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Die Box




11. August 2008
Uwe Staab
für satt.org

streetBEATS

Basisforschung:
Newcomeralben und OldSchool

 

Zwieback: Tu was du nicht lassen kannst
Zwieback: Tu was du
nicht lassen kannst

(Sobeho Records / Groove Attack)


AtomOne: Masterpiece - Tales from da Cans
AtomOne: Masterpiece.
Tales from da Cans

(Dr. Music / Rough Trade)


The Roots: Rising down
The Roots: Rising down
(Def Jam / Universal)


F.R.: Vorsicht Stufe!
F.R.: Vorsicht Stufe!
(Deag / Warner)


Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Seit grauer Vorzeit beschäftigen sich die dicksten Philosophen mit der Frage, wie und wann ein ästhetisches Urteil die Kraft einer Verbindlichkeit haben kann. Denn irgendwie hat man ja schon den Anspruch, dass das, was man subjektiv irgendwie gut oder schlecht, schön oder hässlich findet, von unseren Mitmenschen genauso empfunden wird. Neues, interessantes, oder das, was objektiv „gut“ sein soll, erschließt sich aus der Beziehung z.B. eines Musikstückes zu dem, was vor ihm da gewesen ist und der Art der Verwendung seiner Möglichkeiten, Wirkung zu entfalten. Werden diese Möglichkeiten interessant, neuartig, wie auch immer genutzt, entwickelt sich das Gefühl, etwas „gutes“ vor sich zu haben. Was auch immer da läuft, erkämpft seine künstlerische Berechtigung selbstständig und ruft mit jeder Sekunde des Tracks eben genau das in Erinnerung. Und gerade die im HipHop oft zelebrierte Attitüde „scheiß auf alle, ich mach mein Ding“ könnte doch eigentlich die ideale Basis für einen Non-Stop-kreativen Prozess sein. Ist es aber nicht. Es ist zu einer Parole geworden, sein „Ding zu machen“, und diese Parole bedeutet in der Umsetzung wenig mehr als den Anspruch, über Kritik eigentlich erhaben zu sein. So formiert sich nach und nach ein Dilemma, in dem man steckt, sobald man sich traut, das kritische Ohr mit den eigenen Erwartungen tatsächlich als Maßstab an aufkeimende deutsche Rap-Tonträger-Lieferanten heranzutragen. Wenn sich ein eigentlich sehr locker klingender Mittzwanziger tatsächlich „Zwieback“ nennt und auch noch auf seinem Album, um dessen Vertrieb sich immerhin GrooveAttack kümmert, sich traut, „Flows“ auf „Shows“ zu reimen, frage ich mich schon, womit ich es hier eigentlich zu tun habe (Alter, bitte!). Wie einfach wäre doch das Kritisieren von Rap-Platten, wenn es tatsächlich zum Dialog zwischen Erschaffer, Stück und Rezipienten kommen würde. Da stolpert zum Beispiel die Platte von Egogrill über meinen Weg und auch wenn ich für 8-Bit Sound-Anklänge nicht wirklich etwas übrig habe, spricht mich diese Platte direkt an. „Monster“ („Nur ein Monster hat Angst vor sich selbst“) erinnert an KinderzimmerProductions, was spontan sympathisch macht. Die Texte sind experimentell, das Gefühl für Zeilen hat Rapper Omega-Takeshi schon ziemlich gepachtet. Einfach auch mal nicht reimen, auch einfach mal Vers Vers sein lassen. Auch wenn die Texte den leichten Drang zur Systemveränderung haben, den man eher so während der Emanzipation des eigenen Ich hat, bietet Egogrill für den kritischen Gusto einfach mehr Anschauungsmaterial. Man darf sich ja schon freuen, wenn eine Platte sich so sperrt, dass sie das Urteilsvermögen auch wirklich afuweckt. Letztlich ist es ein unspektakulärer Mechanismus: bezieht die Musik Stellung, ist es viel leichter, zu ihr Stellung zu beziehen. Natürlich haben Künstler, wenn auch weniger offenkundig, das gleiche Problem mit der eigenen Meinung; schließlich liegt es ja nahe, es einfach besser zu machen, wenn andere Bodensatz auf Alben pressen. Das verhindert aber genau dieses „darauf scheissen“ was die anderen denn sagen oder machen. Als Grenze zu diesem Prozess, erweist sich immer wieder eine Gruppe von Künstlern, die lose und unpräzise als Old School zusammengefasst werden. Einer dieser Künstler hat vor kurzem sein drittes Soloalbum veröffentlicht: die zweite Stimme von Too Strong, Der Lange, veröffentlichte mit „Masterpiece - Tales from da Cans“ unter seinem Graffiti-Pseudonym AtomOne ein Album der alten Schule. Wie der Titel verrät, ist die Betrachtung (s)eines Lebens als aktiver Graffiti-Künstler Thema der Platte. Das bedeutet eine Mischung aus deepen, reflektierenden Stücken über Leben und Freundschaft sowie Tracks, die nach vorn gehen, über die vom Rap mittlerweile fast vergessene Dosenkunst. Der Sound des Langen hat sich mit Claps und soulig gesungenen Hooks ein wenig der Zeit angepasst, kommt mit viel Melodie oder stampfenden Rhythmen und Cuts daher. Zwar könnte man raptechnisch durchaus meinen, den Old-School-Ursprung durchzuhören, da man heute aber an simplere Rapstyles gewöhnt sein könnte, fällt das kaum auf. Die Verarbeitung von Graffiti im Rap erinnert an eine andere Art von Hip Hop, die es heute selten gibt. In dem er aber deutlich zeigt, dass er sich weiter entwickelt hat, stellt AtomOne mit den „Tales from da Cans“ für Liebhaber sicher einen Fels in der Brandung der Rap-Wellen dar. Auch wenn man Old-Schoolern leicht nachsagen kann, dass sie zu häufig an frühere Zeiten erinnern, bildet doch genau das ein Fundament, an dem man sich orientieren kann. Vor allem musikalisch gehen aktive alte Schüler neue Wege und probieren eigene Ideen aus, haben aber auch eine über Jahre erarbeitete Fanbase oder einen bestimmten Status. Wenn man ihnen die Old-Schooligkeit anhört, müssen die zwar notwendig „drauf scheissen“, wenn sie etwas Neues ausprobieren wollen. Gleichzeitig können sie aber darauf zählen, dass es jemanden gibt, der weiß, wer sie sind. Diesen Vorteil haben Newcomer nicht. Aber wenn man anerkennen könnte, wie alte Hasen die Musik angehen, würde man eventuell für neue Sachen eine Art Qualitätsicherung erschaffen. Mit unkritischem Umgang mit der eigenen Musik ist nämlich niemandem geholfen. Und die paar Vögel, die aufstrebenden, aber leider substanzlosen Mist unterstützen, verdienen doch eher Mitgefühl. Vote with your money, ist die Devise. Ein kritischer Umgang würde helfen. Und in Sachen Text: wenn der gerade mal 18-jährige F.R. fordert, Rap brauche doch Abitur, dann scheint es so zu sein, als würde sich Rap selbst helfen. Gut, und schön. Dann geh ich jetzt meine Roots-CD auswendig lernen. Der muss nämlich keiner mehr helfen.