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Die Box




April 2008
Christina Mohr
für satt.org

JaKönigJa: Die Seilschaft der Verflixten

JaKönigJa:
Die Seilschaft der Verflixten
(Buback)

Für vermißte Pantheisten

„Die Seilschaft der Verflixten“, fünftes Album von JaKönigJa aus Hamburg ist ein Geschenk. Ein Kleinod, ein gallisches Dorf inmitten des Strudels aus Hipnesswahn und Revival-Revivals. Oft wird über vielversprechende Bands geschrieben, sie erschafften „ein eigenes Universum“. Bei Ebba Durstewitz und Jakobus Siebels trifft das tatsächlich zu: seit vielen Jahren entziehen die beiden gängigen Pop-Interpretationsmustern den Boden, kümmern sich nicht um angesagte Modeströmungen oder marktgesteuerte Veröffentlichungsrhythmen. In Hamburg im und um den Pudel's Club herum anzutreffen, gehören JaKönigJa musikalisch-inhaltlich dennoch zu keiner Schule, keiner Clique. JaKönigJa sind eine Popgruppe – mehr als viele andere, die den Begriff Pop laut trommelnd vor sich herschubsen. JaKönigJa sind drinnen und draußen, versponnen und bodenständig zugleich, verarbeiten Sprache und Klang zu etwas so noch nicht Gehörtem. JaKönigJa sind kapriziös, kompliziert, artifiziell und trotzdem (oder gerade deswegen) werden Hörer und Musiker in kürzester Zeit zu Verbündeten, zur „Seilschaft der Verflixten“. Ebba Durstewitz singt mit entrückter, aber fester Stimme vermeintlich Rätselhaftes, das bei genauerem Hinhören ganz klar und unmißverständlich wird: „Ich hatte einmal Zauberkraft, ich bin nun ganz profan“ lautet eine Zeile in „Ach, Golgatha!“ (welch' ein Titel für einen Popsong!), oder schlicht „Sehnsucht heißt jetzt Luxus“ in dem sehr hellsichtigen Stück „Erkenne die Lage“.

Musikalisch schwelgen JaKönigJa in groß angelegten Melodien im Geiste Burt Bacharachs oder Stereolab, lassen in Easy-Listening- und Jazzarrangements Rockgitarren, Cello und Banjo einfließen. „Wo versteckt sich die Musik, wenn man sie grad' nicht hört?“ fragt Ebba in „Ach, Golgatha!“ - ganz einfach, in einer kleinen Papphülle, auf der JaKönigJa draufsteht.

Hier ein exklusives und ausführliches Interview zum neuen Album mit JaKönigJa:

satt.org: Ihr laßt Euch zwischen Euren Platten viel Zeit - was tut Ihr, wenn hr nicht an JaKönigJa-Songs arbeitet? Und ist die "Entschleunigung" von JKJ ein Statement gegen den hektischen Popbetrieb oder gibt es andere Gründe?

Ebba: Wir sind tatsächlich sehr unbeeindruckt vom Zeitfluss und machen ja auch keine Musik, die sich besorgt um irgendwelche Trends kümmern müsste. Das ungeschriebene Gesetz der Veröffentlichung im (mindestens) Zwei-Jahres-Turnus ist uns tatsächlich immer ein Rätsel, wenn nicht gar zuwider gewesen. Da spielt die „Entschleunigung“ in der Tat insofern eine Rolle, als dass wir sehr wohl um sie wissen und sie trotzig fördern. Zumal wir auch immer wieder darauf angesprochen werden. Aber wir können uns das Zeitnehmen auch leisten, wir haben ja nichts zu verlieren. Ansonsten ist die Zeit zwischen den Platten (die ja auch immer eine gewisse Reifungsperiode brauchen) mehr als reichlich ausgefüllt. Ich selbst habe mich um eine Galerie für zeitgenössische Kunst zu kümmern und einen Lehrauftrag für portugiesische Literatur an der Hamburger Uni. (Ich bitte allerdings darum, diese Tatsache nicht in irgendeinen Schubladenzusammenhang mit dem Inhalt von Frage Nr. 5 zu bringen)

Jakobus: Erster Teil: Meine Nebentätigkeiten in zeitraubender Folge: Malerei (Im August Ausstellung auf dem Dockville-Festival in Hamburg) Theater (zur Zeit im Neuen Schauspielhaus in Bremen in Shakespears „Titus Andronicus“) Film (in Henner Peschels neuem Film „Madboy“ – ab Herbst in den Kinos) DJing (von Zeit zu Zeit mit Ebba in der Hasenschaukel und im Golden Pudel Club)
Zweiter Teil: Der sogenannte Popbetrieb geht uns tatsächlich ganz hektisch am Arsch vorbei – so schnell, dass wir es kaum bemerken.

satt.org: Gab es jemals die Idee, dass JKJ eine mehrköpfige Band sein könnte? Was sind die Freuden und/oder Leiden des Duo-Daseins?

