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Die Box




28. Juli 2008
Christina Mohr
für satt.org

Samplerzeit!

  A Tribute to... Die Goldenen Zitronen
A Tribute to ...
Die Goldenen Zitronen

(Major Label)
» majorlabel.de


A Tribute to ... Die Goldenen Zitronen

Eine Würdigung der Goldenen Zitronen in Form eines Tribute-Albums war längst fällig, so sehr, dass man irgendwie dachte, es gäbe ein solches Album schon. Aber nein, gab es nicht, erst jetzt erscheint beim in Leipzig und Jena beheimateten Major Label „A Tribute to... Die Goldenen Zitronen“ im schicken Andy-Warhol-Velvet-Underground-Cover. Natürlich nicht mit Banane, sondern, klar, mit Zitrone. Außen gelb, im Booklet rosa. Den Goldenen Zitronen aus Hamburg gelang die Entwicklung von der „Porsche, Genscher, Hallo HSV“-krakeelenden Funpunktruppe zur explizit politischen Band bruchlos und ohne ihre Credibility einzubüßen – bei klarer Eigenpositionierung: unlängst parierte Schorsch Kamerun während eines Konzerts den Zuschauerwunsch nach „Für immer Punk“ mit den Worten „dieses Lied können wir nicht spielen.... weil wir es nicht spielen wollen.“ Ein Tribute-Album, das die Frühachtzigerphase der Zitronen ausspart, hätte allerdings verzerrenden, verfälschenden Charakter: Die Major-Label-Betreiber Andreas Ettler und Robert Stieler (Eddie und Rob) haben eine illustre Künstlerschar versammelt, die den Goldies auf unterschiedlichste Weise huldigt und sich dem aktuellen Werk genauso widmet wie der bunthaarigen Anfangszeit. Rainald Grebe macht aus der bereits erwähnten Mitgrölhymne „Für immer Punk“ eine anrührende Ballade, die Müller-Brüder Max und Wolfgang interpretieren „Doris ist in der Gang“ auf Tödliche-Doris-Art, das Ergebnis heißt „Doris: Ich war nie in der Gang“, Till Stellmacher kümmert sich um „Man kann auch ohne...“. Alle erdenklichen Stilrichtungen sind zu hören, von Elektro (Robag Wruhmes Version von „Wenn ich ein Turnschuh wär“) über Speedmetal und Punkrock (Guts Pie Earshot); Bernadette La Hengst als einzige weibliche Interpretin verleiht „Widersprüche“ die feministische Note, die den Zitronen hervorragend steht. Ein Must-Have für Fans – erst recht für die, die immer nur „Mein Skinhead-Mädchen“ hören wollen.


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  MELT! IVMELT! IV
(Unter Schafen Records)
» meltfestival.de


MELT! IV

Wer es - wie die Rezensentin – auch in diesem Jahr nicht nach Gräfenhainichen zum Melt!-Festival geschafft hat und schon wieder nicht in der legendären Post-DDR-Industrielandschaft „Ferropolis“ unter dem Riesenbagger getanzt hat, kann sich mittels der vierten Melt!-Compilation ein wenig Open-Air-Feeling nach Hause holen. Das Line-up des Samplers ist stilistisch abwechslungsreich und dramaturgisch geschickt sortiert (Opening Act: Get Well Soon, Ins-Zelt-Schubser: Lützenkirchen mit „3 Tage wach“), Newcomer wie The Teenagers, Does It Offend You, Yeah?, Blood Red Shoes und Kate Nash wechseln sich mit älteren Hasen wie Franz Ferdinand, Zoot Woman, Leslie Feist und den Editors ab. Neben Dancefloorfillern wie „Blind“ von Hercules And Love Affair und Hot Chips „Ready For the Floor“ darf mit dEUS und „The Architect“ und Blackmail auch kräftig gerockt werden. Die Kompilatoren haben interessante Remixe wie die Justice-Bearbeitung von Franz Ferdinands „The Fallen“ oder Feists „My Moon My Man“ im Boys Noize-Mix zu den Album- oder Singleversionen gepackt, so dass „MELT! IV“ mehr ist als eine reine Hitsammlung. Die achtzehn Tracks versüßen die Sommerferien und na, vielleicht sollte man im nächsten Jahr doch mal in den Osten reisen...


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  Calypsoul 70
Calypsoul 70
Caribbean Soul & Calypsoul Crossover 1969 - 1979
(!K7/Strut)
» strut-records.com


Calypsoul 70

Das britische Label Strut ist unschlagbar, wenn es um das Heben, Bergen und Veröffentlichen kurioser Kostbarkeiten und musikalischer Schätze geht. Kürzlich erschien beispielsweise der Sampler „Disco Italia“ mit essentiellen italienischen Dance-Tracks, auf der aktuellen Compilation „Calypsoul 70“ widmet sich Strut weitgehend unbekannten karibischen Musikern und Bands, die während der siebziger Jahre Soul und Disco mit traditionellen Latin-, Calypso- und Reggaerhythmen zu ungemein tanzbaren Stücken verquickten. Duncan Brooker, der für die Songauswahl verantwortlich zeichnet, stellte auch den Afrobeat-Sampler „Nigeria 70. Lagos Beat“ zusammen, der im Frühjahr 2008 veröffentlicht wurde. Brooker ist ein versierter Kenner afrikanischer Musik und präsentiert auf „Calypsoul 70“ unter anderem Salsa kubanischer Provenienz (Los Van Van mit „A Ver Que Sale“), fröhliche Palmweinklänge von Clarence Curvan & His Mod Sounds (mit dem titelgebenden Song „Calypsoul“) oder New York-inspirierten, smoothen Discosound von den Checkmates („Disco Groove“). Viele der vorgestellten Combos waren kurzlebige Projekte, die oft nur zu Studioaufnahmen zusammenkamen (so zum Beispiel Magic Circle Express von der Karibikinsel St. Lucia, hier vertreten mit „Magic Fever“), andere Künstler wie zum Beispiel der aus Martinique stammende Marius Cultier wurde mit seiner Mixtur aus Latingroove und Afrobeat zur Legende. Lancelot Layne aus Trinidad gilt als Pionier des sogenannten „Rapso“, einer Kombination aus Calypso, Soca und Rap – wie sich das anhört, kann man mit Laynes Song „Yo Tink It Sorf?“ nachprüfen. Die afro-karibischen Musiker wollten ihrem Publikum nicht nur eine gute Zeit bieten: explizit politische Texte gibt es bei Bands wie Biosis Now, die „Independent Bahamas“ fordern oder Duke mit „Freedom in Africa“. Zu den zwanzig ultrararen Stücken auf „Calypsoul 70“ kann man also nicht nur fantastisch tanzen (out- und indoor!), sondern auch en passant Bildungsreisen in puncto afrikanischer Musik unternehmen – und man muß dafür noch nicht mal fliegen, nur in den nächsten Plattenladen gehen.