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Die Box




Mai 2008
Christina Mohr
für satt.org

Musikbücherschau Mai 2008


Bertie Marshall: Berlin Bromley

Bertie Marshall:
Berlin Bromley

Bertie Marshall alias Berlin Bromley war Mitte/Ende der siebziger Jahre Teil des berüchtigten Bromley Contingent – jener Truppe um Siouxsie Sioux, die wie Bertie aus dem trüben Londoner Vorort Bromley stammte. Das Bromley Contingent bestand aus jugendlichen Misfits, die durch ihre Begeisterung zum Film „Cabaret“, der Stadt Berlin, Musikern wie David Bowie und eine Vorliebe für exaltiertes Styling vereint wurden. Und durch Hass und Abscheu gegenüber Eltern, Schule, Arbeit. Als 1976 die Sex Pistols auf der Bildfläche erschienen, hatte das Bromley Contingent ein konkretes Betätigungsfeld gefunden: das Contingent reiste zu jedem Pistols-Gig an, erfand den Pogo und hatte mit ProtagonistInnen wie Siouxsie, Jordan und Berlin eigene Szenestars vorzuweisen. Wie Siouxsie und Steve Severin gründeten viele von ihnen eigene Bands, andere wie Berlin Bromley waren dabei, ohne Spuren in Form von Platten oder Filmen zu hinterlassen, sondern im Höchstfall auf einigen Fotos verewigt zu sein. Marshall/Bromleys Buch macht deutlich, wie wichtig das „Fußvolk“ für die Verbreitung der Idee Punk war: Malcolm McLaren und Vivienne Westwood kreierten in ihrem Laden „Sex“ den Punk-Style – aber den mußte schließlich jemand tragen, wie zum Beispiel die legendäre „Sex“-Verkäuferin Jordan. Fashion victims wie sie und Berlin Bromley (man verzeihe mir diese Bezeichnung) waren maßgeblich daran beteiligt, das Bild des Punk in die Welt zu tragen. Denn – und diese Wahrheit ist mittlerweile eine Binse – Musik und Texte allein hätten niemals zu einer solch durchschlagenden Wirkung geführt, wie es in Kombination mit kunstvoll zerrissenen Shirts, Bondageklamotten und wilden Frisuren gelang. Auch aufsehenerregende Aktionen sorgten dafür, dass brave Bürger in Angst und Schrecken versetzt wurden: Bertie/Berlin beschreibt plastisch, wie ihn Siouxsie an einer Hundeleine spazieren führte, mit ihm in ein Café ging und eine Schale Wasser für ihren Hund, also Berlin verlangte. Der Skandal war perfekt und Punk wieder einen entscheidenden Öffentlichkeitsschritt weiter.
Bei aller Authentizität spricht aus Bromleys Memoiren eine tiefe Tragik: die Tragik des „Adabei“, des Jungen, der alle kannte und den heute keiner kennt. Man stelle sich den jugendlichen Bertie/Berlin als dekadenten, stilbewußten, androgynen, früh seine Homosexualität erkennenden Dropout im Geiste von Rimbaud vor, der bald neidisch auf die bis vor kurzem noch ebenbürtige Vorort-Dramaqueen Siouxsie und ihre Gefolgschaft wird. Der Neid stachelt ihn nicht dazu an, auch eine Band zu gründen, er nimmt Heroin, verdingt sich als Stricher und landet bald in der Gosse der Bedeutungslosigkeit. Als in allen Zeitungen über die berüchtigte Themse-Bootsfahrt der Sex Pistols berichtet wird, notiert er in sein Tagebuch: „Wieder ein wichtiges Ereignis, bei dem ich nicht dabei war.“ Bertie Marshalls Text ist fragmentarisch, lückig, skizzenhaft, teils anrührend, teils unerträglich prätentiös, voller juvenilem Pathos. Trotzdem oder gerade deshalb liest sich „Berlin Bromley“ als tragische Dokumentation einer Zeit, in der nicht alle die von Warhol versprochenen 15 Minuten Ruhm bekamen.


