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21. Juli 2008
Maria Sonnek
für satt.org

Sigur Rós: Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust

Sigur Rós:
Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust

Wie sagten Sigur Rós vor einiger Zeit: “Wir werden unsere Musik ändern und einen neuen Weg einschlagen.” Was beim Rezensenten die Frage aufwarf, wie die Isländer klingen wollten und würden. Seit je stehen Sigur Rós für mit Orchester und Chören angereicherte, melancholisch verträumte Lieder. Daneben gilt ihre Musik als Sinnbild für Island, für Feen und Kobolde, Eis und Schnee, Dunkelheit und wunderschöne Landschaften. Wer ihren Liedern zuhörte, konnte eine Islandreise im Kopf unternehmen.

„Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“ heißt das mittlerweile fünfte Album der Isländer. Erstmals nicht nur im heimischen Reykjavik aufgenommen, sondern auch in New York und Havanna. Von kubanischen Klängen ist zwar nichts zu hören, doch die ersten Songs versprühen eine bisher nicht für möglich gehaltene Freude. Schon der Opener „Gobbeldigook“, der auch zum freien Download angeboten wird, zeigt die neue Offen- und Ungezwungenheit. Mit dem dazugehörigen, fast schon freizügigen Video definitiv ein sehr ungewohntes Zeugnis. Für Sigur Rós regelrecht enthusiastisch klingen die folgenden Songs und zeigen eine fröhliche Band. Bombast wird heruntergefahren, die Nähe zum Pop gesucht ohne klischeebeladen zu wirken. Und doch mit großen Gesten daherkommend, die zu berühren vermögen, wie das bezaubernde „Gôtan daquinn“. Wenn dies der neue Weg der Band ist, dann nur weiter so! Auf „Með Suð Í Eyrum Við...” zeigt sich die Größe der Band: Änderungen vorzunehmen, sich selbst jedoch treu zu bleiben.

Sigur Rós wären aber nicht sie selbst, würde nicht immer wieder ihre melancholische Ader durchbrechen. „Festival“ lädt ein zum Verharren, zieht die Hörer auf über neun Minuten in seinen Bann, anfangs fast nur mit Gesang, um dann in ausuferndem, für die Band typischen pompösen Abschluss zu enden. Ein großer Song, der zu Tränen rühren kann und Gänsehaut über den Körper ziehen lässt. Welch eine Befreiung! Grandios. „Met Sut I Eyrum” zeigt sich als ruhender Pol mit einem getragenen Klavier als Mittelpunkt. „Ara Bâtur”, wieder ein Song über acht Minuten, beginnt mit Gesang und Klavier. Zeigt sich verletzlich und zurückgezogen, berührend und gefühlvoll. Wird zu einem perfekten Soundtrack für melancholische Momente, untermalt von Orchester und 90-köpfigem Chor.

Dass sie es aber auch verstehen, nur mit einer quietschenden Gitarre einfühlsame Songs zu spielen, beweisen Sigur Rós mit „Illqresi“. Mit den typischen verträumten Streichern und Piano präsentiert sich „Fljôtavik“ als ein Stückchen Kammermusik. „Straumnes” bereitet auf den krönenden Abschluss vor: Erstmals singen Sigur Rós englisch, verstehen kann man es trotzdem kaum. Gehauchte Bläser, beinah ängstlich gespielt, als ob man den Hörer nicht erschrecken wolle, bilden den Rahmen des spartanisch arrangierten Songs. Dies wird durch ein zärtlich gespieltes Klavier noch untermalt. Dazu der stets präsente Falsettgesang: „All Alright”, ein würdiger letzter Song, der einen darüber staunen läßt, dass man sich in den eigenen vier Wänden befindet.

Wer Sigur Rós bei den vorangegangen Alben nichts abgewinnen konnte, wird sich auch hier bestätigt fühlen. Der Gesang ist für viele schwer erträglich, für andere wiederum Sinnbild eines gelebten Traumes. Mit „Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“ nehmen Sigur Rós bewusst eine Richtungsänderung vor und bleiben sich doch treu. Bisher das mutigste, facettenreichste Album der vier Isländer, die ihren Namen übrigens der Schwester von Sänger Jonsi verdanken: Diese wurde am Tag der Bandgründung geboren und wurde von den Eltern Sigurros genannt. „Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“, ein Album, das nicht nur für die dunklen Tage des Jahres gemacht wurde – der Titel bedeutet so viel wie "Mit einem Brummen in den Ohren spielen wir endlos weiter." Na hoffentlich!



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