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Die Box




26. Juli 2008
Christina Mohr
für satt.org

The No Colour Twins

The No Colour Twins

Warum immer nur über Bands und Künstler berichten, die ohnehin schon berühmt sind oder gerade in allen Medien gehypt werden? satt.org möchte an dieser Stelle The No Colour Twins vorstellen, eine Band, die in Münster und Gießen ansässig ist und seit vielen Jahren entspannten Gitarrenpop spielt. The No Colour Twins, die verwirrenderweise aus drei Leuten bestehen, begannen ihre Laufbahn in verschiedenen Vorstufen, eine davon war die Glamrockband Bates Motel, die seit den achtziger Jahren in und um Gießen herum zu lokaler Berühmtheit gelangte. Im Lauf der Jahre verschlug es die Musiker aus beruflichen und privaten Gründen unter anderem nach Münster, aber die geographische Trennung tat der Liebe zur Musik keinen Abbruch. The No Colour Twins orientieren sich an Vorbildern wie den Go-Betweens, 22-Pistepirkko oder den Weakerthans, ohne deren Stil eins-zu-eins zu kopieren. 2005 erschien das erste Album der No Colour Twins, „Nighttime in Clubland“, dessen Cover das Logo einer legendären Gießener Discothek ziert – die Band um den Sänger, Gitarristen und Komponisten Wolfgang Buchholz* verleugnet ihre regionalen Bezugspunkte nicht, ist aber weit davon entfernt, eine dieser typischen Lokalcombos zu sein, die man sich nur deswegen anhört, weil man die Stammkneipe mit ihnen teilt. Die No Colour Twins bezeichnen sich selbst als „Adult Underground Pop“, wobei erwachsen hier bedeutet: um die 40 zu sein und eine Plattensammlung zu besitzen, in der nicht das „Beste der Siebziger, Achtziger und Neunziger“ steckt, sondern echte Popperlen. Kürzlich veröffentlichten The No Colour Twins ihre neue CD „Second Time Around“, auf der sie ihrem reduzierten Gitarrenpop mittels Cello und Akkordeon kleine, feine Akzente aufsetzen. Der Sound ist dicht und ausgefeilt, die Stimme heiser und rock'n'rollig. Auch wenn gleich zwei großer Toter gedacht und gehuldigt wird („Lullaby for Rainy Days“ ist Grant McLennan gewidmet, „Shipwrecked“ ist ein Tribute an Nikki Sudden), steht die Musik der No Colour Twins mitten im Leben und ist für Liveauftritte wie geschaffen. Auf ihrer Website erzählen die No Colour Twins humorvoll und ohne Pathos von ihrem Werdegang, dem Dasein als Musiker, die im „echten Leben“ zum Beispiel als Hochschuldozent Miete und Brötchen verdienen. Außerdem gibt es ausführliche Linernotes zu den Songs des aktuellen Albums „Second Time Around“. satt.org wollte aber noch mehr wissen und stellte Wolfgang Buchholz ein paar Fragen:

satt.org: Eure Musik ist deutlich an die Go-Betweens angelehnt - wie seht Ihr Euch selbst? Eine reine "Tribute-Band" seid Ihr ja nicht. Wie bekommt man trotz aller Ähnlichkeit zum Sound der Lieblingsband ein eigenes Profil?


* ein bisschen Glam gönnen sich die drei Musiker aber doch: ihre Künstlernamen lauten Nero Bates, Great Kahuna und Hump Rocket!

Wolfgang Buchholz: Ein tolles Kompliment, aber das ist natürlich nochmal eine ganz andere Liga! Wir machen halt recht spartanisch instrumentierten Gitarrenpop. Zu dritt mit Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug hast du nicht soviel Optionen, noch dazu wenn man - wie ich - nicht der Held an der Gitarre und beim Gesang ist. Im Mittelpunkt steht der Song, er sollte eine gewisse Eingängigkeit besitzen, sich aber nicht anbiedern, sondern leicht angeschrägt sein. Mit einer guten Songidee lässt sich mit ganz einfachen Mitteln tolle Musik machen. So verstehen wir uns. Das ist unsere Musik und diese Idee verfolgten sicher auch die Go-Betweens. Die ersten beiden Lieder unseres neuen Albums haben einen Bezug zu ihnen, ansonsten haben wir denke ich ganz viele Einfüsse. Das bleibt nicht aus, wenn man sich seit Ilja Richter für Musik begeistert, ein Heidengeld für Platten ausgibt, häufig zu Konzerten rennt und irgendwann auch mal mit der Gitarre angefangen hat.

satt.org: Warum Go-Betweens? Was liebt Ihr/Du so an dieser Band?