Ebba: Live ist JKJ ja eine mehrköpfige Band. Was den Kompositionsprozess betrifft, sind wir beide seit so langer Zeit so eingespielt, dass sich etwas anderes als diese Konstellation einfach nie ergeben hat, weil auch kein „Bedarf“ bestand. Das Verhältnis von Reibung und Spannung auf der einen Seite und geschmacklicher und musikalischer Gemeinsamkeit auf der anderen ist zwischen uns einfach nahezu perfekt. Zu den Nachteilen dieses Duo-Daseins fiele zumindest mir nichts ein. Außer vielleicht, dass es manchmal ganz schön wäre, wenn da noch andere wären, die sich um das ganze, mitunter recht lästige Band-Drumherum kümmern könnten.Auf der neuen Platte hat allerdings unser langjähriger Percussionist, Programmierungsgeschwubbelexperte und Co-Sänger Marco Dreckkötter das erste Mal drei Stücke mitkomponiert, es geht also auch anders.

Jakobus: Den ersten Teil hat Ebba sehr schön beantwortet. Zum zweiten Teil der Frage: Zuviele Köche....

satt.org: Vergleiche mit Bands wie Stereolab oder Laika: seid Ihr davon genervt oder freut Ihr Euch, mit solchen Bands verglichen zu werden?

Ebba: Die Band Laika, muss ich gestehen, ist mir gänzlich unbekannt. (Jakobus?) Vergleiche sind offensichtlich zum Einsortieren, Bewerten und Vermarkten nötig, wir selbst konnten bislang die wenigsten nachvollziehen, zumal der Entstehungsprozess von Musik und Texten in der Vergangenheit immer völlig ohne bestimmte Vorbilder im Kopf vonstatten ging. Vielleicht gibt es bei Stereolab gewisse Ähnlichkeiten, was die Frauenstimme in den Höhen betrifft, keine Ahnung. Stören tut uns das aber in dem Fall sicher nicht. Wie gesagt, es geht eben nicht ohne Hilfskonstruktionen.

Jakobus: Laika ist für mich auch nur ein berühmter Hund. Stereolab fand ich nach gewisser Zeit langweilig.

satt.org: Welche Musik mögt Ihr selbst, was beeinflusst Euch?

Ebba: Beeinflussen tut uns indirekt sicher alles, was wir jemals intensiver gehört haben und hören, und das ist recht viel und stilistisch und zeitlich sehr unterschiedlich. Auf der anderen Seite sind wir, wie gesagt, noch nie mit einem bestimmten Vorbild ins Studio gegangen und haben uns bislang eher bemüht, die Stoptaste zu drücken, wenn wir das Gefühl hatten, bedrohlich nah daran zu sein, einen spezifischen Stil nachzuahmen. Allerdings kommt am Ende sowieso immer nur JKJ raus, das ist weniger das Ergebnis von viel Herumkonzipiere als der natürliche Lauf der Dinge. Wir könnten’s gar nicht anders. Wichtig bei dem, was wir hören wie auch bei dem, was wir selbst machen, ist immer, dass es uns selbst nicht langweilt, denn das wär ja richtig schlimm.

Jakobus: Ich habe mir neulich erst die Mühe gemacht, meine Lieblings-Bands/MusikerInnen auf mySpace aufzuzählen. Das will ich nicht noch mal. Ich bin ziemlich stark von Ebba Durstewitz beeinflusst.

satt.org: Wie entstehen Eure Texte? Manche Kritiker bezeichnen Euch als "verkopft" - amüsiert oder ärgert Euch das? Und spielt ein Titel wie "Das Problem des dezidierten Geschmacks"* darauf an?