Bertie Marshall: Berlin Bromley
Übersetzt von Conny Lösch, Vorwort von Boy George
Ventil, 170 Seiten, TB, € 11,80
» Ventil Verlag
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Paul Trynka: Iggy Pop

Paul Trynka: Iggy Pop

Kein „Adabei“, sondern zentrale Figur des Punkrock ist James Osterberg alias Iggy Pop, der vor wenigen Wochen seinen 61. Geburtstag konnte und damit bestes Rockstaralter erreicht hat. Dass „The Ig“ dieses Alter überhaupt erreicht, war nicht immer absehbar. Vor allem Mitte der siebziger Jahre war Iggy Pop am Boden, körperlich und karrieremäßig und es grenzt an Wunder, dass er nicht zu den vielen Punkrock-Drogentoten der Siebziger gehörte und heute – wir kürzlich in Clevelands Rock'n'Roll-Hall of Fame geschehen – Oden auf Madonna singt und sich stolz und wie immer ohne Hemd vor seinem Rolls Royce fotografieren läßt. Überhaupt, dieser Oberkörper: Fotos des jungen Iggy, der auf der Bühne seinen apollinischen Körper mit Rasierklingen malträtiert und gleichzeitig exhibitionistisch ausstellt, sind Legion. Iggy & The Stooges waren der Urknall des Punk, die Keimzelle, aus der göttlicher Lärm entsprang – Iggys Wunden waren die in Kauf genommenen Kollateralschäden, er schmückte sich mit seinen Narben wie ein Held. Seit Jahrzehnten beziehen sich Bands aller Stilrichtungen, vor allem natürlich Punkbands auf Iggy & The Stooges. Dass die Stooges selbst zur Hochzeit des Punk nur eine Nebenrolle spielten, ist heute ein historischer Treppenwitz. Bücher über – britischen und US-amerikanischen - Punk gibt es massenhaft und in allen wird Iggy Pop gewürdigt, doch eine umfassende Biographie gab es bis dato nicht. Paul Trynkas Buch, das im Original den schönen Titel „Open Up And Bleed“ trägt, ist das Werk eines leidenschaftlichen Fans, eines bedingungslos Liebenden, eines Ig-Addict. Auf 530 Seiten breitet der Journalist, der für MOJO arbeitet und kulturhistorische Bücher über Jeans und elektrische Gitarren verfasst hat, die Geschichte des Godfather des Punk aus. Ob es zwingend nötig ist, die Namen von James'/Iggys Schulkameraden zu kennen, sei dahingestellt („Zu Jims Freundeskreis zählten Duane, Sharon, Kay Dellar, Sandra Sell, Joan Hogan...“/S. 30), doch sind gerade die Berichte aus Iggys Kindheit als Lehrersohn in Ypsilanti, Michigan höchst lesenswert. Familie Osterberg lebte in einem Trailerpark, nicht, weil sie sich keine andere Wohnung leisten konnten, sondern weil der Vater fand, das sei eine gute Schule fürs Leben. James/Iggy war ein hochbegabtes Kind, das gerne und gut lernte, jüngstes Mitglied im Debattierclub der Schule war und früh seine rebellische Seite fand. Er gründete seine erste Band, The Iguanas, deren Schlagzeuger er war – doch ihm (und schmerzvoll auch seinen Kollegen) wurde schnell klar, dass er in den Mittelpunkt des Bühnengeschehens gehörte. Die weitere Geschichte ist bekannt, aber noch nie wurde sie so (zuweilen erschöpfend) detailliert erzählt, wie Trynka es tut: über 250 Interviews mit Weggefährten, FreundInnen, Musikern führte Trynka, um der Person nahezukommen, die einst den Trailerpark verließ, um Iggy Pop zu werden.


Paul Trynka: Iggy Pop
Übersetzt von Christoph Hahn und Berhard Joseph
Rogner & Bernhard, 528 Seiten, 45 s/w-Fotos, gebunden, € 29,90
» www.rogner-bernhard.de
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The Go-Betweens Songbook

The Go-Betweens Songbook

Zwei Jahre sind seit Grant McLennans plötzlichem Tod vergangen – und seit ebenfalls zwei Jahren sind die Go-Betweens, die womöglich wichtigste australische Band, Geschichte. Seinem langjährigen Weggefährten, Mitmusiker und Freund Robert Forster schien die Idee, The Go-Betweens ohne McLennan oder gar mit einem Ersatzmusiker weiterzuführen, undenkbar und absurd. Forsters Soloalbum „The Evangelist“, das im April erschien, zeugt von der Tiefe dieser Freundschaft, aber auch davon, welch großartige Band die Go-Betweens waren. Bei Schott Music erscheint nun ein Songbook mit 26 ihrer schönsten Lieder, komplett mit Noten und Lyrics. Forster selbst schrieb das Vorwort, von Klaus Walter stammt die umfassende Einleitung, die sich unter der Überschrift „What You're Seeing Is A Band“ mit großem Respekt und noch größerer Leidenschaft dem Phänomen Go-Betweens widmet. Das Songbook wird abgerundet durch viele, zum Teil bis dahin unveröffentlichte Fotos.

