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Die Box




April 2008
Christina Mohr
für satt.org

„...Du weißt, wenn man Briefe nicht öffnet
dann gelten sie trotzdem als zugestellt
Und dass sich zu deinen Problemen
auf diese Art noch eins zugesellt.
Doch jedes Mal, wenn es schwierig wird
schwörst du wieder auf diese Taktik
es sieht gut aus es sieht sehr gut aus,
wenn man nicht so genau hinsieht“
(„Es sieht gut aus“, FS.G)

Frank Spilker Gruppe:
Mit all den Leuten
(Staatsakt/Indigo)

Frank Spilker Gruppe: Mit all den Leuten

Die Nachricht dürfte inzwischen die Runde gemacht haben: Frank Spilker hat ein Soloalbum aufgenommen; die Sterne haben sich aber nicht aufgelöst. Die Frank Spilker Gruppe, kurz FS.G, besteht neben Spilker aus Max Knoth (Bass / Mobylettes, Bazooka Cain) und Mathias „Tex“ Strzoda (Schlagzeug / Andreas Dorau, JaKönigJa, Rocko Schamoni) und ist als Erweiterung oder – wie es das Presseinfo ausdrückt – als „kreative Zellteilung“ zu sehen. Nicht als Schlusspunkt oder Neuanfang, der nur Frank Spilker allein im Zentrum hätte. Es war einfach an der Zeit, verschiedene twists and turns auszuprobieren, die im Sterne-Universum keinen Platz gefunden hätten. Zum Beispiel, auf einem Album mit vielen unterschiedlichen Stilen zu spielen; Vorlieben von No Wave über Funk und Blues rauszulassen, englische Texte singen, zumindest zweimal. Und Gäste einzuladen: Masha Qrella, Uwe Jahnke (Fehlfarben) und Jakobus Siebels (JaKönigJa) sind gerne gekommen, um „Mit all den Leuten“ zu der spannenden Sache zu machen, die nun vorliegt. Der Titeltrack basiert auf einem steilen, zackigen Gitarrenriff und einem monotonen Wavebeat; „Kommt alle her“ klingt wie eine Persiflage auf einen Lagerfeuer-Folksong, „Das war ihr Leben“ ist eine wehmütige, traurige Ballade. Man kann Spuren ausmachen, die zu den Smiths, den Go-Betweens, den Flaming Lips und John Spencer führen, aber man sollte nicht den Fehler begehen und in der Verweishölle schmoren. „Mit all den Leuten“ ist ein offenes Haus mit vielen Zimmern, von denen jedes ein bisschen anders eingerichtet ist, aber man verläuft sich nicht. Spilkers Stimme und seine Texte bilden das Gerüst, sorgen für Struktur. In den Lyrics spiegelt sich die Lebenssituation erwachsen gewordener Großstädter – Lieder für Ex-Jugendliche, voller Selbstzweifel, Verunsicherung, Zukunftsangst und doch so etwas wie Hoffnung. In dem großartigen „Ich geh gebückt“ heißt es: „Die in den Häusern / mit großen Gärten / die von dem Unheil / meist gar nichts merken / wonach sie treten / meist gar nicht spüren / zu denen würde ich / auch gerne gehören.“

Frank Spilker war so freundlich, per E-Mail ein paar Fragen von satt.org zu beantworten:

satt.org: Wie oft bist du schon gefragt worden, ob FS.G. das Ende der Sterne bedeutet? Kannst du die Frage noch hören?

Frank Spilker: Ich sage einfach immer wieder Nein. Andererseits wird das ja ohnehin vor jedem neuen Album wieder neu entschieden.

Frank Spilker Gruppe auf Tour:

satt.org: Was ging mit den Sternen nicht - und welche neue Möglichkeiten gibt es jetzt solo bzw. mit FS.G.?

FS: Ich kann nicht sagen, dass mit den Sternen irgend etwas nicht geht. Die Einschränkungen entstehen durch die Vorlieben der beteiligten Personen. Ich bin ja nicht der Sterne-Obermotz, aber bei FS.G. Vor allem deshalb, weil ich sehr viel vorab alleine erstelle.

satt.org: "Ich steh heute auch mal hinter der Bar" ist der perfekte Opener für deine Platte - gab es das Stück schon länger oder hast du es extra für dieses Album geschrieben?

FS: Es ist für das Album geschrieben worden, wie ungefähr 80% des Albums.

satt.org: Gibt es eine Bar in Hamburg, hinter der du manchmal stehst? Und in welcher Bar stehst du am liebsten vor dem Tresen?

FS: Ich habe von 1994 bis ungefähr 1996 im Pudel Club hinter der Bar gestanden. Immer Donnerstags, wen Carsten Friedrichs und Jan Müller aufgelegt haben. Was das davorstehen angeht, habe ich im Moment keine eindeutige Präferenz. Dafür gehe ich dann häufiger.

satt.org: Vielen Dank für "Es sieht gut aus" – es stimmt einen so euphorisch! Ist das Lied eine positive Zukunftsbeschwörung oder beruht es auf Lebenserfahrung?