* Textauszug: „Gib mir alle Kraft gegen zu viel Wissen, gebt mir etwas gegen den Geschmack“

Ebba: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich überhaupt begreife, was „verkopft“ bedeutet. Die Texte entstehen und sind zu einem Großteil sehr assoziativ, manchmal auch recht quatschig, dann wieder fast muffelig oder sehr nachdenklich, was naturgemäß etwas mit dem Kopf zu tun hat. Sie sind aber auch, denke ich, offen genug gehalten, dass der Interpretationsraum sehr groß ist. Wir beide interpretieren einzelne Texte nicht selten völlig unterschiedlich. Ich interpretiere eigene Texte Monate später vielleicht völlig anders als zum Entstehungszeitpunkt. Wenn „verkopft“ bedeutet, das kaum Bewusste wie zum Beispiel einfach ein ambivalentes Gefühl, für uns eigentlich nicht in Worte zu Fassende (andere tun sich da vielleicht leichter), schwer Vermittelbare einzufangen zu versuchen (und eben nicht die ganz konkrete gegenständliche Alltagssituation, wobei ja auch eben genannte Gefühle „alltäglich“ sind), dann sind wir sicherlich verkopft. Aber das ist eben das, was uns momentan beschäftigt und interessiert. Und ja, die Auseinandersetzung damit könnte bei „Problem des dezidierten Geschmacks“ unter anderem eine Rolle spielen. Aber auch der Gedanke scheint mir zum Beispiel erst jetzt ganz logisch, wo uns diese Frage gestellt wird.

Jakobus: Genau.

satt.org: Die Texte spielen eine besondere Rolle im JKJ-Werk - könntet Ihr Euch vorstellen, ein Buch zu schreiben, also aufs Musikmachen (zumindest zeitweise) zu verzichten? Literatur von Musikern ist ja derzeit sehr präsent. Gibt es bald ein JKJ-Buch?

Ebba: Nach unserem Gefühl spielt immer und seit jeher die Musik die größere Rolle. Sie ist vor allem anderen da und sie ist das, was uns am leichtesten fällt. Darauf zu verzichten, würde vermutlich zu Darmkrebs oder Ähnlichem führen. Aber es stimmt, gerade ich bin ziemlich wortfixiert. Habe aber viel zu viel Respekt vor der langen Form, als dass ich dem überfüllten Buchmarkt ein weiteres mittelmäßiges Werk hinzufügen wollte. Da müsste die innere Notwendigkeit schon sehr dringlich und die Überzeugung von der Relevanz oder auch einfach dem Unterhaltungswert des Verschriftlichten schon übergroß sein. Man will ja, wie bereits erwähnt, niemanden langweilen.

Jakobus: Nein, um Gottes willen, nicht langweilen!

satt.org: Legt Ihr mit Euren Texten Spuren (zu Büchern, zu anderen Künstlern)?

Ebba: Wir? Manchmal ja, manchmal nein. Aber immer legen die Texte selbst Spuren, auch wenn diese von uns nicht intendiert waren. Nichts entsteht in einem Vakuum. Und nichts existiert in einem Vakuum.

satt.org: Thomas Meinecke hat mal gesagt (zum Thema Interviewtwerden), dass man als Künstler in gewisser Weise "zur Auskunft verpflichtet" sei. Seht Ihr das auch so? Oder überlasst Ihr das Interpretieren, Spekulieren und Erklären den Hörern?

Ebba: „zur Auskunft verpflichtet“ hört sich ja noch recht grob an. Heißt das „zur Kommunikation verpflichtet“ oder „zur Interpretation verpflichtet“? Ich verstehe schon, wenn ein Künstler meint, von dem Recht auf Rückzug hinter sein Werk Gebrauch machen zu dürfen, weil ich eben ganz fest an die Autonomität des Kunstwerkes (so mal ganz allgemein) glaube. Und dass das Werk eine ganz eigene Sprache hat, die ja eben auch bleibt, wenn der Künstler gar nicht mehr in der Lage ist, Auskunft zu geben. Meine Interpretation eines Stückes wie „Die Seilschaft der Verflixten“ ist halt nur meine, die sich der Gesamtheit meiner Erfahrungen, Gefühle, Lektüren und wem nicht alles verdankt. Aber sicher ist sie nicht die einzig mögliche. Und sobald ein Stück Text und Musik aus der Hand gegeben wird, verändert es sich ja ständig, wird angereichert mit anderen Erfahrungen, Gefühlen und so weiter. Das ist ja auch das Spannende daran. Da könnte man natürlich auch mit Fug und Recht sagen: Mir doch wurscht, was sich der Künstler da gedacht hat. Das gilt alles selbstredend nur, solange man nicht Dinge wie „Heil dem deutschen Vaterland“ von sich gibt. Das sollte man dann vermutlich schon erklären.

satt.org: Wer ist die Seilschaft der Verflixten, wer gehört dazu?

Ebba: Das wird ja im Stück gesagt: Artisten (eigentlich sollte es „Autisten“ heißen), Anarchisten, Solisten und – nicht zu vergessen – die lang verschollenen Pantheisten, die unter allen Umständen wiederbelebt werden sollten. Von Dämonen aller Art Besessene, alle, denen schon das morgendliche Aufstehen, geschweige denn der Gang zum Bäcker, schwer fällt. Alle, die tagtäglich in Kommunikationsfallen tappen, alle, für die die Hälfte ihres Lebens dafür drauf geht, sich vor anderen dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie sind, wie sie sind. Also eigentlich fast jeder.

