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Die Box




23. Juni 2008
Robert Mießner
für satt.org

DISCO 3000
13

Hochspannung hören

Bass erstaunt: Doug Wimbish hat mit »CinemaSonics«
sein zweites Soloalbum veröffentlicht.

Doug Wimbish: CinemaSonics

Das Schöne am Funk ist: Er findet sich so gut wie überall, selbst dort, wo er so gar nicht erwartet wird. Gerne wäre man am 9. Mai nach Leipzig gefahren. Da trat Doug Wimbish beim legendären Wave-Gotik-Treffen auf. Ganz richtig, Wimbish ist seit 2007 Bassist bei Tarja Turunen, der einstmaligen Sängerin von Nightwish. Er bestreitet auch einen Teil ihres Vorprogramms. Genauso gerne wäre man Mitte der Achtziger in London gewesen. Da hörte Mark Stewart im Language Lab Fats Comet, die Gruppe um Wimbish, Keith Leblanc (Schlagzeug) und Skip McDonald (Gitarre / Keyboard), und sollte sich später begeistert an den Sound startender Raketen und eines Schlagzeugs erinnern, das an einen Dampfhammer gemahnte. Nun gibt es, so rar gesät sie auch ist, Gerechtigkeit auf dieser Welt. Vorige Woche konnte man Wimbish live hören. Mit Mark Stewart + Maffia ist er in der Berliner Maria am Ufer aufgetreten. Es wurde, in aller Kürze, ein lebensveränderndes Konzert. Zwischendurch zur Bar gehen wäre eine Sünde gewesen. Stewart, der große Mann aus Bristol, drehte waghalsige Pirouetten auf der Bühne, fast hatte man Angst um ihn, während Wimbish am linken Bühnenrand seinem E-Bass Töne entlockte, die so massiv und tief waren, dass sie noch lange im Raum zu vibrieren schienen. Radikaler, politischer Funk war das, völlig ohne Vergleich.

Mittlerweile ist Wimbish in Jakarta angekommen, wo er eine kurze Asientour beginnt. Dann folgen Auftritte in New Orleans und Japan. Sein Pass muss eine einzige Galerie voller Stempel sein. Dauernd auf Tour, dauernd im Studio. Mit siebzehn hatte sich Wimbish, in Connecticut mit der Musik von Miles Davis, George Clinton und Sly & The Family Stone aufgewachsen, für sein Instrument entschieden. Er besuchte Workshops von Jackie McLeans Artists Collective. Jackie McLean, der 2006 gestorbene Altsaxofonist und Mitstreiter Charles Mingus’ und Ornette Colemans, bei dem auch Johnny Dowds Pianist und Organist Michael Stark sein Handwerk lernte. Im Sommer 1979 bildete Wimbish (mit Skip McDonald und Keith Leblanc) die Rhythmusgruppe für Sugarhill Records, spielte für Grandmaster Flash & The Furious Five, Melle Mel und Angie Stone. 1984 dann eine Reise nach London, die Folgen haben sollte: Die drei trafen auf Adrian Sherwood, den Zauberer an den Reglern für On-U Sound. Wenig später waren Tackhead geboren, die schwerstens groovige Truppe, die bis heute selber nicht genau weiß, wie sie ihre Musik beschreiben soll. Ist es Body-Metal, Rock 'n' Dub, mit R 'n' B angereicherte Avantgarde? Tackhead und ihre Hörer sind klug genug, sich etwas auszusuchen oder gleich auf eine Definition zu verzichten. Seal, Annie Lennox, Madonna, die Rolling Stones, Nine Inch Nails und Miles Davis, die Aufzählung könnte uferlos werden, sie alle haben sich von Tackhead hypnotischen Rhythmus verpassen lassen. Doug Wimbish schließlich, er stieg 1992 bei Living Colour ein, der Crossover-Kapelle um Vernon Reid und Will Calhoun. Und Vater, Vater ist er auch noch.

Doug Wimbish (Foto: yellowbird / enja)   Doug Wimbish (Foto: yellowbird / enja)
Fotos © yellowbird / enja
  Doug Wimbish (Foto: yellowbird / enja)

