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Die Box




9. Juni 2008
René Hamann
für satt.org

Schüttel dein Haar für mich

Eine Zeitreise in vergangene Genres: Die Oh Sees und Black Mountain am 31.5.2008 im angenehm gefüllten Festsaal Kreuzberg

 


Es begann mit den Oh Sees. Das ist eine vierköpfige Band aus San Francisco, die guten Neotrash macht. Also Garagen-Rock'n'Roll mit schön viel Hall auf der Gitarre, einem möglichst stumpfen Schlagzeug und Doppelgesang. Fans dieses Genres werden auch die Oh Sees lieben, das wurde schnell klar, denn ihre Songs sind meistens sehr gut, und ihr Auftritt war sympathisch, dabei immer mit Attitüde. Besonders Sänger John Dwyer war zu allerlei Spökes aufgelegt. Gitarre unter dem Hals, Gitarre auf dem Boden, Mikro verschluckt, Bierflasche mit dem Mund aufgehoben, all das. Dazu gab es eine lässige Brigid Dawson als zweite Stimme, einen Bassisten, der seine Bassläufe auf einer handelsüblichen E-Gitarre spielte und einen Linkshänder-Schlagzeuger in kurzen Hosen. Ihr tollstes Stück heißt "Ghost in the Trees" und ist irgendwo frei herunterladbar. Leute, die nichts mit Garagenmüllmusik anfangen können, dürfen die Oh Sees auch weiterhin übersehen. Das ist das Problem mit Genrebands, musikalisch Relevantes passiert meistens nicht. Vor allem, wenn es sich um ein Genre handelt, das an sich schon steinalt ist.

Ein Problem, das auch Black Mountain, Hauptband dieses schwülen Samstagabends im nicht ausverkauften Festsaal Kreuzberg, hat. Black Mountain machen tief aus den frühen 70ern schöpfende Rockmusik, die man einst progressiv nannte. Schon optisch war schnell alles klar: In der Band herrscht Langhaarzwang. Gitarrist und Sänger Stephen McBean trägt einen Bart, für den manche Omi lange stricken muss. Sängerin Amber Webber trug ein ausladendes Kleid über der Jeans. In der Folge wurde das Haar ausgiebig geschwenkt oder geschüttelt, allerdings nie so wie bei blöden Hardrockbands, denn eine blöde Hardrockband sind Black Mountain aus Vancouver ja nicht. Webber blickte ausdruckslos ins Publikum und nickte im Takt. Das Tempo war gleich zu Beginn um gefühlte 100 BPM langsamer als bei den Oh Sees, und der Zeitsprung deutlicher auf eine bestimmte Periode der Musikgeschichte ausgerichtet.

Black Mountain, deren zweite Platte mit dem täuschenden Namen "In the Future" Anfang des Jahres erschien, bedienen sich bei den üblichen Vorbildern ihres Genres, schaffen es aber, nicht bloß wie eine 1:1-Kopie von irgendwas zu klingen. Es ist die Mischung, die diese Retroband von einer Revivalband unterscheidet: Sie nehmen sowohl Elemente von (ja, ächz, aufgepasst) Deep Purple wie auch von Jefferson Airplane, sie erinnern mal an X-Tal, die auch schon an irgendwas erinnerten, oder gleich an Crosby, Stills, Nash & Young.

Warum das ganz gut funktionierte, war erstaunlich, kann aber leicht begründet werden: Black Mountain bringen die Musik auf den Punkt, sie greifen sich mehrheitlich nur die guten, ziehenden Elemente aus den Vorbilderkisten heraus. Ein verdammt guter Groove, ein prächtiger Orgellauf wie in "Angels", oder ein schönes Gebretter wie in der Single "Bastards of Light". Dazu wirkte der Charme des Wechselgesangs zwischen McBean und Webber. Ausgerechnet deren ziegenhafter Gesang konnte gefallen. Lag eventuell daran, dass die sonst üblichen theatralischen Gesten dazu ausbleiben. Die Sängerin mit dem schönen Gesicht blieb ausdruckslos, allein ihr Kleid gerierte Schweißflecken.

Aber irgendwann reichte es. Die Nacht draußen lockte, die Luft im Festsaal hingegen stand wie der Orgelton in der ausufernden Zugabe. Der generationsübergreifende Aspekt der Musik wurde auch im Publikum sichtbar: 68er mit Abiturientensohn, Mittvierziger in Chucks, Frauen Mitte dreißig mit Bäuchlein und schlau aussehende Männer Ende zwanzig standen herum und schwitzten. Ausdruckstänze blieben weitgehend aus.


Black Mountain
Black Mountain (vlnr: Matt, Stephen, Josh, Amber, Jeremy; Foto: Jessica Miller)


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