Jakobus: Besser hätte ich das auch nicht sagen können.

satt.org: Spielt Ihr gerne live oder arbeitet Ihr lieber "ungestört"?

Ebba: „Ungestört“ hört sich eigentlich gut an. Wenn das Livespielen nicht so viel Herumgeschleppe, Herumgewarte und das Problem der soundmäßigen Unwägbarkeiten mit sich führen würde, würden wir vermutlich ganz gern live spielen. Aber wir sind sicherlich eher eine Studio- als eine Liveband. Trotzdem: Ein gut gelingendes Konzert mit einem feinen Publikum kann nichts ersetzen.

Jakobus: Manchmal geht der Koch gern essen.

satt.org: Der Titel des letzten Songs: wie oft wurde Euch diese Frage schon gestellt? Und was antwortet Ihr darauf? (Das Stück heißt „Kann man denn davon leben?“)

Ebba: Auf jeden Fall haben wir die Frage einige Male zu oft gehört. Und die Antwort darauf ist meist Sprachlosigkeit und ein entsetzter, hilfloser, mitunter auch angewiderter Blick, je nachdem, wer der Fragesteller ist. Eng verwandt mit dieser Frage ist auch die Aussage „Das ist aber ja ein schönes Hobby“. Scheußlich.

Jakobus: Meine Gegenfrage lautet: „Sehe ich so tot aus?“

satt.org: Für welchen Künstler (tot oder lebendig) würdet Ihr gern mal einen Song schreiben?

Ebba: Wüsst ich nicht. Für einen tollen Musiker sicher nicht, der/die kann (oder konnte) dann ja selbst für sich am besten schreiben. Ne, wüsst ich keinen.

Jakobus: Wenn ich wüsste, was ich morgen essen möchte, würde ich heute schon einkaufen gehen.

satt.org: Was und warum forscht JKJ über Rufus Wainwright? Was macht ihn für Euch so interessant?

Ebba: Oh, stand das so noch auf unserer verwaisten JKJ-Webseite? Die Verlinkung dürfte bereits so vier/fünf Jahre alt sein. Forschung ist sicherlich zuviel gesagt. Als Rufus Wainwrights erste Platte vor zehn Jahren rauskam, war das für mich tatsächlich eine kleine Offenbarung. Die Art des Songschreibens, die Klavierfixiertheit und der Umgang mit der klassischen Musik, dieser übergeordnete Begriff von Pop, egal ob es sich um Rachmaninov oder Prefab Sprout handelt – das alles war mir extrem vertraut. Inzwischen leben mir seine Stücke deutlich zu sehr vom Arrangement und könnten sich nach meinem Geschmack in „entkernter“ Version oftmals nicht selbst tragen. Ganz zu schweigen von einem latenten Angeödetsein der penetranten, Kleinkunst-manierlichen und möchtegernprovokativen Zurschaustellung seiner sexuellen Ausrichtung. Irgendwann wird’s ja doch langweilig. Viel Schönes macht er trotzdem noch. Und „I don’t know what it is“ von der Want One ist ja eh das Schönste überhaupt.

satt.org: Warum ist buback das ideale Label (für Euch)?

Ebba: Abgesehen davon, dass es einfach ungemein feine Menschen mit gutem Geschmack sind, haben Buback ein genuines, gänzlich „unverkopftes“ Verständnis und Interesse für das und an dem, was wir sind und tun, und stehen hundertprozentig und sehr passioniert hinter uns. Die Atmosphäre des Aufgehobenseins, die das schafft, ist enorm wichtig für Musiker wie uns.

Jakobus: Enorm feine Menschen sind das!

satt.org: Wird es - wie auch schon zur WM vor zwei Jahren – einen JKJ-EM-Song geben?

Ebba: Nein, wird es nicht. Die Idee dazu kam damals von unserem Verlag, der nach einem Stück für jenen Sampler suchte, das Fußballthematik, elektronische Umsetzung und portugiesisches Sprachwissen miteinander vereinte. Was die beiden letzten Punkte betrifft, bereitete uns das keinerlei Mühe, und das mir und Jakobus abgehende Fußballinteresse konnte durch Marco ausgeglichen werden. Die Bezahlung war sehr gut, es brachte Spaß und war – ein großer Vorteil - innerhalb von einem Tag im Kasten.


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