik-Nachhilfeunterricht in einem – und paßt natürlich bestens unter den bildungsbürgerlichen Weihnachtsbaum.


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  Julius Wiedemann (Hg.) / Joaquim Paulo (Interviews): Jazz Covers
Julius Wiedemann (Hg.), Joaquim Paulo (Interviews): Jazz Covers
Taschen Verlag
496 Seiten, € 29,90
» taschen.com


Jazz Covers

2,7 Kilogramm wiegt dieses Buch – das weiss die Rezensentin deshalb so genau, weil der Paketbote sie nicht zu Hause antraf und einen Abholschein mit genauen Angaben zur Sendung im Briefkasten hinterließ. 2,7 Kilogramm, verteilt auf knapp fünfhundert Seiten sind ein echter “Brocken”, doch jede einzelne Seite dieses Brockens ist ein Hochgenuß. Der portugiesische Radiomoderator Joaquim Paulo sammelt seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Jazzplatten – eine Leidenschaft, die er noch immer hegt, bis heute besucht er Plattenbörsen auf der ganzen Welt, um seine Sammlung zu vergrößern respektive zu vervollständigen (25.000 Platten besitzt er angeblich). “Jazz Covers” begnügt sich nicht mit dem Abbilden und Auflisten obskurer Aufnahmen, Joaquim Paulo und der deutsche Herausgeber Julius Wiedemann liefern zu fast jeder Platte eine kleine Anekdote, wissenswerte Details oder Interviewauszüge. So versammelt “Jazz Covers” nicht nur die künstlerisch interessantesten und wegweisendsten Plattenhüllen, sondern erzählt quasi nebenbei die Geschichte des Jazz seit 1940 bis tief in die neunziger Jahre hinein. Produkte des renommierten Blue Note-Labels sind Paulo dabei ebenso wichtig wie superrare japanische Jazzplatten, krude psychedelische Experimente und ehrwürdige Bigband-Alben.


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  Contemporary Album Cover Design
Max Dax (Hg.): Contemporary Album Cover Design
Rockbuch / Spex Book
112 Seiten, € 24,90
» rockbuch.de


Contemporary Album Cover Design

Das von Spex-Chefredakteur Max Dax herausgegebene Buch im LP-Format versteht sich als Jahrbuch: die schönsten und innovativsten Plattencover des Jahres 2006 wollte man präsentieren, ausgewählt haben neben Dax die Art Direktoren der Berliner Grafikagentur Minus. Ob der Vorsatz gelungen ist, kann man auf 112 Seiten nachprüfen – unterteilt in sechzehn thematische Komplexe wie “Natur”, “Menschen”, “Hyperrealismus” oder “Dagegen” werden Albumcover aus verschiedenen musikalischen Stilrichtungen gezeigt. Die aktuelle Verwendung des Neubauten-Logos von Grafikdesigner Johannes Beck (erscheint in der Rubrik “Vektor-Illustration”) findet ebenso wie Joanna Newsoms neoklassizistisches Covergemälde ihrer Erfolgsplatte “Ys” Platz im Buch. In der Abteilung “Retro” entdeckt man die New-New Waver The Rapture, aber auch die Electric Light Orchestra-Epigonen White Light Circus. “Contemporary Album Cover Design” bietet einen vielleicht nicht umfassenden, aber essenziellen Überblick über die grafisch-kreative Entwicklung der Kunstform Plattencover, die offensichtlich noch lange nicht tot ist.


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