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Die Box




22. September 2008
 

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September 2008, zweiter Teil:


  Eskobar: Death in Athens
Eskobar:
Death in Athens

(Cargo Records)

Eskobar live 2008: 13 Oktober: Nachtleben, Frankfurt, 14 Oktober: Chelsea, Wien, 15. Oktober: Rohstofflager, Zürich, 16. Oktober: Volkshaus, Basel, 17. Oktober: Rocking Chair, Vevey, 18. Oktober: Kofmehl, Solothurn, 20. Oktober: Ampere, München, 21. Oktober: Frannz, Berlin, 22 Oktober: Headcrash, Hamburg, 23. Oktober: MTC, Köln
» eskobar.com
» myspace


Eskobar: Death in Athens

Wer sich als Liebhaber britischer Popmusik bereits vor Jahren gewundert hat, dass V 2 Music ausgerechnet die schwedische Band Eskobar unter Vertrag nahm und das Trio mit seinen Alben „'Til we’re dead“ und „There's only now“ zu Beginn des dritten Jahrtausends als Neuentdeckung im Bereich Indiepop abgefeiert wurde, der wird sich mit dem fünften Album des Trios bestätigt sehen. „Death in Athens“ ist Kitsch³, Songs wie der Opener „As the world turns“ oder die nächste Single „Flat earth“ von Daniel Bellqvist geträllerter monotoner Pop ohne innovative Elemente. Die Singleauskopplung „Hallelujah new world” fordert mit einem hymnenhaften Refrain „come dancing thru these streets with a message of love“. Ein Jahr lang haben Daniel Bellquist, Frederik Zäl und Robert Birming mit Produzent Pontus Frisk für die zwölf Songs auf „Death in Athens“ in den Stockholmer Sidelake Studios verbracht. Musikalisch passt das Resultat in die Fernsehgärten und Schlagerparaden dieser Welt. Die Plattenfirma schreibt dazu von einer Rückkehr zu den elektronischen Elementen der Band. Gemeint sind offenbar Synthiesounds, die in den 80ern auch für Aufnahmen von A-ha und den Bee Gees genutzt wurden. Der wird dann im Oktober bei der ausgedehnten Eskobar-Tour im deutschsprachigen Raum live zu hören sein. Feuerzeuge inklusive. (Thomas Backs)


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  Elliott Sharp: Concert In Dachau
Elliott Sharp:
Concert In Dachau

(Intakt) ASIN: B001673V8Y
» elliottsharp.com
» intaktrec.ch


Elliott Sharp: Concert In Dachau

Im Mai 2007 tauchte der New Yorker Downtown-Avantgardist Elliott Sharp im ausgwählten Programm des feinen Jazzclubs im Café Teufelhart in Dachau auf. Sonst auch mit diversen Bandprojekten und als Kompomist für Ensembles arbeitend bot er dort einen Live-Remix aus Themen seiner Programme ausschließlich für elektroakustische Gitarre. Mittlerweile ist der Konzertmitschnitt "Concert In Dachau" veröffentlicht. Und findet sich gerade auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik 3/2008. Unter dem Stichwort "Grenzgänge". Sharps freie Bearbeitung von Material der Solo-CDs "Velocity Of Hue" (2003) und "Quadrature" (2005) war bei dem Konzert ein Spiel von geradezu magischer, mesmerisierender Kraft. In den Set eingetaucht wirkte Sharp wie versunken in sein Songmaterial. Das hatte phasenweise Meditatives, lotete tranceartige Tiefen aus und ging aber mit dem gleichzeitig experimentellen Element offensiv nach aussen. Offener imaginärer Raum entstehend aus hypnotischen Klangebenen aus Minimalismen, Wiederholungen, Glissandi, Arpeggien, Overtone-Drones, unruhig freien Improvisationen, sphärischen Melodien. Auch mit manch Passagen schwer zugänglicher, uneinheitlicher Stimmung. Wiederkehrend rein folkige, bluesige und jazzige Anklänge standen im Kontrast zu laptop-assistiert leicht Verfremdetem und unter fernöstlichem Einfluss stehendem. Die ursprünglichen Songtitel wurden ersetzt durch Nummerierung von 1 bis 4. Das Original war nur Ausgangspunkt für Neues mit extremem Assoziationsspielraum. Der die Holocaust-Vergangenheit Dachaus inkludiert, wie Sharp, Sohn jüdischer Eltern, in den Liner Notes zeigt. Der interpretierbar ist, wie der merkwürdige, goldtonige Raum des Coverphotos mit einem Licht, das ein böses Gleißen wie ein verheißendes Aufleuchten sein kann. Als Abschlussstimmung entschieden ein kantig geslideter, manirierter Countryblues. Sharps Blues wird von manchen futuristic Blues genannt und passt zu seiner Erforschung der Grenzen von Improvisation und Komposition und freidenkerischen Wegen. (Tina Karolina Stauner)