1999 konnte Wimbish dann sein erstes Soloalbum, schlicht und treffend »Trippy Notes For Bass« genannt, veröffentlichen. Jetzt also ein zweites. Er selbst sagt über »CinemaSonics«, es solle der Soundtrack zu wichtigen Kapiteln seines Lebens sein, Stile festhalten, die ihm wichtig waren und sind. Die Königin auf dem Album, sie heißt Abwechslung. Hochspannung wird hörbar. Mit »Revolution«, der Track meint, was er sagt, fängt es an. Die ganze Tackhead-Crew ist versammelt, spielt einen betont rhythmischen Hard Rock, der die erste Hälfte der Platte dominieren wird. Bei »Trance« kommt Bernard Fowler, die schwarze Stimme der Rolling Stones, hinzu. Fowler singt auch auf »Scary Man« und Curtis Mayfields »Homeless«, einem von Jazwad (er ist genauso bei Mark Stewarts »Edit« dabei) gründlich elektrifizierten Gospel-Rock. Wenn Wimbish Rock spielt, unterbricht er ihn immer wieder mit ausgesuchten Effekten und Soundschnipseln, so auch in »Silent Footsteps / Minor "D"eparture«. Von wo er aber vorher auf »Rockin’ Shoes« die Stimme William S. Burroughs herbeigehext hat, das weiß nur er. Dann nimmt »CinemaSonics« einen sehr plötzlichen Schwenk. »Swirl«, ein Solostück, sorgt für eine kurze Ruhepause. »Broadcasting« bleibt in dem Tonfall. Bloß, dass da jetzt wieder Adrian Sherwood zugange ist. Das heißt ausgiebig Geräusch und Hall, zuzüglich "Flash" an Saxofon und Flöte. Rock gibt es nun so gut wie keinen mehr. Stattdessen »I Wanna Know«, einen kantig-sinnlichen Track mit Shara Nelson, sie sang auf Massive Attacks »Unfinished Symphathy« und ist seither Solokünstlerin, am Mikrofon. Die nächste Gastsängerin kommt aus dem Roots-Reggae. Sister Carol stimmt »Special Request« an, unterstützt von Bernie Worrell, Parliament- und Funkadelic-Keyboarder. Mit »No Release, No Surrender« und »Easy Philosophy«, zwei perkussiven Tracks, der erste davon orientalisch geprägt, klappt Doug Wimbish seinen musikalischen Reisebericht zu. Es ist ein atemberaubender Trip. Zurück fährt heute niemand mehr.



» www.dougwimbish.com
» myspace.com/dougwimbish
» www.tackhead.com
» www.onusoundrecords.com



»CinemaSonics« ist auf yellowbird-records, dem neuen Sub-Label von enja HW erschienen. yellowbird kümmert sich um Musik abseits des gewohnten enja-Programms.
Bis jetzt liegen vor:

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KIP HANRAHAN: COUP DE TETE
ARTO LINDSAY, JAMAALADEEN TACUMA, CARLA BLEY, TEO MACERO, BILL LASWELL, FRED FRITH, MIKE MANTLER, DAVE LIEBMAN, ANTON FIER, CHICO FREEMAN.
A record which will begin an epoch...
Le Monde, Paris

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KIP HANRAHAN: VERTICAL'S CURRENCY
JACK BRUCE, STEVE SWALLOW, MILTON CARDONA, DAVE MURRAY, ARTO LINDSAY, IGNACIO BERROA, PUNTILLA ORLANDO RIOS, PETER SCHERER.
That most rare of things, a genuinely new music... Wonderful. Seek and enjoy.
Richard Elms, The Face (England)

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KIP HANRAHAN: TENDERNESS
STING, DIAHNNE ABBOTT, CARMEN LUNDY, FERNANDO SAUNDERS, ROBBIE AMEEN, LEO NOCENTELLI, DON PULLEN, ALFREDO TRIFF, CHOCOLATE ARMANTEROS, CHICO FREEMAN.
If there were such a category as 'musica erotica', this would qualify. Listen to it with someone you love.
Jazz Quarterly

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KIP HANRAHAN: BEAUTIFUL SCARS
STEVE SWALLOW, MILTON CARDONA, ALFREDO TRIFF, BRANDON ROSS, XIOMARA LAUGART, LEO NOCENTELLI, ALVIN YOUNGBLOOD HART, FERNANDO SAUNDERS, ANTHONY COX, BILLY BANG, HORACIO EL NEGRO HERNANDEZ, ROBBY AMEEN a.o.
Beautiful Scars is a very, very sexy record... Even Aficionados of Hanrahan's music will be surprised at how good this music is. You ask: how can this be so fresh? Tangled. Difficult. Exquisitely beautiful!
Paul Bennun BBC

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MARC RIBOT’S CERAMIC DOG: PARTY INTELLECTUALS
MARC RIBOT, SHAHZAD ISMAILY, CHES SMITH.

Für September 2008 sind geplant:

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JUN MIYAKE: STOLEN FROM STRANGERS
ARTO LINDSAY, LISA PAPINEAU, VINICIUS CANRURIA, DHAFER YOUSSEF, ARTHUR H,
BULGARIAN SYMPHONY ORCHESTRA & VOICES OF BULGARIA CHOIR.

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SVEN AKE JOHANNSON 5 PLUS MAYO THOMPSON: COVER THE RED
MAYO THOMPSON, SVEN AKE JOHANNSON, RUDI MAHALL, AXEL DÖRNER, STEN SANDELL, MATTHIAS BAUER.


TACKHEAD wollen, 17 Jahre nach dem letzten Album, eine CD nach dem Subskriptions-Prinzip herausbringen. Das heißt, Fans können sich vor Veröffentlichung als Anteilnehmer beteiligen, erhalten 5 Kopien einer limitierten Edition plus einer exklusiven Live-CD, namentlicher Erwähnung im Booklet und einem Zertifikat.
7 Monaten später erscheint das Album im regulären Handel.
Details unter: www.tackhead.com