WB: Ich bin der Go-Betweens-Fan bei uns. Ich mag die Band seit den späten 80ern aus meiner Studenten-Zeit in Gießen und den guten alten "Ball-ist-rund-Zeiten" (hr3, heute wie damals moderiert von Klaus Walter). Die neuen Platten werden aber auch von meinen Bandkollegen sehr geschätzt, das neue Robert Forster-Album „The Evangelist“ von uns allen geliebt. Die Go-Betweens-Musik ist so klar, schön, stimmungsvoll und vielfältig, wie dies - finde ich - keine Band über eine Vielzahl von Alben geschafft hat. Und live gab es die Musik und die Band, sonst nichts, absolut auf den Punkt gebracht und auf das Wesentliche konzentriert.

satt.org: Sind The No Colour Twins als Hobbyprojekt zu verstehen, oder wollt Ihr mehr damit? Wie sieht es mit Auftritten (überregional) aus? Ist es Euer Wunsch, größere Bekanntheit zu erreichen oder genügt Euch das ab-und-zu-mal-spielen?


The No Colour Twins Live:
  • Fr. 21.11.08
    Münster, Café Global
  • Sa. 22.11.08
    Sendenhorst, Liveclub Titanic

WB: Wir haben das Glück, dass wir unsere Brötchen mit Jobs verdienen, die uns Spaß machen, aber nichts mit Musik zu tun haben. Wir spielen seit 25 Jahren in verschiedenen anderen Bands, zum Beispiel unser Drummer und ich bei den Glamrockern Bates Motel. Seit 2003 gibt es jetzt The No Colour Twins, wir haben zwei Platten gemacht und spielen wenn es passt, live. Das heißt, wir sind völlig entspannt und unambitioniert, was Erfolg angeht. Wir haben sehr viel Spaß mit unserer Musik und freuen uns, wenn sie dem Publikum gefällt, sehen uns aber ganz klar eher in einer Nische.
Für Konzerte sind wir offen, es muss halt zeitlich machbar sein und keinen Stress, sondern Spaß für uns bedeuten. Wir haben kleines Equipment und können gut in kleinen Clubs oder Kneipen spielen. Bedingt durch unsere aktuellen und früheren Wohnorte spielen wir meistens in und um Münster, Koblenz und Gießen. Im Herbst wollen wir ein Bremen-Wochenende mit zwei Gigs organisieren, Berlin wäre mal toll und natürlich auch Frankfurt...

satt.org: Wie sind die Reaktionen des Publikums, bekommt Ihr Feedback nach den Konzerten oder per E-Mail?

WB: Per E-Mail weniger, nach den Konzerten natürlich schon. Das geht dann von "klingt alles irgendwie gleich" bis hin zu "wirklich tolle Songs, die ihr habt". Letztens haben wir im Vorprogramm einer Allstar-Cover-Band gespielt, da war Ali Neander (Rodgau Monotones u.v.a.) dabei. Der meinte nachher, dass er unsere Lieder sehr schön fand und mal ganz anders, als die Bands mit denen er sonst so zusammen spielt. Und dann haben wir uns supernett über Musik, unter anderem über die von seiner mittlerweile verstorbenen Schwester gegründete Band Britta unterhalten. Eine der besten deutschen Bands, wie ich finde, für die auch das oben Gesagte gilt. Mein liebstes Kompliment ist aber das folgende: "Ich finde eure Musik gut, weiss aber gar nicht, welche Stilrichtung das ist, lässt sich irgendwie nicht einordnen." Das finde ich großartig.

satt.org: Wie entstehen die Songs - im Studio, beim Livespielen, komponiert jeder allein für sich oder alle zusammen?

WB: The No Colour Twins waren ursprünglich mal ein Singer-Songwriter-Soloprojekt von mir. Ich habe dann für einen Gig etwas Begleitung gebraucht und meine alten Spezis gefragt - so ging's los. Ruck-zuck waren wir eine kleine Kapelle. Die Songs entstehen bei mir zu Hause alleine mit der Gitarre und sind im Prinzip in Bezug auf Akkordfolgen, Gesangsmelodie und Text fertig. Im Proberaum basteln wir dann zusammen an Arrangement, Tempo und Feinheiten der Lieder. Da wir nicht so häufig proben können, habe ich meistens einige Lieder in der Pipeline, die darauf warten, mit der Band gespielt zu werden. Es gibt dann bei Konzerten auch schon mal das eine oder andere der neuen Liedern in Akustik-Solo-Versionen. Und es macht einfach Spaß über irgendetwas, das du gerade originell findest, dich bewegt oder einfach mal gesagt werden musste, ein Lied zu schreiben, wie zum Beispiel über unsere beiden neuen kleinen Kätzchen Fritzi und Carlo Menzinger. Wer eine gute Idee für einen Songtitel hierzu hat, nur her damit...



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