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  Mogwai: The Hawk is Howling
Mogwai:
The Hawk is Howling

(Wall of Sound/ Rough Trade)


Mogwai: The Hawk is Howling

„You shouldn't be reading this. It's completely redundant. There are no lyrics on this album, so all the potency, texture and variation of moods come from instruments alone...“ So beginnt der „Waschzettel“ zu Mogwais neuem Album „The Hawk is Howling“ und macht alle Erklärungs- und Beschreibungsversuche zur Musik der Glasgower Band obsolet. Mogwai reden nicht gern über ihre Musik. Sie lassen ihre Musik sprechen – wortlos und gewaltig. Ein Mogwai-Konzert sieht so aus: fünf introvertierte, beseelte Musiker auf der Bühne, hunderte Luftgitarren-schwingende Shoegazer, meist männlich, davor. Ansagen, Zwischenrufe – Fehlanzeige. Die Musik füllt Raum, Köpfe und Körper, man begreift, was PeterLicht in seinem Bachmann-Bewerb-Text mit der Formulierung „ein Geräusch von solcher Quantität“ meinte: wahrscheinlich ein Konzert von Mogwai. Stimmen, Worte, lyrics sind auch auf „The Hawk is Howling“ nicht zu hören, die Songtitel hingegen geben Rätsel auf: welche Art Song erwartet man bei einem Titel wie „I Love You, I'm Going to Blow Up Your School“? Wie könnte sich „The Sun Smells Too Loud“ anhören? Welche Bedeutung haben Titel überhaupt bei textfreier Musik? Der Opener „I'm Jim Morrison, I'm Dead“ startet verhalten, ruhig, beinah kammermusikalisch, um sich dann flächig und sphärisch auszuweiten. „Batcat“ ist kontrollierte Entfesselung, Progrock mit wuchtigem Schlagzeug, flirrenden Gitarren und schier tantrischer Steigerung am Ende. Tracks wie „Danphe and the Brain“, „Kings Meadow“ und „The Precipe“ sind verhalten-gewaltige Epen, irgendwo zwischen Ambient und Space-Metal. Relative Leichtigkeit verbreitet „The Sun Smells Too Loud“, ein beinah heiterer Groove und eine eingängige Melodie fräsen sich ins Gemüt und gehen da nicht mehr weg. „The Hawk is Howling“ ist kein Popalbum, sondern ein Werk – ab Ende Oktober auch wieder live in Deutschland zu bewundern.


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  Five O'Clock Heroes: Speak Your Language
Five O'Clock Heroes:
Speak Your Language

(Glaze)
» thefiveoclockheroes.com
» myspace


Five O'Clock Heroes: Speak Your Language

Vor gut zwei Jahren spielte sich die britisch-amerikanische Band Five O'Clock Heroes mit ihrem Album „Bend To The Breaks“ in die Herzen der Indie-Gitarrenband-Fans: Sänger Antony Ellis und seine Kollegen überzeugten mit der leidenschaftlichen Mixtur aus Britpop und Rock auf ganzer Linie. Reminiszenzen an große Helden wie The Jam und Police, und jüngere Bands wie The Strokes und die Libertines waren nicht zu überhören, den Five O'Clock Heroes gelang es dennoch ganz leicht, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Strokes-Gitarrist Albert Hammond Jr. fand das auch und nahm die Heroes mit auf seine äußerst erfolgreiche US-Tournee. Von dieser zurückgekehrt machte sich das Quartett umgehend an die Arbeit für das neue Album „Speak Your Language“, auf dem die poppige Seite der Band besonders betont wird. Die erste Single „Who“, auf der Topmodel Agyness Deyn als Gastsängerin zu hören ist, klingt smart und eingängig und wurde dafür mit dem Einzug in die britischen Charts belohnt. Songs wie „New York Chinese Laundry“ und „Don't Say Don't“ legen die punkigen Wurzeln der Band offen, „Alice“ ist ein ziemlich alberner Gassenhauer und bei „Trust“ könnte man meinen, Jonathan Richman spielte im Hintergrund Gitarre. Nicht nur musikalisch, auch textlich trauen sich die Heroes was: Neben bittersüßen Liebesliedern wie „These Girls“ findet sich mit „God and Country“ auch ein sarkastisches Stück über Kriege im Namen Gottes auf der Platte, die den Five O'Clock Heroes bestimmt noch mehr Fans vom Schlage Albert Hammond Jrs. bescheren wird.


