Anzeige:
Die Box




31. Mai 2008
Christina Mohr
für satt.org

Popup Leipzig 2008

Interview mit der
Wiener Künstlerin Gustav

Musik als Ernstfall

Ich treffe Gustav vor ihrem Auftritt im Frühauf, einer der Leipziger Locations, in denen das Liveprogramm der Popup stattfindet. Am Freitag ist Chicks on Speed-Labelabend, neben Gustav, die diesmal nicht solo, sondern mit Band auftritt, stehen die Gebrüder Teichmann und Good Enough For You auf dem Plan.

  Gustav: Verlass' die Stadt
(chicks on speed/Indigo)Gustav: Verlass' die Stadt

Jutta von Chicks on Speed sagt, „gut, dass Ihr draußen sitzt, da kann Gustav rauchen und ist glücklich!“ Ob Gustav glücklich ist, weiß ich nicht, auf alle Fälle ist sie gut gelaunt und freundlich. Glücklich könnte sie tatsächlich sein, denn ihr neues Album „Verlass’ die Stadt“ ist eine jener erstaunlichen Überraschungen, die man gerade im Frühling gut gebrauchen kann. Fans und Feuilletons feiern sie – völlig zu recht. Seit 1997 lebt, studiert und arbeitet die in Graz geborene Eva Jantschitsch alias Gustav in Wien, seit 2002 tritt die Multiinstrumentalistin („Meine Eltern zwangen mich, Geige zu lernen – später ist man froh darüber“) als Musikerin auf. Ihre ersten Aufnahmen entstanden mit minimalen Mitteln zu Hause, vom Sampling bis zum Coverartwork macht Gustav alles allein. Nebenbei übernimmt sie kompositorische Auftragsarbeiten wie zum Beispiel für die Wiener Festwochen und macht Theatermusik. Ihr Debütalbum „Rettet die Wale“ (2005/mosz) erschloss ihr ein Publikum über Österreichs Grenzen hinaus, die Mischung aus Elektronik, Chanson und poetisch verklausulierten Protestsongs mit englischen, deutschen und französischen Texten verstörte und verzauberte gleichermaßen. Gustavs Protest ist bitterzart, Frau Jantschitsch macht keinen Krawall, sondern singt mit glockenklarer Stimme von Revolution und Widerstand, seziert Castingshows („Neulich im Kanal“) und thematisiert die globalisierte Ausbeutung von Frauen („Soldatin oder Veteran“, „Total Quality Woman“).

GUSTAV - TOUR DATES
  • 30.05.08 innsbruck pmk
  • 31.05.08 kleinreifling seewiesenfest
  • 20.06.08 weissenbach am atttersee
    festival des politischen lieds
  • 28.06.08 laerz fusion festival
  • 29.06.08 hannover feinkost lampe
  • 30.06.08 heidelberg karlstorbahnhof

„Abgesang“, der erste Song auf „Verlass’ die Stadt“ ist Gustavs erste Komposition überhaupt. In der Ursprungsfassung prangerte Gustav die österreichische Regierung an – statt „Schüssel“ singt sie nun „Schlüsse“ und es ist erstaunlich, wie durch das Umdrehen eines einzigen Buchstaben ein konkret gemeinter Polit-Song zur zeitlosen, allgemeingültigen Verweigerungshymne im Geiste von Tocotronics „Kapitulation“ wird (wobei Gustavs Song wie gesagt schon älter ist). „Ich hab’ mich entschlossen / ich gehe konform / ich stelle mich richtig / entspreche der Norm“ heißt es im Text und weiter, „wenn man vieles verliert / ist einem vieles egal“. Gustavs Worte hinterlassen tiefe Spuren in Hirn und Herz und beinah ist man geneigt, ihr leidenschaftliches Rauchen als „unkorrektes“ Statement gegen Gesundheitswahn und Funktionierenmüssen zu interpretieren. Der zentrale Song „Alles renkt sich wieder ein“ ist ein Experiment, auf der Platte hört man eine voluminöse Blaskapelle, live präsentiert Gustav das Stück mal mit einem 40-köpfigen Chor, mal nur mit Laptop. „Ich wollte ländliche Traditionen und das Leben der Städterinnen zusammenbringen – als apokalyptischen Entwurf“, erklärt sie. Zeilen wie „Der Schmerz tut weh / und es wird besser / irgendwann geht es vorbei“ oder (aus „Happy Birthday“) „Das Leben ist kein Wunschkonzert“ mögen vordergründig Gemeinplätze sein, Gustav bringt die tiefe Wahrheit dieser Worte ans Licht. Den Titeltrack der neuen Platte möchte sie nicht als Aufruf zur Landflucht verstanden wissen: „der Text ist nicht wörtlich konkret, sondern poetisch gemeint.“