The Songs: Lee Remick - People Say - Your Turn, My Turn - Cattle and Cane - Part Company - Bachlor Kisses - Girl, Black Girl - Spring Rain - Head Full of Steam - The Wrong Road - Right Here - The House That Jack Kerouac Built - Bye Bye Pride - Streets of Your Town - Dive for Your Memory - Love Goes on - Clouds - Rock 'n' Roll Friend - Surfing Magazines - Spirit - The Clock - Too Much of One Thing - Here Comes a City - Darlingshurst Nights - Finding You - Boundary Rider


The Go-Betweens Songbook
Vorwort von Robert Forster, Einleitung von Klaus Walter
Schott Music, Broschur, 96 Seiten, zweisprachig englisch/deutsch
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Thomas Meinecke & Move D: Flugbegleiter

Thomas Meinecke & Move D:
Flugbegleiter

„Flugbegleiter“ von Thomas Meinecke & Move D ist das idealtypische Produkt für diese Rubrik: ein Musiker/Schriftsteller (Meinecke) und ein DJ/Producer (David Moufang alias Move D) verweben die vom Musiker/Schriftsteller geschaffene Literatur mit House- und Discobeats (CD 2) respektive basteln aus Loops und von Meinecke einzeln im Studio eingesprochenen Buchstaben incredibly strange Dancetracks, deren Lyrics jeweils ein Wort ergeben, z.B. „D-A-F-F-O-D-I-L“ oder „U-R-S-U-L-A-A-N-D-R-E-S-S“ (CD 1). Und „Flugbegleiter“ ist ein Hörbuch, Literatur und Musik auf CD zum Unterwegshören. „Flugbegleiter“ ist nicht nur formal und phänotypisch gelungen, sondern auch inhaltlich interessant: die aus Meineckes Roman „Musik“ bekannten Protagonisten, das Geschwisterpaar Karol und Kandis, beschäftigen sich diskursiv mit House- und Discomusic, queeren und nicht-queeren Konnotationen in Mode und Musik. Der (heterosexuelle) Flugbegleiter Karol teilt seine Thesen und Beobachtungen mit seinen Kolleginnen Heidi, Ashley, Kristina und dem schwulen Steward Felix, stets an glamourösen Orten wie Hotelzimmern, Bars, Modenschauen, Flughäfen. Dass die Gedanken und Gespräche der Flugbegleiter-Crew konstruiert, ja anti-authentisch wirken, ist kein Nachteil, sondern großes Plus: man kommt erst gar nicht auf die Idee, Identifikationsmodelle zu suchen und kann sich Text und Musik ungestört widmen. Und auf Spurensuche gehen: Wie Meinecke in seinem Schreiben verwendet auch Move D gern Zitate und Samplings, häufig begegnet man bekannten Soundsplinters, zum Beispiel dem prägnanten Ticka-ticka-ticka-Basslauf aus Blondies „Heart of Glass“.


Thomas Meinecke & Move D: Flugbegleiter
Hörbuch, 2 CDs, Intermedium Records/Strunz Enterprises
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Recitement

Stephen Emmer
featuring Lou Reed, Sylvia Kristel u.a.:
Recitement

Auch „Recitement“, das Musik- und Spoken Word-Album des holländischen Komponisten und Produzenten Stephen Emmer („Sounddesigner“ nennt ihn ein ebay-Anbieter) ist wie gemacht für die satt.org-Musikbuchsparte. Emmers nimmt sich historische und aktuelle Lesungen vor und baut sie in seine soundtrackartigen Arrangements ein, die mal rockig, mal easy-listening-mäßig variiert werden. Die Musik steht im Vordergrund, bereitet ein warmes, kuschliges Bett für zum Teil sehr anspruchsvolle Texte. Besonders eindrucksvoll wird es, wenn Richard Burton mit theaterbühnengschulter Intonation „Boy With a Cart“ von Christopher Fry rezitiert oder Lou Reed einen Auszug aus Paul Theroux' „The Great Railway Bazaar“ (die Passage „Passengers“) vorträgt. Auch Sylvia Kristels (Emmanuelle-Schauspielerin!) Verkörperung/Verstimmlichung von Baudelaires „La Beauté“, Jorge Luis Borges reads Jorge Luis Borges und Kurt Schwitters (auch er ist selbst zu hören) gehören zu den Höhepunkten dieses ungewöhnlichen Hybriden. Gemischt und produziert wurde „Recitement“ von Altmeister Tony Visconti (Producer von T. Rex, David Bowie, The Sparks, Morrissey und vielen anderen).