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  Okkervil River: The Stand Ins
Okkervil River:
The Stand Ins

(jagjaguar/Cargo)

Okkervil River live:
Hamburg, Knust: 15.11.08
Berlin, Postbahnhof: 17.11.08
München, Registratur: 18.11.08

» okkervilriver.com
» myspace


Okkervil River: The Stand Ins

Meistens kommen sie im Herbst, die Platten, die emotional bis ins Mark treffen – auch wenn man vielleicht gar nicht genau sagen kann, warum. In diesem Jahr geht es der Rezensentin mit „The Stand Ins“ so, dem Sequel zu Okkervil Rivers Album „The Stage Names“, das im letzten Herbst (schon wieder Herbst) erschien. Der Begriff „Sequel“ ist irreführend und trotzdem treffend: als Okkervil River das Quasi-Konzeptalbum „The Stage Names“ aufnahmen, blieben ein knappes Dutzend Songs übrig, die sich zwar auch mit der Traumfabrik Hollywood befaßten, aber schlicht und einfach nicht mehr auf Album Nummer eins paßten. Also erscheint jetzt folgerichtig ein Jahr später das Sequel „The Stand Ins“, auf dem die Band um Will Sheff aus Austin/Texas keine Stücke zweiter Wahl präsentiert, sondern vom ersten bis zum letzten Ton begeistert; auch Cover- und Bookletdesign greifen die Gestaltung von „The Stage Names“ auf: die Songlyrics sind gesetzt wie Short Stories, illustriert mit filmstill-haften Schwarz-Weiß-Fotos. „The Stand Ins“ ist sozusagen der zweite Hauptfilm, mit ähnlichem Thema und Inhalt wie der Pilot, nur ohne den im Film-Business leider üblichen Qualitätseinbruch. Der Einstieg mit „Lost Coastlines“, „Singer Songwriter“ und „Starry Stairs“ ist genial: Melancholie und Überschwang, Trauer und Hoffnung, eingebettet in Country-Folk-Arrangements und zwingende Melodien. Danach wird mit „Blue Tulip“ die bluesig-balladeske Phase eröffnet, verzerrte Gitarren und ein träge mäanderndes Schlagzeug erzeugen eine unwirkliche Atmosphäre, die sich so anfühlt, als wäre man der allerletzte whiskytrinkende Gast im einsamen Saloon, irgendwo am Rande des Amerikanischen Traums. „Pop Lies“ zitiert (oder karikiert) typisch amerikanischen Powerrock, der Text spricht eine andere, desillusionierende Sprache: „Week by week it climbs up and comes on, and we're feeling all right, though we know it's all wrong. I'm ashamed to admit that I cannot resist what I wish were the truth but is not (...)“ Wenn „The Stand Ins“ mit der todtraurigen, elegischen Ballade „Bruce Wayne Campbell* interviewed on the roof of the Chelsea Hotel, 1979“ endet, kann man nicht anders, als wieder von vorn zu beginnen...

* Popnerds wie du und ich wissen, dass Bruce Wayne Campbell der bürgerliche Name des tragisch erfolglosen Glamrockstars Jobriath ist, der 1983 an AIDS starb.


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  Brendan Canning: Something for all of us
Brendan Canning: Something for all of us
(Arts & Crafts)
» myspace


Brendan Canning: Something for all of us

Der Gitarrist, Bart- und Hutträger Brendan Canning ist Teil der kanadischen Kreativfamilie Broken Social Scene, die peu á peu all' ihre Mitglieder zum Abenteuer Soloalbum ermuntert. Broken Social Scene hat Stars wie Amy Millan (und Stars, ha!), Leslie Feist und Emily Haines hervorgebracht; Splittergruppen wie The Most Serene Republic und Apostle of Hustle erfreuen sich weltweiter Beliebtheit. Tatsächlich wirkt Broken Social Scene wie eine vertrauenswürdige Marke, auf die man sich stets verlassen kann – wie Nivea, Tempo oder Tesa. Diese Wirkung strahlt auf alle Mitmusiker und Kooperateure von BSS ab und auch Brendan Canning enttäuscht nicht: wer BSS mag, wird auch Brendan Canning mögen. Brendans Musik ist nicht ganz so viel-viel-vielschichtig wie BSS, die Songs sind für sich genommen stringenter arrangiert; die Spiel- und Experimentierfreude zeigt sich in der stilistischen Bandbreite Cannings. Folk, Psychedelik, Rock und ja, Disco! und Elektropop (very Eighties und catchy: „Churches under the Stairs“) finden Platz auf Cannings Album, dessen Cover von einer realistisch-naiven Zeichnung mit ganz vielen Leuten drauf geziert wird. „Snowballs and Icicles“ ist ein fragiler, sanfter Folkpopsong, der auch von den frühen Simon & Garfunkel vorstellbar wäre; der Softdiscotrack „Love Is New“ hat einen enorm tiefenwirksamen Groove, komplett mit Kuhglocken und atemlosen Falsett. „Something for all of us“ wird seinem Titel also mehr als gerecht: außer Deathmetal und Südstaatencountry finden sich so ziemlich alle Popspielarten darauf versammelt und gereichen den Hörern zur Freude. Und apropos vertrauenswürdig: Song Nummer acht trägt den schönen Titel „All the Best Wooden Toys Come From Germany“ - man denkt also offenbar auch schon an BSS-Nachwuchs...


