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Die Box




11. August 2008
Thomas Backs
für satt.org

  The Charlatans: You cross my path
The Charlatans:
You cross my path

(Cooking Vinyl / Indigo)

The Charlatans live 2008:
20. September: Ampere, München, 22. September: Postbahnhof, Berlin, 23. September: Luxor, Köln, 25. September: Salle Des Fetes De Thonex, Genf, 26. September: Amalgame Club, Yverdon, 27. September: Kaserne, Basel.


The Best of the BBC Sessions 1999-2006
The Best of the BBC Sessions 1999-2006
(Island / Universal)

» thecharlatans.net
» myspace


2008 ist ein schönes Jahr für die Fans der britischen Scharlatane. Schließlich gibt es sie auch auf dem europäischen Kontinent: Menschen, die seit 1990 alle Alben der Rave-Legende gekauft haben. Lange Jahre, in deren Verlauf ein Third Coming der Stone Roses kaum erhofft werden durfte, die Happy Mondays Factory Records ruinierten, auseinander fielen und erst im letzten Jahr ein Comeback zustande brachten. Die Inspiral Carpets gehörten für kurze Zeit ebenfalls zu den Großen der Madchester-Tage. Bis auf wenige Reunion-Gigs ist von ihnen heute nichts mehr zu hören. Dass ausgerechnet The Charlatans - anfangs als Wellenreiter und One-Hit-Wonder („The only one I know“) belächelt - die Musiker werden sollten, die bis heute konstant Alben veröffentlichen und auch in den Zeiten des großen Britpop-Hypes einiges zu bieten hatten, das hätte in den Anfangstagen kaum jemand für möglich gehalten. Mit „You cross my path“ liefern Tim Burgess und Co. 2008 ein echtes Manchester-Album, das die alten Fans erfreut und für Neulinge ein guter Einstieg sein kann. Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln, die irgendwo in der Entstehungszeit des alten Live-Klassikers „Sproston Green“ liegen. Und eine Hommage an New Order, die sich verabschiedet haben. Gleich der Opener, die Single „Oh! Vanity“, macht klar, dass die Reise auf dem zehnten Studioalbum eine nostalgische ist. Ein Manchester-Album mit vielen Erinnerungen an den Independent-Sound der 80er und frühen 90er Jahre haben The Charlatans geschaffen, ohne in der Stadt zu sein. Schließlich lebt Tim Burgess seit vielen Jahren in Los Angeles. Keyboarder Tony Rodgers, der 1997 den verstorbenen Rob Collins ersetzte und wieder für den typischen Sound sorgt, lebt in Irland. Dort, in Hollywood und im englischen Nordwesten wurde ein Album eingespielt, das bei Songs wie „The Misbegotten“ und „Mis-takes“ so deutlich nach New Order klingt, dass sich deren Fangemeinde gerade die Köpfe heiß diskutiert, bei welchen Tracks den nun geklaut worden sei. Zu hören waren die Songs schon lange, denn „You cross my path“ wurde vorab komplett zum Gratis-Download zur Verfügung gestellt. Der neue Manager der Scharlatane ist schließlich Alan McGee. Ein Mann, der weiß, wie man Aufmerksamkeit erregt. Klar, dass MP3-Dateien nicht für alle Musikfreunde die ganze Wahrheit sind. Deshalb gibt es „You cross my path“ auch in einer schönen Deluxe-Edition. Die Bonus-CD enthält mit „A margin of sanity“ und „Acid in the tea“ zwei weitere neue Songs, fünf Live-Aufnahmen und zwei Video-Clips. Damit nicht genug: Island, eines der alten Charlatans-Labels, ist schnell auf den Zug aufgesprungen und hat gerade ebenfalls eine Doppel-CD auf den Markt geworfen. „The Best of the BBC Sessions 1999-2006“ enthält Radio-Sessions und Konzertmitschnitte aus London, Birmingham und Cardiff. Ein guter Vorgeschmack auf die anstehenden Konzerte im deutschsprachigen Raum. Da gibt es dann „Sproston Green“ nicht nur aus der Konserve.