Stephen Emmer featuring
Lou Reed, Sylvia Kristel u.a.:
Recitement

CD, Supertrack
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Thomas Kraft (Hg.): Beat Stories

Thomas Kraft (Hg.): Beat Stories

Der Publizist, Plattensammler, DJ und Literaturkritiker Thomas Kraft bat nicht weniger als 79 Autoren um eine persönliche Geschichte, eine „Beat Story“, die – laut Klappentext – eine Liebeserklärung an die „beste Musik aller Zeiten“ werden sollte. Mit „bester Musik aller Zeiten“ ist im vorliegenden Fall Rockmusik der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gemeint, weshalb klar sein sollte, dass es sich bei „Beat Stories“ um eine tendenziell museale Veranstaltung handelt. Tanja Dückers erzählt sehr eindringlich, wie sie als Zwölfjährige Bekanntschaft mit dem Werk der Beatles machte (sie erbte die Plattensammlung des Nachbarjungen, der sich umgebracht hatte), der Protagonist in Ulrich Woelks Geschichte „Eden“ erkennt im Gebrabbel seines kleinen Sohnes den Song „In-A-Gadda-Da-Vida“ von Iron Butterfly und Marlene Streeruwitz analysiert mit ihrem unnachahmlichem Stil den „existenziellen Schrei“ Jim Morrisons. Das Plattenspieler-Triumvirat Klaus Walter, Frank Witzel und Thomas Meinecke diskutiert über die Kinks und ihren Style; Meinecke hat später noch einen Soloauftritt und schreibt über Roxy Music. Alle Geschichten verdeutlichen, wie lebensprägend, wie wichtig dieser eine Song, diese eine Platte ist, die man „damals“ gehört hat, damals, als alles noch möglich schien. Komisch nur, dass sich hauptsächlich männliche Autoren an diese bedeutenden Songs erinnern: von 79 Autoren sind ganze zwölf weiblich ...

BEAT STORIES LESETOUR 2
31. 05. Heidelberg - Literaturtage 05. 06. Fürth - Hardenberg-Gymnasium 06. 06. Lohr am Main - Rathaus 12. 06. Bamberg - Bootshaus (wird fortgesetzt).


Thomas Kraft (Hg.): Beat Stories Blumenbar, 382 Seiten, Klappenbroschur, € 19,90
» amazon » www.blumenbar.de



Dolf Hermannstädter: Got Me? Hardcore-Punk als Lebensentwurf

Dolf Hermannstädter:
Got Me? Hardcore-Punk als Lebensentwurf

Das Bremer Hardcore-Fanzine „Trust“ hält seit mittlerweile zwölf Jahren die Stellung – allen voran Gründer Dolf Hermannstädter, der sich wie nur wenige andere dem (politisch korrekten) Punk-Lifestyle voll und ganz verschrieben hat. Als dem Punk der ersten und zweiten Generation die Luft ausging und Bands wie The Exploited oder Bad Religion zu Karikaturen ihrer selbst gerieten, übernahm Hardcore – vornehmlich aus den USA – das Ruder. Black Flag, Minor Threat und Verwandte setzten neue Standards: Irokesenschnitt, Pogo und Büchsenbier genügten nicht mehr, um sich als Punk bezeichnen zu dürfen. Ebenso wichtig wie lauter, harter, schneller Sound wurden dezidiert antirassistische, antifaschistische, antisexistische Grundsätze, manche gingen sogar so weit, auf Alkohol zu verzichten – die Straight-Edge-Bewegung mit Flaggschiff-Bands wie Fugazi eröffnete einen völlig neuen Kanon innerhalb des Punk und sorgte für Zersplitterung in einzelne Szenen. Dolf Hermannstädters Magazin widmet sich Hardcore seit 1996 mit vollem Herzblut, ebenso legendär wie das Heft selbst sind Hermannstädters leidenschaftliche Kolumnen, die in (mit zählbar wenigen Ausnahmen) in jedem „Trust“ erscheinen. DH schreibt voller Furor für/gegen Politik, die Gesellschaft, das Kapital, Idioten aller Couleur und darüber, was „echter“ Punk/Hardcore ist und was nicht. Dass er dabei manchmal übers Ziel (welches Ziel?) hinausschießt und manchen kruden Vortrag abläßt, ist fast schon Nebensache. Kostprobe: „So Leute, gleich zu Anfang will ich eins klarstellen, weil ich neulich irgendwo gehört habe, 'die Ramones sind die voll geile Punkband.' Was haben denn Ramones mit Punk zu tun? Außer ihrer Musik ist doch alles ziemlich unpunk, konservativ, bei einer großen Plattenfirma, die Eintrittspreise bei den Konzerten sind zu hoch, usw., usw., man könnte das hier bestimmt noch ewig weiterführen ...“ (aus Trust # 49). Got me?