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  Mardi Gras.bb: My Private Hadron
Mardi Gras.bb:
My Private Hadron

(Hazelwood/ Indigo)
» hazelwood.de
» mardigrasbb.com
» myspace


Mardi Gras.bb: My Private Hadron

Was, bitteschön, ist ein „Hadron“? Wer wegen absoluter Naturwissenschaftslegasthenie nicht den Physik-Leistungskurs besuchen konnte, sondern das Abitur mit Kuschelfächern wie Kunst und Englisch baute, muß bei wikipedia nachschauen. Dort steht: Hadronen sind Teilchen, die der starken Wechselwirkung unterworfen sind. Da man sie heute als aus Quarks aufgebaut betrachtet, sind sie im eigentlichen Sinn keine Elementarteilchen. Die bekanntesten Hadronen sind die Nukleonen ( Neutronen und Protonen), aus denen die Atomkerne aufgebaut sind. Ach so, klar, hatte ich nur gerade vergessen. Es passt zum Frankfurter Label Hazelwood und deren berühmt-berüchtigter Hausband Mardi Gras.BB, dass man sich einen privaten Hadron gönnt; Mardi-Mastermind und „der Welt letzter großer Entertainer“ Reverend Krug, ehemaliger Bassist der legendären Krautrockband Guru Guru, wird schon wissen, was er damit machen will. Das achte Album der Mannheimer (ideell eher in New Orleans zu verortenden) Band kombiniert hochenergetischen Rock mit knarzigen Gitarren („The Hunchback“), spooky Swampblues („The Bleeder“), eingängige poppige Hits („Jet Bambini“), knackige Bläsersätze und raubeinige Balladen mit der unantastbaren Haltung eines Musikerkonglomerats, das over the top und down to the ground zugleich agiert. Mardi Gras.BB sollte man unbedingt live sehen: dann läuft nämlich das Wasser von den Wänden und der Boden beginnt zu beben. Das Album kann davon nur eine ungefähre Ahnung vermitteln.


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  Brian Wilson: That Lucky Old Sun
Brian Wilson:
That Lucky Old Sun

(Capitol/EMI)


Brian Wilson: That Lucky Old Sun

Vor dieser Platte hatte ich ein wenig Angst: wäre es nicht besser, Brian Wilson, tragisch-genialer ehemaliger Beach Boy, der Mann, der das epochale Album „Pet Sounds“ und Hits wie „California Sun“ und „Good Vibrations“ schuf, würde seinen Mythos ruhen lassen und sich einfach zur Ruhe setzen? Doch Wilson ist – trotz oder wegen aller psychischen, gesundheitlichen und privaten Dramen der letzten Jahrzehnte – ein Getriebener, der nicht ruhen kann, einer, der komponieren und Klavier spielen muss, bis ihn irgendwann die letzte große Welle heimholt. „That Lucky Old Sun“ ist nicht schlimm oder schrecklich, eher ein durchaus humorvolles, teils sarkastisches Album, dessen roter Faden Los Angeles ist. Die einzelnen Songs sind durch erzählerische, gesprochene Parts verbunden (von Wilsons altem Buddy Van Dyke Parks), die Lieder fügen sich zu einem Hörspiel oder besser einer Suite, bei der es auf die Musik nicht wirklich ankommt. Dann und wann zeigt sich Wilsons genialischer Funke, doch leuchten und eine Fackel zünden kann er nicht mehr. Wilson kombiniert und zitiert Rock'n'Roll, Latin, Country und Dixieland; Big Band-Sounds wechseln sich mit spartanischen Arrangements ab und mit „Forever She'll Be My Surfer Girl“ befindet sich eine liebevolle, augenzwinkernde Liebeserklärung an Wilsons Gattin (und natürlich eine Hommage an alte Zeiten) auf der Platte. „That Lucky Old Sun“ ist keine musikalische Sensation, die Sensation ist allein, dass Wilson lebt und Spaß an dem hat, was er tut.


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