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  Primal Scream: Beautiful Future
Primal Scream:
Beautiful Future

(B-Unique / Warner)

» primalscream.net
» myspace


"Take a drive around the city/ Tell me what do you see?/ Empty houses, burning cars, naked bodies hanging from a tree”. Lyrics, die Sänger und Songwriter Bobby Gillespie für das Titelstück des neunten Albums seiner Band geschrieben hat. Dazu gibt es einen entspannt groovenden Popsong, der den Nachfolger des eher langweiligen, stark an den Rolling Stones der 70er orientierten „Riot City Blues“ (2006), eröffnet. Melodieverliebt ist das erste Album auf dem neuen Label B-Unique geworden, das für viele Fans der seit mehr als zwanzig Jahren existierenden Band ein Schritt nach vorne sein wird. Wer auf Innovatives, wie etwa bei „Vanishing Point“ (1997) oder gar radikale Statements verpackt in elektronische Härte, wie bei „XTRMNTR“ (2000), gehofft hat, wird ein wenig enttäuscht sein. „Beautiful Future“ ist stattdessen ein schöner Mix geworden: aus vielen Elementen, die Primal Scream im Laufe der Jahre ausgemacht haben. „Vieles auf dem Album ist melodischer Pop“, sagt Bobby Gillespie im Interview, das als Videoclip zum Bonus-Material der CD gehört. Zusammengehalten werden die elf Songs tatsächlich durch Bobby Gillespies Songwriting und seine Vorliebe für Sixties- und Seventies-Melodien. „The Glory of Love“ etwa könnte beinahe ein T.Rex-Song sein, „Beautiful Summer“ erinnert stark an The Jesus and Mary Chain, bei denen Gillespie ganz zu Beginn als Drummer mitwirken durfte. Zu den Höhepunkten auf „Beautiful Future“ gehört auf jeden Fall auch „I love to hurt (you love to be hurt)“, das mit seinen treibenden Beats stark an die „Evil Heat“-Phase erinnert und sicher auch gut auf das Album aus dem Jahr 2002 gepasst hätte, bei dem die elektronische Seite der Band deutlich im Vordergrund stand. Wesentlichen Anteil daran hat Sängerin Lovefoxxx, deren brasilianische Combo CSS zu Gillespies persönlichen Favoriten gehört. Lovefoxxx steuerte Lyrics zum Song bei, im Duett mit Gillespie ergänzen sich die Stimmen ganz wunderbar - CSS haben gerade parallel ihr zweites Album veröffentlicht. Überraschendes gibt es mit „Over & Over“, einer Fleetwood Mac-Coverversion, für die sich Primal Scream den Folk-Star Linda Thompson ins Studio holten. Warum der „Necro Hex Blues“, der aus einer Jam-Session mit Josh Homme entstanden ist, und eine von Stephen Street produzierte Single-Version von „The Glory of Love“ dieses Album beenden müssen, bleibt rätselhaft. Zum Abschluss ist das schon eine Enttäuschung. Da scheint es fast, als hätten weitere Songs gefehlt. Fünf sind von Björn Yttling (Peter, Björn and John) in Schweden produziert worden. Dass das Ganze in den Stockholmer Atlantic Studios geschah, in den auch Abba aufgenommen haben, ist eine nette Randgeschichte. Auf dem poppigen Singalong „Uptown“ ist dann die Marimba zu hören, die Abba für „S.O.S“ und „Money, Money, Money“ nutzten. Gillespie singt dazu „And it's so hard to survive in this town“. Schließlich führt er seit langen Jahren einen Überlebenskampf im Dickicht der Städte. Bei der Vertonung seines Soundtracks hat neben Björn Yttling und Youth diesmal auch Produzent Paul Epworth (u.a. Bloc Party und Maximo Park) geholfen. Er hat an der ersten Single „Can't go back“ mitgewirkt. Und eben an „Beautiful Future“.