Wegen ihres (Künstler-)namens und der Gender-Trouble-Geschichte dahinter (wäre Eva ein Junge geworden, hätten ihre Eltern den Sohn Gustav genannt), drängt sich die Frage auf, ob Eva/Gustav von ihren Eltern ein „männliches Erbe“ mit auf den Weg bekommen hat. Sie lacht, nein, so sei das nicht, aber sie wäre „der letzte Versuch“ ihrer Eltern gewesen – sie hat zwei ältere Schwestern und Gustav sagt, dass Eltern von Mädchen meistens versuchen, noch einen Sohn zu bekommen. Mir fällt die Mutter meines Freundes ein, die mit ihren drei Söhnen nicht richtig zufrieden war und im fortgeschrittenen Alter doch noch das ersehnte Mädchen auf die Welt brachte. Aber das nur am Rande. Eva/Gustav muß jedenfalls keinen männlichen Auftrag erfüllen, Eva und Gustav seien auch keine getrennten Figuren, sondern eine Person. Gustav ist kein/e Superheld/in, hat aber klare Regeln aufgestellt. Gustav ist auch und vor allem eine klar feministische Künstlerin: was hält sie vom derzeitigen „Kampf“ zwischen alten und jungen Feministinnen? Hat es Sinn, wenn sich die „Alpha-“ und „Neuen Deutschen Mädchen“ vehement von Alice Schwarzer distanzieren? „In Österreich findet diese Diskussion so gar nicht statt, ich habe auch diese Bücher nicht gelesen. Mir scheint, als sei das Thema Feminismus in Deutschland viel medialisierter und boulevardisierter als in Österreich. Wichtig ist der Dialog – von daher ist es nicht sinnvoll, wenn sich junge und ältere Feministinnen bekriegen. Feminismus ist kein Pop-Produkt! Vor einigen Jahren konnte man ja schon beobachten, wie die Riot Grrrl-Bewegung via Musikfernsehen zum Girlie-Trend transformiert wurde.“

satt.org: Wie entstehen Gustav-Songs, gibt es zuerst Text oder Musik?

 

stotz, mory & gustav
Stotz, Mory & Gustav

Gustav: „Die Songs entstehen zuerst über den Inhalt, ich lese viel, obwohl ich die ganz dicken Ziegelsteine nicht unbedingt zu Ende lese.“ Sie lacht, „ich suche mir die wichtigen Teile raus.“ Literatur als Steinbruch also? „Ja, genau.“ Gustavs Texte sind nie drastisch und provokant, auch das Thema Sex behandelt sie lieber verklausuliert, im Gegensatz zum Roche'schen Duktus also. „Ich würde auch niemals meinen Körper ausstellen oder einsetzen“, sagt sie und mir kommen Wiener Aktionskünstler wie Rudolf Schwarzkogler in den Sinn: warum waren vor allem österreichische Künstler so extrem und selbstzerstörerisch drauf? „Das Wien der Nachkriegszeit war so steif und provinziell, es gab keinerlei Aufarbeitung der Kriegsjahre und der Nazizeit – die Aktionskünstler waren ja sozusagen die Kinder der Nazis und haben mit ihrer Kunst versucht, die Geschehnisse aufzuarbeiten.“ Österreich hatte also die Aktionskünstler und Deutschland die RAF? „So kann man's vielleicht sagen.“

satt.org: Ist Wien das neue Berlin? Mir kommt es so vor, als kämen die interessantesten deutschsprachigen Künstler aus Österreich (Ja, Panik zum Beispiel und natürlich Gustav selbst).

Gustav: „So nehme ich das nicht wahr, aber es gibt sehr viele kleine interessante Labels und Bands, obwohl andererseits die Vertriebe pleite gehen.“

satt.org. Wie bist du zu Chicks on Speed gekommen?

Anat Ben-David, Virtual LeisureEbenfalls neu bei Cos:
Anat Ben-David: Virtual Leisure

Die israelische Performance-Künstlerin Anat Ben-David paßt mindestens so gut wie Gustav zum CoS-Label: ihre Elektroclash-Punk-Klassik-Experimente sind so kühn und ambitioniert wie die ihrer Labelkollegin Planningtorock. Das Album „Virtual Leisure“ galoppiert durch viele Genres, die keineswegs nur im Pop zu verorten sind. Ben-Davids Arbeit kennt keine Grenzen und verlangt den Zuhörern/Zuschauern viel ab, man nimmt aber auch viel mit.
» amazon

Gustav: „Peter Wacha von Chicks on Speed/Disko B sprach mich nach einem Konzert an, da war 'Rettet die Wale' schon erschienen. Ich habe mich sehr gefreut und fühle mich bei Chicks on Speed neben Künstlerinnen wie Kevin Blechdom gut aufgehoben!“

satt.org: Hältst Du Frauenförderung im Pop für notwendig?

Gustav: „Ganz klar: ja! Ich trete auch bei Ladyfesten auf, die ja grundsätzlich eine tolle Einrichtung sind, weil sie als Plattform für feministische Ideen dienen. Aber trotzdem ist das für mich ein zweischneidiges Schwert, weil man sich bei den Ladyfesten ganz in den Dienst der Sache stellen soll und schlicht kein Geld damit verdient. Also auch wieder nur Selbstausbeutung! Gerade wenn es um die Gagen geht, ist der Sexismus in der Musikbranche wirklich drastisch!“

satt.org: Wünschen sich Deine Eltern, Du hättest einen 'ordentlichen' Beruf gelernt?

Gustav: „Haha, ja klar. Ich habe Visuelle Mediengestaltung studiert und meine Eltern haben sich schon vorgestellt, dass ich in diesem Bereich auch arbeiten würde. Aber ich kann nicht anders – ich muss Musik machen. Ich habe kein zweites Leben in der Schublade und auch kein Sicherheitsnetz. Musik ist der Ernstfall, sozusagen.“

satt.org: Welche Musik inspiriert dich, was hörst du zuhause?

Gustav: „Ganz unterschiedliche Sachen, ich bin nicht festgelegt. Ich höre viel Elektronik und abstrakte sounds, auch mal Tom Waits. Ich habe keine Berührungsängste, ich gehe manchmal sogar in Musicals!“



» myspace.com/gustavofficial
» gustav.cuntstunt.net
» www.chicksonspeed-records.com