Dolf Hermannstädter:
Got Me? Hardcore-Punk als Lebensentwurf

Mox & Maritz, 310 Seiten, Broschur, € 15,80
» www.moxundmaritz.de
» www.trust-zine.de
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Musikpsychologie. Das neue Handbuch

Musikpsychologie. Das neue Handbuch

Keine satt.org-Musikbuch-Ausgabe ohne wissenschaftliche Werke: Rowohlts Enzyklopädie zur Musikpsychologie liegt mehr als zwanzig Jahre nach dem Ersterscheinen nun in einer rundum erneuerten Auflage vor. Unterteilt in sieben Großkapitel (Musikkultur und musikalische Sozialisation, Musikalische Entwicklung, Musik und Medien, Musikleben, Grundlagen der Musikwahrnehmung, Wirkungen, Forschung) beleuchten die drei Herausgeber und weitere Autoren den komplexen Bereich der Musikpsychologie unter verschiedenen Gesichtspunkten und beziehen Aspekte moderner Forschung wie Neurophysio- und -psychologie mit ein. Lag der Schwerpunkt früherer Ausgaben hauptsächlich auf klassischer Musik, deren Aneignung und Auswirkung, ist das Spektrum der vorliegenden Ausgabe um moderne Musik, Pop, Rock und elektronische Musik erweitert. In diesem Zusammenhang besonders hervorzuheben ist der Beitrag Thomas Münchs (Professor für Medien- und Musikgeschichte) über Musik in den Medien – Münch untersucht die alltägliche Nutzung von Musik, ihre Bedeutung und Verwendung in der Werbung und vieles mehr. Hochinteressant, auch für Menschen, die keine Psychologiestudenten (mehr) sind.


Bruhn/Kopiez/Lehmann (Hg.):
Musikpsychologie. Das neue Handbuch

rowohlt, 720 Seiten, TB, € 19,90
» www.rowohlt.de
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Lynn Breedlove: Götterspeed

Lynn Breedlove: Götterspeed

„Götterspeed“ ist zwar schon vor über einem Jahr bei Mox & Maritz erschienen, doch ein Interview im aktuellen Testcard-Heft (# 17, „Sex“) mit Lynn Breedlove lenkte meine Aufmerksamkeit auf dieses Buch. Breedlove war Gründungsmitglied und Sängerin der Queercore-Band Tribe 8 und ist seit Jahren als Spoken Word-Artist aktiv. Im Testcard-Interview bezeichnet sich Breedlove als „Transmensch“ und lehnt Kategorisierungen wie weiblich oder männlich strikt ab. Breedlove kokettiert mit ihrem (biologischen) Geschlecht, indem sie sich zuweilen verniedlichend „Lynnee“ nennt – überhaupt nicht niedlich ist Jim, Protagonist/in ihres schwindlig machenden, umwerfenden Roman „Götterspeed“: Jim (von den Eltern einst Elizabeth genannt) ist Fahrradkurier, eine Dyke-on-Bike in San Francisco, ständig auf Speed und heillos verliebt in die Stripperin Ally. Breedloves Held/in lebt aus, wofür Gender-Theoretiker umständliche Wortkonstrukte bemühen. Jim/Elizabeth ist ein Mädchenjunge, der ein Mädchenmädchen liebt und eine andere Junkie-Femme beneidet, weil sie so aussieht, wie Jim sich fühlt: wie ein 14-jähriger Junge. Jims Körper ist ein Schlachtfeld, in dem Sport und Drogen eine Highspeed-Symbiose eingehen. „Götterspeed“ ist voller Leidenschaft, Trauer, Wut, Melancholie und Hass und Liebe. „Götterspeed“ macht dich fertig, zur Seite legen kann man es nicht.


Lynn Breedlove: Götterspeed
Übersetzt von Andrea Rick
Mox & Maritz, gebunden, 322 Seiten, € 17,90
» www.lynnbreedlove.com
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