FS: Beides, leider. Um die Dinge positiv zu sehen ist eine wenig Verdrängung ganz gut.

satt.org: "Ein Einsamer Mann" - wärst du gern wieder Kind, ohne die ganze Last und Verantwortung des Erwachsenendaseins?

FS: Wer denn nicht? Menschen entwickeln verschiedenste Techniken, sich selbst von dieser Last zu befreien. Meistens unter Zuhilfenahme legaler Drogen. Ich beschreibe aber nur den Grundgedanken, dass Erwachsensein mit Einsamkeit verbunden ist.

satt.org: In der Spex werden deine Platte und das Album Why Not?“ von Superpunk in einer gemeinsamen Besprechung als "zwei Alben über das Altsein im Pop" bezeichnet. Das Thema scheint gerade in der Luft zu liegen (siehe oben). Gibt es Dinge, die du nicht mehr machst, weil du dich zu alt fühlst?

FS: Nein, nicht bewusst. Übrigens hat Christoph Twickel mich schon vor zehn Jahren einen Szeneveteran genannt. Ich finde das etwas albern, das Alter an sich zu kritisieren. Ich kann auch nicht entdecken, dass sich das Album ausdrücklich damit beschäftigt, das Problem des Erwachsenwerdens zum Beispiel kennt auch ein Neunzehnjähriger.

satt.org: Fürchtest du dich davor, sentimental zu werden und immer nur "von früher" zu erzählen?

FS: Wie bitte? Gelte ich jetzt als senil, nur weil ich es wage mit über Vierzig noch eine Platte herauszubringen? Was ist denn bitte mit Nick Cave, oder den Ärzten? Geh doch los und kauf Tokio Hotel, wenn Du das besser findest. Im Ernst: Ich schreibe über das, was mich beschäftigt und versuche nicht die Welt durch die Brille des Berufsjugendlichen zu sehen. Wenn das dazu führt, dass es Leute nicht mehr interessiert was ich da mache ist das auch nicht zu ändern.

satt.org: In den Linernotes zu „Mit all den Leuten“ zitierst du Rick McPhail (Tocotronic), der gesagt hat, dass in Deutschland nicht über Texte geredet wird. Ist es nicht eher so, dass man sich bei deutschsprachigen Musikern fast nur auf die Texte konzentriert und die Musik vernachlässigt? Gerade die finde ich auf deiner neuen Platte sehr spannend - was ist dir wichtiger, Musik oder Text? Oder kann man das nicht trennen?

FS: Jedenfalls kannst du eine CD nicht vorlesen. Rick hat mir von seinen Erfahrungen auf der Interviewtour zu seinem Soloalbum erzählt. Er hätte gerne über seine Texte geredet, wurde aber nie dazu gefragt. Das ist sicher komisch, wenn man in einer deutschsprachigen Band spielt, die sehr viel über ihre Texte reden muss. Ich würde auf keinen Fall trennen wollen, finde aber das die Texte der Musik einen Sinn geben, den sie in einer vergleichbaren Konkretheit alleine nicht haben könnte.

satt.org: "Ex Lovers Paintings" könnte auch ein Forster/McLennan-Song sein – hast du an die Go-Betweens bei diesem Stück gedacht?

FS: Ein interessanter Vergleich. Nein, ich habe nicht daran gedacht, war aber früher ein grosser Verehrer dieser Band, Vielleicht liegt es aber auch daran dass unser Schlagzeuger auch mal Livedrummer für die Go-Betweens war.

satt.org: Was würdest du machen, wenn alle/s, was du in "Kommt alle her" aufzählst, tatsächlich vor deiner Tür stünden? Was machst du mit den Nazis und den besoffenen Spießern? Und was mit den Wölfen und Füchsen?

FS: Die sollen mich einfach alle mal am Arsch lecken, aber das Lied sagt es poetischer.

satt.org: Ein Leben ohne Musik - vorstellbar oder nicht? Was würdest du machen, wenn du total unmusikalisch geboren wärst? Hast du was "ordentliches" gelernt?

FS: Natürlich vorstellbar, aber nicht schön so ein Leben ohne Musik. Die Musik im Kopf kann einem ja auch eigentlich niemand nehmen und ich schätze, dass man sie auch nicht vermisst, wenn man sie nicht hört. Zu Frage zwei: Nicht wirklich.

satt.org: Wie wichtig ist Hamburg für Dich? Du bist ja einer von vielen Ostwestfalen, die einst nach HH auszogen, um Musik zu machen... würdest du das wieder tun? Von welcher Stadt träumst du heute?

FS: Ich habe damals nicht wirklich von Hamburg geträumt, war aber sehr froh über das, auf was ich damals traf. Ich träume eigentlich nicht konkret von einer anderen Stadt, wäre aber manchmal froh etwas internationaleres tun zu können, als in einer deutschsprachigen Band zu singen. Aber so wie's ist, ist's auch toll!


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